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Prämie wie im Kindergarten

Oliver Fritsch | Freitag, 28. Mai 2004 Kommentare deaktiviert für Prämie wie im Kindergarten

den Bremern bleibt bei Prämienverhandlungen ein fader Beigeschmack (FR); ‚die U21-Hiobsbotschaften aus Alzey reißen nicht ab’ (taz) u.v.m.

Tsp-Bericht Deutschland-Malta (7:0)
morgen mehr über dieses Spiel

Michael Eder (FAZ 28.5.) trauert Reimann nicht nach: „Vielleicht hatte es Reimann, der in Frankfurt nicht viele Freunde zurückläßt, auf eine Trennung angelegt. Die beiläufige Art, mit der er seit Wochen seiner Arbeit nachging, läßt schon den Schluß zu, daß er sich Besseres vorstellen konnte, als sich in Frankfurt mit mehr oder weniger talentierten Fußballspielern und zahlreichen Kritikern herumzuärgern: zum Beispiel eine Abfindung zu kassieren, die ihm der frühere Eintracht-Vorstandsvorsitzende Volker Sparmann in freundschaftlicher Verbundenheit vertraglich festgeschrieben hatte. Das Geld ist weg, Reimann aber auch. Das könnte sich unterm Strich doch noch als Gewinn für die Eintracht herausstellen.“

Willi Reimann fühlt sich als Opfer einer Medienkampagne

Ingo Durstewitz (FR 28.5.) zeichnet Reimanns Rauswurf nach: „Der gestrige Arbeitstag von Heribert Bruchhagen begann am frühen Morgen mit einem ruhigen Flug nach Hamburg: Kurzer Aufenthalt, kurzes Telefonat. Ein Treffen mit Willi Reimann in dessen Urlaubsdomizil auf Sylt wird vereinbart. Der Fußballlehrer, 54, ahnt den Grund des hochrangigen Besuchs. Um elf Uhr landet Bruchhagen auf Sylt, 15 Grad, Sonne, ein paar Wolken. Über den Inhalt des einstündigen Vier-Augen-Gesprächs zwischen Chef und leitendem Angestellten, das folgt, wird Stillschweigen vereinbart. Die Nachricht aber ist eindeutig: Eintracht Frankfurt trennt sich von Trainer Willi Reimann. „Herr Reimann war, glaube ich, sehr enttäuscht“, sagt Bruchhagen, als er auf dem kleinen Flugplatz der Inselhauptstadt Westerland auf den Rückflug aufs Festland wartet. Um 12.15 Uhr schickt Eintracht-Pressesprecher Carsten Knoop eine Eilmeldung in die Redaktionsstuben. Die Ära Reimann, die vor fast zwei Jahren begann, ist beendet. Die Entscheidung, den Coach zu beurlauben, war bereits am Mittwoch gefallen. Vorausgegangen waren intensive Gesprächen zwischen Bruchhagen und den Vorstandskollegen Thomas Pröckl und Heiko Beeck. „Nach allen Vorkommnissen war das die einzige Lösung“, sagte Bruchhagen und schob in Richtung der Journalisten nach: „Bei uns dauert die Analyse länger als bei Ihnen, wo das ja schon mal in anderthalb Stunden geht.“ Das Ergebnis war dasselbe. Als Nachfolger wird der zuletzt bei Hannover 96 gescheiterte Ralf Rangnick gehandelt. „Ich habe nichts von der Eintracht gehört, das ist hypothetisch“, sagte Rangnick der FR. Bruchhagen sagte zu den Spekulationen: „Wir haben noch mit keinem Kandidaten gesprochen, wir haben auch keinen Druck.“ Er habe nicht mit seiner Entlassung gerechnet, sagte Willi Reimann. Der Trainer fühlt sich als Opfer einer Medienkampagne: „Da ist doch so ein Druck entstanden, dass Herrn Bruchhagen gar nichts anderes übrig blieb.“ Reimann kontaktierte nach dem Gespräch mit Bruchhagen umgehend seinen Anwalt. Die vorzeitige Vertragsauflösung wird sich für ihn finanziell lohnen. Die Höhe der Abfindung wird auf rund 350 000 Euro geschätzt.“

