indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Deutsche Elf

Welche Bild-Kampagne?

Oliver Fritsch | Samstag, 1. Juli 2006 1 Kommentar

Alle Zeitungen drucken nun Dokumentationen, aus denen hervorgeht, wer Jürgen Klinsmann in seinen zwei Jahren Amtszeit alles angemault hat; das liest man mit einer Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln, Faszination und Entsetzen. Leider jedoch werden diese Stammtischtypen um Basler, Effenberg und Assauer nicht groß darunter leiden müssen. Sie werden weiter im DSF als „Experte“ vorgestellt werden.

Die argumentierende Presse, die Klinsmann lange wohlwollend begleitete, hat in den Monaten vor der WM seinen Reformkurs nicht mehr gestützt und, bis auf Ausnahmen, wie Spiegel, Spiegel Online oder die FR, auch nicht mit Nachdruck gegen die unfaire Kritik verteidigt. Vermutlich eine der größten Enttäuschungen, daß sich selbst die SZ und die FAZ von der grimmigen Anti-Klinsmann-Stimmung, die Deutschland im März und April 2006 im Griff hatte, anstecken ließen. Viele Zeitungen haben immerhin nun die Größe, auch ihre eigenen Zitate in die Sammlung „Klinsmann-Bashing“ aufzunehmen – eine Abbitte.

Daß die Bild-Zeitung ihn nicht mag, damit war ja zu rechnen, und das Fernsehen interessiert so was ohnehin nicht. Als ich auf den Marler Tagen der Medienkultur im April das Podium, besetzt mit prominenten TV-Sportreportern, fragte, ob es sie als Journalisten nicht einmal reizen würde, zum Beispiel die Bild-Kampagne gegen Klinsmann zu recherchieren, zu bewerten und das Ergebnis zu senden, erhielt ich vom Premiere-Vertreter die Antwort: „Welche Bild-Kampagne? Ich kann da nichts entdecken.“ Tja, welche Bild-Kampagne? Guten Morgen! Von den anderen mußte ich mir vorhalten lassen, „überkritisch“ zu sein. Die ARD übrigens sendet so ein Thema, wenn überhaupt, in einem Politmagazin, auf die Sportschau braucht man da nicht zählen.

Bild und Sport Bild fallen übrigens im Moment dadurch auf, daß sie den Schwarzen Peter den DFB-Funktionären zuschieben, deren Aussagen sie noch vor Wochen als Vorlage für rabiate Kritik an Klinsmann verwertet haben. Bild schreibt heute über Klinsmanns Rücktritt: „Ihn nervt die zum Teil kleinliche Kritik einiger DFB-Funktionäre. Eine andere Wunde ist nie verheilt. Daß der DFB seinen Hockey-Trainer Bernhard Peters als Sportdirektor abgeschmettert hatte, schmerzt bis heute.“ Welch Heuchelei! Bild war der größte Kritiker an der Idee, Peters zu engagieren. Meine Herren vom DFB, laßt Euch das eine Lehre sein! Laßt Euch von Bild nicht mehr in den Wald locken!

  • Rund: Die Anti-Klinsmann-Kampagne der Bild-Zeitung
  • SpOn: Höhepunkte der Polemik gegen Klinsmann vor der WM
  • FAZ: Dokumentation der „Maul-Fouls gegen Klinsmann“
  • SZ: Klinsi-Schlagzeilen in Bild (Fotostrecke)
  • bildblog-Dokumentation

Lesen Sie folgend die Highlights aus den freistoss-Kommentaren des letzten Jahres, in denen ich mich mit der schlichten und unsachlichen Klinsmann-Kritik auseinandergesetzt habe.


Sportdirektor – Peters oder Sammer?

8. Februar 2006

Faule Tricks

Was sagt eigentlich der Emotionsjournalist zum Thema Peters? Die Sport Bild findet das ‚fiese Spiel von Klinsmann‘ ganz gemein. ‚Wie der Bundestrainer Matthias Sammer austricksen wollte‘, verspricht sie uns auf Seite 1 Aufklärung. Bei der Lektüre stellt sich jedoch heraus, daß Klinsmann nur, was ja interessant genug ist, seine Idee mit den Bayern abgesprochen hat. Wie er’s macht, macht er’s falsch. Genau das wurde von den gleichen Autoren doch immer verlangt: daß er den Kontakt zur Liga hält. Genau deswegen wurde nach etlichen Kampagnen ein ‚Arbeitskreis Nationalmannschaft‘ eingeführt, dessen Sprecher, na wer wohl?, der Bayern-Manager Uli Hoeneß ist. Nun lautet die Anklage: ‚Mit Bayern unter einer Decke‘. Auch im Editorial der Sport Bild gibt’s heute Kraut und Rüben. Es heißt, Klinsmann mache kein Geheimnis daraus, warum er Sammer ablehne, nämlich aus Angst vor einem Konkurrenten; das wirft ihm die Sport Bild vor: ‚Seinen Torhütern mutet Klinsmann Konkurrenz zu, in eigener Sache möchte er jeden Leistungsdruck vermeiden.‘ Das ist aus vier Gründen Unsinn: 1. Ein Trainer, besonders der deutsche Nationaltrainer, besonders Klinsmann, steht immer unter Beobachtung; Klinsmann weiß das und macht zum Beispiel die Verlängerung seines Vertrags vom Erfolg abhängig. 2. Spieler und Trainer sind zwei verschiedene Jobs. Spieler haben vor allem Konkurrenz von innen, Trainer ausschließlich von außen. Wie sollen wir uns das Szenario denn bitte schön vorstellen, wie es sich die Sport Bild wünscht? Zwei konkurrierende Trainer in einer Mannschaft? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. 3. Klinsmann hat gar nicht gesagt, wie ihm unterstellt wird, daß er die Konkurrenzsituation mit Sammer scheue. Zumindest ist uns nichts bekannt, und auch die Sport Bild kann nur indirekte Zitate liefern. 4. Selbst wenn er es gesagt hätte, selbst wenn er Angst vor Sammers scharrenden Hufen hätte – na und, was wäre daran verwerflich?

