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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Bierselige Kumpanei und steigender Kulturpessimismus

Kai Butterweck | Dienstag, 26. Juni 2018 ohne Kommentar

Die Presse beschäftigt sich mit quasselnden Ex-Kickern, Tippspiel-Aussteigern und Antihelden für einen Tag

Bei der WM-Berichterstattung wird viel gelacht und gescherzt. Andreas Becker (nordkurier.de) hat Schaum vorm Mund: „Wenig Distanz, kaum Kritik – dafür bierselige Kumpanei und höfliches Schulterklopfen. Dazu gibt es abgehalferte Ex-Fußballer als „Experten” – jene Gattung ist von Journalismus so weit entfernt wie der weiße Hai vom Tollensesee.“

Philipp, wann bist du heute Morgen aufgestanden?

Auch Manuel Schubert (FR) hält sich Augen und Ohren zu: „Allein die Szenerie ist bizarr: Da steht ein großes Sofa auf der Wiese am Ufer des Tegernsees als wäre es vom Möbeltransporter gepurzelt. Auf den graublauen Polstern fläzt sich der Kapitän der Weltmeistermannschaft von 2014 mit der Moderatorin Jessy Wellmer, die ihn anhimmelt wie eine Teenagerin aus den Neunzigern, die zum ersten Mal leibhaftig einen der Backstreet Boys sieht, und ihn Dinge fragt wie: Philipp, wann bist du heute Morgen aufgestanden? Philipp, warum hast du nie ein Smartphone in der Hand? Das erinnert verdächtig an das legendäre ZDF-Fremdschämstudio am Rentnerstrand von Usedom mit Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein.“

Nach provozierenden Jubelgesten und Morddrohungen via Facebook verirrt sich Josef Kelnberger (SZ) im Kulturpessimismus-Labyrinth: „Der Fußball, so lernt man daraus, kann das Beste, aber auch das Schlimmste im Menschen zutage fördern. Strafen, wie sie der Weltverband nun gegen Schweizer und Serben erwägt, werden kaum helfen, nationalistische Aufwallungen einzudämmen. Das können nur vernünftige Politiker. Aber in dem Punkt gibt es wirklichen Grund zum Pessimismus.“

Restaurants sind derzeit sehr beliebt bei syrischen Fans

Syrien hat die erste WM-Qualifikation nur knapp verpasst. Der Liebe zum Fußball hat das aber nicht geschadet. Alaa Alfahel (Tagesspiegel) bestellt sich in Latakia einen Tee und schaut gespannt in Richtung Bildschirm: „Restaurants sind derzeit sehr beliebt bei syrischen Fans. Oft bieten sie eine besondere Atmosphäre, indem sie spezielle Sitzordnungen haben, die an ein Stadion erinnern sollen – angeordnet um einen großen Bildschirm. Die Flaggen der 32 an dem Turnier teilnehmenden Länder hängen in vielen Gastwirtschaften und Cafés. Wirte versuchen mit Angeboten mehr Besucher anzuziehen. So bieten sie spezielle Preise für die diejenigen, die die größte Anzahl von WM-Spielen in einem Restaurant besuchen.“

Kevin Miles war 2016 in Marseille, als russische Hooligans englische Fans durch die Straßen jagten. In Russland ist der englische Fußball-Fan nun wieder mit dabei. Im Interview mit dem Tagesspiegel berichtet Kevin vom Hier-und-Jetzt-Alltag in Russland: „Es ist bislang komplett ruhig geblieben. Die größten Probleme, die wir hatten, waren die nervigen Fliegen vor der Fanbotschaft in Wolgograd. Ansonsten ist alles super: Freundliche Menschen, hervorragendes Essen, tolles Wetter.“

Dieser Sport ist schon lange nichts mehr für Romantiker

Während die Kicker in Russland dem runden Leder hinterherjagen, sitzen in Deutschland tausende Fans vor ihren Tippzetteln. Eugen Epp (stern.de) hat keine Lust mehr aufs „Kreuzchenmachen“: „Wir ärgern uns oft darüber, dass es im Fußball nur noch ums Geld geht und nicht mehr um den Sport an sich. Oder über Mannschaften, die Fußball nicht spielen, sondern zerstören wollen. Dieser Sport ist schon lange nichts mehr für Romantiker, das haben wir verstanden. Beim Tippen verhalten sich viele von uns aber genauso. Ihnen geht es nicht mehr um ein schönes Spiel oder viele Tore. Sie wollen nur in der Tippspiel-Tabelle nach oben klettern, um den Jackpot oder – genauso wichtig – die Anerkennung der anderen zu gewinnen. Schade, denn dadurch geht bei diesem großen Fußballfest einiges verloren. Ich jedenfalls bin raus.“

Nach den exzessiven Jubelposen der Herren Georg Behlau und Uli Voigt kann sich die DFB-Delegation den Erhalt einer Fairplay-Urkunde wohl abschminken. Martin Einsiedler (Tagesspiegel) schickt die beiden Angeklagten wieder zurück ins Büro: „Die emotionalen Ausschweifungen von Behlau und Voigt sind als verzweifelter Versuch zu verstehen, wahrgenommen zu werden. Von der Öffentlichkeit und von der Mannschaft. Ohne Zweifel ist das den beiden im Spiel gegen die Schweden gelungen. Immerhin waren sie Antihelden, wenn auch nur für einen Tag. Nun aber sollten sie sich wieder dem Schreibtisch widmen.“

Die Straßen in Sotschi verwandelten sich in kleine Flüsse

Sonnencreme oder Regenschirm? Johannes Kopp (taz) hat in Sotschi beides mit im Gepäck: „Hier in Sotschi bekommt man ein gutes Gespür dafür, weshalb die Berichterstattung über das dann wirklich bezogene deutsche Quartier in Watutinki so negativ – man kann auch sagen: so wetterfühlig – ausfiel. Doch die Wehmut dürfte spät in der Nacht auf Sonntag ein wenig verflogen sein. Ein Wolkenbruch ergoss sich über die Stadt. Die Straßen verwandelten sich in kleine Flüsse. Und die Menschen, die nach dem Stadionbesuch wohl oder übel die Busse verlassen mussten, rannten hektisch nach Obdach suchend umher. Sotschi kann auch anders.“

Auch Stefan Hermanns (Tagesspiegel) ist in Sotschi vor Ort: „Unsere temporäre Unterkunft ist ein Familienurlaubshotel mit den entsprechenden Angeboten für Kinder. Sotschi oder genauer Adler, wo wir jetzt einquartiert sind, ist ein Touristenort mit Sonne, Strand und mehr. Das Fisht-Stadion befindet sich am Ende der Strandpromenade, am Abend blinkt die äußere Hülle so penetrant in allen Farben, dass man den Eindruck haben könnte, die Arena stamme aus einem China-Shop auf der Kantstraße.“

Die DFB-Elf trifft am Mittwoch in Kasan auf Südkorea. Benedikt Warmbrunn (SZ) steht bereits in kompletter Spaziergänger-Garderobe an der Kasanka-Flusspromenda und scharrt mit den Füßen: „Der passionierte Spaziergänger fängt seine Runde am besten im Kyrlai Park an der Kasanka an. Von dort bietet sich ihm dann der Blick auf das Wahrzeichen der Stadt, auf den Kreml von Kasan. Errichten lassen hatte diesen Iwan IV. (der, den sie den Schrecklichen nennen), nachdem er 1552 nach mehreren Jahrzehnten Krieg zwischen Moskau und Kasan mit seinen Truppen die verfeindete Stadt eingenommen hatte.“

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