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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Kickende Ersatzhelden

Kai Butterweck | Montag, 2. Juli 2018 ohne Kommentar

Die Presse beschäftigt sich mit neuen Heroen, gestürzten Königen, wirtschaftlichen Talfahrten und sabbernden Hohlköpfen

Nach der Presse-Kritik von Toni Kroos, Joshua Kimmich und Niklas Süle beschäftigt sich Peter Ahrens (Spiegel Online) etwas eingehender mit dem Verhältnis zwischen schreibender Zunft und kickender Elite: „Wenn Nationalspieler Reporter kritisieren, weil sie sich nicht ausreichend gelobt fühlen, und Reporter im Gegenzug die Spieler für ihre schwachen Leistungen, dann sollte das eigentlich der Normalzustand sein. Und wenn die Nationalmannschaft wieder gut spielt, dann wird das sicher auch wieder seinen Niederschlag in den Medien finden.“

Zur Schau getragene Lässigkeit sollte minimiert werden

Bleibt er? Oder wirft er das Handtuch? Noch immer ist die Zukunft von Joachim Löw ungewiss. Jan Christian Müller (Berliner Zeitung) bastelt an einem neuen Löw-Modell: „Es braucht einen Bundestrainer, der mit seiner Aura zurück auf den Planeten Erde gelangt. Das wird schmerzlich für Löw, denn die Fallhöhe aus dem All des Weltmeistertrainers hinunter zum irdischen lizenzierten Fußballlehrer ist hoch. Er muss wissen, ob er bereit ist, diesen Schmerz zu ertragen. Der Vertrauensvorschuss, den ihm das Publikum vielleicht noch schenken wird, ist endlich. Zur Schau getragene Lässigkeit sollte minimiert, durch mehr Leidenschaft kompensiert und mit mehr Fleiß garniert werden. Löw müsste zulassen, dass er sich kritisch spiegeln lässt und nicht nur vor Schulterklopfern Hof hält.“

Nach dem Aus der deutschen Nationalmannschaft ist die Suche nach Ersatzhelden in anderen Trikotfarben in vollem Gange. Ingmar Volkmann (Stuttgarter Zeitung) drückt jetzt den Franzosen die Daumen: „Im April 2017 habe ich mich in Kylian Mbappé schockverliebt, als er in der Champions League gegen Borussia Dortmund seine Weltwunderhaftigkeit andeutete. Und dann dieser Samstag! Dieser Antritt! Diese Torgefahr! War das schon der Wachwechsel, der die Zeit nach der Götterdämmerung, nach Messi und Ronaldo, erträglich macht? Ich freue mich auf das Viertelfinale, wenn dieses französische Wiesel sich mit den beinharten Ochsen aus Uruguay auseinandersetzen muss – und entschuldige mich für die unpassenden Tiervergleiche im letzten Satz.“

Friedhard Teuffel (Tagesspiegel) schwärmt für himmelblaue Südamerikaner: „Uruguay hat gerade ein verführerisches Angebot gemacht. So viel Gerenne, so viel Leidenschaft, so schöne Tore. Dem könnte man sich doch einfach anschließen. Ist es nicht genau das, was den Fußball am schönsten macht, wenn sich Hingabe und Ästhetik miteinander verbinden? Und war es nicht genau das, was sich auch die Fans von der deutschen Mannschaft erhofft hatten?“

Das russische Sommermärchen geht weiter

Stefan Nestler (dw.de) freut sich für die leidenschaftlich kämpfenden Helden des Gastgerberlandes: „Schon jetzt ist der Einzug ins Viertelfinale einer der größten Überraschungen des Turniers und gleichzeitig der größte Erfolg eines russischen Nationalteams seit dem Ende der Sowjetunion. Die Sbornaja demonstriert, was purer Siegeswillen und Fußball mit Herz, gepaart mit Glück, bewirken können. Bravo! Dass russische Sommermärchen geht weiter.“

