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Vermischtes

Oliver Fritsch | Montag, 17. Mai 2004 Kommentare deaktiviert für Vermischtes

„die Kluft zwischen der Münchner Führungsprominenz war noch nie so spürbar“ (FAZ); „Meister der Selbstdisziplin“ (FTD); „Uli Hoeneß, Hauptdarsteller der Bundesliga“ (FAS) – „als Spieler wirst du in Deutschland jeden Tag unter Stress gesetzt“ (Jens Lehmann im SZ-Interview) – FAZ-Interview mit Gerd Niebaum – Uwe Rapolder, Trainer des Aufsteiger Arminia Bielefeld und „sprachlich begabter Betriebswirtschafter“ (NZZ) – FR-Interview mit Uli Stielike – Olympique Lyon, zum dritten Mal Frankreichs Meister u.v.m.

Die Kluft zwischen der Münchner Führungsprominenz war noch nie so spürbar

Peter Heß (FAZ 17.5.) durchleuchtet das Münchner Machtzentrum: “Die Aktion hätte so geräuschlos und stilvoll vonstatten gehen können, wie es Ottmar Hitzfeld verdient gehabt hätte, wenn nicht Franz Beckenbauer gewesen wäre. Während Manager Hoeneß und Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge den sportlichen Niedergang der Mannschaft schweigend verfolgten, kommentierte der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende jeden Mißerfolg mit Häme und Kritik. Zwar kamen Rummenigge und Hoeneß mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zum gleichen Schluß wie Beckenbauer: Aber es genügte dem Idol nicht mehr, daß nun auch seine Führungskollegen Hitzfeld als Urheber der Krise ansahen und in aller Stille dessen Abschied vorbereiteten. Beckenbauer preschte vor, demontierte öffentlich den Trainer. Warum? Aus verletzter Eitelkeit, hervorgerufen durch seine eingeschränkte Führungsrolle bei den Bayern. Und aus Verbitterung über das anhaltende fußballerische Elend der Mannschaft. „Ich habe ja nichts mehr zu sagen, ich meine ja bloß.“ Der Satz, mit dem Beckenbauer seine beim FIFA-Kongreß in Zürich geäußerte Kritik an Hitzfeld abschloß, zeigt seine Verbitterung. Nach der Vereinsumstrukturierung des FC Bayern 2002 wurde Beckenbauer Präsident des Gesamtvereins und Aufsichtsratschef der AG. Die Verantwortung für das Tagesgeschäft des Profifußballs übernahmen nach der AG-Gründung allerdings die Vorstände Rummenigge und Hoeneß. „Ich entscheide nicht, der Vorstand entscheidet. Der Aufsichtsrat hat die Pflicht zu beaufsichtigen. Deshalb heißt er ja Aufsichtsrat“, so beschreibt Beckenbauer seine Tätigkeit. Dem heiligen Zorn des Präsidenten setzen die Vorstände Rummenigge und Hoeneß eisernes Schweigen entgegen. Sie wollen Ruhe bewahren vor dem letzten Saisonspiel. Obwohl Rummenigge und Hoeneß Beckenbauers Aussagen nicht kommentierten: Die Kluft zwischen der Münchner Führungsprominenz war noch nie so spürbar. In Stuttgart dagegen geht Magaths Abschied ohne häßliche Nebengeräusche vor sich. Präsident Erwin Staudt und die Mannschaft gönnen ihrem Erfolgstrainer offensichtlich den Aufstieg auf der Karriereleiter. „Felix Magath ist ein sehr ehrgeiziger Mensch. Ich weiß, daß er sehr gerne beim Branchenführer arbeiten würde. Wir werden als Freunde auseinandergehen, wenn wir denn auseinandergehen müssen.““

