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Zweimal gescheitert, bevor es richtig interessant wird

Oliver Fritsch | Freitag, 14. März 2008 Kommentare deaktiviert für Zweimal gescheitert, bevor es richtig interessant wird

Frank Heike (FAZ) spürt Ärger in Hamburg aufkommen: „Versteinert waren die Gesichter bei den Vorständen Dietmar Beiersdorfer und Bernd Hoffmann, nachdem der HSV trotz des packenden 3:2-Sieges ausgeschieden war. Beiersdorfer haderte mit dem spanischen Schiedsrichter, Hoffmann schien darüber nachzudenken, dass auch der zweite mögliche Titel nun futsch ist: Die Meisterschaft hat er nie für erreichbar gehalten, wohl aber den DFB-Pokalsieg (verschenkt in Wolfsburg) oder eben den Triumph im Uefa-Pokal. Die Realität im Hamburger Dauerregen hieß: zweimal gescheitert, bevor es richtig interessant wird. Das drückte trotz der guten Ausgangslage in der Bundesliga richtig aufs Gemüt. (…) Die Leverkusener konnten ihr Glück kaum fassen. Doch in der Gesamtbetrachtung ist Skibbes Mannschaft mit zwei Auswärtstoren und einem Zu-null-Spiel daheim verdient weitergekommen.“

Jörg Marwedel (SZ) fügt hinzu: „Womöglich hat auch Huub Stevens seinen Anteil am Ausscheiden, dem nach dem Abschied aus dem DFB-Pokal zweiten K.o. binnen zwei Wochen. Er hatte Trochowski in der ersten Halbzeit draußen gelassen und dafür den Vadis Odjidja-Ofoe aufgeboten, der überfordert wirkte. Eine eigenartige Umstellung für ein Team, das im Rückstand liegt. Auf die HSV-Führung kommt nach dem Aus Kritik zu. Dass es noch keinen Nachfolger für den scheidenden Stevens gibt, macht nicht nur im Aufsichtsrat einige Leute unruhig. Angeblich haben Hoffmann und Beiersdorfer unterschiedliche Vorstellungen. Klingt nicht gut angesichts der ehrgeizigen Ziele.“

Christian Oeynhausen (FR) schimpft mit einem Leverkusener Simulanten: „Eine Rüge fing sich der kleine Kämpfer Arturo Vidal ein, weil er kurz vor Schluss, verletzt außerhalb des Spielfeldes liegend, auf den Rasen robbte, in der erfolglosen Absicht, sich dort zeitaufwändig behandeln zu lassen. Solche Nummern aus dem Theater-Repertoire des südamerikanischen Fußballs soll er unterlassen.“

3-2 Hamburger SV vs. Bayer Leverkusen UEFA Cup – MyVideo

So prickelnd wie ein Bottich Pflaumenmus

Wolf Dantonello (FAZ) fällt Münchner Schweigen und gute Laune auf: „Wieder lieferten die Münchner im Uefa-Pokal eine Heimvorstellung der ärgerlichen Art. Die Kundschaft zog verärgert aus dem Stadion ab – doch Karl-Heinz Rummenigge verkniff sich einen Auftritt vor den Medien, wie er nach internationalen Spielen üblich ist. Der Punktverlust gegen Bolton in der Zwischenrunde hatte letztlich keinen Schaden angerichtet, ebenso wenig tat es das 1:2 gegen Anderlecht. Die Münchner Verantwortlichen haben im Uefa-Cup gelernt, die punktuellen Enttäuschungen zu verkraften, solange das große Ganze nicht in Frage gestellt ist. Also zählt, dass man das Viertelfinale erreicht hat, und Uli Hoeneß und Ottmar Hitzfeld reagierten so gelassen, als kämen sie gerade von einer Kur im Land des Lächelns. Hoeneß trug schmunzelnd seine Hoffnung vor, dass man bei der Auslosung eine schöne Reise beschert bekomme (er favorisiert Florenz, wo er gerne Schuhe kauft).“

