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WM 2014

WM 2014 – Was macht Löw mit Lahm?

Kai Butterweck | Donnerstag, 3. Juli 2014 3 Kommentare

Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich beschäftigt sich die Presse intensiv mit der Causa Philpp Lahm. Außerdem: Applaus für die Underdogs, stolze Schweizer, sauerstoffarme Pressezelte und skurrile Tattoos

Mittelfeld oder rechte Abwehrseite? Auf welcher Position ist Philipp Lahm am wertvollsten fürs deutsche Team? Oliver Fritsch (Zeit Online) stärkt dem Bundestrainer den Rücken: „Löw sollte seine Aufstellung beibehalten. Um das zu erläutern, müssen wir, es hilft nichts, ins Detail. Die Debatte entzündet sich an der Position Philipp Lahms. Gegen Algerien war er erst im Mittelfeld, später in der Abwehr. Dort soll er nach Meinung vieler Fans auch bleiben. Löw sollte diesen Wunsch ignorieren. Mit Lahm auf der „Sechs“ hat er eine verlässliche Anspielstation im Zentrum. Lahm mag nicht so überragen wie im Verein, aber er baut das Spiel ruhig, unspektakulär und nahezu fehlerfrei auf. Umsichtig setzt er seine Mitspieler ein.“

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Ein Schritt zurück um nach vorne zu kommen

Michael Horeni (FAZ) sieht das anders: „Erst mit dem dringend benötigten Lahm auf der rechten Seite entstand ein neuer, zusätzlicher Schwerpunkt im deutschen Spiel. Und so lautet die ganz naheliegende Frage vor dem Viertelfinale gegen Frankreich, ob dieser Schritt zurück nicht der überfällige Schritt nach vorne ist.“

Thomas Gassmann (Hamburger Morgenpost) erhöht den Druck: „Keine Zweifel, Löw ist ein sehr guter Trainer. Aber ein großer Trainer ändert seinen Plan, wenn er während des Turniers spürt, dass er nicht funktioniert. Geht sein Plan morgen gegen Frankreich auf, darf sich Löw feiern lassen. Als Trainerguru mit dem goldenen Händchen, schlauer als die Welt um ihn. Geht es schief, wird er unter schlimmen Dauerbeschuss geraten. Ob er unter diesen Umständen noch Bundestrainer bleibt, ist fraglich und kaum vorstellbar.“

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Miserable Vorstellung der leitenden Kreativkräfte

Robert Peters (RP Online) ärgert sich über Löws Festhalten an der Offensivachse Özil/Götze: „Über die wiederum von der Einstellung zum Spiel und damit zum Beruf verursachte miserable Vorstellung seiner leitenden Kreativkräfte Mesut Özil und Mario Götze deckte er zu Unrecht den Mantel der Barmherzigkeit. Bayern-Profi Götze wechselte er zumindest aus, das ist ja auch schon ein Kommentar. Das Denkmal Özil aber tastet er nicht an. Verständlich ist das unter objektiven Gesichtspunkten ganz bestimmt nicht.“

Derweil fordert Boris Herrmann (SZ) mehr Euphorie aus der Heimat: „Nach solch einem Kick gegen Algerien braucht niemand mehr vom Titel zu reden, heißt es nun. Das ist, mit Verlaub, töricht. Dass Deutschland Weltmeister wird, ist so wahrscheinlich bzw. so unwahrscheinlich, wie es vorher war. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie hilft manchmal, die Gegenwart zu begreifen. In der Historie findet sich so gut wie kein Weltmeister, der zwischendurch keine Schrottspiele abgeliefert hat.“

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Michael Rosentritt (Tagesspiegel) hat kein gutes Gefühl: „Bis jetzt erinnern die Leistungen der Mannschaft nicht mal im Ansatz an die verwegenen Auftritte der Mannschaft vor vier Jahren bei der WM in Südafrika, wo erst England und dann gleich noch mal Argentinien vier Tore eingeschenkt bekamen. Momentan erinnern ihre Auftritte in Brasilien mehr an jene der vorvergangenen Weltmeisterschaften 1994 in den USA und 1998 in Frankreich, als die deutsche Mannschaft nach knorrigen Vorrunden nicht mehr rechtzeitig in ihren Wettkampfmodus fand. Diese Mannschaften konnten sich nicht mehr steigern, sondern schieden jeweils im Viertelfinale aus.“