Meister der Selbstdisziplin

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 18.5.) befasst sich mit der dicken Haut Ottmar Hitzfelds: „Aus Hitzfelds engstem Bekanntenkreis verlautet, dass der scheidende Trainer des FC Bayern die Entscheidung schon seit geraumer Zeit realisiert und sie mit der Bemerkung quittiert habe: „Das ist normal, so wie die Saison gelaufen ist.“ Es ist diese pragmatische Art, die den einst gefeierten Strategen zu seiner Größe hat aufsteigen lassen. Selbst im intimen Kreis soll sich Ottmar Hitzfeld, der Meister der Selbstdisziplin, zu keiner Wertung der als stil- und würdelos kritisierten Art des Abschiebens durch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und den Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Franz Beckenbauer, hinreißen lassen haben. „Was auch immer passieren wird, er bleibt der erfolgreichste Trainer in der Geschichte des FC Bayern. Wir werden ihn stets als Persona grata behandeln“, hatte Rummenigge gesagt. Beckenbauer war vor wenigen Tagen in seinem üblichen Plauderton mit der Bemerkung vorgeprescht: „Es muss etwas passieren. Hitzfeld war ein guter Trainer. Magath hat bewiesen, was er kann.“ Sich auf solche Weise des vielleicht verdientesten Trainers in 40 Jahren Bundesligageschichte zu entledigen bedeutet letztlich eine Demontage, die ein bezeichnendes Licht auf den Moralbegriff höchster deutscher Fußballfunktionäre wirft. Wo bleibt der Einspruch des so gerne als Gralshüter der Ethik auftretenden Managers vom FC Bayern?“

Hoeneß spielt den Bösen im Dienste des Guten

Sehr lesenswert! Harald Staun (FAS 16.5.) kennt das Skript des Bayern-Managers: „Das Schweigen des Uli Hoeneß‘: Es liefert vor allem ein deutliches Bild der hochkomplexen Strategie des FC-Bayern-Managers. Es ist womöglich gar nicht Unprofessionalität, die den Medien-Profi Hoeneß zum zwischenzeitlichen Rückzug aus der Öffentlichkeit bewegt hatte, weder die Unfähigkeit, mit Anstand zu verlieren, noch eine depressive Lethargie nach der sportlichen Demütigung am vergangenen Spieltag. Das Schweigen, das sich Hoeneß auferlegt hat, ist Teil seiner Interpretation der Rolle, die er vor 25 Jahren antrat, als er mit 27 Jahren zum Manager des FC Bayern wurde, und die er seit mindestens 15 Jahren unermüdlich spielt: Uli Hoeneß ist der Hauptdarsteller der Bundesliga. Und er ist sein eigener Regisseur. Daß man sich keine Bundesliga ohne den FC Bayern vorstellen kann, das liegt vor allem an diesem Mann, und vielleicht zeigt erst diese Saison, wie wichtig Uli Hoeneß mittlerweile für den deutschen Profifußball insgesamt geworden ist. Seit Wochen krochen die Bayern in der Tabelle hinter dem SV Werder Bremen her, seit Wochen glaubte kaum noch jemand, daß sie am Ende ganz oben stehen würden, aber je schlechter die Form seiner Mannschaft war, desto besser wurde die ihres Sprachrohrs – und womöglich schalteten am vergangenen Wochenende mehr Leute die Sportschau ein, um die Verbitterung in Hoeneß‘ Gesicht zu sehen als das Lächeln in dem des Meistertrainers Thomas Schaaf. Auch diese Schadenfreude hat sich Hoeneß hart erarbeitet, und statt nun von ihm zu verlangen, zu Kreuze zu kriechen und, wie es das Fachblatt „Bild“ schreibt, „seine eigenen Worte zu fressen“, wäre es angebracht, zu würdigen, daß er eine langweilige Saison bis fast zum Ende noch spannend gemacht hat. Es hätte nicht geschadet, wenn im vergangenen Jahr auch Stuttgart oder Dortmund einen Manager gehabt hätten, der sich voller Wut und Leidenschaft bis an die Grenze zur Lächerlichkeit vorwagt. Was die charakterliche Ausstattung der Figur Hoeneß betrifft, so fällt das Votum naturgemäß sehr eindeutig aus, 17:1 sozusagen. Spätestens seit sich der FC Bayern zur Standardeinstellung des Meisters entwickelt hat, ist der Rest des Landes im Prinzip dagegen. Und bezeichnender als alle Beleidigungen, die dem Buhmann der Liga im Lauf seiner Karriere an seinen oft sehr rot werdenden Kopf geworfen worden sind, ist die Tatsache, daß sein eigener Name in bestimmten Kreisen als schlimmstmögliches Schimpfwort gilt: „Du bist ein Hoeneß.“ (…) Man kann ihn sich nur sehr schlecht als den akribischen Buchhalter vorstellen, als der er so oft bewundert wird. Auch der wirtschaftliche Erfolg entspringt wohl eher einer leidenschaftlichen Sturheit. Man könnte also, zum einen, Uli Hoeneß nach 25 Jahren ganz einfach danken, daß er, wie man so sagt, er selbst geblieben ist, was ihn nach einer sehr affektiven Lesart schon einmal sympathischer macht als die unzähligen Sachverwalter und Marketingschüler der Liga; man muß aber, zum zweiten, das Lob gar nicht aufgeben, auch wenn man weiß, daß nicht viel übrig ist von Authentizität und Ehrlichkeit, in einer Branche, in der jeder Ersatzspieler einen Imageberater hat: Wenn nämlich auch die Figur Hoeneß nur die häßliche Maske des sogenannten Menschen dahinter ist, dann ist es tatsächlich sehr heroisch, sie unermüdlich zu tragen. Hoeneß spielt den Bösen im Dienste des Guten.“

