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Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 Kommentare deaktiviert für Themen

Themen: 1860 München und die „Generation Lauth“- FC Köln wird zum seriösen Verein – Augenthaler, der Leverkusener Ruhepol – Bayern München fordert Leistung – Hannover 96: die schwierige Position Rangnicks und ein tschechische Duo – dem jungen Otto Rehhagel zum 65. – Barcelona verschenkt Fußballer u.v.m.

Symbol für eine bessere Zukunft

Christian Zaschke (SZ 9.8.) schildert den Imagefaktor Benjamin Lauths für 1860 München. „Es war 1992, als plötzlich die Zukunft des TSV 1860 München am Trainingsgelände an der Grünwalder Straße stand. Die Zukunft war ein elf Jahre alter Junge, blond, schmächtig, er kam aus Fischbachau und wollte beim Probetraining mitspielen. Der Vater des Jungen war ein Fan der Sechziger, und als er von einem Probetraining für den Nachwuchs bei 1860 las, hat er seinen Sohn ins Auto gesetzt und ist mit ihm die 58 Kilometer von Fischbachau hinüber an die Grünwalder Straße in München gefahren. Nach dem Training sagten die Ausbilder zu Hans Lauth, er solle sofort den Spielerpass seines Sohnes vorbeibringen. Dieser kleine Benjamin konnte kicken, das haben sie gleich erkannt. Jetzt, elf Jahre später, ist Benjamin Lauth, 22, die Identifikationsfigur des TSV 1860, er trägt die Hoffnungen des Vereins. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Werner Lorant Trainer geblieben wäre in München. Vor zwei Jahren spielte Lauth bei den Amateuren, er spielte gut, er mühte sich sehr, doch er kam nicht vom Fleck, wie ein Autofahrer, der mit seinen Wagen im Wüstensand steckt und nun immer heftiger aufs Gaspedal drückt. Die Reifen drehen sich dann immer tiefer in den Sand, und je mehr Lauth sich mühte, je besser er spielte, desto heftiger reagierte der damalige Trainer Lorant. „Lauth? Kenne ich nicht“, raunzte er noch, als viele im Verein längst wussten, wie groß dieses Talent war. Lorant ignorierte den jungen Stürmer (…) Heute steht Lauth bei den Sechzigern als Symbol für eine bessere Zukunft. Der Verein hat über die Jahre an Profil verloren, bis er fast unsichtbar war. Die Verantwortlichen um Geschäftsführer Karl-Heinz Wildmoser junior und Sportdirektor Dirk Dufner haben deshalb überlegt, das Image des Klubs zu ändern: Sie wollten der Verein werden, der junge Spieler ausbildet und ihnen eine Chance gibt. Etwas besseres als Benjamin Lauth konnte ihnen nicht passieren. Innerhalb eines Jahres von den Amateuren in die Profimannschaft und gleich weiter in die Nationalelf, das allein ist schon eine gute Geschichte. Dass er dazu aus der eigenen Jugend kommt, macht den Mann als Imagefaktor unbezahlbar. Das hat auch die Führung des TSV 1860 erkannt, die in schnell mit einem langfristigen Vertrag ausstattete und dann und wann erklärt, Lauth sei unverkäuflich.“

