indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ball und Buchstabe

Lachnummer HSV

Oliver Fritsch | Mittwoch, 1. Juli 2009 8 Kommentare

Leerer Akku, U21 triumphiert mit Hrubesch, Beiersdorfer weg, Confed Cup zu Ende, Weinreich siegt und siegt, Urlaubslektüreliste

Mein Akku hat für die letzte Woche der Saison nicht mehr genug Saft gegeben, daher musste ich die freistoss-Süchtigen alleine lassen. Doch bevor ich mich morgen eine Woche auf eine Insel begebe (von der ein berühmter und teurer Fußballer stammt), um weiße Blutkörperchen zu tanken, reiche ich schnell noch ein paar Häppchen nach.

Kein Grund zum Zurücklehnen

Mit dem Europameistertitel der deutschen U21 befasst sich Michael Horeni (FAZ), der den Trainer in den Vordergrund rückt: „Da haben sich zwei Unterschätzte gesucht und gefunden: Horst Hrubesch und die deutsche Fußballjugend. Hrubesch hat in seiner ganz eigenen Art eine Mannschaft für sich und ihre Aufgabe begeistert, wie das nicht viele erwartet hatten. Der DFB darf sich nicht nur über siegreiche Talente mit großen Perspektiven für zukünftige Welt- und Europameisterschaften freuen – der deutsche Fußball hat auch einen alten Trainer neu entdeckt.“

Jan Christian Müller (FR) hingegen mahnt: „Es sind eine ganze Menge Puzzleteile, die sich nach Siegen bei der U17-EM und der U19-EM zum Titelgewinn bei der U21 so perfekt zusammengefügt haben. Es gibt aber keinen Grund, sich deshalb zufrieden zurückzulehnen. Das DFB-Labor muss nun aus guten Nachwuchsteams Weltklassespieler entwickeln. Bei allem Respekt: So weit ist es noch lange nicht.“

Lachnummer HSV

Martin Sonnleitner (Zeit Online) kommentiert die Entlassung/den Rücktritt Dietmar Beiersdorfers in Hamburg: „Nach sieben Jahren trennt sich der Verein vom Sportdirektor und somit auch ein Stück von seinen Wurzeln. Der ewig schwelende Konflikt mit dem großen Zampano und Präsidenten des HSV, Bernd Hoffmann, hatte sich zum Flächenbrand ausgeweitet und fand nun ein jähes Ende. Das Ende eines Machtkampfes, bei dem Beiersdorfer schließlich die Reißleine gezogen hatte. Die beiden HSV-Vorstände hätten nicht unterschiedlicher sein können: auf der einen Seite Hoffmann, der machtbewusste Charakter, smart, in jeder Situation kommunikativ und äußerst raffiniert; auf der anderen Seite Beiersdorfer, bedächtig introvertiert und integer, doch holprig in der Außenwirkung. Aber: Während dem ehemaligen Verteidiger absolutes Fußballfachwissen attestiert wird, haftet dem charismatischen Präsidenten der Ruf eines Unkundigen an. Jemand, der ebenso gut ein Staubsauger-Imperium lenken könnte. Hoffmanns stets machthungrige Attitüde war es, die Beiersdorfers Geduld ein Ende setzte. Es ging um Kompetenzgerangel und um die Einschätzung der abgelaufenen Saison, die schließlich zu seiner Demission führte.“

Rainer Schäfer (Berliner Zeitung) kritisiert Hoffmann hart: „Der HSV hat sich ganz offensichtlich schon vor dem Start der neuen Saison entschieden, die Bundesligastadien als konkurrenzlose Lachnummer zu betreten. Kaum war Martin Jol nach Amsterdam geflüchtet und der Nachfolger gefunden, traten Beiersdorfer und Hoffmann zum öffentlichen Hahnenkampf an, bei dem alle Kampfstile zugelassen waren. Das unwürdige Kompetenzgerangel beendete der Aufsichtsrat mit der Entlassung Beiersdorfers, der nicht als Urheber des Konflikts gilt. Dass Hoffmann Beiersdorfer verfehlte Personalpolitik vorhält, ist einer der derbsten Treppenwitze in der Geschichte der Bundesliga. Beiersdorfer hat mit den Transfers von Rafael van der Vaart, Khalid Boulahrouz oder Nigel de Jong erst dazu beigetragen, dass sich der HSV bis auf Platz 21 der Uefa-Klubrangliste vorarbeiten konnte – womit sich Hoffmann gerne brüstet. Aber der Vorstandsvorsitzende hat eine unangenehme Eigenschaft: Erfolge beansprucht er gerne für sich, mit Misserfolgen sollte man ihn besser nicht behelligen. Eine Masche, die auch an Dietmar Beiersdorfer fraß.“

