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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Am Grünen Tisch

„Sicheres Stadionerlebnis“ unsicher

Erik Meyer | Mittwoch, 24. Oktober 2012 5 Kommentare

Das Konzept der Deutschen Fußball-Liga gegen Stadiongewalt wird von Fanvertretern und immer mehr Bundesligavereinen abgelehnt.

Von einer ungewöhnlichen Achse der Ablehnung berichtet Michael Jahn (BLZ): „Christian Arbeit, der Pressesprecher des Zweitligisten 1. FC Union Berlin, heimste am Sonntag vor dem Duell gegen den FSV Frankfurt im Stadion an der Alten Försterei gleich drei Mal Beifall ein. Zuerst verkündete er per Stadionmikrofon, dass Union als erster Profiklub das Konzeptpapier der Sicherheitskommission der Deutschen Fußball Liga (DFL) unter dem schlichten Titel ‚Sicheres Stadionerlebnis‘ in der vorliegenden Form abgelehnt hat (Jubel auf den Rängen). Danach ging der Gruß an den FC St. Pauli, der Union sofort gefolgt war (Beifall von den Rängen) und danach verkündete der Sprecher, dass ‚auch die Kollegen aus Charlottenburg‘, also der Stadtrivale Hertha BSC, ebenfalls in den Widerstand gegen die DFL gegangen ist und dem umstrittenen Konzeptpapier in der vorliegenden Form nicht zustimmen kann (erneut starker Beifall von den Rängen).“

Michael Horeni (FAZ) fordert eine Denkpause, um einen Dialog mit den Fußballanhängern zu führen: „Es sind grundsätzliche Fragen, die in diesen Tagen im deutschen Fußball verhandelt werden, wenn es um die Sicherheit im Stadion geht. Aber die größte Schwäche dieser notwendigen Diskussion ist längst offensichtlich: Die Fans, um die es geht, sind daran nicht beteiligt, sie stehen vor verschlossenen Verbandstüren.“

Georg Leppert (FR) hält das Konzept bereits für gescheitert und weist die Hauptschuld dafür den „absurden Ideen“ der  DFL zu: „Dass Gewalt nicht zu tolerieren ist, muss nicht die Deutsche Fußball-Liga feststellen, das steht im Strafgesetzbuch. Vollends abstrus wird es, wenn von Fans verlangt wird, dass sie füreinander haften. Jeder muss darauf achten, dass der andere den Kodex einhält, sonst wird die ganze Gruppe bestraft.“

Für Lars Spannagel (Tagesspiegel) gerät die DFL unter doppelten Druck. Von Seiten der Vereine und der Fans schlägt ihrem Konzept Ablehnung entgegen. „Nach den Krawallen in Dortmund erhöht allerdings auch die Politik abermals den Druck auf den Ligaverband. ‚Geredet ist nun genug. Jetzt müssen Taten folgen‘ sagte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU), der in diesem Jahr der Innenministerkonferenz vorsteht.“

Kleiner Riss oder tiefer Graben?

In einem vorbildlich auf online verfügbare Quellen verlinkenden Artikel fasst Christian Spiller (Zeit Online) den Stand der Diskussion zusammen. Zum Beispiel verweist er auf die Präsentation zur Mitgliederversammlung des Ligaverbandes, die zentrale Aspekte des Konzeptes „Sicheres Stadionerlebnis“ darstellt. „Darin stehen Vorschläge, mit denen der deutsche Fußball befriedet werden soll. Kaum aber war das Konzept veröffentlicht, ging das Hauen und Stechen los. (…) Das Feedback sei dabei sowohl positiv als auch negativ gewesen. Das klingt harmlos. In Wahrheit ist es ein kleiner Riss, der bei diesem Thema durch das Fußballland zu gehen scheint.“

Boris Hermann (SZ) fasst die Antworten auf die Frage, wie sich Gewaltexzesse in Zukunft verhindern lassen, prägnant zusammen:“Mit einer Universalstrategie aus dem Hause der DFL, glaubt Rauball. Mit regionalen Lösungen, sagt eine wachsende Zahl der Vereine. Mit einem offenen Dialog, argumentieren die Fanvertreter. Mit Law and Order, entgegnen die Politiker.“

Das Magazin 11Freunde liefert zum Thema „Der tiefe Graben“ vorab ein Interview aus dem Novemberheft, nämlich mit Union Berlins Präsident Dirk Zingler („Die harte Hand löst keine Probleme“). In einem anderen Interview beklagt der ehemalige Sicherheitsbeauftragte des DFB, Helmut Spahn: „Da reden Personen, die keine Ahnung haben“. Und unter dem Titel „Eine Verletzung der Menschenwürde“ werden Auszüge aus dem Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ mit zentralen Aussagen aus den Stellungnahmen von Union Berlin und der Fanhilfe Hannover konfrontiert.

freistoss des tages

 

Kommentare

5 Kommentare zu “„Sicheres Stadionerlebnis“ unsicher”

  1. woki
    Mittwoch, 24. Oktober 2012 um 12:47

    tja, und immer wieder das Wort „Fan“
    gegenüber den Kriminellen !