Also nichts mit faulen Tricks – jedenfalls, was Klinsmann betrifft. Wie sehr die Diskrepanz zwischen Titel und Text bei der Sport Bild Methode hat, zeigt ein Bericht über die Arbeit Bernhard Peters‘, worin sehr genau darstellt wird, wie professionell er vorgehe und daß er übers Wasser gehen könne und so weiter. Doch die Überschrift lautet: ‚Das blüht dem DFB‘. Welche Blüten treibt das Silikon-Fachblatt Bild heute? ‚Klinsi droht Klatsche‘, reibt man sich die Hände und berechnet die Erfolgswahrscheinlichkeit von Klinsmanns Wunschmodell Peters auf ein Prozent. Was noch? Bild zeigt ein Foto des Konferenzsaals, in dem die Entscheidung heute getroffen wird (gähn), und den tiefen Ausschnitt von Sarah Connor. Ach ja, Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus schreibt auch dies und das.


Nach dem Italien-Spiel

13. März 2006

Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend ändern

Leben wir in Parallelgesellschaften? Auf den Fußball scheint das zuzutreffen. Auf der einen Seite steht die Qualitätspresse (selten war dieses Etikett so berechtigt und begründbar), sie schöpft aus vielen Quellen und erörtert viele Argumente, um die Krise des deutschen Fußballs zu erforschen und die Arbeit Jürgen Klinsmanns zu bewerten. Auf der anderen Seite geifern die Brüder von Bild und die DSF-Bierrunde gegen den ‚Amerikaner‘ mit geschlossenen Augen und Ohren und Schaum vorm Mund.

Höchst lesenswert ist die Story des heutigen Spiegels, sie befaßt sich mit Klinsmann, auf dem Titel als Atlas dargestellt, einen platten Fußball auf seinen Schultern stemmend. In einer sehr langen Reportage erklärt Dirk Kurbjuweit, warum Reformen in Deutschland so schwierig sind und der Widerstand gegen Klinsmann so groß ist: ‚Die Geschichte des Reformers Klinsmann ist auch eine Geschichte über die Reformfähigkeit Deutschlands. Im deutschen Fußball herrscht eine Fritz-Walter-Haftigkeit, gegen die Klinsmann seit zwei Jahren anrennt. Fritz Walter war ein Segen für den deutschen Fußball in den fünfziger Jahren, aber er strahlt so sehr, dass sich, stehen Änderungen an, immer noch mancher fragt, ob Fritz Walter einverstanden wäre. Ein Problem für alle Reformer hierzulande ist, dass die Bundesrepublik naturgemäß junge Gründungsmythen hat, jung und deshalb sehr lebendig. Sie stammen aus den Nachkriegsjahren, als zwölf Jahre Hitler überwunden werden mussten. Im Fußball ist es das Wunder von Bern, verkörpert durch Fritz Walter und Sepp Herberger. Nach dem Sieg bei der WM 1954 trauten sich die Deutschen wieder, selbstbewusst zu sein. In der Politik ist einer der Gründungsmythen der Sozialstaat, der den wachsenden Wohlstand gleichmäßig verteilt hat und eine Versicherung gegen einen neuen Hitler war. Geschichte ist eine starke Macht in Deutschland. Das Schicksal des Reformers ist die Beschädigung. Irgendwann wird er zurückgepfiffen, weil er gegen deutsche Geschichtlichkeit verstößt, traditionelle Milieus verstört, weil er Privilegien beschneidet, Verlierer erzeugt. Es gibt aus all diesen Gründen keinen Mut zur Radikalität bei jenen, die eine Reform billigen müssen. So wird die Verstümmelung zum Schicksal jedes Projekts. Klinsmann hat das Ziel, den DFB umzukrempeln, fürs Erste aufgegeben. Er konzentriert sich auf die Mannschaft und das Ziel, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. (…)