In der SZ lesen wir: „Die sportliche Ausgangslage war so prickelnd wie ein Bottich Pflaumenmus, daher sollte es für den FC Bayern ein Mottoabend werden: ein Empfehlungsspiel für den so genannten zweiten Anzug. Abgesehen davon, dass es bei den Münchnern keinen echten zweiten Anzug gibt, weil der Trainer ein Dauerwechselverfahren namens Rotation erfunden hat, war man kaum schlauer in der Personalbewertung.“

Eine Leser-Mail

Arrogant und respektlos

Was sich ProSieben und Kommentator Holger Pfandt erlaubt haben, ist mit „peinlich“ kaum zu beschreiben. Eine dermaßen gefärbte Berichterstattung, gepaart mit Ekel erregender Arroganz, die ich selten erlebt habe. Die ganz netten ersten fünfzehn Minuten der Bayern wurden wahlweise mit „atemberaubernd“, „zauberhaft“ oder „Feuerwerk“ tituliert, für die katastrophal lustlose Leistung der folgenden fünfundsiebzig Minuten ließ sich Herr Pfandt lediglich zu einem ‚mäßig’ hinreißen. Natürlich vergaß er dabei nie zu betonen, wie undankbar ein solches Spiel doch sei und dass die Bayern eigentlich nur verlieren könnten. Ähnliches gelte für die kommenden Spiele gegen Cottbus oder im Halbfinale gegen Wolfsburg. Von peinlichen Wortspielen mal ganz abgesehen, als er die üblichen dämlichen Gewinnspielfragen ankündigen musste („Präsident vom FC Bayern? Beckenbauer oder Kroos? – Eine kroosartige Frage!“). In der ersten Halbzeit ein Smalltalk mit Giovane Elber, in der zweiten mit Bastian Schweinsteiger. Mit Schweinsteiger tippte er die Vorrundenspiele der deutschen Nationalmannschaft bei der EM. Als Schweinsteiger anmerkte, dass Anderlecht eigentlich nur zweimal vor das Münchener Tor kam, verpasste Pfandt es selbstverständlich, seinen Co-Kommentator auf diese selten blinde Ansicht hinzuweisen, denn eigentlich hätte es schon 4:1 für Anderlecht stehen müssen. Alles in allem merkte man jedem Beteiligten bei ProSieben an, dass man sich auf ein Schützenfest der Bayern eingestellt hatte. Natürlich war ein Weiterkommen der Belgier (die Pfandt Mitte der zweiten Halbzeit in die Niederlande setzte) unrealistisch, aber muss der Kommentator das dauernd wiederholen? Das Spiel lief wenige Minuten, ein Anderlechter kassierte Gelb. Pfandt: „Das wird ihn nicht interessieren, denn das Viertelfinale für Anderlecht ist Utopie!“. Das ist dermaßen arrogant und respektlos … von journalistischen Ansprüchen mal ganz zu schweigen, aber die stelle ich an ProSieben sowieso nicht.

Ich weiß, vielleicht reagiere ich über, weil ich insgesamt zu wenig TV gucke, die Privaten ohnehin fast gar nicht mehr. Aber dieses unreflektierte, einzig auf „Event“ gerichtete Ausschlachten eines normalen Fußballspiels des FC Bayern geht mir inzwischen dermaßen auf den Senkel, dass man echt die Lust darauf verliert. Gott bewahre, wenn die Einzelvermarktung der BuLi-Clubs kommen sollte …

Eigentlich müsste man das Spiel Minute für Minute sezieren, so wie es seinerzeit mit dem ähnlich peinlichen Auftritt von Katrin Müller-Hohenstein im Bayerischen Rundfunk geschah. Ich hoffe sehr, dass dieses fast schon skandalöse Gebaren des Münchener (!) TV-Senders in der Qualitätspresse der kommenden Tage Erwähnung findet.

Mike Lukanz (Bonn), freier Journalist

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