Dramatische Entkölschung

Christoph Biermann (SZ 9.8.) beschreibt das neue Kölner Leitbild. „Beim 1.FCKöln hat eine schleichende, letztlich dramatische Entkölschung stattgefunden. Still und heimlich wurde eine Entwicklung vollzogen, die der kicker als „Abkehr vom Größenwahn“ bezeichnet hat. Wobei dieses Leben im Wolkenkuckucksheim, das Wolfgang Overath schön mit dem Satz „Wir waren das Real Madrid von Deutschland“ zusammengefasst hat, in der jüngeren Vergangenheit eine folkloristische Ausprägung bekommen hatte. War der 1.FCKöln früher ein arroganter Stehkragen-Verein, der am Fußballgeschäft quasi mit abgespreiztem kleinen Finger teilnahm, wurde das Geißbockheim im letzten Jahrzehnt zu einer rumpelnden Volksbühne. Anfang der neunziger Jahre erlöste der Klub noch riesige Transfereinnahmen aus den Verkäufen von Jürgen Kohler, Thomas Häßler, Pierre Littbarski oder Fleming Poulsen und verjubelte sie dann weitgehend sinnlos. Die Vereinsführungen gaben dazu den Jahrmarkt der Eitelkeiten, und die Zeitungen hatten tagtäglich die tollsten Dinge zu berichten, weil alle Interna brav nach außen getragen wurden. Schließlich wollte jeder mal seine Schlagzeile abbekommen. Als Albert Caspers den Klub 1997 übernahm, drängte er zumindest die Schnöseligkeit im öffentlichen Auftreten des FC zurück und mühte sich um Kundenfreundlichkeit und Seriosität. Wenn man eine Eintrittskarte kaufen wollte, bekam man auf einmal jemanden ans Telefon – das war neu. Trainer Ewald Lienen sorgte dazu im blauen Hemd und mit rituellen Gängen vor die Fan-Kurve für Volksnähe, dem Tohuwabohu war aber noch kein Einhalt geboten. Zum 1.FCNeu-Köln wurde der Klub erst vollends, als Andreas Rettig im vergangenen Frühjahr kam und den Verein unaufgeregt, aber mit schonungsloser Härte säuberte. Hier und da wurde das Personal ausgewechselt, seitdem dringt nichts mehr nach draußen. Caspers, Rettig, Trainer Friedhelm Funkel und Finanz-Geschäftsführer Claus Horstmann lenken den Klub inzwischen so geräuschlos, dass sich die lokalen Zeitungen in dieser Woche doch ernsthaft mit sportlichen Fragen beschäftigen mussten.“

Die SZ (9.8.) recherchiert den letzten Akt des Makaay-Transfers. „Was der FC Bayern allerdings nicht schilderte, wurde der SZ aus der Klubzentrale in La Coruña bekannt: Demnach zahlen die Bayern 500000 Euro zusätzlich, sollte der nicht unwahrscheinliche Fall eintreten, dass sie innerhalb der nächsten drei Jahre deutscher Meister werden. Eine weitere Million müssen sie drauflegen, falls sie bis 2007 die Champions League gewinnen sollten. Und Punkt drei im Kleingedruckten verpflichtet die Bayern zur Teilnahme innerhalb von drei Jahren an Deportivos Sommerturnier Trofeo Teresa Herrera. Auf eigene Kosten übrigens, und bei Nichterscheinen werden 500000 Euro Buße fällig. Lendoiro mag die Extras als Entschädigung für den Affront betrachten, den ihm die Bayern am Donnerstag geliefert hatten. Die Spanier waren schwer beleidigt, nachdem die Deutschen Makaay auf den Trainingsplatz geschickt hatten, obwohl er noch keinen Vertrag unterschrieben geschweige denn die Freigabe erhalten hatte. Ihren Ärger brachten sie in einer Stellungnahme zum Ausdruck, die einer im Außenministerium eingereichten Protestnote glich. Inoffiziell wurden Klagen über die Arroganz und Selbstherrlichkeit der Deutschen laut.“