Die Verlierer bestimmen die Stimmung. Als Klinsmann Christian Wörns nicht aufstellte, nannte der ihn ‚link und unehrlich‘. Sofort fand Wörns breites Echo in den Medien. Er war die Story. Er bestimmte die Grundstimmung, und die war nun schlecht. Ein Motzkopf macht schon eine Krise. Die nächste wartet schon. Eines Tages wird sich Klinsmann für einen Torwart entscheiden müssen, es wird einen Verlierer geben, und der, nicht der Gewinner, wird wieder die Stimmung bestimmen. Schon jetzt droht Beckenbauer. So steht der, der anderen etwas zumutet, immer als umstritten da, als eine Figur, die Hass auf sich zieht. Das macht es auch den anderen schwer, sich ganz auf seine Seite zu schlagen. Man zweifelt an ihm, weil die Stimmung ja schlecht ist. Je mehr einer ändert, desto mehr wird er zum Außenseiter. (…) Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend ändern, weil ihm die Bindungen fehlen. Er muss nicht so viel Rücksicht nehmen. Als Außenseiterin pfropfte Angela Merkel der CDU ein Reformprogramm auf. Auch Schröder hatte keine engen Bindungen in seine Partei. Dieser Vorteil wird zum Nachteil, wenn Erfolge ausbleiben. Die Kritik an Klinsmann ist jetzt auch deshalb so vehement, weil sich ihm kaum einer verpflichtet fühlt. Alle waren immer außen und sind es noch. Wenn Klinsmann die Heimspiele des VfB Stuttgart besucht, geht er nie in die Lounge der Ehemaligen, wo er die alten Gefährten Karlheinz Förster oder Hansi Müller treffen könnte. Er kann nicht allen auf die Schulter klopfen wie Rudi Völler, den alle mochten, auch weil er niemandem weh tat. ‚Einem Jürgen Klinsmann wird nichts verziehen‘, sagt Michael Horeni, Sportredakteur der FAZ, der eine Biografie des Bundestrainers veröffentlicht hat. Während des Gesprächs bekommt Horeni einen Anruf. Ein Kollege erzählt ihm, dass Horeni in der Sport Bild vom Fernseh-Entertainer Harald Schmidt angegriffen werde. Schmidt hat offenbar den Eindruck, der Sportredakteur schreibe so viel in der FAZ über Klinsmann, damit sich die Biografie besser verkaufe. Horeni macht seinen Job, der Vorwurf ist absurd, aber so wie die Lage derzeit ist, kann man als Biograf von Klinsmann kaum ungeschoren davonkommen. Zwar nennt sein Buch alle Punkte, die nicht günstig sind für Klinsmann, aber insgesamt ist es wohlwollend. In der Stimmung dieser Tage reicht das schon, um zum Lager Klinsmann gerechnet zu werden. Schmidt gehört zum anderen Lager. Er hat Klinsmann einst als ‚Schwabenschwuchtel‘ geschmäht und wurde gerichtlich zur Unterlassung aufgefordert. In seiner Show lässt er derzeit jedes Mal ‚Tschö Klinsi‘ einblenden. Dahinter steht die Zahl der Tage bis zur WM. Die Medien haben im System Fußball mindestens eine so große Bedeutung wie im System Politik. (…)

Holzen

Auch nach dem 1:4 kann Klinsmann ein Segen für den deutschen Fußball werden. Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht erreicht. Wenn es nach Alfred Draxler ginge, sollte das Kapitel Klinsmann allerdings jetzt abgeschlossen werden. Draxler ist stellvertretender Chefredakteur von Bild und zuständig für Sport. ‚Fußball – das ist Boulevard und Stammtisch‘, hat Klinsmanns Freund Roland Eitel gesagt. Für Schröder zählten ‚Bild, Bams und Glotze‘. So weit sind die beiden Sphären in diesem Punkt also nicht auseinander. Allerdings dürfte der Einfluss von Bild auf den Fußball noch größer sein als auf die Politik. Als die deutschen Journalisten auf den Abflug nach Florenz warteten, las mindestens die Hälfte Bild. Draxler ist der mächtigste Mann des deutschen Sports. Gleichzeitig ist er die ganz große Unschuld des deutschen Sports. Seine beiden zentralen Sätze lauten: ‚Der Vorwurf einer Kampagne gegen Klinsmann ist völlig absurd. Wir berichten sachlich.‘ Ist ‚Grinsi-Klinsi‘ sachlich? ‚Grinsi-Klinsi ist eine Boulevard-Zeile.‘ Da ist er natürlich fein raus, wenn alles, was eine Boulevard-Zeile ist, nicht im Widerspruch zur Sachlichkeit steht. Da kann er fleißig holzen, und das macht er auch. Aber Klinsmann macht es ihm auch leicht. Es mag ja sein, dass es an den Erfolgsaussichten für die deutsche Mannschaft nichts ändert, wenn er nach Kalifornien fliegt. Aber er bewegt sich mit seinem WM-Projekt in einer Mediengesellschaft, und da zählt symbolisches Handeln, wie er von Schröder hätte lernen können. Hier sein, im Stadion sein, Commitment zeigen – die Stimmung wäre nicht ganz so schlecht. Wobei immer noch die Frage ist, wo die Stimmung eigentlich herkommt. Aus dem Volk? Oder aus der Feder von Alfred Draxler und seinen Leuten?


Das Ausland lacht über Deutschland, aber über wen genau?

22. März 2006

Drei deutsche Sorgen: Fußball, Amerika, Wetter

Die Sport Bild hat Jürgen Klinsmann letzte Woche vorgehalten, das Ausland würde über den deutschen Fußball lachen. Stimmt! Nur: über wen und was denn? Über die Torwartfrage, Fitness-Training oder den Sportpsychologen? Nein, es ist die Hysterie über Klinsmanns Wohnsitz und seine Methoden, das einige internationale Zeitungen den Kopf schütteln macht: etwa den Economist, vielleicht das wichtigste Magazin der Welt; die FAZ zitiert heute daraus.

