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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2014

WM 2014 – Schatten im Reich der Lichtgestalt

Kai Butterweck | Montag, 16. Juni 2014 1 Kommentar

Während in Brasilien die ersten Tore fallen, beschäftigt sich ein Großteil der Presse mit den Schattenspielen rund um die zukünftigen Turniere in Russland und Katar. Dabei steht vor allem Franz Beckenbauer im Fokus. Außerdem: Kampf an der DFB-Spitze, Freude im Lager der Schweizer, müde Altherren-Knochen, überraschende Pfiffe und aufgedrehte Druckventile

Abseits des Trubels in Brasilien gerät Franz Beckenbauer aufgrund von Korruptionsvorwürfen hinsichtlich der WM-Turniere in Russland und Katar unter Druck. Die Nichtbeachtung eines Fragebogens der Fifa-Ethikkommission hat eine 90-Tage-Sperre zur Folge.  Thomas Gotthardt (swp.de) erzürnt sich über die Konsequenzen: „Natürlich hat sich Beckenbauer in der Causa Russland/Katar nicht richtig verhalten. Dass der Weltverband aber gleich mit so einer Strafe reagiert, die eine hohe symbolische Bedeutung hat, lässt nur eine Interpretation zu. Es ist ein Warnschuss Richtung Deutschland, Richtung Europa nach dem Blatter-Motto: Wenn ihr mich ärgert, dann ärgere ich euch, und mache auch nicht Halt vor dem großen DFB. Das zeigt einmal mehr, wie verfilzt und von persönlichen Interessen gesteuert die Fifa mittlerweile agiert. Es darf einfach keine Verlängerung für das System Blatter geben.“

Das alles kann er in Deutschland irgendwie weglächeln

Anja Schramm und Tim Röhn (Welt Online) erteilen dem Kaiser einen Rüffel: „In Deutschland mag die nonchalante Art des 68-Jährigen die meisten erheitern. Selbst dass er einst kurz nach seinem Fifa-Ausscheiden einen großen Geschäftskontakt nach Katar herstellte und Sportbotschafter der russischen Energieindustrie wurde, das alles kann er in Deutschland irgendwie weglächeln. International zieht das nicht, bei Chefermittler Garcia sowieso nicht. Die jüngsten Fragen zur umstrittenen WM-Vergabe habe Beckenbauer auf Englisch und Deutsch erhalten, teilte die Ethikkommission mit. So oder so, selbst bei kompliziertestem Vokabular wäre ein Fachmann zur Hilfestellung wohl ohne großes Aufheben zu finden gewesen.“

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Stefan Nestler (dw.de) winkt fassungslos ab: „Ist die FIFA gegenüber anderen Funktionären ähnlich konsequent? Nein. Häufig sogar ganz im Gegenteil. Als bei früheren Korruptionsskandalen gerichtsfeste Beweise auf dem Tisch lagen, deckte die FIFA weiterhin ihre Funktionäre – bis ganz nach oben. FIFA-Präsident Joseph Blatter wurde attestiert, er habe sich lediglich ungeschickt verhalten. Warum jetzt also die Sanktion gegen Beckenbauer? Der Verdacht liegt nahe, dass es sich hier um eine billige Retourkutsche der FIFA handelt. Nicht gegen Beckenbauer, aber gegen den Deutschen Fußball-Bund.“

Hier geht es auch um die Glaubwürdigkeit

Michael Ashelm (FAS) stellt sich auf die Seite der Ermittler: „Wer gegen die Vertrauenskrise im Big Business des Fußballs angehen will, kann nur mit dieser Konsequenz vorgehen. Davon hängt auch die Glaubwürdigkeit des Ethik-Reglements der Fifa und der handelnden Personen der Ethikkommission ab. Dazu gehört neben dem früheren amerikanischen Staatsanwalt Michael Garcia unter anderem auch der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert aus München, der seinen guten Ruf sicher nicht riskieren will.“

Auch Thomas Kistner (SZ) kann die Reaktion der Fifa-Kommission nachvollziehen: „Es hat Gründe, dass der deutsche Fußballkaiser jetzt ein Kaiser ohne Land ist, ein Geächteter des Fußballs, dem der Zutritt zur WM in Brasilien verwehrt ist. Und diese Gründe lassen sich nicht einfach wegschmunzeln. Beckenbauer hat trotz wiederholter Aufforderung die Mitarbeit in der größten Korruptionsuntersuchung des Fußballs verweigert. Die Regeln für so ein Verhalten sind eindeutig – und nachvollziehbar, weil man Ermittlungen bleiben lassen kann, wenn sich Beteiligte einfach entziehen können.“

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Wieso braucht es überhaupt einen Gutachter?