Sichtbarmachung von Bekanntem

Ein Fazit des Confed Cups zieht Martina Schwikowski (taz) und konzentriert sich auf die Organisation: „Die Schwachstellen waren vor dem Confed Cup bekannt. Das Turnier aber hat sie noch einmal sichtbar gemacht, damit sie bis zur WM beseitigt werden können: Die Transportprobleme stehen ganz oben auf der Liste. Das kurzfristig auf die Beine gestellte Park-and-ride-System war bisweilen chaotisch, verbesserte sich jedoch im Laufe der Veranstaltung. Während die Politiker mit streikenden Taxiunternehmern über den Einsatz von neuen Bussen verhandeln, läuft die Zeit: Südafrikas öffentliches Transportsystem ist mangelhaft, wird aber langfristig von den Vorbereitungen auf die WM profitieren. Die Stromversorgung soll mit privaten Generatoren abgesichert werden, damit nicht wie bei Beginn des ersten Spiels im Medienzentrum in Ellis Park die Lichter ausgehen. Südafrika hat das veraltete Stromsystem nicht ausreichend für stetig zunehmende Belastungen eines wirtschaftlich aufstrebenden Landes nachgerüstet, doch daran arbeitet der staatliche Stromlieferant Eskom und ist zuversichtlich, was die Versorgung der WM angeht. Sicherheitschecks wurden nicht jeden Tag mit gleicher Intensität vorgenommen, werden aber laut Veranstalter vor den Spielen künftig verstärkt. Auf dass bei der WM organisatorische Probleme nur noch eine Fußnote sein mögen.“

Vor genau einer Woche hat Jens Weinreich den Grimme Online Award gewonnen. Von einem hochverdienten Sieg ist zu berichten. Hier spricht er auf der Bühne:

Für mich, der die Hartplatzhelden vertrat, blieb auch was übrig:

Jetzt geht’s also erstmal auf Reisen, es ist ja ohnehin Sommerpause. Wer will, kann ja Fernsehen gucken, so weit ich weiß, überträgt das DSF täglich das Auslaufen der Bayern. Ich jedenfalls leg die Füße hoch.

Und weil so viele nachgefragt haben – hier ist meine Lektüreliste für den Urlaub:

  • Jeff Jarvis: Was würde Google tun?
  • Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob (zur Wiedervorlage, harte Kost, ich weiß, und wer Anlässe braucht: zum 50-jährigen Jubiläums des Erscheinens und 25. Todestags des Autors am 20. Juli)
  • Reclam Taschenbücher: Erläuterungen zu Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob
  • Heike Faller: Wie ich einmal versuchte, reich zu werden
  • Andrei S. Markovits: Amerika, dich haßt sichs besser
  • Bernhard Peters: Führungsspiel
  • Aus der Rubrik ungelesene Klassiker:

  • Joseph Conrad: Herz der Finsternis
  • Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone
  • J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen (welch Lücke, welch Outing!)
  • Und morgen früh schau ich noch mal am Frankfurter Flughafen nach aktueller Fiktion. Ich denke, ich gebe Judith Hermann noch ne Chance. Viel Stoff. Mal sehen, wie weit ich komme. Aber ich habe nun mal panische Angst davor, dass mir die Lektüre ausgeht. Ich bin nun unterwegs.

    freistoss des tages

    Kommentare

    8 Kommentare zu “Lachnummer HSV”

    1. Fritz Viereck
      Mittwoch, 1. Juli 2009 um 23:08

      Ich rate mal: Nach Madeira? Guten Flug! Und zu der Liste der ungelesenen Klassiker: Salinger musst Du nicht unbedingt lesen, Houellebecq schon eher, aber Conrad ist Pflicht, in echt. Ist aber natürlich nur mho.

    2. Rolls
      Donnerstag, 2. Juli 2009 um 04:24

      Nette Liste, aber Markovits ist nun wirklich eine akademische und intellektuelle Vollentgleisung. Furchtbare neokonservative Dummbeutelei.

      Und dann macht so ein Widerling auch noch auf Fussballfan. Sackdumm, aber wirklich.

      Schönen Urlaub ansonsten.

    3. Frankfurt die Macht!
      Donnerstag, 2. Juli 2009 um 10:30

      Und warum nicht Hrubeschs Angelbuch?!
      Uwe Johnson hat immer meine Mutter mit glühender Verehrung gelesen, deshalb bleibt er mir bis heute verdächtig.
      Führungsspiele von Peters hat vielleicht nicht ganz Conrad’s Niveau, ist aber für alle im Sportbusiness – vor allem natürlich Trainer – wirklich hochinteressant.
      Doch: Wer nicht Coetzee gelesen hat, kann nie behaupten, er wisse, was gutes Schreiben ist.
      Schönen Urlaub!

    4. netherlandanian
      Donnerstag, 2. Juli 2009 um 14:31

      …ich empfehle sehr „being John McEnroe“ , englische Version als Lektüre.

      Viel Spaß im Urlaub!

    5. Markus
      Donnerstag, 2. Juli 2009 um 18:55

      Mein Tipp: Thierry Henry und Martinique. Ist übrigens sehr schön dort.

      Ich würde Ihnen dann auch passend zur Strandlektüre die Strände „Grand Macabou“, Les Salines und ganz im Norden Anse Couleuvre empfehlen.

      Auch wenn Henry selbst bei Paris geboren ist, seine Mutter stammt aus Martinique, sein Vater aus Guadeloupe.

    6. Lena
      Freitag, 3. Juli 2009 um 01:59

      Dann mal viel Spass auf der Insel ohne Strand.

    7. Ingrid
      Freitag, 10. Juli 2009 um 00:36

      Also ich tippe auf Gran Canaria. Da kommt auch ein teurer Fußballer her.

    8. Ingrid
      Freitag, 10. Juli 2009 um 16:51

      Änderung meines Tipps: Madeira, da kommt ein noch teuerer Spieler her.

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