Als Spieler wirst du in Deutschland jeden Tag unter Stress gesetzt
SZ-Interview mit Jens Lehmann

SZ: Hat Sie das enorme Tempo in der Premier League überrascht?
JL: Ja. Wenn man das Tempo hier mit der Bundesliga vergleicht, ist das wie ein ICE und ein D-Zug. Wenn in Deutschland das Spiel schnell gemacht wird, denkst du immer, irgendjemand wird den Fehler machen. Hier nicht, hier geht das bis zum Ende durch. Es ist ganz interessant zu sehen, wenn ein neuer Spieler kommt, wie der Probleme hat, in den ersten Wochen allein im Training mitzuhalten. José Reyes, der mittlerweile sehr gut spielt, hat zwei Wochen gebraucht, bis er mal eine Kombination mitmachen konnte.
SZ: Welche Unterschiede gibt es noch zur Bundesliga?
JL: Wenn du im Fünf-Meter-Raum oder im Sechzehner angegangen wirst, dann wird in Deutschland und auch in Europa gepfiffen. Hier hält mich einer auf der Linie fest, ich schubse ihn und der Schiedsrichter pfeift einen Elfmeter. Das war für mich überraschend. Was hier auch anders ist: Alles ist sehr viel professioneller organisiert. Den Spielern wird bei dem ganzen Programm ein Minimum an Stress nebenher aufgebürdet. In Deutschland ist das umgekehrt, da hat man ein Maximum an Stress.
SZ: Wie meinen Sie das?
JL: Als Spieler wirst du in Deutschland jeden Tag unter Stress gesetzt. Häufig von den Trainern selbst. Und von den Begleitumständen. Das fängt damit an, dass Hunderte von Fans beim Training sind, und viele Journalisten. Du schlägst morgens Bild auf und der Typ, der dich in die Pfanne gehauen hat, steht beim Training und will irgendetwas wissen. Und dann kommst du in die Kabine und der Trainer hält eine Ansprache, weil einer zu schnell gefahren ist oder zu lange in der Disko war. Hier werden die Spieler von den Medien systematisch abgeschirmt, ein Mann wie Thierry Henry gibt im Jahr drei, vier Interviews.
SZ: In Deutschland verlangt der Fan aber, dass die ¸¸Führungsspieler“ offen Stellung beziehen.
JL: Der Führungsspieler, oh ja. Das ist auch so eine Sache. Das kommt wahrscheinlich aus unserer traurigen Geschichte heraus. Du brauchst keine Führungsspieler. Du brauchst Spieler, die gut sind, auf die du dich verlassen kannst. Unser Kapitän Patrick Vieira ist ein Super-Mittelfeldspieler, aber der muss mich nicht führen. Es kann mal sein, dass ich einen schlechten Tag habe, und er das Spiel rausreißt. Aber an einem anderen Tag ist unser linker Verteidiger der entscheidende Mann. Führungsspieler ist ein deutscher Begriff, der völliger Quatsch ist. Wenn in Deutschland einer einen Satz geradeaus reden kann und drei gute Spiele macht, ist er schon der Führungsspieler.
SZ: Offenbart sich da die geheime Sehnsucht nach dem starken Mann?
JL: Ja, das ist deutsch. Das hat Churchill gesagt. Er bewundert die Deutschen, allerdings bedauert er ihre Verherrlichung von Macht- und Führungspersonen. So ähnlich war das Zitat. Da hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

FAZ-Interview mit Gerd Niebaum über die sportliche und wirtschaftliche Zukunft Borussia Dortmunds

