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Ball und Buchstabe

Homosexualität im Fußball darf’s nicht geben – Depression eigentlich auch nicht

Oliver Fritsch | Samstag, 30. Oktober 2004 Kommentare deaktiviert für Homosexualität im Fußball darf’s nicht geben – Depression eigentlich auch nicht

Homosexualität im Fußball, das darf’s nicht geben, zumindest unter Männern (SpOn); Depression eigentlich auch nicht (FAZ) – Gewalt unter holländischen und schweizerischen Fans steigt (NZZ) – SZ-Interview mit Sócrates: „Fußball war für mich immer ein künstlerischer Ausdruck der Freiheit“

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Ein erfülltes Leben ist nicht möglich

Oliver Lück & Rainer Schäfer (SpOn 29.10.) vom Fußball-Magazin Rund befassen sich kritisch mit Homosexualität im Profi-Fußball – bei Männern und Frauen: „Da Fußball und Homosexualität nach wie vor als unvereinbare Gegensätze gelten, gibt es offiziell im deutschen Profifußball keine Schwulen. Kein deutscher Profi hat sich bislang als Homosexueller zu erkennen gegeben, obwohl, statistisch gesehen, mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten. Unter der Hand werden einige Namen gehandelt, aber offen möchte keiner damit umgehen. Stattdessen wird weiter Verstecken gespielt und viel Energie darauf verwandt, Fußball als angeblich schwulenfreie Männerzone zu erhalten. „Je bekannter die Profis sind, desto schwieriger wird es, die Fassaden eines solchen Doppellebens aufrechtzuerhalten“, glaubt Tatjana Eggeling (Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie, Göttingen). Ein erfülltes Leben ist nicht möglich. „Sport ist einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft. Der Arbeitersport wurde jahrzehntelang nur von Männern und deren Sichtweise dominiert“, erklärt Eggeling. Andere Lebensweisen finden da keinen Platz. „Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet.“ (…) Im deutschen Frauenfußball wird weniger restriktiv mit Homosexualität umgegangen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Dementsprechend ist die Anzahl der lesbischen Spielerinnen in den Bundesliga-Clubs und im Nationalteam hoch, Trainerinnen inbegriffen. Ein Stillhalteabkommen besagt, dass die Spielerinnen privat tun können, was sie wollen, solange es nicht zum öffentlichen Thema und Ärgernis wird. Die ganze Härte dieser scheinheiligen Regel bekam Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, zu spüren. Nach 125 Länderspielen wurde Voss kurz vor den olympischen Spielen 2000 in Sydney aus dem Nationalteam geworfen, weil sie wegen Problemen mit ihrer damaligen Freundin die Teilnahme an einem Länderspiel absagen musste. Der DFB legte ihr nahe, sich nicht mehr zum Rauswurf zu äußern. Eine Warnung, die die heute 36-Jährige besser befolgt, wenn sie ihre Karriere als Trainerin beim Verband Niederrhein nicht gefährden will. Voss‘ Suspendierung bringt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther noch heute in Rage: „Das ist eine Form von Doppelmoral, über die ich mich tierisch aufgeregt habe. Der DFB ist äußerst konservativ. Da macht man Kampagnen gegen Drogen und diskriminiert andere Lebensformen. Obwohl Sport angeblich so verbindet.““

