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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch

Eine Frage der Politik

Kai Butterweck | Donnerstag, 21. Oktober 2010 4 Kommentare

Die IFAB hat in Wales die Entscheidung über die Zulassung technischer Hilfsmittel ein weiteres Mal vertagt – zum Leidwesen der Betroffenen

Georg Gruber (dradio.de) beschäftigt sich mit dem Chip im Ball und sieht in dieser Technik Vorteile gegenüber dem Videobeweis: „In einem Gewerbegebiet im Norden Münchens, zwischen Unterföhring und Ismaning – hier sitzt das Unternehmen, das die Fußballwelt gerechter machen möchte. Im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes. Dass die Cairos Technologies AG etwas mit Fußball zu tun hat, kann man schon am Fußabstreifer erahnen. Der hat, wie könnte es anders sein, die Form eines Fußballfeldes. 2001 hatte Cairos das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen mit der Realisierung der Chip-im-Ball-Idee beauftragt. Ein vierzigköpfiges Team entwickelte schließlich eine Wireless-Tracking-Technologie. Doch beim ersten großen Test, der U-17-WM in Peru 2005, floppte das System, angeblich zeigte es bei einem Spiel, das 1:0 endete, sechs Treffer an. Cairos entwickelte in Eigenregie ein anderes System, die Goal-Line-Technologie. Wiederum mit einem Chip im Ball. Im Fokus steht bei dieser Technik nur die Frage: Tor – ja oder nein. Sicher ist, dass damit das Spiel Deutschland gegen England in Südafrika anders verlaufen wäre. Mithilfe der Magnetwellen kann die Position des Balles auch dann ermittelt werden, wenn zum Beispiel der Torwart oder mehrere Spieler auf dem Ball liegen. Ein Vorteil gegenüber dem Videobeweis.“

Sepp Blatter der Technikfeind

Christoph Wolf (n-tv.de) erzürnt sich über Sepp Blatters stetige Apologien bezüglich seiner Technikphobie: „Die Menschlichkeit des Milliardenspiels Fußballs führt auch Fifa-Präsident Joseph Blatter gern an, wenn er seine Technikfeindlichkeit zu rechtfertigen sucht. Der Schweizer ist ein ausgewiesener Gegner von technischen Hilfsmitteln im Fußball, sagt das seit dem skandalösen Phantomtor von Bloemfontein und den insgesamt schwachen Schiedsrichterleistungen bei der Fußball-WM in Südafrika aber lieber nicht mehr offen. Stattdessen schiebt er vermeintliche Mängel bei den Technologien vor. Dem Ifab vorgestellt wurden zuletzt der Chip im Ball, den der DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel gern eingeführt sehen würde, und das so genannte `Hawk Eye`. Mit Blick auf das `Hawk Eye` begründete Blatter die Entscheidung später mit den fünf Sekunden Verzögerung bis zur Entscheidungsfindung und damit der Notwendigkeit einer Spielunterberechung beim Einsatz dieser Technik. Ein Totschlagargument, schließlich ist der Spielfluss der Fifa genauso heilig  wie die Menschlichkeit fataler Fehler, auf dem Rasen und abseits davon.“

Ein konservatives Gremium

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) zeigt Verständnis für den Ärger der Betroffenen: „Es gibt diese Weltmeisterschaftsbilder, die hängenbleiben. Das Solo von Maradona 1986 gegen England, der verwandelte Elfmeter von Brehme im Finale 1990 oder der Kopfstoß von Zidane 2006 waren solche Momente für die Ewigkeit. Ein Bild der WM 2010 entstand am 27. Juni in Bloemfontein, als die Schiedsrichter übersahen, dass ein Schuss von Englands Frank Lampard gegen Deutschland im Tor war. Diese Szene hat eine jahrelange Kontroverse zum globalen Thema gemacht: Sollen die Schiedsrichter technische Hilfsmittel erhalten? Das Zaudern des IFAB treibt die Betroffenen schwerer Fehlentscheidungen in den Wahnsinn, sie spiegelt aber die Haltung des traditionsbewussten Board wider, das 1886 entstand und älter ist als die 1904 gegründete Fifa. Wales, Schottland, England und Nordirland haben sich vor fast 125 Jahren in dem Board zusammengeschlossen, um einheitliche Fußballregeln zu formulieren. 1913 wurden zwei Vertreter der Fifa aufgenommen. Erst 1958 wurde das Board um zwei weitere Fifa-Mitglieder erweitert. Mächtige Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund oder die Uefa haben in Regelfragen nichts zu sagen. Einerseits gilt das als Erfolgsgeheimnis des Fußballs, denn das Reglement blieb einfach. In der Frage technischer Hilfsmittel für Schiedsrichter sorgt diese Haltung aber für Verärgerung.“