FAZ: Ein Verlust von knapp 30 Millionen Euro im ersten Halbjahr der Saison und keine Zusatzeinnahmen durch internationale Spiele im zweiten Halbjahr: wie dick wird
das Minus am Ende dieses Geschäftsjahrs für Borussia Dortmund sein?
GN: Zu diesen Dingen kann und will ich mich im Augenblick auch aus rechtlichen Gründen nicht äußern. Das wirtschaftliche Ergebnis der Saison war jedenfalls dadurch geprägt, daß wir die Champions League angestrebt und nicht erreicht haben. Es ist wie mit einem Unternehmen, das einen Großauftrag verliert und das dann etwas tun muß. Wenn man diesen Großauftrag so schnell nicht wiederbekommt, muß man gewaltig auf die Bremse treten. Das tun wir, und wir rechnen mit einem Bremsweg von mindestens zwei Jahren. Deshalb werden die Ausgaben den zu erwartenden Einnahmen angepaßt. Wenn wir überhaupt Spieler verpflichten, dann nur in überschaubarer Größenordnung und dazu in vernünftiger Relation zu dem, was wir abgeben und verkaufen.
FAZ: Kann Borussia Dortmund, das sich jahrelang zu den Großklubs rechnete, etwas vom neuen Meister Werder Bremen abgucken, der seinen Aufschwung an die Spitze mit wirtschaftlicher Vernunft und sportlichem Geschick zugleich bewerkstelligt hat, ohne dafür ein zu hohes Risiko einzugehen?
GN: Wenn Bremen dauerhaft in der Champions League mitspielen will, wird die Welt dort auch etwas anders als bisher aussehen. Wir haben 2002, als wir deutscher Meister und im UEFA-Pokalendspiel waren, angenommen, daß wir auch in den kommenden Jahren europäisch dabei sind. Für diese Aufgabe und dieses Ziel haben wir eine teure Mannschaft unterhalten und Spieler über längere Zeiträume verpflichtet. Dadurch haben wir hier und da einen Schritt zuviel gemacht. Unsere Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Während wir die Geschwindigkeit drosseln müssen, kann Bremen noch Gas geben.
FAZ: Was gibt Ihnen Hoffnung, daß der nächste Aufschwung auch für Dortmund kommt?
GN: Im Fußball kann es schnell aufwärtsgehen. Das ist auch gegenüber anderen Branchen der Vorteil. Zuletzt hat der VfB Stuttgart ein gutes Beispiel dafür geliefert, wie rasch ein verschuldeter Klub unter bestimmten positiven Umständen nach vorn kommen kann. Wir Dortmunder fangen in der nächsten Saison ja nicht wie ein Aufsteiger an und verlieren in der Summe kein Übermaß an spielerischer Substanz. Daß wir einen europäischen Wettbewerb anstreben werden, ist trotz allem selbstverständlich.
FAZ: Wie hoch ist der Schaden, der dem Verein, dem Unternehmen, der Marke Borussia durch das ablaufende Geschäftsjahr über die nackten Zahlen hinaus entstanden ist?
GN: Der Schaden ist so oder so sehr groß. Wir sind bei den Reparaturarbeiten, und die werden uns, auch wenn es mancher gar nicht glauben mag, mit einem großen Kraftaufwand gelingen. Auf der anderen Seite werden die Fakten immer siegen, und da muß man bloß ins ausverkaufte Stadion gucken, um etwas von der großen Bindung in unserer Stadt und unserer Region an Borussia Dortmund zu spüren. Es wird sich zeigen, daß die Erfolgsgeschichte von Borussia Dortmund weitergeht.

Der sprachlich begabte Betriebswirtschafter versteht von Fussball mehr als die meisten Kollegen

