indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Internationaler Fußball

Ohne Ronaldo ist Manchester United nicht mehr Weltklasse

Frank Baade | Donnerstag, 31. Dezember 2009 5 Kommentare

In der Premier League brechen die lange Zeit zementierten Verhältnisse auf, Manchester City ist der reichste Klub der Welt; in L‘Aquila soll der Fußball nach dem tödlichen Erdbeben zurück in die Normalität helfen

Einzigartige Strahlkraft des Arbeiterklubs

Es steht nicht gut um den FC Liverpool, allerdings sei der Klub immer noch eine Marke, die Wert besäße. Michael Ashelm (FAS) gibt einen Überblick: „Liverpool geht schweren Zeiten entgegen. Den Klub drücken hohe Schulden – und die Mannschaft fabriziert auf dem Platz einen Flop nach dem anderen. In der Champions League schied der Sieger von 2005 und Finalist von 2007 dieses Mal schon nach der Gruppenphase aus, was einen hohen finanziellen Schaden bedeutet. In der heimischen Liga hängt die Mannschaft des spanischen Trainers Rafael Benítez ebenfalls hinterher. Am zweiten Weihnachtsfeiertag gab es zur Abwechselung einen wichtigen 2:0-Heimsieg gegen die Wolverhampton Wanderers.“ Es sei dennoch elementar, sich für das nächste Jahr für die Champions League zu qualifizieren, denn nur dann könne man das Team verstärken und Schulden abbauen. Neuerdings spielt auch Manchester City, vor allem finanziell, in der selben Region wie die großen Vier der Premier League. Eine „rote Apokalypse“ stehe in Anspielung auf die Klubfarben des FC Liverpool bevor. Trainer Rafael Benitez stehe jedoch nicht im Fadenkreuz der Kritiker. Einerseits wisse man gemeinhin, dass er seinen Kader mit weniger Geld als die Konkurrenten zusammenstellen musste, andererseits könne man sich eine Entlassung samt Abfindung ohnehin nicht leisten. Ziel der Misstöne seien die beiden Eigentümer Hicks und Gilett. Die von vielen Fans gewünschten Investitionen tätigten die beiden nicht, vielmehr erweckt es den Anschein, als würden sie dem Klub sogar noch Gelder entziehen, um an anderen Schauplätzen ihre Finanzen zu stabilisieren. So käme den meisten Geneigten ein eventueller Verkauf an Investoren aus dem Nahen oder Fernen Osten gar nicht ungelegen. Ein Untergang der Marke „FC Liverpool“ sei kaum wahrscheinlich, äußert sich ein Experte, denn die Strahlkraft des Klubs mit seiner Geschichte sei einzigartig. Beim Trikotsponsoring erziele man die selben Werte wie Manchester United, allein das zu kleine Stadion erziele vergleichsweise wenig Gelder. Unter den aktuellen Bedingungen werde sich nichts ändern, aber die Bedingungen könnten sich bald ändern.

Eher Popularität als Gewinn angestrebt

In der FAZ blickt Michael Ashelm weiter nach England, diesmal mit Fokus auf den neuen Rivalen Liverpools um die großen Töpfe der Champions League: Manchester City. Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan ist erst kürzlich eingestiegen in das Business des ganz großen Fußballs. Ex-Trainer Mark Hughes fiel bereits den hohen – sportlichen – Erwartungen zum Opfer, Nachfolger Roberto Mancini führte sich mit zwei Siegen ein. Gerüchte, dass sich der Scheich auch für den Kauf Real Madrids interessiere, dienten wohl eher dem Generieren von allgemeiner Aufmerksamkeit als dass sie realistisch seien. Die Geldgeber aus dem Nahen Osten machen aber auch so überall im englischen Fußball Schlagzeilen. Ein Konsortium hatte letztens den ältesten englischen Klub überhaupt, Notts County aus der vierten Liga, erworben. Beim FC Portsmouth ist ein Saudi der Eigentümer, und – siehe oben – um den FC Liverpool und auch um Lokalrivale FC Everton wabern Übernahmegerüchte. In erster Linie gehe es diesen Investoren um die Mehrung ihrer Popularität und nicht um Gewinnerzielung, glaubt man gemeinhin. Der reichste Klub der Welt ist Manchester City vor seinem neuen Hintergrund ohnehin bereits: Auf 600 Milliarden Euro wird das Vermögen des Scheichs geschätzt.