Diese Woche amüsiert sich die New York Times, das liberale Weltgewissen, köstlich, aber auch befremdet, über die Verbohrtheit des deutschen Fußball-Establishments: ‚Deutschland, Gastgeber der WM, gerät in Panik und fürchtet, sein Trainer sei ein ‚Baywatch‘-Blonder, der sich mehr um seinen Teint kümmert als darum, ein großes Fußballturnier zu gewinnen. Seit Jürgen Klinsmann Trainer der deutschen Nationalmannschaft geworden ist, verbringt er die Hälfte seiner Zeit mit seiner amerikanischen Frau und zwei jungen Kindern in Südkalifornien. Dieses transkontinentale Pendeln hat in den Deutschen drei ihrer beliebtesten Sorgen erweckt: Fußball, Amerika, Wetter. (…) Die Reformen des Weltbürgers Klinsmann, der vier Sprachen spricht, haben den Deutschen Fußball-Bund durcheinandergerüttelt, eine engstirnige und konservative Organisation, die Wechsel fordere und gleichzeitig fürchte, sagt Oliver Bierhoff. Deutschland sei gespalten zwischen denen, die Klinsmann verehren und denen, die Angst vor einer Amerikanisierung des deutschen Fußballs bekämen, fügt Andrei Markovits an, Professor für Germanistik an der Universität Michigan und Buchautor über Klinsmann und europäischen Antiamerikanismus. ‚Es ist ein Zusammenstoß zwischen Alt und Neu in Deutschland‘, sagt Markovits am Telefon. ‚Es gibt eine Kluft zwischen dem linksliberalen, städtischen Milieu, das Klinsmann mag, und den ‚echten‘ Kerlen, die sich in der Kneipe besaufen und ihn für eine Art Intellektuellen halten – mit amerikanischen Methoden und amerikanischer Frau.‘

Let’s go for it

Die USA werden in Deutschland noch immer als Fußballemporkömmling betrachtet. In den Augen von einigen Funktionären, Journalisten und Politikern könne das, was Klinsmann in der Neuen Welt gelernt hat, eine Altweltfußballmacht wie Deutschland nicht helfen. ‚Ich denke, den Deutschen mangelt es an Respekt für unseren Fußball‘, sagt US-Coach Bruce Arena und verweist auf das knappe 0:1 der USA gegen die Deutschen im WM-Viertelfinale 2002. Bei den traditionellen Fußballnationen spüre er generell Neid und Mißgunst gegen die stärker werdenden Teams aus Nordamerika, Afrika und Asien. Deutschlands Wetterwahn – und es ist sehr lange kalt in diesem Winter – könne die Unzufriedenheit mit Klinsmann verstärkt haben, vermutet Peter Zygowski vom Goethe-Institut San Francisco am Telefon. ‚Sie sind vollkommen besessen von Sonne und Strand, und was sie über Klinsmann in Kalifornien hören, läßt sie an Ferien und Faulenzen denken.‘ Doch Klinsmann liebt einfach nur das ungestörte Privatleben in den USA, das seinen Söhnen eine Entwicklung außerhalb seines großen Schattens ermöglicht. Außerdem reize ihn die ‚let’s go for it‘-Haltung der Amerikaner.

Klinsmanns Management provoziert: Er verbringt die Hälfte jedes Monats in Kalifornien und kommuniziert mit seinen Spielern über E-Mail und Telefon, ihre Spiele sieht er im Sattelitenfernsehen. Er würde ja das gleiche tun, wenn er in Berlin oder Rom leben würde, entgegnet er. Aber für Fußballfunktionäre seien E-Mail und Powerpoint amerikanischer Schickschnack, sagt Bierhoff, Klinsmanns ’second in charge‘. Und weiter: ‚Jeder seiner Vorschläge wird verdächtigt und beäugt.‘ Neulich wollten gar einige Politiker aus der zweiten Reihe Klinsmann zum Rapport bestellen und ihn tadeln. Markovits schmunzelt: ‚Das ist so, als würden wir Larry Brown vor den Kongreß zitieren, weil er aus Athen nur Bronze mit nach Hause gebracht hat. Absurd.‘ Das deutsche Team habe nicht die Fähigkeit Brasiliens oder Argentiniens, auch nicht die taktische Kultiviertheit wie die Italiener, räumt Klinsmann ein. Aber das Team sei in der Lage, sich vom großen Heimvorteil beflügeln zu lassen. ‚Die Wahrheit liegt auf dem Platz‘, sagt er. Wenn Deutschland die WM gewinnen sollte, wird Klinsmann erneut zur nationalen Ikone. Wenn es schiefläuft, prophezeit Markovits, werde Klinsmann in seinem Heimatland zu einer persona non grata: ‚Vielleicht dürfte er seine Verwandten besuchen, aber er müßte mit Schmähung rechnen. Ich würde mich ernsthaft um seine Unversehrtheit sorgen, wenn er im Viertelfinale ausscheidet.'‘

Das Wetter, in der Tat, scheint manchmal der gewichtigste Vorwurf zu sein, den die Bild-Zeitung und einige DFB-Greise Klinsmann machen. Neulich ist ihm ein Bild-Reporter, Focus-TV hat’s gesendet, in Kalifornien hinterhergeschlichen und wollte wohl Strand- und Surffotos oder so von ihm machen, hat ihn aber nur bei einem Behördengang ‚erwischt‘. Welch eine langweilige Fotostrecke!


