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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Vermischtes

Eine nagelneue Küche nur für eine Tasse Tee

Frank Baade | Montag, 28. Dezember 2009 2 Kommentare

Nicht alle sind von der WM 2010 begeistert, der Fußball in Deutschland frisst die übrigen Sportarten auf, Klopp und Rost jeweils im Interview, Aston Villa spielt very british, u. v. m.

Einen sehr bunten Strauß Themen gibt es heute, zwischen den Jahren: Während der hiesige Fußball ruht, geht es über die Insel via der deutschen Polizei, Interviews mit zwei Protagonisten der Bundesliga und der WM in Südafrika, die nicht alle so lieben wie es den Anschein macht, schließlich zum Thema, wozu der Fußball in Deutschland mittlerweile mutiert ist. Doch beginnen wir auf der Insel, wo sich ein Team seiner vermeintlichen Wurzeln entsinnt.

Prä-globalisierter Insel-Fußball

In der englischen Premier League gewann Arsenal zwar zuletzt mit 3:0 gegen Aston Villa. Doch schickt sich Villa weiterhin an, in eine langwährende Phalanx einzubrechen. Raphael Honigstein im Tagesspiegel über den neuen, alten Stil, den Aston Villa pflegt: „Trainer Martin O‘Neill verfolgt im vierten Jahr im Amt ein klares Ziel: Der Nordire will das Kartell der ‚Großen Vier‘ (Arsenal, Chelsea, Manchester United, Liverpool) sprengen, indem er die Uhr zurück dreht. Mit den Millionen des amerikanischen Milliardärs Randy Lerner hat O‘Neill ein vorwiegend englisches und kampfstarkes Team zusammengestellt, das prä-globalisierten Insel-Fußball auf den Rasen bringt. Chelseas Trainer Carlo Ancelotti wunderte sich nach der 1:2-Niederlage in Birmingham über Villas ‚unglaubliche Intensität‘; Liverpool und United verloren ebenfalls gegen O’Neills Retrokicker. Besonders Lerner erfreut sich als Eigentümer alter Schule größter Beliebtheit. Der New Yorker überlässt O’Neill die alleinige Verantwortung – und er erweist auch der Historie Respekt.“ So hat er den heruntergekommenen, klubeigenen Pub für vier Millionen Pfund renovieren lassen. Dort werden nun alte Größen wie jene vom Europapokalsieg 1982 gegen den FC Bayern gewürdigt. Es geht weiter vorwärts mit diesem britischen Stil, doch Rückschläge bleiben nicht aus: „Bei Arsenal offenbarte sein Team gestern neben seinem Potenzial auch deutlich seine Schwächen. Villas Spiel ist körperlich unheimlich aufwendig, es fehlt die Ballkontrolle im Mittelfeld. Das war in der vergangenen Rückrunde das Problem – und auch nach dem Seitenwechsel am Sonntag, als Arsenal seine Passkombinationen mit viel mehr Entschlossenheit ausspielte.“

Beispiel Schwertransporte

Wer trägt die Kosten für die Einsätze der Polizei im Profi-, aber auch im Amateurfußball? Christian Lauenstein ahnt in der Financial Times Deutschland, dass Bewegung in diese lange Zeit festgefahrene Diskussion kommen könnte. Der Hamburger Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) übernimmt 2010 den Vorsitz der Innenministerkonferenz: „Vor allem im Amateurfußball werden gewaltbereite Fans immer mehr zum Problem. In der Saison 2008/09 wurden im Umfeld von Fußballspielen 6303 Ermittlungsverfahren eingeleitet, 830 Personen im Umfeld von Spielen der ersten drei Ligen verletzt. Tausende Polizisten sind deshalb Wochenende für Wochenende im Einsatz, allein bei einem Heimspiel des Hamburger Sportvereins stehen jedes Mal 100 bis 300 Polizisten bereit.“ Lange Zeit habe man stillgehalten, nun bewege sich etwas: „Angesichts der klammen Haushalte ändert sich die Meinung allmählich in den Landesregierungen. Als Vorsitzender der IMK wird Ahlhaus einen großen politischen Gestaltungsspielraum haben, die Diskussion voranzutreiben.“ Wie dabei genau zu verfahren sei, ist strittig. „Nach deutschem Polizeirecht kann man nur demjenigen die Polizeikosten aufbürden, der eine Störung auch verursacht. Und das sind nicht die Vereine oder der DFB, sondern gewaltbereite Zuschauer. (…) Eine Gebühr für Polizeieinsätze sei keinesfalls ein Novum, Ahlhaus verweist auf das Beispiel Schwertransporte. Hier sichere die Polizei ebenfalls eine Gefahr ab, und für diese Dienstleistung müsse die Schwertransportfirma am Ende auch bezahlen. (…) Bei allem Streit steht jedoch eines fest: In die Diskussion wird 2010 neue Bewegung kommen. Dafür werden die deutschen Innenminister sorgen.“

