indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch

P1 und die Phanlanx der Niedertracht

Erik Meyer | Donnerstag, 12. Juli 2012 5 Kommentare

Gestern veröffentlichte die Staatsanwaltschaft Zug ein Dokument zu korrupten Praktiken im Fußball-Weltverband.

Thomas Kistner (SZ) reduziert das juristische Konstrukt im Hinblick auf aktuelle Fifa-Verantwortliche zu einer Feststellung sowie einer Frage: „Die anonymisierte Person P 1 ist also Zeuge dafür, dass eine Schmiergeld-Million für Havelange bei der Fifa gelandet war, von wo sie – wie andere Zeugen aussagen – rasch weitergeleitet wurde. Aber welche reale Person ist P1?“

„Präsident Blatter, sind Sie P1? Ja, das bin ich.“ So beginnt das Interview, das FIFA.com zur Offenlegung von Akten im Zusammenhang mit Korruption an der Fifa-Spitze veröffentlicht hat.

Und aus dieser Konstellation zieht Kistner folgende Konsequenz für den Selbstreinigungsprozess, den sich die Organisation vorgeblich auferlegt hat: „Dass Blatter informiert war über korrupte Praktiken in der Fifa, dass er die Zahlung von ‚Provisionen‘, wie er Schmiergelder bis heute nennt, an Fußballfunktionäre geduldet hat – das muss nun Kernthema der Reform sein.“

Evi Simeoni (FAZ) porträtiert in diesem Kontext die Teflonhaftigkeit von P1:  „Auf all diese Belege für eine von der Spitze her verkommene Organisation, die doch nur noch untermauern, was längst auf anderen Wegen an die Öffentlichkeit gelangt ist, reagiert Blatter mit Unschuldsmiene. Nach der scharfen öffentlichen Kritik an der jüngsten WM-Vergabe und seiner Wiederwahl 2011, und mit Blick auf die bevorstehende Akten-Öffnung hat er sich längst zum Reformer ausgerufen.“

Peter Ahrens (SpOn) resümiert in ähnlicher Perspektive: „Der Vorsitzende des Fußball-Weltverbands steht nun ganz offiziell da als einer, der über die Schmiergelder an die beiden brasilianischen Sportfunktionäre Bescheid wusste, aber nichts unternahm. Anderswo wäre das ein Grund für den Vorsitzenden, zu gehen. Anderswo ist nicht die Fifa.“

Lars Wallrodt (Welt) meint, Blatter gehöre „vom Hof gejagt“, doch sei er „umgeben von zahlreichen Steigbügelhaltern“. „In diese Phalanx der Niedertracht muss der Deutsche Fußball-Bund einbrechen. Der größte Sportverband der Welt hat die Macht dazu, eine Allianz der Aufrechten zu schmieden. Tut er das nicht, macht er sich mitschuldig am Verrat des Fußballs.“

Eine ähnliche Reaktion mahnt Christian Spiller (Zeit Online) an: „Sportfreunde, empört Euch!“, fordert er von uns allen, denn es gehe  „um die Grundpfeiler des Sports. Es bedarf gerade jetzt, zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele, einer interessierten Öffentlichkeit, die sich nicht nur schwarz-rot-goldene Hawaiiketten um den Hals hängt oder Olympia-Bettwäsche kauft, sondern Druck auf die großen Verbände ausübt.“

Und Jens Weinreich (FR) betont die weitergehende Dimension des Schmiergeld-Skandals, in dessen Mittelpunkt Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira stehen : „Die Staatsanwaltschaft macht deutlich, dass jene Millionen, die Havelange und Teixeira (und andere Fifa-Exekutivler sowie Vorstände etlicher Weltverbände) kassierten, quasi nur Spielgeld war, um weitere unsaubere und noch lukrativere Geschäfte zu betreiben auf ihren jeweiligen Heimatmärkten.“

freistoss des tages

 

Kommentare

5 Kommentare zu “P1 und die Phanlanx der Niedertracht”

  1. Manfred
    Freitag, 13. Juli 2012 um 11:27

    Teflonhaftigkeit? Häh?

