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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2014

WM 2014 – Geld regiert die Welt

Kai Butterweck | Donnerstag, 12. Juni 2014 1 Kommentar

Kurz vor dem ersten Anpfiff geht die Presse noch einmal mit erhobenem Zeigefinger auf verschwenderische Verantwortliche los

Wolfgang Kunath (FR) steht vor dem Stadion Itaquerão in Sao Paulo und schüttelt fassungslos mit dem Kopf: „Kein anderes WM-Eröffnungsstadion war jemals teurer, pro Zuschauerplatz umgerechnet: 5705 Euro, wobei dieser Wert noch steigt: Ohne die Provisorien gerechnet, sind es nochmal 81 Euro pro Nase mehr. Und damit liegt es an zweiter Stelle hinter dem superteuren Mané-Garrincha-Stadion von Brasília, das mit 6734 Euro pro Platz die Rangliste der verfeuerten Stadion-Millionen anführt.“

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Wer den Irrsinn mitverantwortet, macht sich angreifbar

Auch Peter B. Birrer (NZZ) schlägt beim Anblick der WM-Schüsseln die Hände vors Gesicht: „Die Investitionen sind umso unverständlicher, als in den meisten brasilianischen WM-Stadien kein Klub zu Hause ist, der den prächtigen Bau nach der WM mit Leben füllen wird. Wer den Irrsinn der Arena in Manaus mitverantwortet, macht sich angreifbar, auch wenn die zwölf Stadien in Brasilien nicht nur auf Forderungen der Fifa, sondern vor allem auch auf komplexe, innenpolitische Vorgänge zurückzuführen sind. Die Rechnung ist schnell gemacht: Derweil die Fifa kassiert, blutet der Veranstalter. Das ist offenbar der Preis, der zu zahlen ist, und der in Vergessenheit gerät, sobald der Ball rollt.“

Die Stimmung auf den Straßen von Rio, Sao Paulo und Salvador ist weiterhin gespalten. Neben Fähnchen und Wimpeln sieht man auch jede Menge geballte Fäuste. Die in Brasilien lebende Anthropologin und prominente Liebes-Kolumnistin Mirian Goldenberg (Zeit Online) will sich am liebsten verstecken: „Uns beunruhigt das unbarmherzige Flutlicht, das die WM in den kommenden Wochen auf uns richten wird, der Blick der Welt auf unsere Schande, weil wir so viele Dinge notdürftig kaschiert haben. Man wird sehen, dass wir eigentlich doch kein ausreichend ehrgeiziges Modernisierungsprojekt haben, das die Missstände in Bildungs- und Gesundheitswesen beseitigen, die Korruption eindämmen und den Ausgleich zwischen Arm und Reich schaffen könnte.“

Die Fifa muss sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe besinnen

Astrid Prange (dw.de) erzürnt sich über die generelle Entwicklung der Fußball-Weltmeisterschaft: „Eine WM ist kein Gipfeltreffen von Staatschefs und auch keine internationale UN-Friedensmission. Sie muss endlich ihren kommerziellen und politischen Höhenflug beenden und auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Die FIFA muss sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe besinnen und schlicht und ergreifend alle vier Jahre ein weltweites Sportturnier ausrichten. WM-Stadien brauchen keine VIP-Lounges oder besonders komfortable Zuschauersessel, um Fußball auf Weltniveau zu präsentieren. FIFA-Präsidenten sind keine Staatspräsidenten und folglich steht ihnen auch keine Behandlung als Staatsgast zu.“

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Apropos hochrangige Offizielle: Joseph Blatter hat in Sao Paulo seine erneute Kandidatur für das Amt des Fifa-Präsidenten erklärt. Tim Röhn (Welt Online) lauscht mit sorgenvoller Mine: „Sepp Blatter ließ sich alle Zeit der Welt, ehe der mächtigste Mann des Weltfußballs ankündigte, das Präsidentenamt bei der Fifa immer noch nicht räumen zu wollen. Einige Vertreter der europäischen Nationalverbände hatten im Vorfeld verabredet, beim Eintreten einer solchen Situation nicht zu klatschen und auf ihren Sitzen zu verharren. Dem Jubel der Blatter-Unterstützter tat das keinen Abbruch.  Blatter hatte den ganzen Tag lang auf diesen Moment hingearbeitet. Die Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit WM-Vergaben wurden ignoriert, Kritiker als Rassisten abgestempelt, und über die Menschenrechtslage in Katar verlor niemand ein Wort.