Mit Augenthaler scheint eine neue Sachlichkeit eingezogen

Über den beruhigenden Einfluss Augenthalers auf Team und Führung Bayer Leverkusens lesen wir bei Erik Eggers (FR 9.8.). „Mit Augenthaler scheint eine neue Sachlichkeit eingezogen unter dem Bayer-Kreuz, seitdem er dort zwei Spieltage vor Saisonende das Kommando übernommen und mit zwei Siegen den Klassenerhalt sichergestellt hat. Der 45-Jährige Weltmeister von 1990 strahlt eine Bierruhe aus, die sich offenbar überträgt auf den Club und seine Angestellten. Sogar die Zitat-Maschine Reiner Calmund und Sportdirektor Jürgen Kohler tauchten zuletzt völlig ab. Schrille Schlagzeilen jedenfalls sind nicht mehr zu lesen, und auch die Spieler, die sich in der letzten Saison oft zu Wort meldeten, verhalten sich ruhig. Sogar diejenigen, die um ihre Pfründe bangen müssen, weil Augenthaler von Stammplatzgarantien so viel hält wie von langen Reden. Neulich protestierte Hanno Balitsch zahm, dass er sich nicht so gern auf der rechten Verteidigerposition aufhalte, er sehe sich mehr im defensiven Mittelfeld. Augenthaler reagierte darauf auf seine Art. Balitsch sollte froh sein, sagte er am Mittwoch im Chat mit den Bayer-Fans, dass er in der Mannschaft spielen darf. Endgültiger und souveräner könnte eine Replik nicht ausfallen. Ein anderes Beispiel: Dass Mittelfeldregisseur Robson Ponte am ersten Bundesliga-Spieltag nach überragender Leistung von der Champions League sprach, hat Augenthaler nur gespeichert. Er will ihn, sagt er grinsend, bei passender Gelegenheit darauf festnageln. Augenthaler hat übrigens so einiges erzählt über sich im Web-Gespräch mit den Anhängern. Dass er es aufgegeben habe, mit dem Rauchen aufzuhören, und dass er früher mal Ministrant war. Und die Euphorie einiger Fans nach dem famosen 4:1 beim Auftakt gegen den SC Freiburg hat der 45-Jährige nicht stoisch zur Kenntnis genommen, sondern in seiner trockenen Art eher noch geschürt. Gefragt, ob etwas ganz Großes drin sei im Jubiläumsjahr, beantwortete Augenthaler lakonisch mit einem ist möglich, auf dem Vereinswimpel sei schließlich noch sehr viel Platz.“

Lob ist was für Weicheier

Thomas Kilchenstein (FR 9.8.) widmet sich Münchner Motivation. „Der Ton bei Bayern München in der letzten Zeit ist rauer geworden. Die Spieler, verhätschelt und fürstlich bezahlt, kriegen und spüren plötzlich Druck. Ob sie nun Zé Roberto heißen, Sebastian Deisler, Giovane Elber oder Mehmet Scholl. Uli Hoeneß, der Manager, hat mit der öffentlichen Kritik an seinem offenbar satten Personal in der Sommerpause angefangen, als er erst von Zé Roberto und dann von Sebastian Deisler (Die Schonfrist ist vorbei) mehr Leistung einforderte. Zé Roberto, der in der vergangenen Saison eher durch raffinierte Frisuren aufgefallen war denn durch überragende Spiele, reagierte promt – und zwar erst ein wenig bockig, bot indigniert an, den Club zu verlassen, falls man nicht zufrieden sei. Dann aber schwang er sich im ersten Spiel zu einer Leistung auf, die sein Trainer Ottmar Hitzfeld als die beste, seit er bei uns ist, wertete. Hoeneß wird sich ins Fäustchen gelacht haben, geht doch. Es ist offenkundig: Konkurrenzkampf und Druck von außen haben die saturierten Bayern, in der vergangenen Saison national ohne ernsthafte Konkurrenz, zum Laufen gebracht. Gar von Traumfußball sprach Hoeneß nach den ersten 45 Minuten in dieser 41. Saison, was auch daran gelegen haben mag, dass der introvertierte Sebastian Deisler endlich einmal zeigen konnte, zu was er fähig ist, wenn er gesund ist. Schon mehrten sich die Stimmen, Rummenigge und Bundestrainer Skibbe allerdings sind nicht darunter, die den 23-Jährigen wieder reif halten für die Nationalmannschaft, die am 20. August auf Italien trifft. Unser Spiel braucht seine Kreativität, bricht Sportkamerad Oliver Kahn eine Lanze für den Labilen. Der wiederum ist gottfroh, wenigstens das erste Mal seit dem 18. Mai 2002 (im Länderspiel gegen Österreich) wieder 90 Minuten Fußball unter Wettkampfbedingungen unfallfrei am Stück hinter sich gebracht zu haben. Auch Deisler, dem Präsident Franz Beckenbauer unlängst öffentlich vorgeworfen hatte, sich ständig zu verkriechen und sich über seine Wehwehchen zu beklagen, benötigte offenkundig diese Form der Brachial-Pädagogik: Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter, Lob ist was für Weicheier.“

