indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

EM 2012

Vertane Chancen

Kai Butterweck | Montag, 18. Juni 2012 2 Kommentare

Kommentator Bela Rethy verpasst während der Regenunterbrechung des Spiels Ukraine gegen Frankreich einen Eintrag in die TV-Geschichtsbücher. Außerdem: Mogeleien hinter den Kameras, Trauer beim polnischen Gastgeber und die politische Symbolik des griechischen Siegs.

Bei der Regenunterbrechung des Spiels Ukraine gegen Frankreich versucht sich Kommentator Bela Rethy als Alleinunterhalter. Christoph Albrecht-Heider (FR) fällt ein ernüchterndes Urteil: „Eine gute Stunde hat das ZDF-Team Zeit gehabt, aus einer ungewöhnlichen Situation eine ungewöhnliche Sendung zu machen, Überbrückungsfernsehen sozusagen. Nicht eine Minute sendefähiges Material ist dabei rausgekommen. Eine Stunde kann lang werden, so ganz allein mit Bela Rethy. Der Wettergott hat ein Einsehen gehabt und den Regen abgestellt.“

Stephan Seeger (RP Online) langweilt sich zum zweiten Mal: „Rethy wirkte verkrampft und überfordert mit der Situation, Szenen zu kommentieren, in denen der Ball nicht rollt und er nicht einfach Spielernamen ins Mikrofon sagen kann. Bereits im Jahr 2008 war Rethy in einer ähnlichen Ausnahmesituation, als beim EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei das Fernsehbild ausfiel und er kurzerhand zum Radioreporter umfunktioniert werden musste. Auch damals konnte Rethy nicht überzeugen, war nicht auf Ballhöhe und auch damals mit der improvisierten Situation überfordert.“

Der Grimme-Preis muss warten

Johannes Schneider (11Freunde) stellt den „Stimmungskanone-Award“ wieder zurück in den Keller: „Dass die journalistische Leistung von Kommentator und Rechercheur meist eine gute war, ihre Bemühungen um umfassende Information ehrenwert, die Sprecherstimme von Schneider überraschend angenehm, steht außer Frage. Wenn ein Kommentar allerdings auch die Stimmung aus dem Stadion transportieren soll, scheiterte Réthy, Gewinner des Herbert-Awards in der Kategorie Emotionalste Reportage von 2008. Der Grimme-Preis muss warten.“

Es wurde nicht so getan, als wäre es live

Die in der Live-Übertragung gesendete Aufnahme, in der Bundestrainer Joachim Löw Schabernack mit einem Balljungen treibt, erregt immer noch die Gemüter. Im Interview mit der FAZ äußert sich der Live-Regisseur Volker Weicker, der bei der Fußball-WM 2002 Regie führte, zu dem Vorfall und lobt die Verantwortlichen: „Es wurde nicht so getan, als wäre es live. Es war eine Slowmotion, was signalisiert, dass es eine Aufzeichnung ist. (…) Und dass jetzt so viel darüber diskutiert wird, macht deutlich, dass es richtig war, sie rein zu schneiden. (…) Ich bin mir sicher, sie kommt in jedem Jahresrückblick vor.“

Frank Hellmann (Financial Times Deutschland) macht hingegen seinem Ärger freien Lauf: „Genau wie der noch schlechter beleumundete Weltverband FIFA geht mittlerweile auch die Uefa vor. Devise: Wir machen uns die Fußball-Welt, wie sie uns gefällt. Mit schönen Toren und tollen Stars, mit kreischenden Fans und jubelnden Menschen, mit potenten Sponsoren und wichtigen VIP-Kunden. Und alles was zu dieser Party nicht passt, wird – wenn nicht vorher schon aus den Stadien ausgeschlossen – aus dem Bild geschnitten oder nicht übermittelt.“

Lästiges landet eben im Abseits, Lustiges wird reingeschnitten

Auch Jens Bierschwale (Welt Online) erzürnt sich: „Ein Flitzer, der es immerhin bis zum kroatischen Trainer Slaven Bilic schaffte, wurde im TV ebenso wenig gezeigt wie die Protestaktion der Grünen-Europaabgeordneten Rebecca Harms und Werner Schulz, die während des Deutschland-Niederlande-Spiels im ukrainischen Charkow ein Banner mit der Aufschrift ‚Fairplay in Fußball und Politik‘ hochhielten. Lästiges landet eben im Abseits, Lustiges wird reingeschnitten. Das offizielle Bildsignal der Uefa, das alle TV-Rechtehalter zeigen, gaukelt dem Zuschauer daheim eine scheinbar perfekte Fußball-Welt vor.“