Arminia Bielefeld steigt auf, Trainer Uwe Rapolder habe daran großen Anteil, meint Martin Hägele (NZZ 18.5.): „Bevor das Arminen-Team unter dem neuen Chef ein phantastisches Finish (nur eine Niederlage in elf Spielen) hinlegte und dabei Fussball von ganz anderer Art spielte als unter Vorgänger Benno Möhlmann, hatte Rapolder fünfzehn Monate lang sein Gehalt vom Sozialamt bezogen: arbeitslos, gefeuert bei der Zweitliga-Konkurrenz LR Ahlen, zuvor entlassen im SV Waldhof Mannheim – nur ein Jahr nachdem der ehemalige Bundesligaklub die sportliche Rückkehr ins Oberhaus nur um ein einziges Tor verpasst hatte. Viele Fussball-Lehrer verschwinden nach solchen Karrieren für immer aus der Szene; Rapolder aber hat sich in dieser schwierigen Phase persönlich läutern lassen. Ein schwerer Prozess für einen, der schon im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über die taktische Fussball-Revolution in der AC Milan unter Arrigo Sacchi philosophieren durfte – eine Aufgabe, die man Sportjournalisten damals noch nicht zutraute – oder im Schweizer Fernsehen Taktik erklärt hat. Der sprachlich begabte Betriebswirtschafter versteht von Fussball weitaus mehr als die meisten Berufskollegen; leider zeigte der einstige Professional (Winterthur, Young Boys) den Kameraden und sonstigen Kritikern gerne deutlich, was er von ihnen hielt. Wobei bekanntlich jeder, der als Trainer aus der Schweiz in die Bundesliga kommt, einen schweren Stand hat. Und mit diesem Stallgeruch (Monthey, Martigny, St. Gallen) erging es dem Schwaben Rapolder kaum anders als Schicksalsgenossen wie Fringer, Andermatt oder Egli. Arminias Sportdirektor von Heesen lobt Rapolder als „Glücksgriff“, der aus der Mannschaft alles, was möglich gewesen sei, rausgeholt habe. Mit der taktischen Umstellung auf ein 4:4:2-System und dem von Rapolder auch vorgelebten Selbstbewusstsein. Der 45-Jährige wird, sofern er sein starkes Ego etwas besser kontrolliert, eine Bereicherung der Bundesliga sein und ein sportlicher Farbtupfer jener Stadt, über welcher immer noch das geflügelte Wort aus vielen Redaktionen wie ein Fluch hängt: „Bielefeld heisst Spesengeld.“ Hinter dem zweifelhaften Ruhm vom „Rekord-Absteiger“ und „Rekord-Aufsteiger“ stecken nicht nur der sprichwörtliche Trotz und die sturen Köpfe der Westfalen, die sich durch nichts beirren lassen. Das Phänomen der Liftmannschaften hat sich in den vergangenen Jahren quer durch die Republik verbreitet. Siehe 1. FC Nürnberg oder Energie Cottbus, die zusammen mit Arminia im letzten Jahr in die Zweite Liga zurückgestuft wurden. Und dafür gibt es auch eine einfache Erklärung. Die Absteiger fallen nämlich vergleichsweise weich, seit bei der Verteilung der Fernsehgelder nicht allein die neue Klasse den Ausschlag gibt, sondern die Liga-Zugehörigkeit über die letzten drei Jahre berücksichtigt wird.“

Richard Leipold (FAZ 18.5.) ergänzt: „So leicht es im nachhinein aussah, so schwer fiel es den Spielern des Tabellenzweiten, die technisch minderbemittelte Heimelf auf dem Fußballplatz zu beherrschen. Angestachelt von einem fanatischen Publikum, kämpften die Osnabrücker, zuweilen auf unfaire Art, als ginge es für sie um Bonuspunkte, die ihren längst besiegelten Abstieg in die Regionalliga noch rückgängig machen könnten. „Das war eine Jagd“, schimpfte Arminias Sportdirektor Thomas von Heesen. Trainer Rapolder hatte den VfL in dieser Saison „ein paarmal gesehen, aber nie so kämpferisch“. Grundsätzlich lobte Rapolder den Kampfeswillen des Gegners. „So muß es sein, es gibt nichts zu verschenken.“ Den Osnabrückern hätte es gefallen, die Aufstiegspläne ihres Nachbarn zu durchkreuzen. Am Ende aber konnten sie nur Glückwünsche aussprechen – wie eine Woche zuvor nach dem 3:4 gegen den designierten Zweitligameister 1. FC Nürnberg. Als routinierter Gratulant überreichte VfL-Präsident Dirk Rasch dem Kurpfälzer Rapolder eine Flasche badischen Weins und entschädigte den Trainer des „Erzrivalen“ für das Bad im Bier, das der diesem Getränk wenig zugeneigte Rapolder zuvor hatte erleiden müssen. Als die Ergebnisse von den anderen Schauplätzen sich an der „Bremer Brücke“ herumgesprochen hatten, war Rapolder zunächst auf der Flucht gewesen. Ein Sponsor hatte doch noch eine Art Pokal herbeigeschafft; es war ein riesiges Bierglas, das randvoll mit Pils gefüllt war. Die Spieler jagten ihren Trainer so lange über den Rasen, bis sie ihm das Getränk über den Kopf schütten konnten. Auf den Rängen sangen die Anhänger dazu den aktuellen Bielefelder Fußballhit: „Eins kann uns keiner nehmen, und das ist der Aufstieg Nummer sieben.“ Kein Verein hat sich öfter in die höchste Klasse emporgearbeitet. Doch dieser Erfolg impliziert auch den Mißerfolg. „Das heißt ja auch, daß man ein paarmal abgestiegen ist“, sagte Präsident Hans-Hermann Schwick. Für ihn sei es der fünfte Aufstieg gewesen. Aber diesmal wollen sie es besser machen und den Pendelverkehr zwischen den Ligen bis auf weiteres einstellen. „Wir waren immer für die zweite Liga eine Nummer zu groß und für die Bundesliga eine Nummer zu klein“, sagt Geschäftsführer Roland Kentsch. „Vielleicht können wir uns jetzt mal zwei, drei Jahre halten und dann ein zweites Freiburg aufbauen. Das ist unser Ziel.““

