indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Rundleder-Quick-Date

„Matthäus hat die Botschaft nicht kapiert“

Kai Butterweck | Dienstag, 13. März 2018 9 Kommentare

Warum klafft hinter den Bayern ein so großes Loch? Was ist das Erfolgsgeheimnis von Niko Kovac? Und was sollten die Jungs von Jogi Löw für ihre Russland-Tour zwingend mit im Gepäck haben? Wir trafen uns mit FR-Sportredakteur Jan-Christian Müller zum Rundleder-Quick-Date und fragten nach

Jan-Christian, der FC Bayern zieht an der Spitze einsam seine Bahnen. Mittlerweile führen die Münchner mit 20 Punkten Vorsprung die Tabelle. Sind die Bayern so gut? Oder ist der Rest der Liga so schlecht?

Sowohl als auch. Die Bayern haben unter Heynckes nahezu wieder zurück zum von Pep Guardiola gelehrten Positionsspiel gefunden und werden zudem von einem Trainer angeleitet, der dank seiner natürlichen Autorität, seinem Fleiß, seiner Gelassenheit und Erfahrung mit Stars perfekt umgehen kann. Alle anderen Mannschaften sind nicht nur auf dem Platz personell schwächer besetzt, sondern auch in der Coachingzone. Es tut der Qualität der Bundesliga nicht gut, dass Guardiola als genialer Inspirator nicht mehr da ist, dass Klopp schon lange weg ist und dass Tuchel sich wieder eine Auszeit genommen hat. Ich habe in dieser Saison leider zu viele Spiele sehen müssen, in denen die schlichtere Kunst der Balljagd deutlich ausgeprägter war als die Ballfertigkeiten und das Zusammenspiel. Der Trend zu defensiven Fünferketten mit drei zentralen, groß gewachsenen Innenverteidigern tut ihr Übriges zur fehlenden Attraktivität.

Was muss passieren, damit der Kampf um die Meisterschaft wieder spannend wird?

Entweder, die Mutterkonzerne bzw. Mäzene von Leipzig, Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg pumpen sehr viel frisches Kapital in die Spielerkader, um zu den Bayern aufzuholen, was außer in Leipzig nicht passieren dürfte. Oder beim BVB und Schalke passt irgendwie mal in einem oder zwei Jahren alles perfekt zusammen. Oder die 50+1-Regel müsste fallen. Denn dann könnten sich Metropolenklubs, die zwischenzeitlich von den vom Großkapital gestützten Leipzig, Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg überholt wurden, finanziell völlig neu aufstellen – vorausgesetzt, ihre Mitglieder stimmten zu. Ob die dazu bereit sind, ist in der derzeitigen Stimmungslage im deutschen Fußball allerdings zu bezweifeln. Aber: Dass nur eine bessere Kapitalausstattung die Voraussetzungen bringen kann, stabil zu einem Spitzenklub zu reifen, steht bei allem Respekt vor Fußballromantik vollkommen außer Zweifel.

Welchem Team gebührt hinsichtlich der bisher gespielten Saison der meiste Beifall und warum?

Eintracht Frankfurt, weil das Duo Niko Kovac/Fredi Bobic seit deren Amtsantritt vor zwei Jahren aus den vorhandenen finanziellen Ressourcen nahezu das Optimum herausgeholt hat.

Welches Team hat derzeit – unabhängig vom Tabellenplatz – die größten Probleme?

Unabhängig vom Tabellenplatz? Haha. Kann man das voneinander trennen? Also: der HSV natürlich. Und Köln. Und Wolfsburg. Und Mainz. Und derzeit auch Gladbach, wo der zuvor wunderbare Tempofußball irgendwie erstickt ist.  Führt dann automatisch zu einem schlechteren Tabellenplatz als erwartet.

Bisher wurden in der laufenden Saison elf Trainer ausgetauscht. Wer hätte ihrer Meinung nach einen längeren Atem verdient gehabt?

Hätte es vor allem dem jungen Hannes Wolf in Stuttgart gegönnt. Finde es bemerkenswert, dass er und Martin Schmidt in Wolfsburg ihren Rücktritt angeboten haben. Es erfordert Mut, Intelligenz und Empathie, sich selbst aktiv in Frage zu stellen und nicht hinter Durchhalteparolen zu verstecken. Zeigt auch, wie ungeheuer schwierig der Job ist und wie er zehrt.

Mit wem würdest du dieser Tage lieber einen Kaffee trinken gehen: Per Mertesacker oder Lothar Matthäus?