Fiktive britische Hooligans

Vor der Begegnung der Three Lions gegen Gastgeber Ukraine warnt Jane Bunce (Daily Mail) vor einer brisanten Vermischung von Fiktion und Realität: “Rassistische ukrainische Hooligans haben in Donezk hunderte von Aufklebern angebracht und verheißen damit gewaltsame Zusammenstöße mit einer Armee von bis zu 10.000 England-Fans, die vor dem Spiel beider Nationalmannschaften in die Stadt strömen. Die überall in Donezk auftauchenden Aufkleber zeigen Bilder von fiktiven britischen Hooligans aus dem Film Green Street zusammen mit den Slogans ‘Wir warten auf euch’ und ‘Wir sind bereit zu kämpfen’.”

Es war die Nacht der Trauer

Das Aus für Polen hinterlässt enttäuschte Gemüter. Oliver Trust (Tagesspiegel) leidet mit: „Es gab genug Szenen an diesem Abend, die keinen kalt ließen. Weinende Kinder, die nicht verstehen konnten, warum ‚Polska‘ nicht mehr mitspielt in einem Turnier, das im eigenen Land stattfindet. Frauen und Männer, denen Tränen über das Gesicht liefen und die sich die selbe Frage stellten. Es war die Nacht der Trauer, die Polen erlebte als sein Nationalteam ausschied – ohne ein Spiel zu gewinnen.“

Thorsten Schabelon (derwesten.de) macht fehlende Extraklasse verantwortlich für das Ausscheiden des Gastgebers: „Aus in der Vorrunde. Wie bei der WM 2006 und der EM 2008. Nach zwei Jahren ohne Pflichtspiel war der Druck im eigenen Land zu groß. Ein Kader mit zu viel Mittelmaß im Kader von Franciszek Smuda , vor allem auf wichtigen Positionen im Mittelfeld.“

Es müssen transparente Strukturen und Konzepte entstehen

Thomas Urban (SZ) blickt trotz aller Tristesse positiv in die Zukunft: „Doch zumindest die Hoffnung besteht, dass der aktuelle Tiefschlag auch zu einer Katharsis führt: dass mit neuen Leuten auf wichtigen Posten transparente Strukturen entstehen sowie Konzepte, die das Potenzial, das durchaus im polnischen Fußball steckt, zur Entfaltung bringen. Auch im eigenen Land und nicht nur bei Borussia Dortmund.“

Tobias Schächter (NZZ Online) sieht eher schwarz: „Nach dem Aus traten bisher verborgen gebliebene Gräben zwischen dem Verbandschef und der Mannschaft zutage. Der Burgfrieden im polnischen Fussball hielt also nur so lange, wie die Nationalmannschaft an diesem Turnier dabei war. Nun rücken wieder die Korruptionsvorwürfe gegen Spieler, Vereinsfunktionäre und gegen den Verbandschef Lato in den Fokus.“

Gute Ansätze hier, haarsträubende Fehler dort

Uli Räther (taz) fühlt sich an die Vorbereitungsphase erinnert: „Elfmal spielte die Mannschaft remis, und so unentschieden wie die Ergebnisse war auch der Eindruck von der Spielstärke der Mannschaft. Und immer die Frage im Hintergrund: Wie werden sich die Männer mit dem weißen Adler auf der Brust im Ernstfall behaupten? Nach den drei Vorrundenspielen wissen wir nun, dass die Mannschaft in der Vorbereitung ihr wahres Gesicht bereits gezeigt hatte.“

Simon Pausch (Welt Online) begleitet die niedergeschlagenen Fans auf ihrem Heimweg: „Im Affekt bauten viele Polen noch auf dem Stadionparkplatz in Breslau die polnischen Fähnchen von ihren Autos ab. Diejenigen, die nicht mehr fahren mussten, versuchten mit Hochdruck, ihren Ärger in Bier und Wodka zu ertränken. Frust und Enttäuschung vermengten sich mit Wut und Trauer, nicht einmal das zeitgleiche Ausscheiden der ungeliebten russischen Mannschaft vermochte sie zu trösten.“

Zwei Polizisten stehen vor der Tür Wache

Nicht jeder Fußball-Fan in Polen geht zum Public Viewing. In Slubice versammelt man sich in einem heruntergekommenen Kulturzentrum. Svenja Bednarczyk (taz) mischt sich unter die Anhänger: „Der Lärm eines halben Dutzend Tröten ist ohrenbetäubend in dem kleinen Kinoraum. Die Zuschauer schwitzen und grölen. Zwei Polizisten stehen vor der Tür Wache. Die jungen Leute könnten randalieren nach dem Spiel – vor Freunde oder Frust.“