Depression zählt zum Quälendsten, was Krankheit einem Menschen antun kann

Martina Lenzen-Schulte (FAZ/Feuilleton 29.10.) betont Ernsthaftigkeit und Schwere der Krankheit Depression: „Sebastian Deisler dürfte eigentlich gar nicht seelisch in die Knie gehen. Körperliche Aktivität schützt vor Stimmungstiefs, das bestätigte erst im Sommer eine Studie aus den Vereinigten Staaten. Leistet Sport bei texanischen Schülern etwa mehr als das Trainingsprogramm an der Säbener Straße für eine der größten deutschen Fußballhoffnungen? Das Thema Depression verleitet schnell zu Widersprüchen. Meniskusriß oder Knochenbruch wären zu akzeptieren, melden sich die Fans zu Wort, aber Depression nicht. Ein Körper, getrimmt, um Stadien in jubelnde Ekstase zu versetzen, kann doch nicht lahmzulegen sein, nur weil die emotionalen Energien versiegen. „Weichei, auf jeden Fall Weichei“ lautete auch prompt ein Kommentar bei Kicker-Online. (…) Die Zahl der aktuell an Depressionen leidenden Deutschen wird auf vier Millionen beziffert. Jeder zehnte Deutsche machte im vergangenen Jahr wochen- oder monatelang eine Depression durch. Was die Krankheit ausmacht, ist mit der reinen Beschreibung kaum zu ermessen. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Konzentrations- und Merkschwäche, immer wiederkehrende Grübeleien, die Abschottung von anderen Menschen, vollkommene Teilnahmslosigkeit und das Gefühl, ganz wertlos zu sein, flankieren den schwarzen Kern der Depression, jene alles umfassende Freudlosigkeit, die Unfähigkeit, überhaupt etwas zu fühlen. Der Außenstehende gelangt immer nur an den Rand solcher Verzweiflung, nie in deren Abgrund selbst. Es gibt etliche Varianten von diesem Bild, sicherlich auch weniger schwerwiegende, die mitunter zu Verwässerungen bei der Diagnose führen. Dennoch zählt die Depression unzweifelhaft zum Quälendsten, was Krankheit einem Menschen antun kann.“

Gewalt im calvinistischen Paradies

Bertram Job (NZZ 28.10.) kommentiert die steigende Gewalt holländischer Fans: “Die pubertären Entgleisungen mögen nicht das sofortige Ende der holländischen Zivilgesellschaft einleiten. Doch für die Verantwortlichen in den Kommunen, den Vereinen und Verbänden ist es jetzt genug. Die kwetsenden sprekkoren, wie die rassistischen und gewaltbereiten Tiraden in der Landessprache genannt werden, torpedieren das Image einer allzeit toleranten Fussballnation nachhaltiger denn je. Immer wieder werden gegnerische Fans als Juden, Huren oder Kranke bezeichnet und Drohungen gegen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und sogar TV-Kommentatoren formuliert. Deshalb hat der nationale Fussballverband KNVB eine kompromisslose Linie etabliert: Wann immer die bösen Chorknaben trotz mehrfachen Aufforderungen nicht verstummen, sollen die Spiele zumindest unterbrochen werden. (…) Ist die holländische Gesellschaft also vielleicht nicht mehr besser als der Rest Europas? Zumindest die Verbalinjurien werden durch Spielabbrüche zurückgehen, schätzt der KNVB-Sprecher Huizinga. Das holländische System der Klubkarten, ohne die keine Eintrittstickets für Spiele erworben werden können, siebt dazu viele überführte Missetäter aus. Dennoch bleiben Zweifel, ob das calvinistische Paradies allein durch die Massnahmen von Vereinen und Verbänden wieder herzustellen ist.“

Zur Lage in der Schweiz schreibt Rolf Wesbonk (NZZ 28.10.): „Am letzten Wochenende hat der Fussball auch in der Schweiz sein abstossendes Gesicht gezeigt. In Bellinzona wüteten Vermummte aus dem Zürcher Lager während und nach dem Spiel. Sie zettelten Schlägereien an und hinterliessen ein Bild der Verwüstung. Im Tourbillon zu Sitten gebärdete sich eine Horde Servette-Anhänger auf ähnliche Weise. Sie bewarfen aus ihrem Sektor die Fussballer des Platzklubs mit allem, was ihnen in die Hände kam. Dass sich die Vorfälle in Cup-Partien häufen, ist nicht zufällig. Spiele dieses Wettbewerbs stehen unter der Ägide des Schweizer Fussballverbandes. Hier gelten nicht so strenge Vorschriften wie in der Super League. Zwar erhalten die Klubs von der Marketingagentur Sportart AG ein Dossier mit allen nur erdenklichen Auflagen, aber über das Thema „Sicherheit“ ist darin nichts zu lesen. Somit wird der Präsident eines kleinen Vereins mit der Problematik ziemlich alleine gelassen. Fehlen durchdachte Massnahmen, bietet sich für Randalierer sofort ein weites Feld für verabscheuungswürdige Auftritte. Dies war ohne Zweifel auch in Bellinzona der Fall, wo die Chaoten von den mangelnden Kenntnissen sowie der Unerfahrenheit des Klubs auf diesem Gebiet profitierten.“

