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Am Grünen Tisch

Streichkandidat Franz

Oliver Fritsch | Samstag, 25. März 2006 Kommentare deaktiviert für Streichkandidat Franz

Die Abwesenheit Franz Beckenbauers beim wichtigen Uefa-Kongreß in Budapest deuten die großen Zeitungen als Verzicht auf seine Präsidentschaftskandidatur. Thomas Kistner (SZ) rätselt nicht lange über Beckenbauers Grund: „Lennart Johansson ist verstimmt über Beckenbauers Verhalten. Dass es sein Günstling nicht mal für nötig befand, für ein paar Stunden Honneurs auf dem europäischen Fußballparkett zu machen, hat dessen Chancen im ja enorm ehrpusseligen Funktionärsbetrieb pulverisiert. Auch hätte dem deutschen OK-Chef kurz vor WM-Beginn ein kleiner Empfang für Europas Fußballgemeinde nicht geschadet; als Geste für diejenigen, die beim großen Fußballfest nur aus der Ferne zuschauen dürfen. Das muss alles nicht sein, wenn einen die Geschicke der just stark unter Beschuss der G 14 geratenen Uefa nicht tangiert. Für einen Präsidentschaftskandidaten ist es unverzeihlich. Insofern ist die Thronschlacht übersichtlich geworden. (…) Und Streichkandidat Franz? Na gut. Im Uefa-Ehrenamt hätte er ja all seine lukrativen Werbegeschäfte sausen lassen müssen. Beim Kongress war der Allroundverdiener übrigens auch deshalb unabkömmlich, weil er das USA-Länderspiel im ZDF kommentieren musste.“

Spielmacher

Bahn frei für Michel Platini – Roland Zorn (FAZ): „Wer einen ‚Pflichttermin‘ ausläßt, um es in Beckenbauers Terminologie an die Adresse von Jürgen Klinsmann zu sagen, wird auch die Kür nicht mehr bestehen. ‚Das war ein deutliches Zeichen‘, faßte Johansson seine Enttäuschung über den pflichtvergessenen Deutschen in leicht zu entschlüsselnde Worte. Alle Zeichen für den 2007 oder später bevorstehenden Macht- und Generationenwechsel an der Spitze der europäischen Fußball-Konföderation deuten inzwischen auf einen anderen Fußballgenius: Michel Platini. Der frühere Spielmacher der Equipe Tricolore ist zu einem Spielmacher auf der Bühne der Fußballpolitiker gereift. So wie er einst alle Tricks seines Spiels beherrschte, ist dieser lernwillige und wißbegierige Schüler von Joseph Blatter, dem mit allen Finessen seines Gewerbes vertrauten Fifa-Präsidenten, längst zu einem Schwergewicht in der Funktionärsszene geworden. Eine Ochsentour a la Platini hätte der lieber zu Höherem berufene Beckenbauer kaum auf sich genommen. (…) Platini bekennt sich seit langem zu den ethischen Grundwerten des Fußballsports, die er mit großer Leidenschaft gegen den Zugriff des Großkapitals – Stichwort G 14 – verteidigen würde. Ließe Johansson den Franzosen seines Amtes walten, es müßte keineswegs zum Schaden der Uefa und ihrer Prinzipien sein.“

Es geht um die Macht

Die NZZ bejaht die ablehnende Haltung der Uefa und der Fifa gegenüber den Forderungen der „G14“: „Seit je oder mindestens seit der Lancierung der lukrativen Champions League vor 14 Jahren ist die Macht- und Geldgier der G-14 ständig gestiegen. Auch heute geistert wieder die Idee einer sogenannten geschlossenen Euroliga nach dem Muster des amerikanischen Show- und Berufssports herum: Abschaffung der Qualifikation zur europäischen Topklasse oder Teilnahme-Garantien ohne Erfüllung sportlicher Kriterien sind Lieblingsthemen jener 18 von insgesamt 102 im Uefa-Klubforum repräsentierten Vereine, deren hohe Finanz-Etats idealerweise nach Planungssicherheit rufen. An der Spitze der Wortführer steht auch immer der FC Bayern, mit bisher fast 300 Millionen Einnahmen seit 1992 Krösus der ‚Liga der Meister‘. Johansson verteidigte hingegen die Philosophie der Uefa, die auf Demokratie, Gleichheit und – vor allem – Solidarität für die mehrheitlich Kleinen beruht. Er forderte die Delegierten der 52 nationalen Verbände auf, zusammenzustehen und die einstimmig verabschiedete Resolution in ihrer Heimat bekannt zu machen.“ Die FAZ ergänzt: „Die Klagen der G 14 im Verbund mit dem RSC Charleroi und Olympique Lyon bedrohen einige der Fundamente und Prinzipien, auf die sich Fifa und Uefa bisher selbstverständlich gestützt haben. Es geht keineswegs nur darum, daß der Weltverband demnächst gerichtlich dazu verpflichtet werden könnte, in Zukunft Abstellgebühren und Versicherungsleistungen für Nationalspieler zu zahlen oder bei den nationalen Verbänden einzufordern. Es geht um die Macht. (…) Selten stieß Joseph Blatter vor dem obersten Uefa-Gremium auf so viel Zustimmung wie in Budapest. Die Fußballfamilie ist dort zusammengerückt, doch draußen vor der Tür stürmt es weiter.“

NZZ: Abrücken vom ehrgeizigsten Ziel – G-14-Interessengemeinschaft plant vorläufig keine autonome Europaliga
Die Resolution der Uefa gegen die „G14“

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