Ich habe schon immer gern zu Interviews mit Per Mertesacker zusammengesessen, dessen Oma und meine Oma im selben kleinen Dorf im Oberharz aufgewachsen sind und unter dessen Vater ich sogar als jugendlicher mehrere Trainingseinheiten im Urlaub im Harz absolviert habe. Insofern bin ich da kein neutraler Betrachter. Aber ich finde es wichtig, dass Per Mertesacker das Thema Druck im Profisport auf diesem extrem mutigen und sehr persönlichen Weg so intensiv angesprochen hat. Matthäus hat die Botschaft leider nicht kapiert. Mertesacker sagt, er wolle das System angreifen. Damit das allerdings funktioniert, müsste es mehr Menschen wie ihn in dem System geben. Abendfüllendes Thema.

Die WM steht vor der Tür. Fußball-Fest oder Chaos-Tage? Was steht uns bevor?

Beim Confederations Cup habe ich keine Anzeichen von Chaostagen gesehen. Der Staatsapparat wird sich gegen potenzielle Hooligans aus dem eigenen Land entsprechend aufstellen. Und durch die Fan-ID dürften es Brüder im Geiste aus dem Ausland schwer haben, sich auszuleben. Und sie dürften es auch nicht in sonderlich großer Zahl wagen. Fußballfest? Hmm.

Wie schätzt du die Chancen des Teams von Jogi Löw ein?

Gut, die Mannschaft ist zusammengewachsen, jeder weiß, was der andere zu tun hat, es gibt keine Männer mehr, die durchgeschleppt werden wie Schweinsteiger 2016. Löw hat alle und alles im Griff, außer die Gesundheit von Manuel Neuer und Marco Reus. Beide wären wichtig. Und noch wichtiger wäre es, dass die Mannschaft wieder diesen absoluten Willen entwickelt, der in Brasilien 2014 da war und in Frankreich 2016 nicht.

Hast du einen Geheimfavoriten?

Belgien wäre cool.

freistoss des tages

 

Kommentare

9 Kommentare zu “„Matthäus hat die Botschaft nicht kapiert“”

  1. wolfgang kill
    Dienstag, 13. März 2018 um 11:26

    Aber ich finde es wichtig, dass Per Mertesacker das Thema Druck im Profisport auf diesem extrem mutigen und sehr persönlichen Weg so intensiv angesprochen hat. Matthäus hat die Botschaft leider nicht kapiert. Mertesacker sagt, er wolle das System angreifen. ####

    Entschuldigung wenn so ein Nicht-Fachreporter hier anderer Meinung ist .
    Wer zwingt denn den Profi-Fußballer mitzumachen??
    Hatte er sich nicht entschieden derart Profi Spieler zu werden ( und Profit zum machen ! ? )

    Lassen sich nicht (zu) viele von ihren „Beratern“ belatschern nur um mehr Knete zu horten ?
    ( “ zum Wohle ihres Beraters “ )

    Haben die Fußballspieler denn kein „eigenes Hirn keine eigene Denke “ um für sich selbst zu entscheiden ?

    Und sich um-zu-entscheiden ! ?

    Das ist m.E.zu einfach nun auf Loddar rum zu hacken !

    Glückauf

  2. Charly
    Dienstag, 13. März 2018 um 18:06

    Sie, Matthäus und andere haben da etwas missverstanden. Es ging nicht um Geld.

    Es ging um Druck, der auf Sportler ausgeübt wird, indem Medien, diverse Fans und sog. Experten eigene Erwartungen hegen, schüren und bei Nichterfüllung zu Furien werden, von kläglichem Vergeben oder jämmerlichem Versagen schwadronieren, statt -wie z.B. ich- volles Verständnis für die Ängste der Sportler zu formulieren.
    Sensible Cracks mit Hirn können diesem Stress manchmal nicht ausweichen. Beispiele, auch tödliche, kennen wir ja mittlerweile.

    Ginge es um Geld, dürften auch Hardliner wie Sie und ich niemals jammern, denn auch dann fänden sich Loser, die das für Klagen auf hohem Niveau halten.

  3. wolfgang kill
    Dienstag, 13. März 2018 um 19:10

    Ich hab schon nicht falsch verstanden
    anonymus „charly“.

