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Vermischtes

Fluidum wechselseitiger Großzügigkeit

Oliver Fritsch | Freitag, 28. April 2006 Kommentare deaktiviert für Fluidum wechselseitiger Großzügigkeit

Roland Zorn (FAZ) fürchtet, daß der frühe Termin des Pokalfinals auf die Stimmung der Spieler drücken wird: „Auch diesmal werden jeweils mehr als 20.000 Fans entweder den Favoriten Bayern München oder den Außenseiter Eintracht Frankfurt mit einer Inbrunst unterstützen, die keinen Platz läßt für die im Meisterschaftsalltag übliche Mißgunst und Kleinlichkeit. Wo andernorts die Rivalität der Klubs zur Dissonanz auf den Rängen beiträgt, atmet der neutrale Standort Berlin das Fluidum wechselseitiger Großzügigkeit im atmosphärischen Umgang miteinander. Alles könnte von vornherein gut und schön sein, gäbe es da nicht den schnöden Alltag, der beide Teams schon vier Tage später wieder intensiv in Anspruch nimmt. Die Terminenge dieses Weltmeisterschaftsjahrs hat ausnahmsweise dazu geführt, daß der Pokalendspiel-Feiertag die Endphase der Punktspielserie auflockert – ein im Vergleich klimatisch kühles Intermezzo im April, das niemandem, der die bessere Standarddramaturgie der vergangenen zwanzig Jahre kennt, gefällt. Das diesmal dazwischengequetschte Ereignis wird Folgen für die Spieler haben: Sie, die sonst am Schauplatz Berlin einmal ausgelassen und ohne den Blick auf die Uhr einen Tag der Freude begießen konnten, dürften diesmal wie Europapokal-Dienstreisende nach dem Bankett und zwei, drei Gläsern gegen den Durst zu Bett gehen. Nach der Kür ist vor der Pflicht – keine reizvolle Aussicht für die Partyprofis aus der Liga.“

Ohne Zukunft

Der DFB-Pokal, ein Pflichttitel für den FC Bayern – Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ): „Berlin ist noch allemal ein ideales Schaufenster, um dem ganzen Land die Muskeln zu zeigen. Die reichen zwar aus, um die nationale Konkurrenz im Schwitzkasten zu halten, versagen aber in der Champions League regelmäßig. Für das gehobene Niveau der Königsklasse langt es schon seit fünf Jahren nicht mehr. Es bleibt unter dem Strich die ernüchternde Bilanz, dass diese Bayern-Mannschaft keine Zukunft hat: Oliver Kahn ist über sein Leistungszenit hinaus. Lucio ist der einzige Spieler mit wirklich internationalem Format. Ihm zur Seite steht mit Valérien Ismaël ein Raubein mit auffallendem Hang zur Selbstzerstörung, der erhebliche Mängel in der Spieleröffnung hat; wie auch der rein destruktive Martin Demichelis. Ein Spielmacher mit der Fähigkeit zum Tempodiktat, zum strategischen Kalkül und mit intuitiver Gabe fehlt allenthalben. Der Druck von der Bank auf das international durchschnittliche Mittelfeld ist durch Jens Jeremies und Mehmet Scholl zu schwach. Das Niveau im Sturm besitzt kaum entscheidendes Potenzial ab dem Viertelfinale in der Champions League. Die sportlichen Defizite ließen sich – an einem von Trainer Felix Magath vielbeschworenen ‚guten Tag‘ – vielleicht auffangen mit Leidenschaft. Doch genau an diesem Punkt muss sich Manager Uli Hoeneß von der Mannschaft im Stich gelassen fühlen.“

Glücklich?

Oskar Beck (StZ) stellt eine zunehmende Lethargie der Bayern-Hasser fest: „Ungefähr zweieinhalb von drei Deutschen winken gelangweilt ab. Es ist ihnen egal, dass die Bayern heute in Berlin ihren 376. DFB-Pokalcoup und nächste Woche mit einem Kantersieg über den VfB ihre 427. deutsche Meisterschaft feiern – selbst ein Bayer wie Waldemar Hartmann hält sich inzwischen schon raus. Früher hätte Waldi darauf bestanden, dass ihn Michael Ballack im distanzierten Jubelinterview mit einem Regenfass Weißbier live und in voller Patschnässe zuschüttet – heute geht Hartmann eher zum Boxen. Oder trinkt sein Bier. Selbst über die seit Tagen drohende Wilderei der Bayern auf dem Transfermarkt regt sich keiner mehr auf. Den HSV-Funkturm Daniel van Buyten wollen sie, und Lincoln, den Schalker Jongleur. Die Bayern tun momentan, was sie immer taten, wenn ein Klub sich als ernsthafter Rivale versuchte – sie brechen ihm das beste Stück aus dem Mosaik. Aber sind die Bayern glücklich? Uli Hoeneß war letzte Woche im Fernsehen, und wir hatten erstmals das leise Gefühl, dass da einer tapfer begonnen hat, sich mit dem Kochen auf der etwas kleineren internationalen Flamme abzufinden. Sein Tresor und die dazugehörige Finanzpolitik reichen zwar noch, um die Besten aus der Bundesliga zu kaufen, doch die sind für den Gewinn der Champions League nicht gut genug – und die Superstars nicht zu haben.“

Verkannt

Philipp Selldorf (SZ) rückt Friedhelm Funkel ins Licht: „Ein interessantes Experiment wäre es, dem Trainer Funkel einmal das Team des FC Bayern oder von Schalke 04 anzuvertrauen. Doch Funkel wird mehr an seinen beruflichen Stationen und seinem Mangel an glamouröser Ausstrahlung als an seinen Erfolgen gemessen – obwohl ihn fünf Aufstiege aus der zweiten Liga als Meistertrainer qualifizieren. Aber in der medialen Geltung bleibt er ein Trainer aus dem Bundesliga-Mittelstand: wie Ewald Lienen, Peter Neururer oder Wolfgang Wolf. In dieser Riege kennt man sich seit Jahren, man nennt sich beim Vornamen und weiß, dass sich die Schicksalswege irgendwann kreuzen. Bei Lienen und Funkel ganz besonders. Dreimal folgte auf Lienens Trainer-Herrschaft ein Funkel-Regiment: In Duisburg, in Rostock und in Köln. Das erweckt den Eindruck von Austauschbarkeit, doch damit unterschätzt man ihn wieder. Deswegen braucht man ihn nicht gleich für einen Programmatiker zu halten, ein Visionär des Fußballs ist er sicher nicht. Doch als man Funkel zum Beispiel in Köln vorwarf, er lasse ‚Funkel-Fußball‘ spielen, verkannte man die Qualitäten seines Pragmatismus und seines Wissens.“

Welt: Biedermann im Rampenlicht – in Frankfurt hat Funkel bewiesen, daß er auch attraktiven Fußball spielen lassen kann
BLZ: Neue Sachlichkeit in Frankfurt
FAZ: Friedhelm Funkels Vierteljahrhundert bewegte Fußballgeschichte

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