Wir bekommen eine Prämie wie im Kindergarten

Sven Bremer (BLZ 28.5.) sieht die Werder-Sympathiewelle abebben: „Man hat schon von vielen Pokalgesetzen gehört, dies ist eines davon: Im Pokalfinale drücken die Zuschauer immer dem Außenseiter die Daumen. Im aktuellen Fall hieße das, dass die Besucher des Berliner Olympiastadions am Sonnabend für den Zweitligisten Alemannia Aachen sind – und gegen Werder Bremen. Aber beinahe hätte der SV Werder, der in diesem Jahr schon so viele Gesetze außer Kraft gesetzt hat, auch dieses noch negiert – denn ganz Deutschland hatte, so zeigten es Umfragen, den neuen Deutschen Meister richtig lieb; weil Werder den schönsten Fußball spielte; weil sie den liebenswerten Ailton in ihren Reihen hatten; weil Trainer Thomas Schaaf so authentisch rüberkommt. Aber die inzwischen schon sprichwörtliche Werder-Familie hat gerade ein paar familiäre Probleme. Es tun sich Risse auf in der heilen Werderwelt. Kaum war die Saison beendet, klagte der zukünftige Schalker Mladen Krstajic darüber, wie knauserig sich Werder in Verhandlungen gezeigt, ihn aber gleichzeitig als geldgierigen Profi hingestellt habe. Einmal in Rage, legte er nach: „Der Verein hat so viel Geld verdient. Aber wir bekommen eine Prämie wie im Kindergarten. Selbst Aachen kriegt für den Einzug ins Pokalfinale mehr als wir.“ Es war eine Steilvorlage für den Prämienstreit, der zu Beginn dieser Pokalfinalwoche ausbrach. (…) Das Gefährliche ist, dass das Vertrauen der Profis in die Vereinsführung geschwunden scheint. Im Cupfinale werde man „nicht für die da oben spielen, sondern für uns und unsere Fans“, brummte Krstajic.“

Bislang hat ein Wort bei Werder immer gegolten

Frank Hellmann (FR 28.5.) beobachtet die Prämienverhandlungen der Bremer: „In gut informierten Kreisen des deutschen Meisters wird erzählt, dass die beiden nicht nur vorzüglich Fußball spielen sondern auch vortrefflich Party machen können. Frank Baumann und Fabian Ernst, Werders Stammkräfte und A-Nationalspieler, bilden in Bremen genau wie im defensiven Mittelfeld auch in der dritten Halbzeit eine Einheit. Als die Spieler sich nach der Meisterehrung noch in einer In-Bar am Bahnhof vergnügten, gingen die beiden als letztes. Wenn denn schon nach langer Titel-Abstinenz mal wieder gefeiert wird, dann richtig. „Jetzt konzentrieren wir uns aber ganz aufs Pokal-Finale“, versprechen sie unisono. Doch ausgerechnet vor der Partie gegen Zweitligist Alemannia Aachen am morgigen Samstag gab es hausinterne Missklänge. Mündlich hatte der Mannschaftsrat mit Kapitän Baumann und Ernst vor der Saison beim Vorstand als Meisterprämie 2000 Euro pro Punkt und Einsatz für jeden Spieler ausgehandelt. „Allerdings nur mündlich“, gibt Baumann zu, „doch bislang hat ein Wort bei Werder immer gegolten.“ Jetzt offenbar nicht: Der Club sah sich aus wirtschaftlichen Gründen plötzlich nicht imstande, die Summen (für Stammspieler immerhin 148 000 Euro) zu begleichen und bot „nur“ 1500 Euro pro Punkt. Man einigte sich nach tagelangen Verhandlungen und einer Krisensitzung schließlich auf 1700 Euro. „Da bleibt ein fader Beigeschmack“, sagt Baumann, „uns ist diese Zustimmung sehr schwer gefallen, es war eindeutig etwas anderes vereinbart.“ „Das war ein Schlag vor den Bug“, findet Ernst, dem sogar der Trainer zustimmt. „Na klar stört das. Das hätte man vorab klären müssen“, so Thomas Schaaf.“

