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Am Grünen Tisch

Keine WM ohne Verschwörungstheorie

Oliver Fritsch | Dienstag, 29. August 2006 Kommentare deaktiviert für Keine WM ohne Verschwörungstheorie

Neues vom Schiedsrichterwesen: Markus Merk pfeift wieder und kritisiert die Fifa; die Berliner Zeitung hält dagegen; die deutschen Schiedsrichter-Offiziellen blicken kritisch auf die WM, nur nicht auf Merk; zu viele Platzverweise in der Bundesliga?

Markus Merk wird wieder Spiele im deutschen Profifußball leiten. Nach einer Pause, in der er erwogen haben will, zurückzutreten, hat er die Enttäuschung, in den K.O.-Spielen der WM nicht berücksichtigt worden zu sein, verwunden. Sein Comeback hätten zwei Erlebnisse forciert, sagt er: „In der Münchner U-Bahn sagte ein Mann ganz laut im Waggon: ‚Was da bei der WM mit der Fifa lief, war nicht in Ordnung. Machen Sie bitte weiter!‘ Und beim Lehrgangsabend der Schiedsrichter sagte ich nur drei Sätze und bekam stehend dargebrachte Ovationen von den Kameraden.“

In einem Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag kritisiert Merk die Fifa hart, weil sie die europäischen Schiedsrichter bei der WM benachteiligt habe: „Wir, die europäischen, etablierten Schiedsrichter hatten von Beginn an einen schweren Stand. Schon beim ersten Workshop 2005 kam es zu Unstimmigkeiten zwischen den europäischen Schiedsrichtern und den Verantwortlichen, was die grundsätzlichen Eckpfeiler der Spielleitung anging. Unnötige Einsätze, trotz Intervention von DFB und Uefa, wie als vierter Offizieller im letzten Jahr bei der U-20-WM, für die ich eingeteilt wurde, sind für mich schwer zu erklären. Europa aber ist einer der wichtigsten Standorte des Fußballs. Alle namhaften Spieler spielen hier, hier spielt die Champions League, es gibt die stärksten nationalen Ligen. Die letzten vier Teams bei der WM sind Europäer, und für die vier markanten WM-Spiele, sprich Eröffnungsspiel, Halbfinals und Endspiel, wurden europäische Schiedsrichter nicht nominiert.“

Weinerliche Verve

Zudem beklagt er sich darüber, obwohl in der WM-Endphase nicht eingesetzt, kaserniert worden zu sein: „Die tolle Stimmung haben wir leider meist nur im Fernsehen gesehen. Wir haben sogar unsere Nationalspieler beneidet, als sie mal 24 Stunden frei hatten und sich zum Barbecue mit ihren Familien getroffen haben. Mit meinen Teamkollegen Christian Schräer und Jan-Hendrik Salver war ich sechs Wochen im Schiedsrichterlager. Wir waren die Deutschen, die am wenigsten live von der WM mitbekommen haben. Eine Autostunde von meiner Heimatstadt Kaiserslautern entfernt, war es mir nicht vergönnt, nur einmal kurz rüberzuschauen.“

Gefragt nach dem sehr strittigen Elfmeter, den er Ghana im Spiel gegen die USA zugesprochen hat, gibt Merk zu: „Den würde ich so heute nicht mehr pfeifen.“ Seine Leistung in diesem Spiel könnte den Ausschlag gegeben haben, daß die Fifa im weiteren Turnierverlauf auf Merk verzichtet hat. Matti Lieske (BLZ) hat dieses Spiel und auch seinen Brasilien-Bonus im Spiel gegen Australien noch vor Augen und zerpflückt Merks Aussagen: „Daß er nach den beiden weltweit kritisierten Darbietungen kein WM-Spiel mehr bekam, war nur konsequent. Immerhin blieb ihm die Schmach erspart, nach der Vorrunde abreisen zu müssen. Zu würdigen weiß er das nicht. Im Gegenteil: Merk ist tief beleidigt. Seit er zweimal zum Weltschiedsrichter gewählt wurde, hält er sich auch für einen solchen – zumal sein Name seither selten ohne diesen Zusatz genannt wird.“ Lieske stellt dieses Etikett in Frage: „Der hochtrabend klingende Titel ist mitnichten ein offizieller, sondern wird in Selbstanmaßung von der in Bonn ansässigen International Federation of Football History and Statistics vergeben.“ Dem Vorwurf des Antieuropäischen hält er entgegen: „Keine WM ohne Verschwörungstheorie, und so sieht natürlich auch Merk, der sich jetzt nach zweimonatiger Schmollzeit mit weinerlicher Verve zurückmeldete, finstere Mächte am Walten.“

Schwund an Persönlichkeit

Der deutsche Schiedsrichter-Chef Volker Roth blickt in der Schiedsrichterzeitung mit Grauen auf die vielen Karten an der WM zurück: „Oh je, was waren das nur für Instruktionen bei den Persönlichen Strafen für Foulspiel und Unsportlichkeiten. Die haben mich fatal an die Abseitsauslegungen beim Konföderationen-Pokal erinnert. Bei der WM 2006 gab es 307 Gelbe Karten (2002: 259/1998: 249) bei jeweils 64 Spielen. 19 Gelb/Rote Karten (6/4) und 9 Rote (11/18) lassen ein Bild des Schreckens vermuten. 0,44 Platzverweise pro Spiel bedeuten WM-Rekord, ein trauriger Rekord. Allerdings konnte man hier den ‚Schwund der Persönlichkeit‘ deutlich verspüren, da zu Beginn bei harmlosen Fouls oder kurzen Verzögerungen ohne jegliches Fingerspitzengefühl sofort Gelb gezückt wurde.“ Und Lehrwart Eugen Strigel listet eine Menge an Fehlern auf, die Schiedsrichtern bei der WM passiert sind. Über Merk fällt allerdings kein Wort, auch nicht über dessen „Schwund an Persönlichkeit“, als er Michael Essien, Ghanas Star, bei erster Gelegenheit die Gelbe Karte gezeigt hat, was eine Sperre für das Achtelfinale gegen Brasilien zur Folge hatte.

Die aktuelle Ausgabe der Schiedsrichterzeitung als pdf (~1,5 MB)

Gut für den Fußball

Jan Christian Müller (FR) springt Florian Meyer zur Seite, der dem Frankfurter Aleksandar Vasovski in Mainz die Rote Karte zeigt: „Gezielte Angriffe auf die körperlich Unversehrtheit eines Gegenspielers werden in dieser Saison rigoroser von den Unparteiischen interpretiert als in der Vergangenheit. Das ist gut für die Stürmer und gut für den Fußball. Bald wird auch die Flut an Roten Karten wieder abebben. Manch ein Profi braucht eben etwas länger, um zu kapieren.“

FAZ: Kartenflut in der Bundesliga – merkwürdige Anfälle von Respektlosigkeit in Mainz und Hamburg

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