Alles ist möglich bei dieser WM

Hendrik Buchheister (Spiegel Online) zieht ein WM-Zwischenfazit: „Das Turnier ist seit der ersten Sekunde spannend und bleibt es voraussichtlich bis zur letzten. Alles ist möglich bei dieser WM, das gilt auch für die anstehenden Viertelfinals. Dass Deutschland souverän gegen Frankreich gewinnt, scheint genauso wahrscheinlich wie eine krachende Niederlage. Einen Kolumbien-Sieg gegen Brasilien kann man sich genauso gut vorstellen wie einen vom Heimpublikum getragenen Triumph der Gastgeber. Die WM in Brasilien ist eine WM ohne Gewissheit.“

Helmut Krähe (Welt Online) adelt die vermeintlichen Underdogs dieser WM: „Nach dem mühsamen Achtelfinal-Sieg bekam das deutsche Team viel Kritik zu hören, und das stets mit dem Tenor: Einen Außenseiter wie Algerien muss man ganz anders aus dem Turnier befördern. Alles andere als ein hoher Sieg schien vielen Fans nicht akzeptabel und zuvor kaum denkbar. Ählich waren die Erwartungen und entsprechend die Kritik danach bei den Duellen Favorit Argentinien gegen Außenseiter Schweiz und Brasilien gegen Chile. Was die vermeintlichen Außenseiter zeigten, war dann aber nicht das Resultat eines zufällig guten Tages eines Kleinen gegen einen Großen, sondern eine Leistung auf Augenhöhe, bei der bis kurz vor Schluss niemand zu sagen vermochte, wer schließlich gewinnen würde.“

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Nun wird man als Schweizer in Sachen Fußball endlich wahrgenommen

Tjerk Brühwiller (NZZ Online)fliegt im Schweiz-Trikot nach Hause: „Nun wird man als Schweizer in Sachen Fußball endlich ein wenig wahrgenommen und mit gebührendem Respekt behandelt. Aber dieser Moment wird nicht ewig dauern. Denn die Brasilianer vergessen schnell, und die Schweiz hat ja nicht gewonnen, sondern Argentinien nur an den Rand der Niederlage geführt. Und so werden der Schweizer Abwehrriegel, die Paraden Benaglios, die Dribblings von Shaqiri und der Kampfgeist aus dem Spiel gegen Argentinien Schnee von gestern sein, bevor die WM zu Ende ist. Und ich muss mir wieder die Sprüche über den Käse und die Schokolade anhören, wenn ich von der Schweiz erzähle. Immerhin macht uns da keiner etwas vor.“

Claudio Catuogno (SZ) fühlt sich wohl in Brasilien: „In Brasilien gibt es an den Arbeitsbedingungen nichts aufzuhetzen, äh: auszusetzen – das ist jetzt wirklich eine seltsame Müdigkeit, die uns da… Die Brasilianer sind herzlich. Alles funktioniert. Im neuen Nationalstadion von Brasília haben sie das Pressezentrum in einem schmucken Zelt im Stadionkeller untergebracht, es läuft Lounge-Musik. Hinter einer Theke stehen freundliche Frauen mit Haarnetzen und verkaufen einzeln in Folie gewickelte Äpfel. Vielleicht, das ist jetzt aber wirklich nur ein Detail, sollte man davon absehen, die Abgase der Stadiongeneratoren ebenfalls in dieses Pressezelt hineinzuleiten, es riecht nicht sehr gut, und man wird halt auch se-ehr, se-eehr mü-ü-dee davo-on.“

