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Ball und Buchstabe

Rückspiegel: Die Netze des Wolfgang Niersbach

Oliver Fritsch | Montag, 4. März 2013 3 Kommentare

Darf man Gerhard Mayer-Vorfelder, der achtzig Jahre wird, loben? / Wofür steht Wolfgang Niersbach? / Ersetzt Jürgen Klopp nun Ideen durch Ausreden?

Am Sonntag ist Gerhard Mayer-Vorfelder achtzig Jahre alt geworden. Ein ehemaliger Funktionär und hochrangiger CDU-Politiker mit verheerendem Image über den Sport hinaus. Ich hab ihn im November 2011 in seinem Büro beim Württembergischen Fußballverband getroffen und fast vier Stunden mit ihm gesprochen. MV steht für Chauvinismus, politische Affären, Nähe zu einem Doping-Arzt. Auch war er Teil der Fifa und der Uefa. Welchen Anteil er an der Korruption in Fußballverbänden trägt, kann ich nicht sagen. Als Kritiker ist er aber nie aufgetreten.

Genug Stoff jedenfalls für eine Kritik an ihm. In meinem Porträt steht aber seine Rolle als Reformer des Nachwuchsfußballs im Vordergrund. Als der DFB nach der EM 2000 die Weichen stellt, war MV Präsident und hat dieses Konzept auch gegen Widerstand durchgesetzt. Das war damals meine These. Anschließende Recherchen (in anderen Dingen) scheinen mich zu bestätigen.

Dennoch will ich einen Zweifel loswerden: War der Text ok? Er liest sich wie eine Rehabilitation eines höchst umstrittenen Funktionärs, auch wenn ich MVs Schattenseiten nicht verschweige. In den Kommentaren wird mir das jedenfalls zum Vorwurf gemacht.

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Seit Samstag ist Wolfgang Niersbach ein Jahr DFB-Präsident. Er bleibt bislang profillos. Ich lese ein paar gratulierende Kommentare, etwa im kicker. Allerdings kann ich bei Niersbachs Wirken nicht viel erkennen, was man loben müsste. Alle, die ihn für seine Vernetzung loben, frage ich: Muss ein DFB-Präsident vernetzt sein?

Ein Detail: In Danzig hab ich ihn auf einer EM-Pressekonferenz gefragt, wie er ein deutsches Fan-Transparent bewerte, auf dem „Gott mit uns“ stand. Das stand auch auf den Koppeln der Wehrmacht. Er antwortete ausweichend. Von (m)einem DFB-Präsidenten erwarte ich in solchen Momenten ein paar kluge Worte der Distanzierung. Hier ein interessantes, zwanzig Jahre altes Zitat Niersbachs über die jüdische Presse.

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Am Mittwoch war ich bei Bayern gegen Dortmund. In der ersten Halbzeit haben die Bayern einiges gerade gerückt. So eindeutig hat die letzten Jahre keiner von beiden den anderen dominiert, hier mein Bericht. Die Dortmunder hatten bei ihren vielen Siegen meist auch das nötige Spielglück. Im Pokalfinale beispielsweise war Bayern in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft.

Schweinsteiger (der ja nun mein Thema ist) war stark, setzte auch Akzente im letzten Drittel des Spielfelds. 1:0 für seine Befürworter. Vielleicht knüpft er tatsächlich an seine Entwicklung an, die auch ich bei der WM 2010 sag. Wobei ich (bis zum Beweis des Gegenteils) dabei bleibe: Gegen Pressing und im hohen Verkehr bekommt er größere Probleme als andere. Das sah man in den Dortmund-Duellen zuvor, etwa im Dezember 2012, im Pokalfinale oder im Februar 2011.

Allerdings hat Dortmund diesmal nicht so vehement und so hoch gepresst, zudem ohne 10 gespielt. Überhaupt muss sich Dortmund etwas für sein Offensivspiel einfallen lassen. Den Weg zum Tor fanden sie in diesem Spiel nicht, Dortmunder Angriffe wirken derzeit manchmal dem Zufall überlassen. Vielleicht ist ja der alberne Plagiatsvorwurf ein Zeichen dafür, dass Jürgen Klopp derzeit an Grenzen stößt.