Klinsmanns Medien-Schelte nach dem USA-Spiel

24. März 2006

Beleidigt

Jürgen Klinsmann rechnet nach dem 4:1 gegen die USA mit seinen Gegnern unter den Journalisten ab, und nur weil er sie nicht beim Namen nennt, fühlen sich prompt viele Falsche angesprochen – obwohl doch jeder weiß, wen er meint: die Bild-Zeitung wegen der indirekten Rücktrittsforderung an ihn und die tz wegen der Verleumdung Bastian Schweinsteigers (und Paul Agostions und Quido Lanzaats). Nun ergibt sich ein paradoxes Ergebnis: Die Bild-Zeitung, Ziel Klinsmanns, nimmt ihn aus den Schlagzeilen, besser: gibt ihm eine Verschnaufpause; einige der Zeitungen, die Klinsmanns Arbeit bisher wohlwollend begutachtet und ihn gegen Bild verteidigt haben, sind tief beleidigt. Oder sie tun tief beleidigt: ‚Sonderling‘ (FR), ’schlechter Verlierer‘ (SZ), ‚Sektierer‘ (BLZ), ‚der Selbstgerechte‘ (taz). Wir müssen reden, ich zieh zu meiner Mutter …

Klar, Klinsmanns Predigt war unsouverän, und er hat die Aufmerksamkeit von der Mannschaft weggelenkt, was nach einem Sieg die falsche Strategie ist. Aber muß man so gekränkt reagieren? Ist das der Solidarisierungsreflex mit den gescholtenen Kollegen? Muß man deswegen das 2:0 Oliver Neuvilles, das 3:0 Miroslav Kloses und das 4:0 Michael Ballacks, alles Treffer Marke ‚Tor des Monats‘, zu statistischen Meldungen degradieren? Muß man deswegen in den Hintergrund drängen, daß wir endlich einen Bundestrainer haben, der es wagt, Franz Beckenbauer, etwa in der Torwartfrage, öffentlich den Gehorsam zu verweigern? Hey, da will der Münchner WM-Boß seinen Münchner Kandidaten mit dem ‚Argument‘ durchsetzen, er müsse aus Rücksicht auf die Stimmung im Münchner Stadion die Nummer 1 sein. Wenn die deutsche Elf nach solchen (Münchner) Kriterien ausgewählt wird, braucht sie im Sommer erst gar nicht antreten – mal davon abgesehen, daß wir bisher davon ausgegangen sind, daß die WM-Tickets ausgelost worden sind. Herr Beckenbauer, Herr der Tickets, haben Sie Deutschlands Nichtmünchnern etwas mitzuteilen?

Wieder einmal findet man die wichtigen Fragen nur am Rand: Warum spielt Tim Borowski nur so kurz? Lukas Podolski als Linksaußen – geht das? Haben wir nicht vielleicht doch einen deutschen Rechtsverteidiger, der flanken kann – und nicht nur solide verteidigen? Wird man Klinsmann bald denselben Fehler vorwerfen müssen wie Rudi Völler, nämlich daß er Spieler aufgrund ihrer Verdienste in der Vergangenheit aufstellt, etwa Podolski, Bernd Schneider und Gerald Asamoah?


Entscheidung pro Lehmann – das Ende der Torwartdiskussion

8. April 2006

Fangfehler

Vorab die Meldung des Tages: Die ARD sendet keinen Brennpunkt über Jürgen Klinsmanns Torwartantwort. Aber es ist „das“ freistoss-Thema: Oliver Kahn, die Medienmacht und seine tatsächliche sportliche Leistung – daher eine persönliche Notiz. Auch wenn ich mich wiederhole, Kahn war selten so gut wie sein Ruf. Selbst der ‚Titan‘ der WM 2002 ist ein Märchen, ein Märchen der Bild-Zeitung, an dessen Zauber selbst die nüchternsten Schreiber glaubten. Es heißt ja immer, Kahn hätte die deutsche Mannschaft alleine ins Endspiel gebracht; sein Fehler im Finale sei tragischerweise sein einziger gewesen. Das stimmt nicht. Ich hab leider keine Bildrechte, sonst hätte ich schon längst ein Video veröffentlicht. Wer aber die Möglichkeit hat, der schaue sich noch mal die erste Halbzeit gegen Kamerun an: zwei grobe Fehler. Oder das Viertelfinale gegen die USA: Nach einigen tollen Paraden ließ Kahn einen sehr leichten Ball durch die Hände gleiten, Torsten Frings stoppte ihn auf der Linie mit der Hand, was der Schiedsrichter übersah. Es waren drei schlimme, aufgepaßt, Fangfehler! ‚Anscheinend hat Kahn Probleme, den neuen, kleinen Ball festzuhalten‘ – meine Standardsorge und gleichzeitig -prognose des Turniers. Das Ding gegen Ronaldo hat mich nicht überrascht. Ich hätte allerdings gerne unrecht behalten, zumal ich mich selten in meinem Leben so alleine fühlte wie mit meiner Kahn-Kritik.

Daher war ich ein wenig erleichtert, einige Wochen später von Christian Eichler in der FAZ zu lesen: ‚Kahn kann ja nichts für seine Überhöhung, er profitiert von seinem Stil. Wie anderswo im Berufsleben gibt es auch im Tor die anderen Typen, die ein Problem abwenden, bevor es andere merken, die den entscheidenden Schritt machen, bevor alle hinschauen, und bei denen der sichtbare Teil der Rettungsaktion dann ganz einfach aussieht. Kahn kann auch das, doch vorrangig ist er ein Vertreter der anderen Torwartschule, der spektakulären, deren Taten oft wie das Halten des Unhaltbaren aussehen.‘ Das ist natürlich alles andere als ein Kompliment – weder für den Torhüter noch für die Experten, gilt doch ein sachlicher Torwartstil, also Kahns Gegensatz, als die hohe Kunst. Überhaupt habe ich den Eindruck, daß sich deutsche Sportjournalisten, besonders im Fernsehen, sehr schwer tun, das Torwartspiel zu analysieren.