    UND wer, bitteschön soll einen derart Kriminellen
    zur „Ordnung rufen “ ???

    Damit man ein Messer o.ä. dahin bekommt wo es nicht hin sollte ? !!!!!!!!!!!!!

    das wäre ja : zurück zur DDR Zeit ,oder ? !

    Gut ausgebidlete Sicherheits-Leute die
    nicht 5 €/Spiel oder 35€ den ganzen Tag bekommen
    dann könnte das auch schon besser laufen !
    Gleichzeitig die Kameras vermehren und verbessern !

    Und dann raus mit diesen Menschenverächtern
    für immer – aus dem Stadion – !

    Gespräche, da lachen diese Unmenschen sich doch drüber kaputt !

  2. Bastl
    Mittwoch, 24. Oktober 2012 um 19:25

    @Woki
    Nichts für ungut, aber Sie schießen mächtig über das Ziel raus. Die wenigsten überhaupt erfahren im Zusammenhang mit Fussball jemals Gewalt. Im Stadion passiert so gut wie nie etwas, wenn nicht wie seit ein paar Jahren von den Medien Pyro und Gewalt vermengt würde.
    Wo immer Menschenmassen aufeinandertreffen, muss man damit rechnen, dass es Reibungen gibt, das ist bei so ziemlich allen Großveranstaltungen. Nur der Fussball steht warum auch immer deutlich mehr im Fokus. Man kommt sich als normaler Stadiongänger insbesondere auswärts jetzt schon vor wie ein Schwerverbrecher. Ich hatte immer gehofft, dass sich das mal legen wird, aber der Sicherheitswahn getrieben von Menschen die nur die VIP Loge kennen wird immer unwirklicher.

    Mich wundert derzeit eigentlich nur, warum der DFB/die DFL statt sich ernsthaft der Dramatisierungen von Medien und Politik entgegenzusetzen in solchen Momenten immer gleich den Kopf einzieht und meint sich von Außenstehenden so reinreden zu lassen.

    Dass es Gewalttäter gibt steht außer Frage, aber in der Regel begegnet man diesen nicht, da diese nur ihresgleichen suchen. Diese gilt es nach den gegebenen Gesetzen zu behandeln und dafür stehen auch jetzt schon mehr als ausreichende Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung ohne dem Rest den Fussball und den Spaß daran wegzunehmen. Dazu gehört in der Tat für einen Volkssport ab und zu auch derbere Sprache, aber so wie ich sehe berrschen Sie diese schon aus dem FF.

  3. Die Blog- und Presseschau für Donnerstag, den 25.10.2012 | Fokus Fussball
    Donnerstag, 25. Oktober 2012 um 09:58

    […] Der Indirekte Freistoß hat diverse Pressestimmen zum Konzeptpapier der Deutschen Fußball-Liga zusammengefasst. […]

  4. Manfred
    Donnerstag, 25. Oktober 2012 um 10:34

    Ich denke, ein Zitat aus dem Interview mit Herrn Spahn langt:
    „In der Saison 2010/11 gab es 846 Verletzte in Erster und Zweiter Bundesliga, im Übrigen bei weitem nicht alle verursacht aufgrund gewalttätiger Auseinandersetzungen. Jeder Verletzte ist einer zu viel, aber diese Anzahl weist das Oktoberfest an einem einzigen Tag auf. Doch im Fußball wird gleich von bürgerkriegsähnlichen Zuständen gesprochen.“

    Zum 1. Eintrag fällt mir nur das hier ein:

  5. Van Kuchen
    Sonntag, 9. Dezember 2012 um 20:14

    Immer wieder sehe ich, daß aus einem Bedürfnis nach Sicherheit geschlußfolgert wird, daß es Sicherheit tatsächlich gäbe.

    Wie kommt es denn, daß Menschen immer mehr aus den Fugen geraten?

    Inwieweit könnte es damit zusammenhängen, daß m.M. nach auf der einen Seite die ganzen Wertevorstellungen eine nach der anderen zusammengebrochen und auf der anderen, immer mehr Einschränkungen und Reglementierungen geschaffen werden?

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