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Wieder mal eine nette Lektion, wie vergeblich das DFB-Sportgericht Gerechtigkeit herstellen will. Der Einspruch Borussia Dortmunds wird stattgegeben, Robert Lewandowski Rotsperre wurde von drei auf zwei Spiele reduziert. Warum? Auf einmal will den Richtern aufgefallen sein, dass er seinen Gegenspieler (Skjelbred, HSV) angeblich nicht verletzten wollte. Sehr fragliche Entscheidung. Das war eine klare Rote Karte mit einer angemessenen Strafe.

Ich hab dafür folgende Erklärung: Lewandowski wurde am Tag zu vor von Javier Martinez umgemäht worden. Es gab nur Gelb, sehr fragliche Entscheidung. Also wollte der DFB die Dortmunder ruhigstellen. Die Lehren: Erstens gibt es Konzessionsentscheidungen nicht nur auf dem Platz. Zweitens verlangt es einem deutschen Schiedsrichter offenbar mehr Mut ab, einem Bayern-Spieler die Rote Karte zu zeigen als einem Spieler eines anderen Vereins. Drittens fällt der Hammer nach Unten, diesmal nach Hannover. Denn gegen 96 schoss Lewandowski zwei Tore.

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Eine Basketball-Story. Die BBL strebt nach Oben, will die beste Liga Europas werden. Dazu muss sie ran ans Geld, sucht ein zweites Bayern München und will rein in große Städte wie Hamburg. Das kann man alles machen, allerdings scheint Jan Pommer, der Geschäftsführer der BBL, die Kleinen zu vergessen. Gegenüber den Zweitligisten (Pro A) aus Crailsheim und Kirchheim hatte er sich sehr despektierlich geäußert. Entsprechend erbost reagierten die Vereinsvertreter in Telefonaten mit mir. Der Geschäftsführer aus Kirchheim Siegfried Meissner, sprach Tacheles: „Herrn Pommer nimmt in der Pro A keiner mehr ernst.“

Pommer bekommt auch viel Zuspruch aus der Ersten Liga. Doch der Abstand zur Zweiten wird immer größer, übrigens auch weil von der Ersten Liga oft „Schrott“ absteige, sagt Martin Romig, der Manager aus Crailsheim. Pommer wirkte im Telefonat nicht so, als sähe er in alldem ein Problem.

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Storys der Konkurrenz:

Erik Eggers berichtet in der FAZ von Turbulenzen beim TBV Lemgo: „Vor der Gesellschafterversammlung ist die Eigentümerlage wegen der Privatinsolvenz des ehemaligen Geschäftsführers Fynn Holpert ungeklärt.“

Eine ganz düstere Story steckt hinter diesem FAZ-Interview (wenn die Aussagen denn so stimmen): Ein Hamburger Mediziner machte den Whistleblower, als er einen Hamburger Arzt, in dessen Praxis er assistierte, des Dopings mit Radsportlern bezichtigte. Er hatte die Karteikarteneinträge kopiert. Doch anschließend bekommt er Ärger mit der Justiz, der Ärzteschaft, seiner Karriere und privat. Und jetzt kommts: Der Arzt, dem Doping vorgeworfen wird, ist Orthopäde. Ich war mal sein Patient.

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Kommentare

3 Kommentare zu “Rückspiegel: Die Netze des Wolfgang Niersbach”

  1. Die Blog- & Presseschau für Montag, den 04.03.2013 | Fokus Fussball
    Montag, 4. März 2013 um 10:19

    […] seinem Blog Indirekter Freistoß geht Fritsch in seinem Wochenresümee unter anderem auf Niersbach noch mal […]

  2. Uli
    Montag, 4. März 2013 um 13:05

    Mir schien die Strafe für Lewandowski (als Bayern Fan) völlig überzogen, drei Spiele Sperre würde ich vielleicht bei einem unprovozierten Schlag in’s Gesicht oder ähnlichem erwarten. Zumal der Gegenspieler sofort weitermachen konnte.

    Das man die Sperre noch mal auf zwei Spiele verkürzt hat, lässt mich vor allem mit dem Gefühl zurück da würde einfach irgendwas entschieden. Optimalerweise so, dass der Schiedsrichter nicht in die Kritik gerät das ist ja immer besonders wichtig.