Unter Dauerkritik des Präsidenten

Die schwierige Position des Hannoveraner Trainers analysiert Frank Heike (FAZ 9.8.). „Trotz unbestrittener Erfolge wie der Aufstieg in die Bundesliga 2002 oder der Klassenverbleib 2003 wird kein Trainer der Liga so schnell von seinem Präsidenten kritisiert wie der 45 Jahre alte Rangnick. Der Trainer weiß das. Er kennt das seit zwei Jahren. Der Präsident weiß das auch. Und trotzdem sind die beiden in der Vergangenheit immer wieder aneinandergeraten. Vor allem dann, wenn vorher die Fernsehkameras liefen – Kind ist ziemlich eitel und spricht gern öffentlich. Für diesen Sonntag hat er dem DSF-Stammtisch seine Zusage gegeben. Rangnick hat dann meist auch irgendwas über seinen Vorgesetzten gesagt. Zwar zerknirscht und defensiv, weil er doch eigentlich zu intelligent für solche Spielchen ist (wie der erfolgreiche Unternehmer Kind natürlich auch), aber auch Rangnick läßt sich von manchen Fragen locken. Wie lange geht das noch gut? fragte der kicker schon vor der Saison. Rangnick sagt: Wir haben uns unmittelbar vor dem Start der Saisonvorbereitung in Großburgwedel getroffen. Es wurde klar vereinbart, daß sich jeder nur zu dem Bereich äußert, für den er verantwortlich ist. Und daß man zunächst intern kommuniziert. Wenn wir uns alle daran halten, dann sehe ich keine Angriffsflächen mehr. Es ist keine allzu gewagte Prognose, daran nicht zu glauben. Schon kurz darauf gab Kind nämlich ein Interview. Der Moderator legte ihm in den Mund, Saisonziel von 96 könne bei den Verstärkungen Simak, Christiansen, Dabrowski und Brdaric doch nur der internationale Wettbewerb sein. Kind verhedderte sich ein bißchen in der Gegenrede, und am übernächsten Tag stand es in der Zeitung: 96 will in den Uefa-Cup! Rangnick muß zu Hause im Sessel die Hände überm Kopf zusammengeschlagen haben. Doch er scheint gelernt zu haben. Er sagt: Ich habe vom Präsidenten weder gelesen noch gehört, daß er vom Uefa-Cup träumt. Er hat gesagt, Platz zehn bis 14 ist realistisch. Kind spricht gern von antizyklischem Handeln (das heißt: Geld ausgeben, wo alle sparen) und vor allem von der mittelfristigen Planung. In der Durchsetzung dieser ist der Präsident knallhart. Ihm geht es weniger um schönen Fußball oder den Namen des Trainers. Er will die Marke Hannover 96 in den nächsten Jahren mit Macht in der ersten Liga etablieren. Eine nach und nach verstärkte Mannschaft, das umgebaute Stadion und irgendwann auch eine wettbewerbsfähige Geschäftsstelle sollen Hannover 96 zu einem ständigen Mitglied der ersten Gesellschaft werden lassen. Das ist Kinds Traum. Deswegen wird er auch schnell nervös, wenn die Punkte fehlen. Er verweist gern auf die Wirtschaft, wenn er Rangnick wieder mal kritisiert hat: Wer dort versagt, werde ja auch angeprangert. Oder gar entlassen. Rangnick aber hat gezeigt, daß er mit der Dauerkritik des Präsidenten leben kann. Wenn er sie nicht vielleicht sogar braucht, so hat er sich daran gewöhnt.“