Ein Turnier wie die Olympischen Spiele ist noch eine Stufe höher

Erik Eggers (FTD 28.5.) diagnostiziert den olympischen Virus in der U21: „Die Qualifikation für Olympia steht an, wofür das Team mindestens Dritter werden muss. Elf Jahre alt war Balitsch, als er das erste Mal von Olympia träumte. Damals kickte er nicht nur, er probierte auch andere Sportarten und brachte es sogar zum Rheinhessenmeister im Hochsprung. Infiziert vom olympischen Virus wurde er im August 1992, als vor dem Fernseher zusah, wie ein deutscher Leichtathlet beim 5000-Meter-Endlauf in Barcelona zu einem Spurt in die Ewigkeit ansetzte. „Wie der Dieter Baumann sich durch die beiden Kenianer durchschlängelt“, diese magischen Momente hat Balitsch noch als Fußballprofi vor Augen. Dieser Wille, dieser Jubel, schließlich der entrückte Blick Baumanns zum Himmel – all das nährte den olympischen Jugendtraum. „Das wäre schön“, sagt Balitsch, „sich so etwas mal aus der Nähe anzuschauen“. Wegen so einer Aussage gilt der 23-Jährige als Romantiker, als Schwärmer, man behauptet, der olympische Fußball gelte doch nichts. Das fuchst Balitsch und Kollegen wie Christian Tiffert, Tim Wiese oder Thomas Hitzlsperger. Sie kontern mit Jürgen Klinsmann. Der fand nämlich Gefallen an der Bronzemedaille 1988 in Seoul. So wie auch der damalige Trainer der (west-)deutschen Mannschaft, Hannes Löhr. Der Kölner war WM-Teilnehmer 1970, aber er meint: „Ein Turnier wie die Olympischen Spiele ist noch eine Stufe höher.“ Löhr weiß noch, dass sich der olympische Spirit bei seinen Profis nur allmählich entwickelte. Erst nach dem entscheidenden Sieg im letzten Spiel gegen Rumänien vor 45 000 in Dortmund „waren alle plötzlich heiß auf Olympia“. Sein damaliger Kapitän Frank Mill, erzählt Löhr, versprach danach der Tochter, „mit einer Medaille heimzukommen“. Löhr fand das anachronistisch, dass ein Profi wie Mill auf einmal in Idealismus machte, ohne Rücksicht auf Prämien. Aber so war es. Mill überredete Löhr sogar, einen Problemfall mit nach Südkorea zu nehmen: Wolfram Wuttke. „Der war beim Franz durchs Rost gefallen“, erinnert sich der DFB-Trainer, wie viele andere. „Franz sagte: Wenn du willst, kannst du den haben.“ Löhr weigerte sich zunächst, „weil der Wuddi doch fast alle Trainer verrückt gemacht hat“, und willigte erst spät ein. Eine Bedingung handelte Löhr aus: Im Mannschaftsbus durfte Wuttke nicht rauchen. Wenigstens da nicht. Als sie ins Halbfinale nach Seoul vordrangen, wollten die Profis, obwohl ein komfortables Hotel bereitstand, „unbedingt im olympischen Dorf wohnen“. 1988 schied die Mannschaft im olympischen Halbfinale aus, nach Elfmeterschießen gegen Brasilien. Im Spiel um Platz drei schlugen die Deutschen dann Italien 3:0. Der Enthusiasmus in diesem Team war derart nachhaltig, dass Klinsmann später zu Löhr sagte: „Wenn du noch mal zu Olympischen Spielen fährst, bin ich dabei.“ All das weiß Balitsch nur aus Erzählungen. Aber er weiß auch: „Einige der Spieler, die damals Bronze gewonnen haben, sind 1990 in Italien Weltmeister geworden.“

Tobias Schächter (taz 28.5.) über Verletzungspech bei der U21: „Uli Stielike lobt das Potenzial seiner Mannschaft, aber der Feind der undeutlichen Aussage ist nur gedämpft optimistisch. Mit Kuranyi, Hinkel und Lahm sind drei Talente schon zu A-Nationalspielern gereift, und mit Lauth und Broich fehlen zwei Leistungsträger verletzt. „Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo man den Substanzverlust nicht mehr auffangen kann“, weiß Stielike. Noch sei dieser nicht erreicht, aber Stielike sagt: „Viel darf nicht mehr passieren.“ Die Hiobsbotschaften indes reißen nicht ab aus Alzey, einem kleinen Städtchen in Rheinhessen, in dem der deutsche Tross sein Lager aufgeschlagen hat. Markus Feulner wird gegen die Schweiz definitiv ausfallen, und auch Alexander Madlungs Einsatz ist ungewiss. Die Stimmung unter den Spielern aber ist ungebrochen gut. Dazu trägt vor allem Lukas Podolski bei, genannt „Prinz Poldi“, ein spaßiger Geist, der nicht nur auf dem Platz immer geradeaus geht. „Gleisch fliegt deine Kamera in die Luft, wenn du weiter so wild drückst“, poldite der Jüngste im Kader einem Fotografen in reinstem Kölsch entgegen. Der 18-Jährige, der in 19 Bundesligaspielen 10 Tore für den FC geschossen hat, verkörpert eine Unbekümmertheit, die nicht nur Stielikes Elf zugute kommen könnte. Rudi Völler stachelte den Ehrgeiz der 22 Nominierten an, als er einen Platz in seinem 23er-EM-Kader frei ließ; und es wäre keine Überraschung, wenn Podolski auch in Portugal dabei wäre. Uli Stielike hält es sogar für möglich, dass noch „der ein oder andere mehr“ aus seinem Talenteschuppen den Sprung auf die ganz große Bühne schafft. Schließlich habe Rudi Völlers Auswahl noch drei Spiele und viele harte Trainingseinheiten zu absolvieren. Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern wäre sicher ein Kandidat. Spätestens bei der WM 2006 im eigenen Lande sollen aber nicht nur Schweinsteiger und Podolski im A-Team stehen.“

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