    Und das Foul von Martinez, soll man da auch eine rote Karte und drei Spiele Sperre verhängen? Wer soll dann künftig noch auf dem Platz stehen, Markus Merk vielleicht?

  3. HUKL
    Dienstag, 5. März 2013 um 15:38

    @ OF
    Zu dem ausfühlichen Kommentar mit vielleicht etwas zu viel gestreuten Themen habe auch ich verschiedene Meinungen:

    Wenn im Fernsehen irgend eine Person präsentiert wird, hat man doch als Zuschauer daheim auf dem Sofa sofort eine Meinung, die positiv oder gegenteilig bewertet wird. So war es auch bei „MV“ (herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 80. !). Es kam bei mir nur die zweite Variante in Betracht, weil die bekannten und von ihm auch selbst immer wieder bestätigten weniger günstigen Aktivitäten in Erinnerung sind.
    Bei einer persönlichen Begegnung mit ihm offenbarte er sein Hobby „von flüssiger Natur“, wie es auch der Berti Vogts einmal
    feststellte. Das Bier in seiner Nähe musste immer kalt-, der Wein trocken- und die Zigaretten griffbereit sein!
    Dem früheren Kultur- und Finanzminister des Landes Baden-Würtemberg hätte man allerdings in seinen hohen Ämtern bei der UEFA und FIFA mehr Durchsetzungsvermögen gewünscht.

    „MV“ weiß selbst, dass er von Freund und Feind öfters Gegenwind bekam, auch einmal die Steuerfahndung zu hause begrüßen konnte und nach glanzvollen Erfolgen als Vereinspräsident des VfB Stuttgart diesen mit ca. 15 Mill.(!) Schulden im Jahr 2000 verließ. Ein angenehmer Höhepunkt dürfte für den allgemein etwas schwierigen Jubilar die WM im eigenen Land 2006 gewesen sein.

    Sein Wunsch, dass FIFA Präsident Blatter über 2015 hinaus regieren möge, sollte allerdings nicht in Erfüllung gehen…….

    Nach dem als Privatperson ohne Verbandsfunktion allein in der FIFA umhertümpelnden Dr. Zwanziger, der sich dort auf den Stuhl von Beckenbauer platzierte und einige düstere Geschichten im Dachverband aufarbeiten wollte, hat tatsächlich sein DFB-Nachfolger Niersbach relatin unbemerkt bereits das erste Jahr als Chef absolviert.
    Seine wohl auffälligste Geschichte verblasste aber schnell wieder, als sein Boss aus der Schweiz im Nachhinein Ungereimtheiten bei der WM-Vergabe 2006 nach Deutschland feststellte.
    Niersbach forderte danach sofort offiziell den Rücktritt Blatters, der aber bekanntlich im Sande verlief. Dafür hat der Sonnenkönig „Sepp“ schnell noch den „Kaiser“ für große Verdienste ausgezeichnet, den dieser mit den Worten erwiderte:“ Sepp, ich danke Dir, dass du an mich noch gedacht hast!“….

    Abschließend doch noch etwas zur München -Dortmund -Geschichte:

    Erst jetzt wurde bekannt, dass die in Dortmund stattgefundene Präsentation von neuen „Curry-Würstchen“ für eine ausländische Nahrungsmittelkette vor dem Pokaltreffen in München verherende Auswirkungen hatte, wenn man den fürchterlichen Kommentaren der Konsumenten dieses „Überraschungspaketes“ folgt. Dummerweise sind die mit großer Werbung angetretenen Produzenten ausgerechnet ein bekannter Fußballpräsident und ein bereundeter „Gewürzkoch“ der ständig für das Amnehmen schwärmt. Das dürfte für beide eine der schlimmsten Niederlagen in ihrem erfolgreichen Berufsleben gewesen sein.

    Vielleicht haben die gelb/schwarzen Spieler zuviel davon genascht……

    Abschließend hat sich das DFB-Bundessportgericht mit der Reduzierung der Lewandowski-Sperre selbst ein Ei ins Nest gelegt. Wie soll man es zukünftig -und es wird noch viel zu tun haben- noch für voll nehmen?

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