Die Involution des Fußballs

Sócrates im Gespräch mit Javier Cáceres (SZ 30.10.)
SZ: Sie waren Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaften, die bei den Weltmeisterschaften 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko die Fußballwelt geblendet hat. Sócrates, Zico, Toninho Cerezo, Falcão… Ist ein derartig kunstvoller Fußball-Ansatz heute noch denkbar?
S: Nicht mehr in dieser Form. Der Fußball hat sich zu sehr verändert. Wir waren so etwas wie die Generation des Übergangs. Die physische Komponente ist vordringlicher geworden. 1970 legte ein Fußballer in einem Spiel vier Kilometer zurück, mittlerweile sind es bis zu zwölf. Das hat Räume enger und das Spiel härter gemacht, weil sich die Regeln nicht verändert haben. Ich forsche gerade zu diesen Dingen. Vor der WM in Deutschland möchte ich ein Buch über die Globalisierung und die Evolution des Fußballs in den letzten 30 Jahren veröffentlichen. Oder die Involution des Fußballs – seine Rückbildung.
SZ: Ihrer Generation wird vorgeworfen, in Schönheit gestorben zu sein, also nie etwas gewonnen zu haben.
S: Das geht auf gesellschaftlich Werte zurück, die mir nichts bedeuten. Titel zählen nichts. Absolut nichts. Das Wichtigste ist, glücklich zu sein. Und frei. Denn Fußball war für mich immer ein künstlerischer Ausdruck der Freiheit. Auf diese Weise mögen wir keine Pokale gewonnen haben, wohl aber das eine oder andere Herz.
SZ: Schon zu Profizeiten waren sie Mediziner. Später sollen sie Maler gewesen sein.
S: War ich auch. Und Schriftsteller. Und Politiker. Und Kolumnist und Komponist. Lernen bedeutet für mich, kreativ zu sein, und das heißt für mich, frei zu sein. Im Moment bilde ich mich medizinisch fort, mit einem Schwerpunkt auf Sportmedizin, und ich lerne Französisch, denn ich will auf Französisch lesen können. Dramaturg bin ich auch. Zurzeit läuft in São Paulo mein erstes Bühnenstück, „Futebol“.
SZ: Am Mittwoch verstarb in ihrem Land ein Profi von São Caetano, Serginho, auf dem Platz. in weiteres Indiz für die Pervertierung des Fußballs?
S: Wir kennen die genauen Ursachen dieser Tragödie noch nicht, aber es ist schon bemerkenswert, wie sehr sich die Todesfälle häufen. Der Kameruner Foe, der Ungar Feher, jetzt Serginho. Klar ist, dass es eine übertriebene Anwendung von allen möglichen Arzneien gibt, mit gravierenden Auswirkungen.
SZ: Auch bei ihnen in Brasilien?
S: Mein Eindruck ist, dass es hier nicht so sehr verbreitet ist. Wohlgemerkt: ein Eindruck. Was mir allerdings auffällt, ist, wie sehr und wie schnell sich die Fußballer verändern, wenn sie in Europa spielen. Und das geht ganz offensichtlich auf die massive Anwendung von Medikamenten zurück.

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