„Fußballbekloppt“, ausnahmsweise nicht Calmund

Daniel Theweleit war in der 6. Liga, in Krefeld, und hat den spendablen Präsidenten des dortigen KFC kennen gelernt (Berliner Zeitung): „Kourkoudialos, den hier alle nur Herr Lakis nennen, hat sich vor zwei Jahren entschlossen, einen Teil seines Vermögens in den ausgebrannten Klub zu pumpen, spontan, wie er sagt. Damals standen die Krefelder kurz vor der dritten Insolvenz innerhalb weniger Jahre, Lakis ist der Retter. ‚Das ist ein Fußballbekloppter‘, sagt einer von den Fans am Stadion, ‚der Mann ist richtig durchgeknallt.‘ Für die Idee, Ailton, Zivkovic und Hamann in die sechste Liga zu holen, ist der Begriff durchgeknallt nicht unpassend, auch der Name Olaf Thon geistert herum, er könnte Sportdirektor in Krefeld werden. Eigentlich macht Lakis aber einen ganz vernünftigen Eindruck. Er ist geschmackvoll gekleidet, kein steifer Krawattenträger, und in manchen Momenten wirkt er wie ein Junge, der mit seinem neuen Spielzeug hantiert. Neuerdings hat der Klub auch einen offiziellen Fanshop, vier KFC-Artikel gibt es: das Ailton-Trikot, ein Retro-Shirt, einen Schal und einen Kugelschreiber, aber das ist erst ein Anfang. Alles soll wachsen, und das Ziel ist die Dritte Liga. Zumindest vorerst.“

Nicht normal, dieser Wanderzirkus

Frank Rost gibt in der Welt Sven Flohr ein Interview, in dem er zum Thema „mündiger Profi“ und der Art und Weise der Kritik-Äußerung Stellung bezieht: „Es wird zwar von den Klubs propagiert, seine Meinung intern zu sagen, aber das stimmt nicht. Sagt man sie extern, bekommt man ein paar auf den Deckel. Und sagt man sie intern, bekommt man auch nicht immer ein Dankeschön. Selbst wenn die Kritik konstruktiv ist. Heutzutage muss man schon aufpassen, was man wem sagt. Wer Kritisches anspricht, gilt schnell als Querulant oder Nestbeschmutzer.“ So hat er selbst seine Erfahrungen mit Kritik an Verhaltensweisen von Teammitgliedern gemacht: „Wenn man so etwas intern anspricht, hat man das Gefühl, als wenn die Leute denken: Ach, lass ihn labern. Wenn ich es aber öffentlich sage, denken auch andere darüber nach und es beginnt eine Diskussion. Und gerade diese moralische Diskussion, inwieweit Spieler sich noch mit ihrem Verein identifizieren, wird unweigerlich auf uns zukommen. Es ist doch nicht normal, was für ein Wanderzirkus der Profifußball geworden ist.“

„Wir stecken eindeutig zu wenig Geld in Bildung“

Eloquent wie man ihn kennt steht Jürgen Klopp in der SZ Freddie Röckenhaus Rede und Antwort zu diversen Themen. Zunächst widmet er sich der Frage, ob und wie die Fans ihren Unmut ausdrücken dürfen: „Es ist ja so, dass das Verhältnis zwischen Fans, Verein und Spielern immer ein irgendwie erzwungenes ist. Der Fan nimmt den Spieler meist nur als temporäre Erscheinung wahr, der hier halt eine Zeit lang seinen Arbeitsplatz hat. Der Fan aber ist meist lebenslang in seinen Verein verliebt.“ Um zum Thema Gewaltbereitschaft der Fans fortzufahren: „Man kann aber nicht immer nur sagen: Ist ja verständlich, dass die jungen Leute so ausrasten, wenn die Verhältnisse so sind, dass sie subjektiv das Gefühl haben, dass sie chancenlos sind. Wir müssen schon dafür sorgen, dass Gewaltbereite den Spaß daran verlieren. Da braucht es klare Sanktionen. Aber richtig ist auch: Wir stecken eindeutig zu wenig Geld in Bildung. Mir scheint, dass keiner dafür zahlen will. Mir reicht’s schon immer, wenn ich wieder lese, dass wir zu wenig Lehrer haben. Bei einigen Leuten ist der moralische rote Faden gerissen, an dem wir durchs Leben gehen sollten. Da müssen wir ansetzen.“ Weiter gibt Klopp Einblick in den Umgang mit seinen Spielern, wie er damit verfährt, wenn er einige von ihnen nicht aufstellen kann, und dass er durchaus auch in den Privatleben der Spieler interveniert, wenn er es für angemessen hält.