StarChip (via Amazon)

Kommentare

4 Kommentare zu “Eine Frage der Politik”

  1. Ulfert
    Donnerstag, 21. Oktober 2010 um 13:12

    Schönes Beispiel gestern beim Werder-Spiel: 2 Abseits-Tore, eines wird gegeben, das andere nicht.

    Warum ist es eigentlich so schwer jemanden an einen Bildschirm zu setzen der Zugriff auf Fernsehbilder hat? Der guckt sich eben die Wiederholungen an und funkt im Zweifelsfall den Schiri an. Nen Headset trägt der ja schon.

    Es muss doch keine Lösung sein die bis runter in die 7te Liga funktioniert. Würde es beim Chip im Ball ja auch nicht. Der löst ja auch wieder nur ein einzelnes Problem – der „Fernsehbeweis“ wäre da viel einfacher und viel umfassender. Ließe sich in 10 Minuten in jedem Stadion der ersten 2 Ligen in Deutschland einführen.

  2. lateral
    Freitag, 22. Oktober 2010 um 10:56

    Ja gut aeh, ich sag mal: und wie soll die Entscheidung ausfallen, wenn die Fernsehbilder keine eindeutigen Schluesse ziehen lassen? Wie oft geht es schliesslich gerade beim Abseits um Millimeter… Nein, bitte, bitte kein Fernsehbeweis (Der Spielfluss ist mir beim Fussball tatsaechlich heilig, andernfalls gibt es fuer den Fernsehzuschauer halt an der Stelle eine Werbepause…)! Dafuer aber her mit dem Chip im Ball, der seine Kinderkrankheiten ja mittlerweile auskuriert hat.

  3. Ulfert
    Freitag, 22. Oktober 2010 um 11:15

    Der Spielfluss kann ja auch weiter gehen. So ne Wiederholung ist innerhalb von 30-60 Sekunden fertig, in der Zeit ist der Torjubel nichtmal vorbei. Dann kann auch ein anderes Prinzip endlich weiter ausgelebt werden: Im Zweifel für den Angreifer. Der Schiri-Assi hebt die Fahne bei klarem Abseits, ansonsten lässt er laufen. Der Fernseh-Assi greift ein bei klarem (übersehenem) Abseits, ansonsten lässt er laufen. Nur dass der Fernseh-Assi halt Wiederholungen hat und das „klare“ Abseits im Nachhinein viel genauer bestimmen kann.

    Ich stell mir den Fernsehbeweis nicht so vor dass er angefordert werden muss (wie im Tennis, oder Eishockey oder so) und es eine Spielpause gibt, sondern dass einfach immer einer drauf guckt. Wenn was übersehen wurde, greift er ein. Das ändert nichts an der Tatsache dass der aktuelle Spielstand der gültige ist, es ändert nichts am Menschen als Hauptfigur, es ändert nichts an Tatsachenentscheidungen, aber es fundiert diese auf einer weiteren Kontrollinstanz die tatsächlich auch mehr sieht als alle anderen.

    Welche Situationen kann man mit dem Chip im Ball denn klären? Abseits bestimmt nicht solange nicht alle Spieler an allen entscheidenden Punkten auch mit Chips ausgestattet sind, versteckte Tätlichkeiten nicht, taktische Fouls nicht, und da gibt es mit Sicherheit mehr strittige/entscheidende Szenen als bei Fragen „War der Ball im Tor oder nicht“. Für mich ist der Chip im Ball eine weitere Nebelkerze um zu verhindern dass tatsächlich der Schiedsrichter echte Unterstützung erhält.

  4. anderl
    Freitag, 22. Oktober 2010 um 22:04

    Wer redet den von langen Unterbrechungen?
    Schaut man halt mit zwei Bildschirmen, wo die strittigen Szenen mit 5 Sekunden Verzögerung laufen.
    und wenn dann was kritisch ist, dann verlangsamt der am zweiten Fernseher eben die Szene (das kriegen die technisch bestimmt hin)und kann nach 15 Sekunden alles klar sagen…
    einfach, oder?

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