Steht Hannover 96 dank der „tschechischen Achse“ Simak und Stajner vor einem sportlichen Höhenflug?, fragt Jörg Marwedel (SZ 9.8.). „Eigentlich hatte Rangnick sich die Sache anders gedacht. Gern hätte es der Trainer von Hannover 96 gesehen, wenn Jan Simak, 24, dauerhaft ins selbe Hotel wie er gezogen wäre. Man hätte gemeinsam frühstücken können und Rangnick hätte stets gemerkt, ob der nach einem Jahr heimgekehrte Profi noch immer „Probleme mit der Freizeitgestaltung“ hat oder schön solide war in der Nacht zuvor. Doch Simak lehnte ab. Auch die mütterliche 96-Anhängerin, die ihn aufnehmen und bekochen wollte, „damit der Junge gesünder lebt“, erhielt einen Korb. Nun wohnt Jan Simak wieder mit seinem tschechischen Kumpel Mirek zusammen. Mit dem ist er damals zuweilen bis zum Abwinken durch die Bars der Stadt gezogen. Und jetzt ist noch Jiri Stajner, 27, zur landsmannschaftlichen Runde gestoßen, was durchaus Anlass zur Sorge geben könnte, denn auch Stajner ist Getränken nicht abgeneigt und wieder solo, seit ihm Freundin Irina abhanden kam. Verblüffender Weise aber hat die neue Verbindung bislang nur positive Auswirkungen. „Wie ausgewechselt“ erleben Beobachter nicht nur Stajner. Beim 3:0-Sieg beim HamburgerSV wirbelte die Tschechen-Connection die HSV-Abwehr durcheinander wie eine Reihe Statisten. Bei jeder Aktion war so viel Freude an Spiel und Finten spürbar, dass Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld Hannover – etwas voreilig – zur „Spitzenmannschaft“ ausrief. „Jan und Jiri“, sagt Assistenztrainer Mirko Slomka, „sind Partner auf einer Wellenlänge“. Das klingt, als handele es sich um ein glückliches Paar, das sich gesucht und gefunden hat. Tatsächlich gehen die beiden gern zusammen Essen, trinken auch mal ein paar Bier, wie dieser Tage beim Maschseefest. Aber mehr? Nicht, dass sie wüssten in Hannover. Sie wissen überhaupt noch immer nicht viel über Jiri Stajner. Klar, sie kennen seine Vorgeschichte. Dass er, wie er selbst sagt, „in jugendlichem Leichtsinn“ das Profileben in vollen Zügen genoss und während seiner wilden Jahre in Prag beinahe die Karriere verfeiert hätte. Sie wissen, dass er im vergangenen Spätherbst, als fehlende Fitness und Frust ihn plagten, oft einsam in der Bhagwan-Disco am Raschplatz saß und den Schmerz mit Alkohol zu lindern suchte. Es war jene Zeit, als Rangnick zweifelte, „ob die nicht den Zwillingsbruder geschickt haben“.“