  2. Erik Meyer
    Freitag, 13. Juli 2012 um 11:30
  3. Manfred
    Samstag, 14. Juli 2012 um 09:57

    Wieder was gelernt, thnx 🙂

  4. Pumukel
    Sonntag, 15. Juli 2012 um 22:45

    Ich kann das ganze, ja leider größtenteils heuchlerische Gejammere und Gemeckere über Blatter nicht mehr hören! Ein sauberer Sport und eine saubere Fifa-Politik wären natürlich wünschenswert, aber sie sind in einer Welt, in der jeder nur an sich denkt, in der das Geld und der Fußball einen überzogenen ungesunden Charakter besitzen, undenkbar!
    Leute wie Blatter die so viel Erfahrung im realistischen Umgang mit Korrution und Weltfußball haben, sind im Sinne des Fußballs nicht zu ersetzen!

  5. HUKL
    Sonntag, 15. Juli 2012 um 23:26

    Der FIFA-Sumpf wird endlich freigelegt!

    Nun wird es wirklich schmutzig. Nach Bekanntwerden der fragwürdigen Aktenöffnung in der Schweiz in der vergangenen Woche, über die nachfolgend noch gesprochen wird und der erstmals folgenden heftigen Kritik vom DFB an Blatter, schlug dieser mit einem ungeahnten Hinweis zurück. Er warf indirekt Deutschland vor, sich die WM 2006 erkauft zu haben. Bekanntlich fehlte bei der Wahl damals eine Stimme eines Neuseeländers, die ein Unentschieden verhinderte, weil dann Blatter allein die Entscheidung hätte herbeiführen können und wahrscheinlich schon zu diesem Zeitpunkt die WM vermutlich an Südafrika vergeben hätte. Ungereimtheiten waren damals schon bekannt geworden, doch das ausgerechnet jetzt über eine Zeitung so zu verbreiten zu lassen, ist schon eine fast makabere Angelegenheit zwischen zwei wichtigen (ehemaligen) in Freundschaft verbundenen Mitglieder-Gruppen innerhalb der FIFA!

    Es ist wirklich kurios. Seit Jahren wissen die kleinsten Dorfvereine in der Welt, dass ranghohe Mitglieder ihres Dachverbandes, förmlich die „Regierung“ des Fußballsportes, mit Sitz in der Schweiz, bereits seit vielen Jahren Empfänger von sehr hohen Schmiergeld-summen waren.
    In vielen Berichten informierten „ermittelnde“ standfeste Redakteure, die auch zum Teil oben wieder berichteten, ihren Lesern, Hörern und Zuschauern immer wieder von diesen skandalösen Machenschaften. Doch Aufklärungen wurden von den wichtigen Personen, allen voran der bereits seit 1981 bis 1998 als Generalsekretär und seit 1998 bis heute als Präsident der FIFA agierende J. Blatter nur versprochen, Taten blieben aus.

    Wie sich aber nach eigenen Angaben erst jetzt herausstellt, hatten wichtige Deutsche Fußballfunktionäre angeblich davon keine Kenntnis, warum nicht, folgt später. An der Spitze muss zuerst der Ex-Präsident Dr. Zwanziger genannt werden. Er wurde bekanntlich im März 2011 vom 35. Kongress des Europäischen Verbandes, UEFA, direkt in die FIFA gewählt und erhielt als Jurist die besonders vertrauensvolle Funktion als „Vorsitzender der Task Force Statutenrevision“, war also genau an der richtigen Stelle zu wirken, um die Aufklärung voranzutreiben und spätere Wiederholungen sofort im Ansatz verhindern zu können. Noch im März diesen Jahres hatte er voller Stolz berichtet, dass sich der Reformprozess bei der FIFA sehr gut entwickelt und (wörtlich):

    „aufgrund der exzellenten Sitzungsleitung in Budapest des Herrn Blatter deutlich vorangekommen ist. Eventuelle Verdachtsmomente werden sofort durch die eigenen Organe, die wie eine Staatanwaltschaft wirken, verfolgt!“

    Fast schon vergessen scheint allerdings der plötzliche Rücktritt des früheren Präsidenten des Deutschen Bundesgerichtshofes, G. Hirsch, zu sein, der nach der Doppelvergabe der Fußballweltmeisterschaften an Russland und Katar sowie wegen der aufkommenden Gerüchte von Schmiergeldzahlungen sich sofort aus der FIFA-Ethikkommission verabschiedete, weil sich dort nichts tat. Das hätte doch ein ernstes Alarmzeichen für viele sein müssen!