Die Spieler von Argentinien und Portugal müssen nach dem Achtelfinale die Koffer packen. Zwei Hauptprotagonisten haben besonders schweres Gepäck zu schleppen. Ibrahim Naber (Welt) verabschiedet sich von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo : „An ihrem letzten Abend bei der Fußball-Weltmeisterschaft trennten Cristiano Ronaldo und Lionel Messi 2085 Kilometer. Am Ende aber, als sie die letzten Meter über den Rasen in die Katakomben schlichen, teilten die beiden besten Fußballspieler des Planeten ein gemeinsames Schicksal: Sie hatten soeben die letzte Chance vergeben, ihr Land zu einem WM-Titel zu führen. Zumindest auf dem Höhepunkt ihrer Kunst.“

Andreas Rüttenauer (taz) schließt sich an: „Der Fußball geht in eine neue Epoche. Ein neuer Größter wird gesucht. Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind erst mal raus. Sie waren nie Weltmeister und sie werden es nicht mehr. So schnell wird man sie dennoch nicht vergessen. Sie können immer noch Spiele entscheiden, Wettbewerbe gewinnen. Ronaldo gehört die Champions League und Messi die spanische Meisterschaft. Doch man wird sich daran gewöhnen müssen, zurückzublicken, wenn es um die Leitungen der beiden geht.“

Im Interview mit Spiegel Online verrät Diplom-Psychologe Dr. Georg Froese warum er die Engländer in puncto Elfmeterschießen ganz oben auf der Das-kriegen-die-hin-Liste zu stehen hat: „Auf Grundlage meiner Forschungen sind für mich entgegen der landläufigen Meinung die Engländer beim Elfmeterschießen favorisiert. Nach ihren Elfmeter-Traumata in der Vergangenheit könnte ich mir gut vorstellen, dass sie großen Wert auf eine gute Vorbereitung gelegt haben – und auf die kommt es an.“

Die Grundstimmung ist nah dran an einer Resignation

Stefan Melle ist Geschäftsführer des Vereins Deutsch-Russischer Austausch. Im Gespräch mit 11freunde.de äußert er sich zur wirtschaftlichen Talfahrt Russlands: „Es gibt kaum eine Entwicklung der Wirtschaft hin zur Modernität. Selbst in Kernbereichen wie Erdgas oder Stahl hängen die Russen hinterher. Noch weiter hinten dran sind sie bei Zukunftstechnologien. Da kriegt es Putin nicht hin, das zu verbessern. Obwohl er es ständig verspricht. Die Grundstimmung ist daher nah dran an einer Resignation und einem negativen Selbstbild.“

Die pünktlich zum Beginn der WM vorgestellten Pläne der russischen Regierung, das Rentenalter in den kommenden Jahren deutlich zu erhöhen, stoßen in der Bevölkerung auf wenig Begeisterung. Reinhard Veser (FAZ) steht vor Putins Büro und hat schlechte Nachrichten im Gepäck: „Innerhalb kurzer Zeit haben sich mehr als zwei Millionen Russen einer Internetpetition gegen das Vorhaben angeschlossen. Noch während der WM sollen Proteste in Städten stattfinden, in denen keine Spiele stattfinden. Und sobald die massiven Einschränkungen im Versammlungsrecht aufgehoben sind, die derzeit an den Austragungsorten gelten, wollen die Gewerkschaften in Moskau eine Großdemonstration organisieren – drei Tage nach dem WM-Finale im Luschniki-Stadion.“

WM-Reporterinnen sind mehrfach Opfer sexueller Belästigung geworden. Niklas Levinsohn (Tagesspiegel) ist entsetzt: „Zwischenfälle dieser Art gehören bei der Weltmeisterschaft zum Arbeitsalltag von Reporterinnen. Die TV-Journalistin Julia Guimaraes wurde bereits zum zweiten Mal während einer Aufzeichnung in Russland von einem Fan sexuell belästigt. Dass Körperkontakt ohne Einwilligung der betroffenen Person, bis hin zum Küssen und Grapschen, nichts anderes als sexuelle Belästigung ist, sollte eigentlich keiner Erklärung bedürfen.“

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