Im fußballverrückten Brasilien haben sich die Prioritäten verschoben

Auch Erich Follath (Spiegel Online) zieht die Augenbrauen zusammen: „Selbst wenn alle Sportstätten pünktlich fertig und die Organisationsprobleme in den Stadien überwunden werden sollten – die Proteste draußen auf den öffentlichen Plätzen gegen die Korruption der Politiker, die in sinnlose Prunkbauten versenkten Milliarden und für bessere Schulen und Krankenhäuser werden mindestens ebenso großes Aufsehen erregen wie die Ergebnisse der Spiele. Eine Lehrstunde nicht nur für Politiker: Ausgerechnet im fußballverrückten Brasilien haben sich die Prioritäten verschoben.“

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Gunter Barner (Stuttgarter Nachrichten) setzt dem Sport die Politik auf die Schultern: „Eine WM ist immer auch ein politischer Akt, der die Verhältnisse im Land des Gastgebers widerspiegelt und beleuchtet. Und alles spricht dafür, dass gerade das an diesem Donnerstag beginnende Turnier in Brasilien ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefern wird. Als wäre es die passende Antwort auf die Hybris dieser Kommerz-Orgie, trifft in den kommenden vier Wochen die unnachsichtige Geldmaschine des Fußball-Weltverbands auf ein reiches armes Land, dessen Gesellschaft nicht in allen Teilen Schritt halten kann mit dem rasanten Rhythmus wirtschaftlichen Wachstums.“

Der Fußball ist so abartig groß geworden

Claudio Catuogno (SZ) geht auf Schlipsträger und Geldzähler los: „Der Fußball ist so abartig groß geworden, dass längst alle an ihm zerren. Es zerren an ihm die Funktionäre: In welche schmutzige Hände das schöne Spiel geraten ist, lässt sich gerade an den diversen Korruptionsaffären ablesen. Wo ohne Kontrolle sehr viel Geld zirkuliert, halten viele die Taschen auf. Es zerren an ihm die Politiker. Man muss da gar nicht nur auf den Autokraten Wladimir Putin zeigen, der die WM 2018 in Russland ausrichtet, oder auf die Katarer, die sich mit der WM 2022 ins Zentrum der Moderne katapultieren wollen, aber mit der Abschaffung der Sklaverei auf den Baustellen nicht vorankommen.“

Matthias Rüb (FAZ) beruhigt alle Party-Hungrigen: „Im Vergleich zu anderen Schwellenländern ist die brasilianische Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten nur geringfügig produktiver geworden, und zwar auch deshalb, weil sie sich hinter protektionistischen Schutzwällen verschanzen kann. Heute mehren sich die Zeichen einer heraufziehenden Krise. Die Inflation liegt bei mehr als sechs Prozent; Investitionen und Kredite fließen spärlicher, Insolvenzen häufen sich. Dennoch wird sich Brasilien in den kommenden vier Wochen der Welt mit ansteckender Fröhlichkeit und Lebensfreude präsentieren statt wie zuletzt mit Demonstrationen und Streiks.“

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Kommentare

1 Kommentar zu “WM 2014 – Geld regiert die Welt”

  1. fussballwmblog.de
    Donnerstag, 12. Juni 2014 um 23:55

    Hat man auch beim unberechtigten Elfer für Brasilien gesehen, dass Geld die Welt regiert. 🙁

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