Vitalität dieses immer noch begeisterungsfähigen Trainers

Roland Zorn (FAZ 9.8.) gratuliert Otto Rehhagel zum 65. Geburtstag. „Zunächst als sogenannter Feuerwehrmann beim 1. FC Saarbrücken, den Offenbacher Kickers, Werder Bremen, Borussia Dortmund, Arminia Bielefeld und Fortuna Düsseldorf, danach als Langzeitprojektleiter bei seinem zweiten Engagement in Bremen. Diese 14 Jahre zwischen 1981 und 1995 prägten Ruhm und Ruf eines Fußball-Lehrers, der längst eine Institution seiner Gilde ist. Rehhagel, einst ein frecher, manchmal unbedacht aggressiver, sprücheklopfender Herausforderer des deutschen Trainer-Establishments, entwickelte sich in seiner Bremer Ära zu einem Mann, der den Kollektivgedanken nicht nur predigte und so aus Außenseitern Meisterprofis machte. Mit Werder bot Rehhagel den großen Bayern die Stirn und gewann dabei zwei deutsche Meisterschaften (1988 und 1993), zweimal den DFB-Pokal (1991 und 1994) und dazu den Europapokal der Pokalsieger (1992). Eine Bilanz, die den von sich und seinem großfamiliär angelegten Arbeitsstil (ich bin ein demokratischer Diktator) überzeugten Trainer bis an die Spitze seiner Gilde führte. Daß er nach der, wie er glaubte, Vollendung seines Lebenswerks Werder der Verlockung nicht widerstehen mochte, auch einmal ein Stück der ewigen Erfolgsgeschichte des FC Bayern München mitzuschreiben, war allzu verständlich. An der Säbener Straße jedoch stieß Rehhagel, obwohl sportlich leidlich erfolgreich, an Grenzen. Inmitten der damals für chic gehaltenen Selbstinszenierung eines Klubs als FC Hollywood störte der als Hüter tradierter Werte gekommene Rehhagel nur. Der Bremer Alleinherrscher scheiterte an den für ihn letztlich unübersichtlichen Machtverhältnissen und Einflußsphären. Der an der Weser noch prinzipienfeste Medien- und Moralkritiker hatte sich zudem ohne Not zu Gefälligkeiten gegenüber dem Boulevard hinreißen lassen, die ihm niemand dankte. Nach nicht einmal einem Jahr mußte Rehhagel sein Experiment, auch bei einem Großverein das Gesetz des Handelns mitzubestimmen, abbrechen (…) Seit August 2001 betreut der Essener auch ohne spezifische Kenntnis der Landessprache die griechische Nationalmannschaft. Dem zunächst mit Skepsis begegneten Deutschen liegen die Hellenen inzwischen zu Füßen. Rehhagel ist spätestens seit dem 1:0-Sieg seiner Elf in Spanien auf dem Weg zur Europameisterschafts-Endrunde 2004 in Portugal. Wer gesehen hat, mit welcher Begeisterung Rehhagels junge Griechen mit ihrem deutschen Lehrmeister die jüngsten Erfolge gefeiert haben, spürte die Vitalität, die diesem immer noch begeisterungsfähigen Trainer eigen ist.“

Betriebswirtschaftliche Wahrnehmungsstörung

Thomas Kistner (SZ 9.8.) schüttelt den Kopf. „Barça verschenkt Fußballer, für die der Klub vor kurzem noch Millionen ausgegeben hatte. Der Brasilianer Geovanni, für 21 Millionen Euro geholt, durfte gratis zu Benfica Lissabon wechseln. Der Franzose Christanval (17 Mio. Euro) ging ablösefrei zu Marseille. Die Stürmer Pérez (15 Mio.) und Riquelme (11 Mio.) wurden ausrangiert. Also zugelangt, solange der Vorrat reicht! Andererseits, man muss nichts überstürzen. Die Baisse im großen Fußballgeschäft wird eine Weile anhalten, viele Spitzenklubs haben ja noch nicht kapiert, wohin die Reise geht. Barcelona liefert die schönste Fallstudie für jene betriebswirtschaftliche Wahrnehmungsstörung, die eben erst beim Londoner FC Chelsea kuriert werden musste. Dort wurde der Doktor Abramowitsch zu Hilfe gerufen, ein russischer Oligarch mit Geldschrankkoffern nicht restlos nachvollziehbarer Herkunft (… Barcelona) steht hochverdient am Rand des Bankrotts. Stark anzunehmen nur, dass der nicht eintritt. Dafür dürften diejenigen sorgen, die unter der ruinösen Einkaufspolitik im mediterranen Raum am heftigsten zu leiden haben, Klubs wie der FC Bayern. Wenn 2004 die Uefa eine Lizenzprüfung für ihre europäischen Cup-Teilnehmer einführt, wäre die große Chance ja da, notorische Raubritter wie die Katalanen rauszuschmeißen. Aber die werden sich zu verschanzen wissen – in der G14 nämlich, jenem Konvent der Großkopferten, ohne den die Uefa nicht ihre dicken TV-Gelder erlösen könnte. Man wird sich weiter schlagen und vertragen, bis der Konkursverwalter kommt. Oder der Doktor Abramowitsch. Bis dahin viel Spaß am Wühltisch.“