Statt sich gemeinsam gegen dunkle Fifa-Machenschaften aufzulehnen, zerfleischt sich die DFB-Spitze momentan lieber selbst. Im Mittelpunkt steht dabei der Kleinkrieg zwischen DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und seinem Vorgänger Theo Zwanziger. Der beschwert sich unter anderem über die vermeintlich viel zu hohen Geldsummen, die monatlich auf das Konto seines Nachfolgers wandern. Oliver Fritsch (Zeit Online) fordert Transparenz: „Niersbachs Reaktion auf den Vorwurf, er verdiene zu viel, ist dünn. Seine Vergütung sei rechtens, sagt der DFB. Die Altersversorgung sei gutachterlich geprüft. Doch warum legt der DFB nicht einfach offen, was Niersbach bekommt? Warum muss eine Altersversorgung geprüft werden? Wer ist der Gutachter, ist er unabhängig oder arbeitet er für den DFB? Wieso braucht es überhaupt für die Frage, was der DFB-Präsident verdient, einen Gutachter? Mit dieser Verschwiegenheit schadet der Verband seiner Glaubwürdigkeit.“

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Danke, Ottmar!

In der Schweiz herrscht hingegen eitel Sonnenschein. Die Eidgenossen fokussieren sich nur auf den grünen Rasen. Dort sorgen die Mannen von Ottmar Hitzfeld für ein erstes Happy End. Michele Coviello (NZZ Online) liegt dem Suisse-Coach zu Füßen: „Dass Hitzfeld mit dem ihm üblichen Pragmatismus beginnen würde, stand außer Zweifel. Was würde er aber tun, falls das Team in Schwierigkeiten geriete? Er tat, was zu erhoffen war: Er nahm den schwachen Valentin Stocker aus dem Spiel und setzte für ihn Admir Mehmedi, den Schützen zum 1:1, an den linken Flügel. Und noch mehr: Hitzfeld schob Xhaka nach rechts und Shaqiri in die Mitte. Damit bekämpften die Schweizer ihre Langsamkeit, wurden unberechenbarer, erhielten mehr Räume – und siegten.“

Traurig anzuschauen

Die Standard-Redaktion in Österreich kommt nach der überraschenden Uruguay-Autaktpleite zu folgender Erkenntnis: „Freilich gilt es, will man Uruguays alte Männer wahrheitsgetreu umschreiben, auf die Relation zu achten. Findet man, wie die Kollegen vom deutschen Sport-Informationsdienst, die Uruguayer „pomadig“, was wären dann die Spanier? Es ist der Lauf der Welt. Nicht nur Männer werden alt, auch Mannschaften – und Spielstile. Es ist nur, wie bei jedem natürlichen Ende, sehr traurig anzuschauen. Aber auch hierfür ist eine Fußball-Weltmeisterschaft da.“

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Simon Pausch (Welt Online) schlägt aufgrund der bisher gezeigten Schiedsrichterleistungen die Hände vors Gesicht: „Falsche Abseitsentscheidungen, umstrittene Elfmeterpfiffe, nicht geahndete Tätlichkeiten: Mindestens sieben grobe Fehlentscheidungen in den ersten vier Spielen bescheren dem Turnier, was der Weltverband Fifa mit seinen monatelangen Vorbereitungscamps unbedingt verhindern wollte. Zu einem so frühen Zeitpunkt wurde noch nie derart heftig über die Schiedsrichter-Leistungen bei einer Weltmeisterschaft diskutiert.“

Deutschland muss nicht Weltmeister werden

Heute steigt das deutsche Team ins Turnier ein. Christian Gödecke (Spiegel Online) nimmt den Druck raus: „Deutschland muss bei dieser WM nicht Weltmeister werden. Die Mannschaft muss nicht mal das Finale erreichen oder das Halbfinale. Selbst bei einem Viertelfinalaus könnte es immer noch eine gute WM gewesen sein. Es kommt nur darauf an, wie die Mannschaft ausscheidet. Denn alles, was das DFB-Team um Joachim Löw muss, ist: alles geben. Und viel Glück haben.“

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Kommentare

1 Kommentar zu “WM 2014 – Schatten im Reich der Lichtgestalt”

  1. #Link11: Der herumstreunende Neuner | Fokus Fussball
    Dienstag, 17. Juni 2014 um 12:18

    […] Tagen durchaus unterschiedliche Ansichten und Schilderungen des Vorgefallenen zu bieten. Der Indirekte Freistoß gibt einen Überblick. Jens Weinreich erinnert an seinen alten Bericht über Beckenbauers […]

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