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Ein Tintenfass ohne Boden

David Krutzler (standard.at) amüsiert sich über tätowierte Rasenhelden: „Den Vogel abgeschossen hat aber Mauricio Pinilla: Der Chilene ließ sich seinen Lattentreffer beim verlorenen Achtelfinalduell mit Gastgeber Brasilien auf den Rücken tätowieren – inklusive Schriftzug „One Centimeter From Glory“. Entlang des Haaransatzes oberhalb der Ohren steht zudem „Blessed for Life“ – Gesegnet fürs Leben. Weitere Vorschläge? Arjen Robben würde eine Schwalbe gut stehen, Luis Suárez könnte ein Bahlsen-Keks mit 52 Zähnen schmücken. Die Tattoo-Wut bei Fußballern ist jedenfalls ein Tintenfass ohne Boden.“

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Kommentare

3 Kommentare zu “WM 2014 – Was macht Löw mit Lahm?”

  1. augelibero
    Donnerstag, 3. Juli 2014 um 11:34

    Wie man einen gefährlichen und physisch starken Außenseiter kontrolliert und (zugegebenermaßen: unansehnlich) ausschaltet, hat Frankreich par execellence gegen Nigeria vorgeführt. Erst den Gegner müde laufen lassen, zunehmend Kontrolle ausüben und dann den Punch setzen.
    Sichtbar wurde diese Strategie in der Aufstellung des wuchtigen Giroud. Dieser zermürbte in Alexander-Zickler-Manier die Abwehr, dann kam der wendige Griezmann ins Spiel – und die Torchancen folgten im Minutentakt. Mehrmals rettete der Torwart noch spektakulär, dann patze er. Letztlich war das 1:0 eine Frage der Zeit.

    Die demoralisierten Nigerianer konnten dann nicht einmal mehr eine Schlussoffensive starten wie so viele andere Mannschaften in diesem Turnier. Die Franzosen kontrollierten in den letzten Minuten perfekt den Ball vor des Gegners Tor. Das 2:0 war ein Ergebnis dieser Demoralisierung.

    Unverständlich ist, dass hierzulande einfach nur von einem schwachen Spiel die Rede war. Von der taktischen Seite war es eine Meisterleistung von Didier Deschamp. Dieser Mann hat nicht umsonst schon als Mittelfeldstratege alles gewonnen, was man gewinnen möchte. Ob unser einst in der zweiten Bundesliga aktiver Bundestrainer da mithalten kann, zeigt sich morgen. Für den ewigen Trainee-on-the-job Jogi wird es eine Stunde der Wahrheit.

  2. Sportnation
    Donnerstag, 3. Juli 2014 um 22:35

    Das Team wirkt insgesamt deutlich reifer. Wer sich das Mannschaftsfoto vor der USA-Partie anschaut sieht eine zwar patschnasse aber beeindruckende Geschlossenheit und Ambition ausstrahlende Truppe. Selbst die jüngsten Spieler sind kampferprobt und haben Champions-League-Finals bestritten. Der Kern des Teams, der 2006 noch grün hinter den Ohren war, weiß, dass es die letzte Chance für einen WM-Titel ist und man sieht ihnen die Ernsthaftigkeit an. Selbst der Bundestrainer wirkt plötzlich wild entschlossen. Wir hatten stets Probleme uns Joachim Löw als Weltmeister vorzustellen; nach seinem Auftreten zuletzt, fällt es uns leichter. Die Mannschaft möchte jetzt Weltmeister werden. Um diese Chance nicht leichtfertig zu verspielen, wurde die Defensive betont. Das ist ein Fortschritt.

  3. J. Loew
    Donnerstag, 3. Juli 2014 um 23:39

    Jungs, alles ist im Lot. Der Lahm geht in den Sturm, er möchte gerne das entscheidende Tor schießen, Neuer spielt auf der Sechs, grätscht alles ab, was ihm entgegen kommt, und Höwedes geht ins Tor, weil er ja nicht so gut laufen kann. So sind alle zufrieden. Und die anderen sollen mal so spielen wie sie wollen. War der Vorschlag von Podolski. Heißt: alle Freiheiten! Hat mich überzeugt. Noch Fragen? Ach ja, Klose spielt nicht, der will jetzt als Trainer anfangen, guckt mir über die Schulter, es bleibt also bei 15 Toren! 4 Finger für Deutschland! Jetzt zählt’s!

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