Helft euch selbst

Die FAS (16.5.) porträtiert Jürgen Klopp, Trainer des FSV Mainz: „Nur manchmal spürt man, wie der Job als intelligent-eloquenter Alleinunterhalter auf ihm lastet. Dann sitzt er wortkarg auf seinem Stuhl, preßt in der Pressekonferenz nur das Nötigste heraus. Doch es gibt keine Fluchtmöglichkeit für Jürgen Klopp, alle zerren an ihm. Die Journalisten, die Fans des Fußball-Zweitligaklubs FSV Mainz 05 sowieso, sie würden den Sechsunddreißigjährigen wohl auch zum Oberbürgermeister wählen, ließe er sich denn aufstellen. Der Cheftrainer hatte für einen Abend eine Gastrolle im Mainzer Staatstheater, er hat Lesungen in Fanprojekten gehalten, ihm wurde ein Fahrzeug namens „Kloppo-Ente“ vermacht, das er gelegentlich sogar fährt. Und ein Anhänger ist regelmäßig in einem umgebauten Lastkraftwagen unterwegs, der „Kloppomobil“ heißt und beim Tanken ungebührlich das Portemonnaie leert. Der Hype um Klopp ist in Hoch-Zeiten nur schwer zu toppen, das gelingt nur der Mainzer Fastnacht. Apropos: In den närrischen Tagen 2001 ist der vormalige Verteidiger und Stürmer vom Fußballprofi zum Chefcoach von Mainz 05 befördert worden. „Helft euch selbst“, lautete seinerzeit die Botschaft von Klubpräsident Harald Strutz. Das Ergebnis ist bekannt: Rettung vor dem Abstieg, zweimal Vierter (2002, 2003), eine formidable Trainerkarriere im Schnelldurchgang. Was bleibt bis heute, ist die Gesamttragik des jüngeren Mainzer Fußballs: die unvollendete Geschichte der Versetzung.“