Ein ziemlich frommer Wunsch

Klaus Ott (SZ 9.8.). „Beckenbauer muss bei Premiere kürzer treten und sich auf wenige Auftritte beschränken. Das verlangt jedenfalls ZDF-Intendant Markus Schächter von dem meinungsfreudigen Vielredner, dem die gebührenfinanzierte Anstalt mit Hilfe des Sponsors Deutsche Postbank für seine Weisheiten („Schau mer mal“) fünf bis sechs Millionen Euro bietet. Beckenbauer soll im ZDF Länder- und Pokalspiele, die Europameisterschaft 2004, die Mini-WM 2005 (Confederations Cup) und am Ende auch die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland kommentieren. Die Unterzeichnung des Vertrages ist für kommende Woche angesetzt, der erste ZDF-Auftritt Beckenbauers im Dienste der Bank ist für die Partie der Deutschen gegen Italien am 20. August geplant. Bei einem Treffen in München sagte Schächter zu Beckenbauer, das ZDF wolle ihn für das viele Geld möglichst exklusiv haben. Premiere hätte Beckenbauer am liebsten bis zur WM 2006 an sich gebunden und bei allen 13 Spieltagen der Champions-League pro Saison eingesetzt. Nun darf der begehrte Experte höchstens jedes zweite Mal ran, und das auch nur bis 2005. Er käme auf vielleicht zwölf Auftritte im Abofernsehen, Kofler zahlt dafür weniger als eine Million Euro. Ab Mitte 2005 ist Schluss bei Premiere. Dann will das ZDF Beckenbauer für sich alleine haben. Ein ziemlich frommer Wunsch.“

Stefan Hermanns (Tsp 9.8.) sucht nach Ursachen für die vielen Verletzungen der letzen Wochen. „In wirtschaftlichen Krisenzeiten wie dieser, in denen rund 200 Fußballprofis arbeitslos sind, scheint die Risikobereitschaft höher zu sein als früher. Die führt offensichtlich nicht nur zu Kreuzbandrissen, sondern auch zu vielen anderen Verletzungen. Rund 50 Spieler fehlen den 18 Bundesligisten zurzeit. Dabei ist die Saison gerade eine Woche alt. Im vergangenen Jahr war es nicht anders. An der zu hohen Belastung durch Liga-, Länder- und Europacupspiele kann das in diesem Stadium der Saison eigentlich nicht liegen. Ewald Lienen, Trainer von Borussia Mönchengladbach, hat die kurze Regenerationsphase nach Saisonende und die „zerrissene Vorbereitung“ heftig kritisiert: „Für mich ist es eine eklatante Fehlplanung, wenn nach dem Saisonende noch EM-Qualifikationsspiele angesetzt werden, und es ist völlig unverständlich, dass in Deutschland bereits Anfang August die Saison wieder beginnt.“ In anderen Ländern dauere die Sommerpause schließlich auch einige Wochen länger. Durch die Länderspiele hat der Urlaub für die Nationalspieler erst Mitte Juni begonnen, Ende des Monats haben die ersten Vereine schon wieder das Training aufgenommen. Die Nationalspieler, die ohnehin stärkeren Belastungen ausgesetzt sind, hatten dadurch noch weniger Urlaub. Wilfried Kindermann sagt: „Die Sommerpause, sprich der Urlaub, sollte mindestens drei Wochen, günstigstenfalls vier Wochen betragen.“ Das aber wird durch den dichten Terminplan immer unrealistischer. In diesem Jahr fand von Mitte bis Ende Juni auch noch der Konföderationencup statt. „Lächerlicher kann man es doch nicht machen“, sagt Lienen. Eine geordnete Vorbereitung war für viele Vereine gar nicht möglich.“