Irina Blochina hier, Irina Blochina dort, Irina Blochina überall

Johannes Aumüller (SZ) fühlt sich auf Schritt und Tritt verfolgt. An jeder Ecke lauere Irina Blochina, Tochter des ukrainischen Nationaltrainers Oelg Blochin: „Irina Blochina in der Fußball-Expertenrunde. Irina Blochina in den Fernseh-Werbespots. Irina Blochina im knappen Kleidchen am Trainingsplatz. Irina Blochina als Thema in der offiziellen Pressekonferenz vor dem Spiel. Irina Blochina Hand in Hand mit dem kleinen Jungen Timur, der beim Auftaktsieg der ukrainischen Nationalelf so süß jubelte, dass er seitdem alle Video-Toplisten im Internet anführt.“

Griechenland verdient Respekt

Der Sieg der griechischen Nationalmannschaft gegen Polen hat viele Kommentatoren zu Hinweisen auf die politische Situation in Griechenland veranlasst. George Georgakopoulos (Kathimerini, English Edition) kommentiert: “Die Griechen haben in diesen Tagen nur wenige Gründe, Nationalstolz zu empfinden, aber der Sport hat ihnen selbst in härtesten Zeiten viele gegeben. Dieser unwahrscheinliche Sieg gegen den Gruppenfavoriten in Warschau bestätigt, dass Griechenland Respekt verdient  – das Team und das Volk im Allgemeinen.”

David Enrich und Charles Forelle (Wall Street Journal) imaginieren bereits ein noch größeres Spektakel: “Die Überraschung vom Samstag bereitet die Bühne für ein Spiel in der darauf folgenden Woche, das voller politischer Symbolik steckt. Griechenland trifft in der Viertelfinalrunde des Turniers voraussichtlich auf Deutschland. Im epischen Drame der Eurozonen-Krise, hat Griechenland die Rolle des störrischen Kindes gegeben. Deutschland hingegen war der unnachgiebige Elternteil.”

Verteidiger fallen wie Dominosteine

Ramón Besa (El Pais) besingt die Qualitäten des spanischen Spiels: “Keine Mannschaft führt und hält den Ball so gut wie Spanien. Der Ballbesitz ist so erhaben, dass manchmal die eigene Mannschaft betäubt wird, besessen von der Idee, sich an jedem Spielzug zu amüsieren und dass jedes Tor einem Kunstwerk gleicht (…). Plötzlich erscheint Silva, greift nach dem Ball, stopt ihn, dribbelt, macht Körpertäuschungen und während die Verteidiger wie Dominosteine fallen, schiebt er den Ball jenseits der Reichweite des Tormanns. Ein herrliches Tor, um zu bestätigen, dass das Geheimnis des spanischen Fussballs aus der zweiten Reihe kommt.”

freistoss des tages

Mitarbeit: Pepe Fernandez & Erik Meyer

 

Kommentare

2 Kommentare zu “Vertane Chancen”

  1. Martin
    Montag, 18. Juni 2012 um 13:10

    Zu El País: Die Begeisterung der spanischen Presse für die eigene Mannschaft scheint mir angesichts der bisherigen Leistungen doch etwas übertrieben zu sein. Man kann (wenn man zum spanischen Team hält) nur hoffen, dass die Spieler nicht alles glauben, was bei El País, El Mundo, Marca & Co. derzeit so geschrieben wird. Sollte „La Roja“ genau wie die Fans bereits glauben, das bisher gezeigte sei geradezu ein Fußballkunstwerk und an Qualität kaum noch zu übertreffen, dann kann es ganz schnell passieren, dass wir heute den letzten EM-Auftritt des Teams zu sehen bekommen.
    (Wohlgemerkt, die bisherigen Leistungen waren sicher nicht schlecht, aber ein 1:1 gegen Italien und ein 4:0 gegen komplett überforderte Iren lassen aus meiner Sicht wenig Rückschlüsse zu auf das aktuelle Leistungsvermögen des spanischen Teams.)

  2. Zizous Erbe
    Montag, 18. Juni 2012 um 15:32

    Absolut richtig. Kroatien hat den Iren beim 3:1 auch keine Chance gelassen, trotzdem hält niemand die Kroaten für unschlagbar.

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