FR-Interview mit Uli Stielike über die U21-EM und den deutschen Nachwuchs

FR: Sie feierten 1973 Ihr Bundesliga-Debüt. War es damals für junge Spieler einfacher, sich durchzusetzen ?
US: Gefördert wirst du nur, wenn du neben dem Talent auch viel Willen und Ehrgeiz mitbringst. Das sage ich auch meinen Spielern immer wieder. Ich habe in meiner Karriere bei weitem mehr Talente versiegen sehen als solche, die oben angekommen sind.
FR: Dennoch hat es den Anschein, dass in den siebziger und achtziger Jahren mehr junge deutsche Spieler gefördert wurden, allein weil es die Ausländerbeschränkung gab.
US: Die Durchlässigkeit war sicherlich größer, da ist die hohe Ausländerquote ein Hindernis. Aber auch ich musste mich gegen gestandene Profis durchsetzen. Nur der Vorteil war, dass innerhalb des Vereins eine Sprache gesprochen wurde. Und als junger Spieler erhielt man Hilfestellung – ich hatte nicht nur Weisweiler, sondern noch fünf, sechs Trainer auf dem Platz: Habe ich hinten einen abgegrätscht, hat mir Berti Vogts auf die Schulter geklopft, habe ich vorne Jupp Heynckes den Ball am Fuß vorbei gespielt, hat er mir in den Hintern getreten. Da gab es klare Hierarchien in der Mannschaft. Das vermisse ich heute. Und oft kann heute gar nicht mehr kommuniziert werden, weil viele der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind.
FR: Wie bewerten Sie den aktuellen Zustand der deutschen Talente im Profifußball?
US: Was die U 21 betrifft, da kann ich mich nicht beschweren. Fast alle meine Spieler sind Stammspieler. Von Torwart Tim Wiese bis hin zu den Stürmern Benjamin Auer und Lukas Podolski. Aber es wird bei der Einkaufspolitik noch zu oft gegen die Interessen anderer gearbeitet.
FR: Inwiefern?
US: Indem Vereine Talente anhäufen, obwohl sie wissen, dass sie sie gar nicht fördern können. Wenn 16, 17 Spieler schon in der U 17 und U 18 geholt werden, hilft das dem deutschen Fußball nicht. Und genauso wenig, wenn die Bundesligisten für ihre Stützpunkte schon Elf- und Zwölfjährige anwerben. Es wird viel gemacht im Juniorenbereich – es wird aber auch noch viel falsch gemacht. Es kann nicht sein, dass einer anderthalb Stunden zum Training gefahren wird, anderthalb Stunden trainiert und anderthalb Stunden lang wieder zurückgefahren wird.
FR: Was läuft noch falsch?
US: Ich halte auch die Amateurteams der Bundesligisten nicht für sinnvoll. Unsere Spitzentalente erhalten dort keine optimale Förderung, weil sie fast nur unter Jugendlichen sind und immer wieder in anderer Besetzung spielen. Für die Entwicklung wäre es viel besser, sie würden bei einem Zweitligisten sein und sich in klar strukturierten Mannschaften behaupten müssen.
FR: Hat der deutsche Nachwuchsfußballer technische und taktische Defizite?
US: Nein, der Umbruch im Juniorenbereich hat ja früher begonnen als im Seniorenbereich. Bei der EM 2000 hat Lothar Matthäus noch Libero gespielt, da haben die DFB-Juniorenteams schon im Raum agiert. Klar sind die Franzosen technisch immer noch im Vorteil. Deshalb dürfen wir die deutschen Tugenden nicht vernachlässigen: Dazu gehört eine hervorragende Kondition, eine eisenharte Disziplin und ein hohes Selbstwertgefühl. Ein deutscher Spieler muss in der Lage sein, einen Meter mehr zu machen und öfter den inneren Schweinehund zu überwinden. Bei der technisch und taktischen Ausbildung sind mittlerweile fast alle auf einem Level.
FR: Ihr Vertrag beim DFB läuft bis 2006. Wollen Sie noch einmal zum A-Team aufrücken?
US: Das ist nicht meine Entscheidung. Als Tandem wie damals bei Erich Ribbeck auf keinen Fall. Ich bin kein zweiter Mann. Aber ehrlich: Ich fühle mich als Trainer im Nachwuchsfußball sehr wohl, ich möchte mit Rudi Völler nicht tauschen. Ich muss das nicht haben, was nach einem 1:5 gegen Rumänien über einen einbricht. Da büßt auch die Lebensqualität erheblich. Das strahlt bis auf die Kinder in der Schule ab.
FR: Haben Sie noch einmal Ambitionen, einen Verein zu trainieren?
US: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Der Vereinstrainer ist der Wegbereiter, der Verbandstrainer der Wegbegleiter. Das sind ja gravierende Unterschiede. Ich habe als Vereinstrainer ja schon genügend unangenehme Erfahrungen gemacht, man nehme nur meinen Rauswurf bei Waldhof Mannheim oder Xamax Neuchatel.

Nur ein Masochist verzichtet auf einen solchen Stürmer

Peter Hartmann (NZZ 18.5.) stellt den neuen Jungstar Italiens vor: „Am Dienstag will Italiens Commissario tecnico Giovanni Trapattoni sein spielendes Personal für die EM in Portugal bekannt geben, und es könnte sein, dass er den lauten Ruf des ganzen Landes nach dem Wunderknaben Alberto Gilardino überhört. „Nur ein Masochist verzichtet auf einen solchen Stürmer“, kommentiert der „Corriere della Sera“. Gilardino sprüht seit Monaten vor Spielfreude und entschied das letzte Meisterschaftsspiel der AC Parma gegen Udinese im Alleingang mit seinen vier Treffern zum 4:3-Sieg. Den ersten erzielte er aus der Drehung heraus, Rücken zum Tor. Den zweiten mit einem Kopfball, den dritten mit einer raffinierten Abfälschung in der Luft, den vierten mit einer Schlangenbewegung vor dem gegnerischen Torhüter. Ein perfekter Goalgetter. In der Skorerliste hisste er sich mit 23 Treffern auf den zweiten Platz hinter dem ukrainischen Cannoniere Schewtschenko, der für Milans Meistermannschaft 24-mal traf. Doch der ergraute Maestro Trapattoni, der nach der missglückten letzten WM-Expedition wegen seiner konservativen Taktik und uninspirierten Auswechslungen den Volkszorn geweckt und auch seine Spieler gegen sich aufgebracht hatte, zögert mit seinem Bekenntnis zum neuen Publikumsliebling. Gilardino war allein fast so erfolgreich wie die gesetzten Nationalstürmer Vieri (13 Tore), Del Piero (8) und Filippo Inzaghi (3) zusammen. Vieri, mit 11 Millionen Euro Salär der bestverdienende Angestellte im Calcio, war häufig lädiert und verscherzte sich mit seinen sauertöpfischen Auftritten auch die Sympathien des Inter- Anhangs. Del Piero spielte eine Saison wie ein zweitklassiger Del-Piero-Imitator. Inzaghi war dauernd verletzt und ist nach einer Knöcheloperation ohne Wettkampfpraxis. Unumstritten Francesco Totti, die Schlüsselfigur der Mannschaft, und sein jugendlicher Schatten Antonio Cassano von der AS Roma soll das Experiment sein, das Trapattoni einzugehen gewillt scheint.“

