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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Wo bleibt die Vorfreude?

Kai Butterweck | Donnerstag, 14. Juni 2018 ohne Kommentar

Die Presse beschäftigt sich am WM-Eröffnungstag mit gedämpften Erwartungen, vorhersehbaren Entscheidungen und prügelnden Chaoten

Kurz vor dem ersten Anpfiff fehlt bei manchen Fußball-Fans noch die echte Euphorie. Dabei könnte eine friedliche und erfolgreiche WM große Veränderungen vorantreiben. Joscha Weber (dw.com) drückt die Daumen: „Inmitten von diplomatischen Krisen zwischen den zunehmend isolierten Russen und der Welt um sie herum bietet das Fußball-Turnier eine Chance auf ein klein wenig Annäherung. Neben der erwarteten halben Million internationaler Besucher wären auch Staats- und Regierungschefs gut beraten, sie zu nutzen.“

Eugen Epp (stern.de) ist die Lust am Feiern mit Deutschland-Trikot- und Fähnchen vergangen: „Heute komplett in schwarz-rot-gold eingekleidet auf die Straße zu gehen, das ist zumindest für mich undenkbar geworden. Bei einer Masse, die Deutschland-Fahnen schwenkt und dabei womöglich auch noch laut Parolen ruft, denke ich nicht mehr an ein Fußballfest, sondern an Pegida-Demonstrationen.“

Deutschlandflaggen und schwarz-rot-goldene Hawaiiketten

Sara Peschke (sz-magazin) schließt sich an: „Mir wird komisch, wenn ich an die Fanmeilen und Public-Viewing-Biergärten denke mit all den Deutschlandflaggen und schwarz-rot-goldenen Hawaiiketten. Es ist nicht mehr 2006, sondern 2018. Menschenaufläufe mit Deutschlandfahnen sieht man nicht mehr nur alle zwei Jahre, und es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass es sich dabei um einen Pegida-Aufmarsch handelt als um eine Fanansammlung.“

Reißt Wladimir Putin heute Abend jubelnd die Hände in den Himmel? Johannes Aumüller (SZ) ist gespannt: „Mit dem Spiel Russlands gegen Saudi-Arabien beginnt an diesem Donnerstag eine WM, die vor allem eines sein soll: ein großes Fest und eine große Propaganda-Möglichkeit für Putins Regime. Und damit das in der avisierten Form möglich ist, braucht es neben manch anderen Dingen nicht zuletzt eine Zutat: Die eigene Mannschaft muss erfolgreich auftreten. Entsprechend kommt dem Auftaktspiel im Luschniki-Stadion nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus atmosphärischer und politischer Perspektive eine bedeutende Rolle zu.“

Gestern wurde auf dem Fifa-Kongress entschieden: Die USA, Kanada und Mexiko werden die WM 2026 ausrichten. Robert Kempe (sportschau.de) zeigt mit dem Daumen nach unten: „Der FIFA-Kongress in Moskau, er war drehbuchreif, alles durchorchestriert. Alles geplant und durchgetaktet. Mit einem Ausgang, der vorhersehbar war. FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte alles dafür getan, dass es keine Überraschungen gibt: Änderung des Bewerbungsverfahrens oder die Einsetzung einer Evaluierungskommission mit engen Vertrauten.“

Man muss vorsichtig sein

Bei der WM in Russland werden heftige Hooligan-Auftritte erwartet. Szene-Experte Robert Claus legt im stern.de-Interview besorgniserregende Fakten auf den Tisch: „Es gab im Januar außerdem ein Treffen zwischen russischen und argentinischen Hooligans. Auch Leipziger und St. Petersburger Hooligans haben sich im März getroffen. Was sie dort genau gemacht haben, weiß man nicht. Aber eine Vernetzung im Vorfeld der WM ist wahrscheinlich. Man muss also vorsichtig sein.“

Holger Schmale (Berliner Zeitung) hofft, dass die WM zu einer Ost-West-Annäherung beiträgt: „Die am Donnerstag beginnende Fußballweltmeisterschaft erscheint wie ein Glücksfall. Denn so sehr das Turnier von manchen politisch instrumentalisiert werden mag, es bringt doch für vier Wochen eine neue Dimension in die Verhältnisse mit Russland. Es erlaubt einen anderen, vielleicht entspannteren Blick auf dieses große, widersprüchliche Land, das auf so besondere Weise mit Deutschland verbunden ist.“

Jan Christian Müller (FR) steht staunend auf dem Trainingsplatz der deutschen Nationalmannschaft in Watutinki: „Im Trainingsspiel erzielt Ilkay Gündogan das erste Tor und wird bejubelt wie ein Zar, ein ungewohntes Gefühl für den zuletzt so arg gerupften Kumpel von Erdogan. Auch Mesut Özil wirkt, als hätte er Shitstorm, Rückenweh und Knieschmerzen heil überstanden. Bei seinem zweitem langen Pass genau in den Fuß gibt es Aahs und Oohs.“

Löw ist empathisch, kommunikativ und spürt Schwingungen

Neu-Bayern-Coach Niko Kovac (FAZ) verneigt sich vor dem Bundestrainer: „Löw ist sehr empathisch, kommunikativ und spürt Schwingungen. Er hat auch ein gutes Händchen dafür, mal kurze und mal lange Leine zu geben. Denn zu viele Reglementierungen sind auch nicht gut. Die Spieler dürfen sich auf der einen Seite nicht allein gelassen fühlen, weil sie schon auch viel Freizeit haben. Auf der anderen Seite dürfen sie sich nicht eingeengt vorkommen.“

Der große WM-Favorit Spanien hat kurz vor Turnierbeginn noch schnell den Trainer gewechselt. Statt Julen Lopetegui sitzt nun Fernando Hierro auf der Bank. Sebastian Stier (Zeit Online) macht große Augen: „Die neue Generation um Isco, Marco Asensio, David de Gea und Dani Carvajal ist talentiert. Alles vortreffliche Burschen, nur eben nun ohne einen Trainer, der sich um sie kümmert. Lopetegui war ein Förderer der Jugend. Fernando Hierro folgt nun auf ihn. Der Sportdirektor ist ein altes Schlachtross. Ein Name wie sein Spielstil früher. Hierro, Eisen. Einer, der die rote Furie prägte.“

Christoph Biermann (Tagesspiegel) freut sich in den kommenden Wochen auf individuelle Klasse: „Es gibt sogar einen Aspekt, bei dem die Spiele in Russland interessanter werden könnten als die hochgepitchten Begegnungen der Champions League. Es wird mehr Notwendigkeit und damit Platz für Improvisationen sein. Wir werden also Spieler nicht nur als Funktionsträger einer Fußballmaschinerie erleben, sondern als Menschen mit ihrer individuellen Kunst. Nicht die schlechteste Aussicht.“

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