Tsp-Interview mit Felix Magath

SpOn-Interview mit Dieter Hoeneß (Manager Hertha Berlin)

Die FAZ (8.8.) meldet. „Fußball-Clubs widmen sich immer mehr auch dem Geschäft mit Sparanlagen oder Kreditkarten. Jüngst vereinbarte der deutsche Meister Bayern München eine Zusammenarbeit mit der Hypo-Vereinsbank (HVB) und eifert damit dem englischen Rivalen Manchester United (ManU) nach, der schon seit Jahren auf seiner Internet-Seite Sparverträge, Autoversicherungen oder Darlehen anbietet. „Wir gehen im deutschen Fußball in Sachen Finanzen neue Wege“, sagte Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge. Das erste gemeinsame Produkt soll im Herbst auf den Markt kommen. In der Branche herrscht noch Skepsis vor. Thomas Dörflinger von der Landesbank Baden-Württemberg glaubt nicht an große Wirkungen durch solche Partnerschaften zwischen Bank und Club. „Für den normalen Fan ist das kein Grund die Bank zu wechseln“, sagte er. Die Geldanlage mit Extra-Verzinsung, die zum Beispiel ManU anbietet, ist für ihn zum Beispiel „eine Spielerei, eine neue Wette auf sportliche Ergebnisse“. Für die Bank werde es erst interessant, wenn es um Unternehmenskäufe oder einen Börsengang ihres Partner-Clubs gehe, sagte er. Nach Aussagen von Rummenigge würde die HVB als neue Hausbank des FCB im Fall eines Börsengangs „den Leadpart“ übernehmen. Der englische Meister bietet einige Beispiele, was im Bereich Finanzen und Fußball möglich ist. So zahlte ManU in Zusammenarbeit mit der MBNA Europa Bank den Anlegern in der vergangenen Saison eine Bonusverzinsung von 0,5 Prozent für das Erreichen des Viertelfinales in der Champions League und gewährt in diesem Jahr einen Nachlaß von zehn Pfund auf die Autoversicherung, wenn das Team mindestens 40Auswärtstore erzielt. Einen speziellen Anreiz bietet das Projekt „RedRewards“. Je nach Kreditkartenumsatz gibt es Lose und damit die Chance, Preise wie eine Führung durch das Old-Trafford-Stadion oder ein handsigniertes Trikot zu gewinnen.“

Michael Eder (FAZ 9.8.). „Die Sonne verwandelt den Lebensrhythmus, es ist erstaunlich, was eine Hitzewelle so alles auftauen kann: Gefühle, ganze Menschen, auch den Sport. Sogar Felix Magath, den einst knüppelharten Quälix, hat sie weich bekommen. Der Stuttgarter Fußball-Lehrer hat seinen Spielern am Nachmittag hitzefrei gegeben. Man hat mehr vom Leben, wenn die Sonne scheint, nicht nur, wenn man in Stuttgart Fußball spielt. Die Tage werden länger und die Nächte auch, und schon finden in den Amateurligen viele Fußballspiele am Abend statt, so wie es in Portugal, in Spanien, in Brasilien seit Menschengedenken üblich ist. Die Copacabana liegt am Baggersee, in den Schwimmbädern kicken sie auf Sand, und wenn wir noch drei solche Sommer haben, dann werden unsere Kinder wieder barfuß Fußball spielen und das Bällchen hochhalten wie die Brasilianer. Die Dortmunder müßten nicht mehr in Rio einkaufen, sondern könnten das um die Ecke erledigen, und überhaupt wäre es das Ende des teutonischen Klumpfüßers und vielleicht auch der deutschen Fußballtugenden.“

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