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Hillsborough: Heuchlerische Entschuldigung

Oliver Fritsch | Dienstag, 20. Juli 2004 Kommentare deaktiviert für Hillsborough: Heuchlerische Entschuldigung

Liverpool verzeiht der Sun nicht, die vor fünfzehn Jahren (Hillsborough) Liverpool-Fans zu Unrecht diffamiert hat; Wayne Rooney weiß nichts davon (FAS) u.a.

Noch heute gibt es Zeitungsstände in der Stadt, die sich weigern, das Blatt zu verkaufen

Alte, tiefe englische Wunden – Liverpool verzeiht nicht so schnell, muss die Sun feststellen. Christian Eichler (FAS 18.7.) beschreibt die belastete Beziehung: „Die Lebensgeschichte, die 1986 in einem ruppigen Arbeiterviertel von Liverpool begann, diesem fußballverrückten, nicht kleinzukriegenden Wrack einer einst blühenden Hafen- und Industriestadt – sie kreuzte sich mit einer anderen, einer tragischen Geschichte, die Rooney im Alter von drei Jahren noch gar nicht wahrnehmen konnte, die ihn nun aber eingeholt hat. Am 15. April 1989 ereignete sich im Hillsborough-Stadion von Sheffield die größte Katastrophe des englischen Fußballs. Vor einem Pokalspiel ließen überforderte Polizisten, um ein Gedrängel vor den Toren zu vermeiden, Tausende auf eine schon überfüllte, abgezäunte Stehtribüne. In der entstehenden Panik starben 96 Fans des FC Liverpool. Vier Tage nach der Tragödie brachte die „Sun“ eine ungeheuerliche Titelgeschichte. Unter der Balkenüberschrift „Die Wahrheit“ behauptete das Blatt, Liverpooler Fans hätten auf Leichen uriniert, Tote bestohlen, Sanitäter von Mund-zu-Mund-Beatmungen abgehalten, Retter verprügelt. Und: Sie seien verantwortlich für die Katastrophe. All das paßte ins Klischee von jenen Hooligans, die spätestens seit der Heysel-Katastrophe in Brüssel 1985 als Schrecken von Fußball-Europa galten. Aber: Nichts von der „Sun“-Geschichte stimmte. Im Gegenteil, die höchstrichterliche Untersuchung von Hillsborough führte zum Ergebnis, daß die Zuschauer kein Verschulden an der Katastrophe hatten, daß sie sich sogar vorbildlich verhalten hatten – und daß noch vor Eintreffen der Rettungskräfte viele Menschen durch den oft heroischen Einsatz anderer Zuschauer gerettet worden waren. Damals wurde die infame „Sun“ in den Straßen Liverpools verbrannt. Noch heute gibt es Zeitungsstände in der Stadt, die sich weigern, das Blatt zu verkaufen. Von den 3,3 Millionen Exemplaren von Englands auflagenstärkster Zeitung werden nur 12.000 in Liverpool abgesetzt, kaum mehr als ein Drittel dessen, was die „Sun“ im landesweiten Durchschnitt erreicht. Ein Konkurrenzblatt hat errechnet, daß die katastrophale Geschichte von 1989 die Zeitung des Medien-Milliardärs Rupert Murdoch seitdem durch den Auflagenverlust in Liverpool rund 55 Millionen Pfund (mehr als 80 Millionen Euro) an Umsatz gekostet habe. Die aktuelle Kalkulation der „Sun“ schien offensichtlich: Boden zurückgewinnen in Liverpool. Erstens: mit Rooney, dem größten Star, den die Stadt am Mersey River seit den Beatles hatte. Zweitens: mit einer öffentlichen Entschuldigung. Sie erschien in der Ausgabe vom vorvergangenen Mittwoch, in der das Blatt auf der Titelseite und in einem ganzseitigen Leitartikel um Verzeihung bat für die Veröffentlichung von 1989, „den schrecklichsten Fehler seiner Geschichte“. Doch der Schuß ging nach hinten los. Die Lokalzeitung „Liverpool Echo“ brachte auf den Punkt, wie die kalkulierte Reue des Revolverblatts bei den Leuten ankam: „Vor 15 Jahren logen sie, um Zeitungen zu verkaufen. Heute bringen sie eine heuchlerische Entschuldigung – um Zeitungen zu verkaufen.““

Links über die Katastrophe von Hillsborough und die heutige Debatte
Justice Campaign of Liverpool
die Entschuldigung der Sun
eine Rekonstruktion
ein DVD-Tipp: In ‚Für alle Fälle Fitz‘ (original: ‚Cracker‘), der tiefst englischen und besten Krimi-Serie aller Zeiten, gibt es eine Folge (‚To be a somebody‘), die Hillsborough aufgreift

Trauer, Freude, Wut, Ärger und Orgasmus

Auch Steffen Hudemann & Christoph Kieslich (Tsp 20.7.) können die Sanktionen für Entblößung nicht verstehen: „Bei Zuschauern und Spielern ruft das Entblößungsverbot Unverständnis hervor – kürzlich forderten die Grünen-Politikerinnen Evelin Schönhut-Keil und Margareta Wolf in einem Brief an den DFB: „Weg mit der Gelben Karte – her mit dem freiwilligen Zeigen freier Oberkörper.“ Auch die Schiedsrichter unterbrechen die Freude der Spieler ungern – ihnen bleibt aber keine Wahl. „Unter Umständen kann diese Regel unverhältnismäßig wirken“, sagt Amerell, „aber wir haben sie schließlich nicht ausgeheckt.“ Auch der Psychologe Christian Lüdke hält wenig von der Regel. Man unterscheide fünf Grundgefühle in der Psychologie: Trauer, Freude, Wut, Ärger und Orgasmus. „Die ersten vier werden beim Sport angesprochen“, sagt Lüdke. Wenn eines überwiege, zum Beispiel die Freude nach einem Tor, dann nehme es der Sportler in Kauf, Regeln zu verletzen. Vor allem, wenn sich ihm ihr Sinn nicht erschließe. „Im Unterschied zum Foulspiel schadet der Spieler doch niemandem, wenn er sein Trikot auszieht.“ Werden die Gefühle unterdrückt, glaubt Lüdke, könnte sich die Anspannung anders entladen: „Vielleicht foult er in der nächsten Situation seinen Gegenspieler.“ Ausgedacht hat sich die neue Regel die Fifa. Eine Begründung lautet, dass durch das Aus- und Anziehen der Kleidung Zeit verloren gehe. Doch das überzeugt Amerell nicht: „Diese Zeit kann man doch nachspielen lassen.“ Der DFB verweist dagegen auf kulturelle Unterschiede in den Mitgliedsländern der Fifa. „In islamischen Ländern gibt es in dieser Hinsicht Probleme“, sagt Volker Roth, Vorsitzender des DFB-Schiedsrichterausschusses. Das sieht der Islam-Experte Bassam Tibi ganz anders. „Eine solche religiöse Regel gibt es nicht. Im Koran steht nur, dass Frauen ihre Reize bedecken sollen, auf Männer trifft das nicht zu“, sagt der Professor der Uni Göttingen. Es gebe zwar Gegenden, in denen es kultureller Brauch sei, seinen Körper nicht zur Schau zu stellen, in Damaskus aber, wo Tibi aufgewachsen ist, „sind wir immer mit freiem Oberkörper am Strand herumgelaufen“. Den Europäern werde viel Unsinn über den Islam erzählt, „und die Leute glauben es, weil sie wenig über diese Religion wissen“, sagt Tibi.“

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