Die Spitzenteams sind schlechter geworden, nicht umgekehrt

Der neue Wind, der die Premier League durcheinanderwirbelt, kommt den allermeisten Fans sehr gelegen, und selbst Arsenals Trainer Arséne Wenger begrüßt die Veränderung. Denn die Vorherrschaft der großen Vier ist brüchig geworden. „Titelverteidiger United hat schon fünf Spiele verloren, mehr als in der gesamten letzten Saison. Auch Tabellenführer Chelsea wirkte zuletzt alles andere als souverän, ebenso wenig wie der Lokalrivale Arsenal. Und Liverpool ist mit sieben Niederlagen – mehr als in den letzten zwei Spielzeiten zusammen – bis auf Platz acht abgestürzt.“ Florian Haupt (Welt) erläutert die Gründe. Aston Villa gehöre zu jenen Kandidaten, die oben mitmischen wollen. Ob sie das schließlich tun werden, hänge nicht in erster Linie vom eigenen Leistungsvermögen ab. „So sehr sich Mittelklasse und teilweise Unterbau der Premier League verbessert haben mögen: vor allem sind die Spitzenteams schlechter geworden. Bis auf Chelsea verloren sie allesamt Schlüsselspieler, gleichzeitig erschwerten Finanzkrise, ein neuer Spitzensteuersatz und der schwache Pfundkurs die Akquise. Die Besten der Welt spielen inzwischen mehrheitlich in Spanien. Manchester United etwa ist ohne Cristiano Ronaldo immer noch ein sehr gutes Team, aber trotz eines starken Wayne Rooney keine absolute Weltklasse mehr. Es fehlen die Überraschungen, es fehlt der Einschüchterungsfaktor. Weil die Rivalen nun vor allem das Konterspiel nicht mehr so stark fürchten müssen, können sie mutiger angreifen.“ Neben Liverpools sportlicher und finanzieller Krise (siehe oben) fehle Arsenal wegen des fast schon manischen „Jugendkults“ von Wenger manchmal die Cleverness. Demgemäß seien auch Einbrüche in der Champions League zu befürchten. Doch: „Zur Verzweiflung treibt das auf der Insel niemanden. Der englische Fußball, rasant wie eh und je, ist plötzlich auch ergebnisoffen.“

Der Fußball soll die Trauer an die Wand spielen

Im italienischen L‘Aquila, im April 2009 Zentrum eines Erdbebens mit vielen Todesopfern, spielt Marco Villa Fußball, in der vierten italienischen Liga. Nach der Katastrophe habe man so schnell wie möglich wieder gespielt, berichtet Birgit Schönau in der SZ. Fußball sei im Alltag von Italien viel wichtiger als in Deutschland, zitiert sie Marco Villa. „Vielleicht, weil er die Säule des italienischen Alltags ist? Wenn alles aus den Fugen gerät, kann man noch spielen.“ Nur zwei Tage nach dem Erdbeben, als noch nicht alle Toten gefunden waren, spielten die Jungen von L‘Aquila wieder Fußball. „Sie hatten kein Zuhause mehr, aber sie hatten irgendwo einen Ball gefunden. Sie spielten auf Socken, denn ihre Schuhe waren in den Trümmern geblieben. Marco Villa nahm als Kapitän von L‘Aquila Calcio am Begräbnis der Opfer teil. Das Schlimmste, sagt Villa, seien die weißen Särge der Kinder auf den dunklen der Eltern gewesen. Villa sagt nicht, dass er vor kurzem auf einer Beerdigung in einem Fußballstadion war. Er führte die Witwe von Robert Enke in das Stadion von Hannover 96 und stützte sie während der Trauerfeier. Marco Villa war Robert Enkes bester Freund. (…) Es gibt keinen Platz für die Traurigkeit im Fußball, denn der Fußball soll schließlich die Trauer an die Wand spielen. Das ist seine Aufgabe. Alle Spieler von L‘Aquila Calcio, sie alle sagen, sie seien froh gewesen, wieder spielen zu können.“ Nach der letzten Partie hätten 800 frierende Zuschauer ihr unterlegenes Heimteam ausgepfiffen. „Auch das ist Normalität: zu Hause verlieren, freiwillig auf dem Stehplatz festfrieren, ein Spiel so richtig verkrachen, Pfiffe kassieren. Das sind wunderbare Zeichen. Sie bedeuten: In L‘Aquila alles wie gehabt. Zumindest im Stadion.“