    Ein ganz normaler Schweizer Journalist hatte 2010 den Einfall, sich einfach einmal ganz formlos an die FIFA-Zentrale zu wenden, um Einsicht in die geheimnisvollen Akten zu erhalten, die sich um die bis dahin vermuteten „Schmiergeldzahlungen“ von dem 2001 insolventen Medien- und Marketingunternehmen ISSM/ISL unter der Führung von Blatters Freunden, Weber und H. Dassler, an verschiedene Leute nicht nur dieses Verbandes drehten. Nachdem die Staatsanwaltschaft Zug für eine hohe Millionenzahlung der FIFA zunächst die Akten ruhen ließ, sprach sich die mutige Anfrage herum, dass einige Zeitungsredaktionen das gleiche Begehren hatten, bis das Schweizer Bundesgericht die eigentliche Einstellung nach Gesetz und einem Deal mit der FIFA in diesen Tagen aber plötzlich wieder zum Erwachen brachte!

    Was dabei an die Oberfläche kam, ist sehr, sehr schlimm, doch eigentlich nur die Spitze des „Eisberges“. Während die Staatsanwalt-schaft Zug von noch von einem Mangel an Interesse in der Öffentlichkeit sprach, lag nach Meinung des höchsten Schweizer Gerichtes, dem Bundesgericht, nunmehr ein weltweites Interesse vor.

    In der Fußballwelt rechnete man mit aufgedeckten Verfehlungen der bekannten Funktionäre in hohen Funktionen und teilweise im sehr hohen Alter, wie z.B. Warner (Trinidad), Bim Hamman (Katar), Grondora (Argentinien), Texeira (Brasilien) und sein Ex-Schwiegervater Havelange.
    Im Blickpunkt dieser Akten standen besonders aber vorerst die beiden echten letzteren „Familienmitglieder“, wie Blatter gern seine Mitarbeiter nennt. Der fast 100-jährige (es fehlen nur noch 4 Jahre) von 1974 bis 1998 amtierende brasilianische FIFA-Präsident Havelange hat mit seinem „Zögling“, Ex-Schwiegersohn Texeira, besonders gern seine Hände aufgehalten, um die Schmiergeld-zahlungen, die offiziellziell „Provisionen“,
    „Honorare“ bzw. „finanzielle Zuwendungen für Persönlichkeiten“ genannt wurden, von über einer Million EURO sowie unglaubliche 10(!) Millionen entgegenzunehmen. Texeira trat Anfang dieses Jahres nach 23 als Verbandspräsident und im März auch aus der FIFA-Exekutive zurücktrat (er wusste wohl genau, warum…). Beide schädigten damit auch ihren Dachverband!

    Insgesamt soll der kontinuierlich zahlende Schmiergeldgeber, laut den offengelegten Dokumenten in den drei letzten Jahren seines Bestehens fast 115 (!) Millionen, für den Normalbürger eigentlich unvorstellbar, für bestimmte Vermarktung- und Übertragungsrechte vorwiegend an FIFA-Mitglieder gezahlt haben. Wer die weiteren Empfänger waren, die auch anderen Weltverbänden zugeordnet werden können, wird sich auch noch herausstellen, meine Vermutung liegt nahe, dass ein paar überraschende Empfänger dabei sind……

