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Der Michael Schumacher des Fußballs

Oliver Fritsch | Dienstag, 31. Oktober 2006 Kommentare deaktiviert für Der Michael Schumacher des Fußballs

Raphael Honigstein begleitet in Rund den Einstand Michael Ballacks in Chelsea. Deutlich wird, daß die Engländer ihm mit großem Respekt entgegentreten: „Reiner Calmunds uralte Worte vom ‚kleinen Kaiser‘ werden seitdem bei jeder Gelegenheit zitiert; die Engländer sind überzeugt, daß der Görlitzer in seinem Heimatland tatsächlich so gerufen wird. Und sie glauben, noch etwas über ihn zu wissen: Ballack gilt als arrogant. Ein vom Observer zu Rate gezogener Spiegel-Artikel von 2001, der ihn als verhätschelten, kritikunfähigen Jungprofi beschrieb, ist Ursprung dieser Mär, aber auch seine aufrechte Spielweise. Arrogant nennt man auf der Insel solche sichtbar von sich selbst überzeugten Spieler, der Begriff ist jedoch nicht ausschließlich negativ besetzt. Die im Verlieren geübten Engländer halten Ballacks Siegermentalität für etwas typisch deutsches. Kompetent, verläßlich, emotionslos, titanisch-teutonisch – als ‚Michael Schumacher des Fußballs‘ (Sun).“ Ballacks neuem Haarschnitt schreibt Honigstein durchaus Bedeutung zu: „Ballack hat sich wie sein Trainer Mourinho (‚Ich bin bereit für den Krieg‘) den Schädel rasiert. Das soll Härte im Nehmen suggerieren. Und auch Demut. Sträflinge und Soldaten bekommen traditionell so eine Nichtfrisur verpaßt; sie negiert Individualität. Ballacks Verzicht auf den Mittelscheitel ist ein Zeichen: Ich will einer von vielen sein.“

Die Schmähungen und Beleidigungen der Bayern-Vereinsführung am Ende der vergangenen Saison führt Honigstein auf die „Enttäuschung nach einer gescheiterten Beziehung“ zurück. Die Bayern wollten einen Effenberg-Nachfolger, der „die eigenen Männer kommandiert und dem Gegner wehtut“. Doch Ballack sei nie der „starke Mann“ gewesen. Fazit der Bayern/Ballack-Ehe: „Ballack hat die Erwartungen des FC Bayern nicht erfüllt. Umgekehrt war es ähnlich.“ Und sie haben wohl noch immer nicht verstanden: „In München hat man mit ein paar Wochen Verspätung angefangen, Ballack doch noch zu vermissen. Aber bezeichnenderweise aus dem falschen Grund“, behauptet Honigstein und zitiert Franz Beckenbauer: „Er war der Mannschaftskapitän auf dem Platz, um ihn drehte sich alles, er gab den anderen Halt.“ Honigstein hält fest: „Vermißt werden also nicht die Tore, gewonnene Zweikämpfe oder Pässe. Nein, was nun fehlt ist Ballack, das Alphamännchen, das er doch nie sein wollte. Merkwürdig, erzählten doch die Weltmeisterschaft und Ballacks Deutschland von nichts anderem als der gewaltigen Kraft des Kollektivs. Das Ballack mit seiner taktischen Intelligenz anführte – aber immer bereit, sich den Interessen des Teams unterzuordnen.“

Den Nachteil, nun in England in einem starken Kollektiv zu spielen, habe Ballack bereits kennengelernt: „Ballacks Flucht hat sich nicht nur finanziell gelohnt. Er wird in London nach einfachen, objektiven Maßstäben bewertet werden. Das Ende der unfreiwilligen Sonderrolle hat aber auch negative Seiten: In der Bundesliga hätte ihn sein Ballack-Bonus bei den Schiedsrichtern vor einer Roten Karte wie im Spiel gegen Liverpool bewahrt.“ Wie äußert sich Ballack über die Bayern und die Bundesliga? Er habe sich Diplomatie auferlegt, um den Schlagzeilen der Bild-Zeitung, mit der Ballack ein schwieriges Verhältnis hat, zu entgehen: „Solange er Kapitän des Nationalmannschaft bleibt, wird er sich auch nicht vollständig von der einen oder anderen deutschen Obsession abkapseln können. Der lange Arm des Boulevards reicht über den Ärmelkanal. Ballack will zum Beispiel das Niveau der Bundesliga lieber nicht mit dem der Premier League vergleichen. Er weiß wahrscheinlich, daß er sonst am nächsten Tag womöglich ‚Ballack verhöhnt die Liga!‘ lesen müßte.“

Auf dem Weg zum zahnlosen Zirkuslöwen?

Christian Eichler (FAZ) stellt Ronaldinho ein schlechtes Halbjahreszeugnis aus: „Seit seinem genialen Paß auf Giuly im April gegen den AC Mailand hat der bis dahin unumstritten beste Spieler der Welt in keinem großen Spiel mehr überzeugt. Das Finale gegen Arsenal gewann Barcelona fast ohne sein Zutun. In Brasiliens WM-Team wirkte Ronaldinho wie sein eigener Doppelgänger. Und in den wichtigen Spielen der neuen Saison sah er hilflos aus. Den Mann, den gut zwei Jahre lang in Europa keiner stoppen konnte, degradieren nun schon bessere Bundesliga-Arbeiter wie Fritz (Werder Bremen) oder Boulahrouz (inzwischen Chelsea) zum teuersten Statisten der Showbühne Fußball.“

Eichler sorgt sich um die Entwicklung Ronaldinhos, der als zahnloser Zirkuslöwe enden könnte: „Der matte Star wirkt derzeit ausgezehrt vom Erfolg und der ruhelosen Existenz des wandelnden Weltwunders, von dem jederzeit alle Welt etwas will. Zidane schaffte es, sich in sich selbst und seine abgeschottete Welt zurückzuziehen. Ronaldinho ist ein ganz anderer Typ, der alle Erwartungen offenbar zu gern erfüllen will. Um davon nicht aufgefressen zu werden, wird er in der zweiten Halbzeit der Karriere zu einer defensiveren Art finden müssen, das öffentliche Spiel aus Laufbahn und Leben zu gestalten.“ Zu seiner Zukunft heißt es: „Daß Ronaldinhos Zeit schon abläuft, mag sich keiner so richtig vorstellen“, schreibt Eichler, nennt aber Spekulationen über einen Vereinswechsel: „Aber vielleicht: daß Ronaldinhos Zeit in Barcelona abläuft. Die Konkurrenz hat ein Gespür für die feinen Signale von Formkrisen, die manchmal nur Beziehungskrisen sind. Und so zementiert, wie die Liebes-Liaison von ‚Barça‘ und ‚Ronnie‘ schien, scheint sie nun nicht mehr.“

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