Tabu

Mehr Vergangenheit: Kann ein Weltklasse-Torhüter nicht auch den zweiten Treffer Ronaldos, einen Schieber mit dem Innenrist aus 16 Metern, verhindern? Hat es je eine schlechtere Torhüterleistung gegeben als beim 1:5 gegen England? Zu seiner Ehrenrettung, Kahn war übrigens sehr selbstkritisch nach diesem Spiel. All die großen Fehler seit der WM – die meisten in wichtigen Partien: gegen Roberto Carlos (Real), gegen Ibrahimowitsch (Juventus), gegen Kevin Kuranyi (VfB), gegen Ivan Klasnic (Werder Bremen), gegen Steven Cherundolo (USA), gegen Guy Demel (HSV), Albert Streit (Köln) und all die mißlungenen Versuche und die vielen Verweigerungen, Flanken zu pflücken, etwa das 1:2 Nigel de Jongs (HSV) im März. Kahn scheint manchmal an seinem Tor festgebunden.

Warum überhaupt diese alten Geschichten? Das ist kein Nachtreten, sondern Grundlage meiner Medienkritik. Recht verstanden: Kahn hat 2002 ein sehr gutes Turnier gespielt, teilweise überragend, er hat Kraft und Selbstbewußtsein auf die Elf ausgestrahlt. Doch seine Erhöhung durch die Medien hatte mindestens drei negative Folgen: Erstens führte es dazu, daß er selbst an seine Unangefochtenheit glaubte. Zweitens war es eine Herabsetzung der Mannschaftskollegen. Ist es Zufall, daß die damaligen Leistungsträger Michael Ballack, Bernd Schneider, Oliver Neuville, Torsten Frings nicht bei Bayern München spielten? Drittens entstand das Tabu, Kahn in Frage zu stellen. Ein Bayern-Fan und guter Freund hat mir mal ernsthaft ‚Unsachlichkeit‘ vorgeworfen, weil ich es in einer Diskussion gewagt habe, Kahn als ‚guten‘ Torhüter zu bezeichnen – und nicht als Torwartgott oder was er für angebracht hält.

Lehmann-Lobby?

Tabus sind immer schlecht, und es mußte ein mutiger Trainer wie Klinsmann kommen, diesem Tabu zu mißtrauen. Nun werfen ihm einige Journalisten schlechten Stil und Geklüngel vor. Klinsmanns und Lehmanns gemeinsamer Anwalt und die Freundschaft Bierhoffs zu Lehmann hätten die Entscheidung beeinflußt. Vielleicht ist was dran, sehr stichhaltig klingt das nicht. Es stimmt ja, der Manager der Nationalmannschaft hat als Experte im Fernsehen nichts zu suchen, das ist uns am Mittwoch bei SAT1 vor Augen geführt worden. Aber soll das jetzt die Lehmann-Lobby sein? Und bitte auch Franz Beckenbauer mit gleicher Elle messen! Dieses ‚Expertentum‘ im Fernsehen schadet dem Journalismus und dem deutschen Fußball.

Daß ein deutscher Bundestrainer darüber stolpern könnte, den besseren Torhüter aufzustellen und nicht den mit den stärkeren Freunden, sollte uns innehalten lassen. An diesem bedenklichen Zustand tragen auch viele Journalisten eine Teilschuld; diejenigen, die Klinsmann jetzt Kalkül in der Wahl des Zeitpunkts vorhalten; diejenigen, die 2002 nicht richtig hingekuckt und ein Tabu zugelassen haben.

Schonung

Noch tiefere Vergangenheit: All die Roten Karten, die Kahn in seiner Karriere hätte kriegen müssen – Stichworte: Brdaric, Klose, Möller, Herrlich, Chapuisat, diese unerträglichen Dominanzgesten. Dank seines Trikots ist er immer verschont geblieben. Ja, die Schiedsrichter waren am Aufstieg Kahns kräftig beteiligt. Von wegen, Deutschland hatte keinen Schiedsrichterskandal in der Bundesliga. Vor ein paar Jahren hat Borussia Dortmund in Bayern gespielt, und Giovane Elber hat Lehmann, damals im Tor des BVB, mit aller Kraft gegen den Kopf getreten – mit Absicht. Elber sah nur Gelb, Lehmann wurde im selben Spiel wegen Lappalien mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen. Eine bittere Ungerechtigkeit und nur der Höhepunkt!

Lehmann im WM-Tor und nicht Kahn, sportlich, daran zweifelt kaum ein Bayern-Fan, die richtige Entscheidung. Und, auch wenn Klinsmanns Stil meinetwegen fraglich ist – ich kann seit gestern freier atmen. Nicht wegen irgendwelcher Sympathien für einen Menschen oder einen Verein; das zählt nicht. In der deutschen Elf gilt das Kriterium, daß die Besten spielen. Der Trainer stellt die Mannschaft auf, nicht Franz Beckenbauer und die Bild-Zeitung.

Auch muß ich vor meiner Tür kehren: Im vergangenen Herbst hab ich in den 11 Freunden meine Kolumne mit den Worten eingeleitet: ‚Oliver Kahn wird 2006 deswegen im Tor stehen, weil er die besseren und mächtigeren Fürsprecher hat als seine Kontrahenten.‘ Da hab ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt.