    Von den Schmiergeldzahlungen erhielt, wie bekannt wurde, Blatter rein zufällig erstmals 1997 Kenntnis, als eine an Havelange gerichtete Überweisung (1 Mill.) versehentlich auf ein Konto der FIFA überwiesen wurde. Die späteren „Zuwendungen“, im von den Rechtsanwälten der beteiligten Partner unterschriebenen Protokoll bei der Staatsanwaltschaft Zug, waren lt. heutiger Aussage des noch amtierenden FIFA- Präsidenten damals ohne große Bedeutung, da die erhaltenen Gelder für einen Geschäftsaufwand erst in der heutigen Zeit strafbar wären…

    Bleiben noch ein paar Bemerkungen zu unseren Funktionären in Deutschland:
    Der schon von mir erwähnte, früher -bis auf ein paar Außnahmen – sehr anerkannte, nunmehr „vereinslose“ Dr. Zwanziger scheint nach Einschätzungen bekannter Experten eher ein guter Kumpel, statt ein hemmungsloser Aufklärer im Gefüge des „Blatter-Ensemble“ zu sein. Nach dem Ergebnis dieser soeben endlich gerichtlich angeordneter Veröffentlichung der bisher in den Regalen der Staatsanwaltschaft schlummernden Dokumente scheint für ihn sein vorzeitiger Rückzug aus Zürich beschlossene Sache zu sein, um sich in seinem verdienten Rentendasein nunmehr voll und ganz seiner Familie und seinen Enkelkindern widmen zu können, wie er auch schon seinen völlig überraschenden Rückzug als DFB-Chef begründete. Leider muss sein bisheriger „Reformationseinsatz“ als gescheitet betrachtet werden, weil der immer wieder angekündigte Selbstreinigungsprozess bei der FIFA ausblieb, in dem neben der Förderung und Weiterentwicklung des Fußballs auch Maßnahmen gehören, die Verletzungen von Regeln und Statuten des internationalen Verbandes aufzudecken haben und unmissverständlich zu bestrafen sind.

    Mich überrascht allerdings sehr, dass solche einflussreichen Leute, wie unser neuer DFB-Präsident Niersbach und Liga-Chef Dr. Rauball nach eigener bisher völliger Enthaltung zu diesem lange umherkreisenden Thema erst nach der gerichtlichen Offenlegung plötzlich in die Offensive gehen und , wie Letzterer sogar diesem Blatter einen sofortigen Rücktritt empfiehlt. Das wäre schon eine längst folgerichtige Konsequenz, doch wo waren ihre Stimmen vorher?
    Deshalb schließe ich mich auch der Meinung von L. Wallrodt (Welt) an, dass bisher diese genannten Funktionäre aus Deutschland auch nur „Steigbügelhalter“ ihres Schweizer Chefs waren! Allein bei der letzten EM konnten wir Fernsehzuschauer noch im Juni eine fröhliche Einheit des „Trios“ auf der Stadiontribüne erkennen, die eine solche gedankliche Kehrtwende nicht ansatzweise vermuten ließ!

    Stichwort Europa:
    Der designierte Nachfolger Platini aus Frankreich hat sich im Windschatten seines größeren Bruders, FIFA, als Chef der leistungsmäßig sehr starken UEFA immer erstaunlich bei den Diskussionen um den erneut „unschuldigen “ Meister Blatter, der bestimmt bald den öffentlichen Druck nicht mehr aushalten und von seinem Sockel steigen wird, auffällig zurückgehalten und mittlerweile auch bereits einen teilweise sehr fragwürdigen Freundeskreis um sich herum aufgebaut.
    Mal sehen, was da alles noch zu erwarten ist.

    Nach der Degradierung des „Ehrenpräsidenten“ Haverlange in Kürze wird in das Schmierentheater FIFA mit Sicherheit etwas mehr Bewegung und knisternde Spannung kommen, als in den letzten Monaten, vielleicht schon am kommenden Dienstag in Zürich…..

    Das Wort „Rücktritt“ könnte in Verbindung mit dem Thema FIFA in naher Zukunft bestimmt öfters genannt werden! Und noch eines:
    Bei dem DFB glühen nun die Köpfe! Warum? Weil man schleunigst ein Ehrenmitglied wieder los haben möchte…..

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