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Ball und Buchstabe

Man kann von einer relativen Sauberkeit sprechen

Oliver Fritsch | Montag, 25. August 2008 Kommentare deaktiviert für Man kann von einer relativen Sauberkeit sprechen

Doping im Fußball? Unbewiesen, aber nahe liegend? / Olympia in Peking, mindestens eine Nummer zu gigantisch, um echt zu sein / Die Unschuldsvermutung, das Feigenblatt der Sportler

Toni Graf-Baumann, der Vorsitzende der Fifa-Anti-Doping-Kommission, wird von der FAZ über Doping im Fußball befragt, und er gibt sich gesprächsbereit: „Ich möchte nicht wie andere aus der Fifa sagen, dass Doping im Fußball nicht existent ist. Aber man kann von einer relativen Sauberkeit sprechen.“ Der auf der Hand liegenden Beobachtung, dass der Ausdauer eine größere Bedeutung zukomme als früher, begegnet er relativierend: „Die Ausdauerwerte sind im Fußball wichtiger geworden, aber anders als beispielsweise im Radsport sind sie nicht entscheidend. Mit Verlaub, Fußballer stehen während eines Spiels immer noch ziemlich viel herum.“ Schon länger kursierenden Doping-Gerüchten erteilt Graf-Baumann eine Absage, etwa den angeblichen Verstrickungen des spanischen Profifußballs in die Fuentes-Affäre oder den Epo-Vorwürfen Arsène Wengers.

Stattdessen verweist er auf ein anderes Arznei-Phänomen im Fußball: die exzessive Einnahme von Schmerzmitteln: „Bei der WM 2002 nahm jeder zehnte Spieler Schmerzmittel vor jedem Match, zwanzig Prozent bei zwei von drei WM-Spielen und die Hälfte mindestens einmal während des Turniers.“ Allerdings könne man nicht von Doping sprechen: „Das entscheidende Doping-Kriterium ist die künstlich herbeigeführte Leistungssteigerung. Einem gesunden Sportler bringt aber die Einnahme von Voltaren nichts. Ist er müde oder hat er Schmerzen, kann die Leistungsfähigkeit durch die Einnahme von Schmerzmitteln wieder erhöht werden. Die Medikamente helfen, das normale Leistungsniveau zu erreichen, aber sie erhöhen das Niveau nicht. Das ist der Unterschied zu klassischen Doping-Mitteln.“

Spricht hier jemand offen oder spricht hier jemand scheinbar offen? Lenkt Graf-Baumann mithilfe eines kleinen Problems von den großen Problemen ab? Sind seine Zugeständnisse eine Glaubwürdigkeitsstrategie? Wir bleiben zweifelnd.

Que bello! Die „Tropf-Doku“ von Moskau – Fabio Cannavaro (damals AC Parma) lässt sich vor dem Uefa-Pokal-Finale 99 ein angeblich legales Mittel spritzen. Erstaunlich, dass dieses Filmchen an die Öffentlichkeit kam; erstaunlich, dass es überhaupt so offenherzig gedreht wurde; erstaunlich vor allem aber die niedrige Hemmschwelle von einem gesunden Fußballer gegenüber invasiver Arznei.

Die olympische Idee ist zu Tode gesiegt worden

Einer von vielen Kommentaren über das Blendwerk Peking – Ralf Wiegand (SZ) wendet sich ab von den Auswüchsen der Olympischen Spiele 2008: „Der Spitzensport hat es mit seiner Großartigkeit in Peking ganz offensichtlich etwas übertrieben. Um als Vorbild zu taugen, muss die Leistung eines Athleten wenigstens menschlich erscheinen. Die Illusion muss bestehen, dass Talent und Trainingsfleiß ausreichen könnten, um einen Meister zu machen. Usain Bolt aber taugt nicht zum Vorbild. Er, der schaffte, woran eine ganze erwiesenermaßen gedopte Sprintergeneration scheiterte – 9,70 Sekunden über 100 Meter zu unterbieten und überdies die zwölf Jahre alte 200-Meter-Bestmarke zu knacken – kommt sogar seinen direkten Konkurrenten nicht mehr vor wie ein Mensch, sondern wie ein Halluzination. Wer sich ihn zum Vorbild nähme, könnte auch gleich Batman sein wollen. Ähnliches gilt für die programmierten acht Goldmedaillen des US-Schwimmers Michael Phelps oder all die nach chinesischem Staatsplan verwirklichten Siege von gedrillten Turnküken oder maskenhaften Turmspringern. Wem oder was sollte ein Kind da nacheifern wollen: Mit angeblich 16 auszusehen wie eine 10-Jährige? Nicht lächeln zu können auf dem Siegerpodest? Die olympische Idee ist sicher nicht erst in Peking zu Tode gesiegt worden – aber hier besonders.“

Andererseits erkennt Wiegand Zeichen der Gegensteuerung: „Womöglich entwickelt der olympische Wahnsinn aber heilende Kräfte. Im verstörten Publikum bahnte sich in den Tagen von Peking eine interessante Wende an. Zumindest hierzulande ist gelegentlich schon ein wohltuendes Desinteresse zu spüren gewesen an den Nachrichten aus dem olympischen Absurdistan.“

Die Farce aus der Sicht des eigentlichen Opfers attackieren

Wie umgehen mit dem Offensichtlichen, aber Unbewiesenen? american arena entlarvt, in Anlehnung an den deutschen Sprinter und Bolt-Skeptiker Tobias Unger, das vermeintliche Schutzschild Unschuldsvermutung: „Schluss mit der Schimäre der so genannten Unschuldsvermutung, sondern Auftakt für einen neuen Denkansatz, ausgeliehen aus der Strafprozessordnung: den Anfangsverdacht. Wenn nicht sogar den hinreichenden Tatverdacht. Wäre das nicht mal etwas, um die routinierte Abwicklung von hochgehypten Sportereignissen und ihrem Rekordwahn aus dem Gleis zu werfen: Ein Boykott nicht aus sehr abstrakten politischen, sondern aus ganz sportlichen und eigennützigen wirtschaftlichen sowie strafrechtlichen Erwägungen? Nicht mehr starten, wenn eindeutig fragwürdige Personen auflaufen und die Farce aus der Sicht des eigentlichen Opfers attackieren – aus der Sicht des betrugsgeschädigten Athleten? Nicht mehr als Staffage und Pappkamerad zur Verfügung stehen und nicht mehr das absurde Abhalten von Vorläufen und Zwischenläufen rechtfertigen, die keiner braucht, wenn der Gewinner doch sowieso schon feststeht.“

Deutschland ist ganz schön groß

Jürgen Klopp drückt in der SZ erstaunlich eitel seine Verwunderung darüber aus, dass man seine Arbeit noch nicht überall kennt: „Deutschland ist ganz schön groß. Mainz scheint weiter weg zu sein und wird nicht beachtet. Ich habe bei anderen Klubs die Erfahrung gemacht, dass ich mich da erstmal selbst erklären sollte. Ich meine: Was antworten Sie denn, wenn man Sie fragt: Was sind ihre herausragenden Charaktereigenschaften? So was fragt man sich doch gar nicht selber. In Dortmund war das komplett anders. Michael Zorc und später Aki Watzke kannten mich und wollten mich genau deshalb verpflichten. Man hatte den Eindruck, die hatten selber recherchiert, wie ich arbeite.“

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