    Er und andere „Magenkranke“ u.a. Millionäre werden nicht gezwungen.
    Im übrigen bitte ich meinen Text durch-zulesen.

    cu

  4. Van Kuchen
    Donnerstag, 15. März 2018 um 15:40

    Der Druck nimmt stetig zu.
    Und das, obwohl allen klar ist, das man aus einer Zitrone nicht den Saft von vier Zitronen pressen kann.

    Und doch: er wurde gezwungen, so behaupte ich:
    Wir alle kommen auf die Welt in ein System, von dem wir gesagt bekommen, so funktioniert das.
    Wir werden gezwungen, in ein System der Gleichmachung zu gehen (Schule, Medien, uvm).
    Wir wurden nicht gefragt, wie wir leben wollen.
    Und diese findet, obwohl es mittlerweile der ein oder andere Prominente fordert, nicht statt.

    Ich will nicht leben in einem System, daß dem Streben nach Geld und Macht alles unterordnet.
    Was wir haben: Du mußt arbeiten gehen und Geld verdienen.
    Doch Geld macht nicht glücklich. Diese Unfreiheit auch nicht.
    Dabei wird – quasi ohne jede Rücksichtnahme – alles ausgebeutet, was geht.
    „Ressourcen“, Menschen der „dritten Welt“ und seit einigen Jahren auch der „ersten Welt“
    Tibet wird annektiert, die Menschen dort dürfen nicht ihren Glauben ausleben und China zerstört das Land und mißbraucht es als Atom-Stützpunkt und Energie (Strom)-quelle.
    usw.

    Ich wünsche mir Menschlichkeit, freie Entfaltung, die Möglichkeit, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen, z.B. es künstlicherisch zu gestalten, die Dinge machen zu können, die wir machen möchten.
    Dazu braucht es m.M. nach ein Grundeinkommen für Alle, auf der ganzen Welt.
    Das jeder Mensch als Individuum erkannt und gefördert wird.
    Oder einfach, in der Sonne sitzen zu können und sein Selbst zu genießen (wer kann das heute noch), sowohl zeitlich, als auch von den eigenen Möglichkeiten?

  5. wolfgang kill
    Donnerstag, 15. März 2018 um 15:59

    ist schon „toll hier“
    mit den fake names ;

    Und fast religiöse / Grüne Merkmale/Weltanschauungen anzubringen

    selbstverständlich anonym

    na ja wer’s hier mag.

    tschüss

  6. Van Kuchen
    Donnerstag, 15. März 2018 um 16:03

    und noch einer, auch wenn ich mich z.T. wiederhole:

    Wer erleben ein Phänomen, das seit 4 Jahrzehnten stattfindet, daß nämlich tragende Spieler dorthin gelockt werden, wo „Milch und Honig fließen“.
    Dies ist ein Phänomen, wie dies so viele andere Top-Manschaften (Dortmund, Bremen, Frankfurt, Gladbach, Hoffenheim, Stuttgart, Leverkusen, Schalke, ..)
    immer wieder erleben, wenn sie oben stehen. Es darf (aus Sicht der Münchner) eben niemand anderes Meister werden, als Bayern, sonst haben die ein Problem.
    Folge: statt um die Meisterschaft spielte die ein oder andere Mannschaft im nächsten Jahr um den Abstieg.
    Und wenn’s mal nicht funktioniert, wurde halt der Trainer weggekauft: Rehhagel, Hitzfeld, Heynckes (ja, um ihn zu engagieren, mußten sie Gerland freikaufen) Magath,..?

    Die armen Bayern,…

    die immer den anderen Mannschaften die besten Spieler wegkaufen müssen (weil sie sonst nicht erster werden).
    Psychologisch betrachtest ist dies äußerst interessant!

    Eine Statistik, die zeigt, wie die betroffenen Mannschaften sich nach Wegkäufen entwickelten, interessier mich brennend.
    Doch darüber berichten (die offiziellen) Medien nicht

    Laßt uns ehrlich werden und sagen: es geht hier nur um Geld und Macht (Prestige).
    Im Kapitalismus müssen (?) alle Werte zurück stehen.
    Traurig, traurig
    und fraglich, wie lange es noch gut geht..

  7. elmundodeados
    Freitag, 16. März 2018 um 20:02

    Danke ben86, liest sich gut.

  8. Charly
    Freitag, 16. März 2018 um 22:36

    elmundodeados,

    Sie reden offenkundig über Dinge, die Sie durchschauen. Mein Kompliment.

  9. Buse
    Sonntag, 18. März 2018 um 20:32

    Danke, liebe Kai Butterweck 3! lg Verena

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