Vincent Villa (NZZ 18.5.) gratuliert Olympique Lyon zum dritten Meistertitel in Folge: „Die terminliche Koinzidenz der Meisterfeier im Stade Gerland nächsten Sonntag, eingebettet zwischen zwei Europacup-Endspielen mit französischer Beteiligung (Marseille – Valencia am kommenden Mittwoch im Uefa-Cup; Monaco – Porto in acht Tagen im Champions-League-Endspiel), deutet aber bereits an, wo die Achillesferse bezüglich des Lyoner Palmarès liegt. OL sammelt zwar fleissig Titel, aber die französischen Herzen sind noch nicht erobert worden. Von der Ausstrahlung und Popularität her bewirkt OL nicht annähernd die gleiche Faszination wie etwa Saint-Etienne oder Marseille, zwei Klubs, die ihren Nimbus vor allem denkwürdigen Auftritten auf der europäischen Bühne zu verdanken haben. Der neuerliche Titelgewinn ist aber gleichwohl eine weitere Genugtuung für Jean-Michel Aulas, der den Verein in seiner 17-jährigen Präsidialzeit aus der Anonymität der zweiten Division in das Schaufenster der Eliteklasse an den prestigeträchtigen Tisch der G 14 gehoben hat.“

Daniel Meuren (FR 18.5.) geht ins Theater: „In Sönke Wortmanns Kino-Erfolg „Das Wunder von Bern“ ist der Ruhrpott die Geburtsstätte des größten Erfolgs in der deutschen Fußballgeschichte. Helmut Rahn aus Essen-Katernberg ist der dynamische Held, der im vergangenen Herbst in den deutschen Kinosälen allerlei Hindernisse überwinden musste, bevor er zum Siegtorschützen im Finale der Fußball-WM 1954 avancierte. Das Kaiserslauterer Pfalztheater legt nun sein Plädoyer für Kapitän Fritz Walter (in allseits verständlichem Pfälzisch gespielt von Rainer Furch) vor. Der Lauterer, einer der Größten des Weltfußballs, taugt wahrscheinlich nur hier, in seiner Heimatstadt und in unmittelbarerer Nähe des Betzenbergs, für eine Heldenrolle. Zu bescheiden und unspektakulär trat der Spielmacher jenseits des Rasens auf, zu grüblerisch und sensibel ist er für das Kino, das spaßgesellschaftstaugliche Helden wie den Lebemann Rahn mehr mag als den ehemaligen Kriegsgefangenen Walter. So wie der Held Fritz Walter für die Leinwand zu ernst ist, so ist auch die Vielfalt an Aussagen, die das Lauterer Theaterstück wagt, zu viel für den schnellen Konsum bewegter Bilder. So hätte es im Kino nicht funktioniert. „Die Helden von Bern“ riskieren nämlich zahlreiche Abstecher vom Weg ins Finale, darunter – neben komödiantischen Flankenläufen – gleich eine ganze Reihe an historisch fundierten Distanzschüssen auf den „Mythos Bern“. Gleich in der ersten Szene singen jubelnde deutsche Fans die erste Strophe der Nationalhymne. Mit dem „Deutschland, Deutschland über alles“ der Anhängerschar bringt das Theaterstück gleich mehrfach den gesanglichen Konter zum Idylle bewahrenden „Hoch auf dem gelben Wagen“, das die deutschen Spieler ein Dutzend mal anstimmen, um den Geist von Spiez zu beschwören. Es ging damals eben um mehr als Sport. Es ging auch um Verdrängung. Die Darstellung des damaligen, nationalistisch-revisionistisch geprägten DFB-Präsidenten Peco Bauwens bringt ebenfalls eine historische Dimension ins Spiel, auf die Wortmann verzichtete.“

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