Radikaler, fragiler Wandel

Es ist an vielen Orten schon Zeit, Bilanz dieses Jahrzehnts zu ziehen, was etwas verwundert, da es doch noch gar nicht zu Ende ist. Nichtsdestotrotz erinnert Christian Gödecke (Spiegel Online) daran, wie zerbrechlich jene Reformen waren, die Jürgen Klinsmann mit seinem Tross von 2004 an im deutschen Fußball in die Wege leitete: „Die eigentliche Bedeutung des Sommermärchens reicht weit über das Jahr 2006 hinaus. Denn nicht zufällig bilden die Stammspieler von damals auch heute noch den Kern der Nationalmannschaft, die das EM-Finale 2008 erreichte und sich ohne eine Niederlage für die WM 2010 qualifizierte. Das Sommermärchen brachte zudem die letzten Zweifler zum Schweigen, ob sie beim DFB saßen oder in der Presse. Die Botschaft war: Der Weg ist der richtige. (…) Das deutsche Spielsystem soll wie ein Anzug sein, der immer passt, egal wer ihn trägt. Das war der Plan, und er scheint schon wenige Jahre nach seinem Entwurf aufzugehen. Dabei wäre er beinahe gescheitert. Selten in der Geschichte des deutschen Fußballs war ein Wandel radikaler – und damit auch fragiler. Denn es wurde nicht nur die Mannschaft verändert, sondern ein ganzes System.“

Viele fragen sich, welche Motive wirklich dahinter stecken

Vom damaligen Sommermärchen zum diesmaligen Wintermärchen, welches kurz bevorsteht — die WM 2010 in Südafrika. Mit Johannes Dieterich gibt endlich einmal jemand jenen Stimmen Raum, die sich der für gewöhnlich inszenierten Euphorie über die Austragung der WM in Südafrika nicht anschließen. In der Stuttgarter Zeitung berichtet er über Sedick Isaacs, der ebenfalls auf Robben Island einsaß, sich aber mit der Verherrlichung des damaligen Fußballspielens nicht anfreunden will. Schließlich hätte diese Episode dort selbst lange niemanden mehr interessiert. „Erst als Charles Korr während eines Forschungsaufenthaltes in Kapstadt auf Dokumente der Makana FA gestoßen war, fiel wieder Licht auf dieses Kapitel. Auch die Fifa wurde auf die stolzen Kicker aufmerksam: Einen besseren Gründungsmythos für die erste Weltmeisterschaft in Afrika konnte es gar nicht geben. Posthum wurde der Gefängnisfußballverband Makana FA zum Ehrenmitglied der Fifa ernannt. Jedes Mal, wenn er hierher komme, sei er tiefer bewegt, sagte Joseph Blatter beim jüngsten Besuch Anfang Dezember und weinte dabei fast.“ Doch seien nicht alle so einfach einzulullen. „Sedick Isaacs findet den Rummel etwas obszön, den die Fifa um die Insel mache: ‚Viele fragen sich, welche Motive wohl wirklich dahinter stecken.‘ Marcus Solomon, Isaacs Freund und Makana-Partner, fehlte bei dem Massenauftrieb ganz.“ Solomon nerve dieser WM-Trubel hauptsächlich. „Südafrika werde für die Austragung des Mega-Ereignisses zu enormen Ausgaben gezwungen, die der Entwicklungsstaat an anderen Stellen sehr viel nötiger habe. ‚Es ist, als ob wir uns eine nagelneue Küche kaufen müssen, nur weil Herr Blatter eine Tasse Tee trinken will‘, schimpft Marcus Solomon und empfiehlt, was damals schon im Machtkampf wirkte: den Boykott der WM.“

Von einer Sportart zum großen Gesellschaftsspiel mutiert

In der taz bilanziert Andreas Rüttenauer das vergangene (Sport-)Jahrzehnt, das vor allem unter einem Stern stand, dem des Fußballs: „Tennis lag schon im Sterben, als das Jahrzehnt begann. Handball war nur kurz lebendig, eine Weltmeisterschaft lang. Der Radsport ist in Blutbeuteln ertrunken. Die Leichtathletik wurde in einem kalifornischen Chemielabor abgewickelt. Vor Kurzem ist der Eisschnelllauf an erhöhten Retikoluzytenwerten eingegangen. Zum Ende der Nullerjahre steht fest: Deutschland ist keine Sportnation mehr. Es gibt nur noch Fußball. (…) Bis heute gilt: Die Deutschen lieben ihren Fußball, egal wie gut er ist. Sie kaufen munter weiter den Spielsport, der ihnen beinahe Tag für Tag als Superprodukt präsentiert wird.“ Die übertragenden Fernsehanstalten seien längst zu Mitveranstaltern des Fußballs geworden, die ihr Produkt weiterverkaufen müssten. Auch die Sportschau stelle ihre Stars selbst her, über die sie berichte. „Sie drückt die Fußballer in den Alltag der Menschen, bis nicht wenige glauben, sie würden diese jungen Männer kennen. Und wenn es einer nicht mehr schafft und sich vor den Zug wirft, dann sind sich nicht nur eingefleischte Fans sicher: Der da gegangen ist, war einer von uns. (…) Der Fußball ist von einer Sportart zum großen Gesellschaftsspiel mutiert. In dem müssen alle mitspielen, die etwas sind oder werden wollen im Land.“

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Kommentare

2 Kommentare zu “Eine nagelneue Küche nur für eine Tasse Tee”

  1. Killkenny
    Dienstag, 29. Dezember 2009 um 14:45

    Eine kleine Anmerkung: Das Interview mit Klopp in der SZ ist von Freddie Röckenhaus geführt.

  2. Frank Baade
    Mittwoch, 30. Dezember 2009 um 10:58

    Danke für den Hinweis.

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