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Kommentare

5 Kommentare zu “Ohne Ronaldo ist Manchester United nicht mehr Weltklasse”

  1. matthias
    Donnerstag, 31. Dezember 2009 um 17:23

    Danke für die exzellente Arbeit in 2009!

  2. Ste
    Donnerstag, 31. Dezember 2009 um 21:48

    Die meisten deutschen Journalisten wissen doch selbst nicht mehr, was sie über die Premier League sagen wollen. Am Anfang wurde sie ihrere Vormachtstellung in Europa euphorisch beraubt, dann musste man konstatieren, dass es nun doch nicht so ist, und seit Liverpool sich aus der Königsklasse verabschiedet hat, bekommen die Kritiker nun doch wieder Nahrung.

    Wenn König nun Manchester United das Prädikat „Weltklasse“ beraubt, dann steigt er damit nur auf diesen Zug auf. Diese Spitze musste ja mal wieder sein.

    Dabei sollte man aber eine Zwischenfrage stellen dürfen: War Barcas Beinahe-Blamagen gegen Kiew und Kazan auch das Prädikat „Weltklasse“ wert? Wenn nicht, welche Mannschaft sonst sollte es aber bekommen, wenn nicht die rein titelmäßig betrachtete Über-Mannschaft des letzten Jahres?

    Das nur noch mal zum Jahresende. Auf ein gutes Neues.

  3. Lena
    Freitag, 1. Januar 2010 um 17:05

    „Der reichste Klub der Welt ist Manchester City vor seinem neuen Hintergrund ohnehin bereits: Auf 600 Milliarden Euro wird das Vermögen des Scheichs geschätzt.“

    ROFL

    Sportjournalisten der FAZ. Unfassbar. Aber steht ja im Original gar nicht so. Scheich hat 17 Mrd. Euro im „Zugriff“. Muss nur Leute finden, die seine Anteile an den Dubaier Baufirmen und Shoppingmalls zum richtigen Preise in Cash kaufen können…. Reich isser schon. Und die 600 Mrd. gehören nicht ihm, eher dem ganzen Volk und mehr ist dann nicht mehr. Nur noch Wüste. Also mithin auch viel auf Sand gebaut.

    Und wenn dem Scheich die Gesänge in den Stadien auf den Nerv gehen, dann ist der Verein gleich wieder arm. Oder weiter verhökert an einen anderen dubiosen Dubiosen. Ist doch eher ein armer Verein. Fan möchte ich nicht sein.

  4. juwie
    Freitag, 1. Januar 2010 um 17:37

    Vielen Dank für den if 2009!

    Dem englischen Fußball hat sich übrigens auch die SZ gewidmet: http://www.sueddeutsche.de/sport/715/499000/text/

  5. Heffer
    Freitag, 1. Januar 2010 um 19:47

    Eine ungeklärte Frage ist : Was bedeutet Weltklasse?

    Ist es der jetzige Standpunkt (ein verletzter Schlüsselspieler und ade Weltklasse)
    oder die Summe des Erreichten des Vergangenen Jahres (oder der letzten 2,3,4 Jahre) oder die Aussichten (Schulden, Überalterung, ungeduldiger Scheich)

    Manch einer würde bestimmt auch das Verhalten während schlechter Phasen dazunehmen (was, wenn sich der Vfb an 2007 erinnert ;))

    Ist doch alles bloss Ansichtssache und ich würde Liverpool in der hinsicht auch nicht gar so schnell abschreiben.

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