Kahn steht auch als Nr. 2 unter Artenschutz

10. April 2006

Niederträchtig und hinterhältig

Am deutschen Fußballstammtisch, für den stellvertretend die Altherrenrunde im DSF steht, stellt man sich immerzu die Frage: Was hat Jürgen Klinsmann falsch gemacht? Diese Querulanten, man könnte ja auch mal fragen: Was hat Jürgen Klinsmann richtig gemacht? Diese Offenheit im Kopf ist anscheinend zu viel verlangt, zumindest wenn es um ihren Titan geht. An zwei Punkten läßt sich die Schlichtheit der Argumente der Klinsmann-Gegner illustrieren:

1. Klinsmanns Wahl sei ‚abgekartet‘, die Entscheidung für Lehmann stehe schon seit August 2004 fest. Begründet wird das, auch in der SZ, mit den vielen Maßnahmen Klinsmanns, Kahn zu degradieren: Absetzung als Kapitän, Torwartrotation, Absetzung Sepp Maiers als Torwarttrainer, nach Warnung, wohlgemerkt. Aber: Das sind doch alles Zeichen dafür, daß Klinsmann von Beginn an mit offenen Karten gespielt hat. Der Vorwurf wäre stichhaltiger, wenn er Kahn im sicheren Glauben gelassen hätte, die Nummer 1 zu sein. Vielmehr ist es ein weiterer Beleg für Kahns Hybris, daß er all die Signale überhört hat. Zudem wollen Lattekmatthäusbildzeitung ihren Vorwurf mit dem Grund untermauern, den Klinsmann als entscheidenden für Lehmann anführt: Daß Lehmann besser ins Spielsystem passe, hätte Klinsmann doch schon von Beginn an wissen müssen. Warum das denn? Eine solche Erkenntnis muß, zumal bei einem jungen Trainer, auch erst reifen.

2. Nun werfen sie Klinsmann wieder den falschen Zeitpunkt vor: Dieses Mal soll es zu früh gewesen sein, schließlich habe Klinsmann immer den Mai als Termin genannt. Daß er bereits jetzt handelt, wird als Kalkül gewertet, denn die Stimmung steht gut dafür. Selbst wenn das stimmen würde, wäre dies kein essenzieller Vorwurf, so viel Spürsinn würde man jedem anderen Trainer als Geschick auslegen. Doch was ärgerlich ist: Derselbe Lattek, der vor einer Woche gefordert hat, Klinsmann solle bitteschön auf den Wunsch der Bayern und der Liga hören und sich endlich festlegen, kritisiert ihn nun dafür. Wie soll man das anders nennen als niederträchtig und hinterhältig?

Klinsmann hat alles richtig gemacht, vielleicht hätte er sich nicht unbedingt einen Tag vor dem Bremen-Spiel festlegen müssen, zumal wir nun in keiner Zeitung von heute die Freude darüber lesen, daß wieder etwas Spannung in die Bundesligaspitze einkehrt. Der Meistertitel wird nicht schon vor Ostern vergeben, wie viele Zeitungen monatelang klagten. Das ist doch großartig! Wo bleibt die Revision Ihres Pessimismus, liebe Redakteure?


Euphorie nach dem Spiel gegen Polen

16. Juni 2006

Klinsmanns Trümpfe beginnen zu stechen

Deutschland bezwingt Polen 1:0 – die deutschen Zeitungen lassen sich von der Euphorie im Stadion und auf der Straße anstecken. Ein tolles Spiel, keine Frage, aber der Einwurf sei gestattet: Der Gegner hieß nicht Argentinien oder England. Jürgen Klinsmann, der im letzten Vierteljahr eine sehr schlechte Presse hatte, ist der Gewinner des Tages. Auch deswegen, weil seine Trümpfe zu stechen beginnen: Oliver Neuville und David Odonkor auf dem Platz, aber auch die ausländischen Trainingsexperten Marc Verstegen (Fitness-Coach) und Urs Siegenthaler (Scout), für die man ihn ausgezählt hat. Selbst die Kritikaster von der Bild-Zeitung, die Klinsmann zum Teufel jagen wollten, feiern ihn nun. Welch Heuchelei! Fehlt ihnen der Mumm, ihre Position aufrechtzuerhalten? Haben Sie nicht das Rückgrat, zu ihren Worten und Kampagnen zu stehen? Das sind die Fragen, die das begeisternde Spiel der Deutschen nun aufwirft und deren Antworten wir mit Spannung harren. Und die lauten Nörgler des deutschen-Fußballstammtisches um Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Mario Basler und wie sie alle heißen sowie einer Reihe an DFB-Funktionären dürften fürchten, daß sie bald mit ihren Aussagen aus der letzten Zeit konfrontiert werden.


Klinsmanns Kritiker – Kehrtwende

29. Juni 2006

Kritiker blamiert

Jürgen Klinsmann hat durch seinen Fleiß, seine Strategie, den Erfolg an dieser WM, kurz: seine glänzende Arbeit seine Kritiker blamiert. Besser: nicht seine Kritiker, sondern die, die gegen ihn noch vor wenigen Wochen eine Kampagne geführt haben. Natürlich haben sie das längst gemerkt, und sie haben fünf verschiedene Weisen entwickelt, damit umzugehen.

Erstens: Schweigen, Warten und Abtun, wie zum Beispiel Franz Beckenbauer, der kurz davor schien, Klinsmann zu stürzen. Ihn sehen wir auf allen Kanälen und staunen, daß er es schafft, Extrem-Groundhopping und Eheschließung in Einklang zu bringen. Essentielles über den Fußball, den Klinsmann spielen läßt, haben wir von ihm aber noch nicht gehört. Auch die Bundesliga hält sich sehr zurück, von Rudi Assauer, der wohl die größte Abneigung aller Klinsmann-Gegner hegt, haben wir lange nichts gehört – was man nicht nur mit seinem zwischenzeitlichen Absturz in Schalke erklären kann. Und einige Landesfürsten des DFB murmeln Undefinierbares vor sich hin.

Zweitens: Bestreiten, wie etwa Karl-Heinz Rummenigge. Die Bayern sind nie ein Gegenpol gewesen, haben Klinsmann gegenüber einen Wechselkurs gehalten, sind aber stets darum bemüht, Wortführer und Machthalter zu sein. Daß Michael Ballack unter Klinsmann ‚die Autorität des deutschen Spiels‘ (SZ) geworden sei, sollte Rummenigge, Hoeneß und Magath drei mal kräftig schlucken lassen, haben sie ihm doch nachgerufen, ihm mangele es an Führungsqualität.

Heuchelei oder Starrsin?

Drittens (verwandt mit zweitens): Sich nicht mehr daran erinnern, was juckt mich mein Gezeter von gestern?! Dafür steht die Bild-Zeitung. Nach dem 1:4 in Italien am 1. März hat sie Klinsmann, den sie noch nie akzeptiert hat, respektlos verhöhnt und mit Hilfe von Effenberg und Co einen Nachfolger gesucht. Seit Beginn der WM-Euphorie ist sie umgeschlagen und zählt jeden an, der nicht in ’schwarz-rot-geiler‘ Bettwäsche schläft, etwa den WDR-Reporter Manfred Breuckmann, weil er es wagt, die WM mit kritischer Distanz zu verfolgen. Übrigens, Breuckmann hat zu einer Zeit, als Bild Klinsmann zum Mond schießen wollte, ihn öffentlich sehr gelobt. Aus der SZ erfahren wir, daß Klinsmann Matthias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, in einem persönlichen Gespräch vor der WM auf das gemeinsame Ziel WM eingeschworen haben soll.

Viertens: Hart am Kurs festhalten und behaupten, das sei ein Beweis für Rückgrat, wie Peter Neururer, der sich nicht damit abfinden kann, daß der DFB einen Einsteiger als Trainer engagiert hat; in einem Interview mit der FAZ schlägt er in dieser Woche den gleichen aggressiven Ton an wie zuvor. Oder die Sport Bild, die gerade versuchen muß, die Kurve zu kriegen. Vor einer Woche noch (also vor dem Ecuador-Spiel) hat sich der Chefredakteur darüber beklagt, daß die derzeitige Stimmung Kritiker an Klinsmann als Miesmacher stempele (was nicht stimmt), übrigens bevor er ein Loblied auf Franz Beckenbauer angestimmt hat. Rudi Gutendorf hat die Redaktion ein paar Brocken entlockt: ‚Bei dieser Abwehr wird mir kotzübel.‘ Auch einige DFB-Offizielle sind mißmutig zitiert worden; die amerikanischen Konditionstrainer hat die Redaktion belächelt. In dieser Woche hat die Sport Bild keinen Rentner mehr gefunden, der sich über Klinsmann ausläßt. Nun lobt man ihn für sein ‚Leistungsprinzip‘, nämlich für seine Äußerung, daß ein Ausscheiden im Viertelfinale eine ‚Katastrophe‘ sei. Als wäre das ein Kurswechsel Klinsmanns! Das sind wohl die Vorboten von Krokodilstränen. Vor sechs Wochen hat man ihn noch dafür gerügt, daß er sich nicht auf eine Vertragsverlängerung nach der WM festlegen wolle. Ein perfides Argument, um am Stuhl des Trainers zu sägen. Außerdem tut Sport Bild die Euphorie für die ‚Klinsmannschaft‘ als ‚Bierlaune‘ ab. Doch: Es gibt auch Anerkennung für Klinsmann, die nicht dem Alkohol geschuldet ist. Und: Nicht alle haben sich vom Genörgel der letzten Monate anstecken lassen. Nicht alle, die jetzt jubeln, müssen zurückgerudert sein! (Was ist abstoßender: drittens oder viertens, Heuchelei oder Starrsinn?)

Fünftens: Sich entschuldigen. Uns ist nur einer bekannt: Franz-Josef Wagner aus der Bild-Zeitung. Halt, es gibt noch einen sechsten Weg, Kindsköpfigkeit: Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus empfiehlt seinem Lieblingsfeind Klinsmann abwechselnd dies und das. Mal den Libero Nowotny, dann, nachdem man ohne den Libero Nowotny glänzend gesiegt hat, wie in dieser Woche, den Verzicht auf Manndeckung – als hätte das irgendjemand vorgehabt. Vermutlich würde er sich nach einem Sieg gegen Argentinien auf die Schulter klopfen: Hab ichs nicht gesagt?!

Kommentare

1 Kommentar zu “Welche Bild-Kampagne?”

  1. Blog für den kritischen Fußballfreund | direkter-freistoss.de » Klinsmann, der Feind vieler
    Sonntag, 19. April 2009 um 15:00

    […] vor der WM 2006 hatte sich ein antiamerikanischer Unterton in die Kampagne gegen den “Kalifornier” eingeschlichen, die von der Bild-Zeitung angeführt wurde. […]

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