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Bundesliga

Zwischen Papiertiger und Wolkenkuckucksheim

Frank Baade | Dienstag, 20. Oktober 2009 2 Kommentare

Gladbach zeigt gute Ansätze, Manager Max Eberl steht für Kontinuität, Lucien Favre sei schlecht beraten gewesen, Hoeneß‘ Erbe wiege schwer und Babbel könne zurzeit ohnehin nicht die richtige Strategie wählen

In der taz hält Peter Unfried die sportliche Lage in Mönchengladbach für erwartbar: „Dass Frontzecks Team in dieser Saison zu jenen fünf, sechs Mannschaften gehört, die die Absteiger unter sich ausmachen, ist keine Überraschung, sondern der Anfang von Frontzecks Arbeitsauftrag.“ Ebenso vorhersehbar seien die Probleme in Wolfsburg gewesen: „Es wird noch ein Weilchen unklar bleiben, was diese Saison bringen kann, in der Veh einen schwierigen Job hat. Er muss den historischen Erfolg seines Vorgängers Felix Magath nicht wiederholen, aber er muss die VW-Tochter als nachhaltiges Spitzenteam etablieren. Und dabei mit den Mehrbelastungen und üblichen Nachwehen fertig werden. Klar ist, dass einige Spieler, die im Vorjahr am Limit waren, einen nicht unüblichen Durchhänger haben. Dass die Wolfsburger solche Spiele mittlerweile gewinnen, zeigt, dass sie auf einem bestimmten Niveau agieren. Dass sie dermaßen Mühe hatten, zeigt, dass sie nicht mehr die defensive Stabilität der Vorsaison besitzen.“

Daniel Theweleit (Spiegel Online) lobt die Ruhe, die in Gladbach auf der verantwortlichen Position herrscht: „Nach Jahren der Trainerwechsel, des ständigen Umbaus, soll sich endlich etwas Nachhaltiges entwickeln. Es ist ein kluger Ansatz, den Max Eberl da verfolgt. Umstritten ist nur die Frage, ob Eberl den richtigen Trainer für dieses Unterfangen gewählt hat. Nicht die Ergebnisse, aber der Fußball der Mannschaft spricht für Eberls Haltung. Oft waren die Gladbacher ihren Gegnern über weite Strecken spielerisch überlegen, verloren am Ende durch individuelle Nachlässigkeiten, oder weil sie ihre Kraft nicht gut eingeteilt hatten. Auch in Wolfsburg boten sie einen soliden Fußball, standen lange gut und hatten diverse Kontergelegenheiten. Trotzdem ging die Partie verloren.“ Zwar sei die Mängelliste der Gladbacher Mannschaft lang, doch sieht Theweleit Potenzial: „Zahlreiche Indizien sprechen für ein Gelingen dieses Versuches. Der Großteil der Mannschaft verfügt noch über Entwicklungspotential.“

Status quo als Ziel

Uwe Marx (FAZ) schaute in Frankfurt zu, wo sich die Durchschnittlichen der Liga duellierten: „Es gewann die etwas bessere von zwei mittelmäßigen Mannschaften. Das war für den Sieger natürlich allemal ausreichend. Allzu weit entfernt voneinander sind beide Mannschaften in der Tabelle nach diesem Spiel immer noch nicht. Sie trennen vier Punkte. In der Eigenwahrnehmung allerdings machen sich diese durchaus bemerkbar.“ Hannover befinde sich eher in Abstiegsnähe und gebe deshalb übliche Parolen aus: „abhaken, weiter gut arbeiten, beim nächsten Mal besser machen. Die Eintracht kennt solche Situationen, sie hat sie in den vergangenen Jahren schon oft durchlebt. Eine gewisse Vorsicht gehört hier immer dazu. Mit nunmehr dreizehn Punkten und einem Platz im vermeintlich sicheren Mittelfeld aber darf man ruhig den Status quo als dauerhaftes Ziel ausgeben.“

Mit wahnwitzigen Transfers Geld vernichtet

In der Berliner Zeitung bewertet Michael Jahn das Vorgehen Herthas gegen Ex-Trainer Favre zwiespältig: „Bei seinem kuriosen Auftritt, bei dem der lange Zeit in Berlin sehr beliebte Fußballlehrer fremd gesteuert und schlecht beraten wirkte, hatte er indirekt immer wieder Kritik an seinem Noch-Arbeitgeber geübt. Offenbar war Favre, der zuvor in seiner erfolgreichen Trainer-Karriere nur einmal bei Servette Genf entlassen worden war, tief gekränkt von der Entscheidung. Favre kritisierte in einem vorbereiteten Papier vor allem die Transferpolitik des Vereins und die fehlende Investitionsbereitschaft – obwohl er zu jedem Zeitpunkt über die schwierige finanzielle Lage des Klubs informiert war.“ Zwar könne der Klub, das Geld der Abfindung sehr gut gebrauchen. Doch habe man „einen neuen Nebenschauplatz eröffnet, der weitere Unruhe in den ohnehin unruhigen Verein bringt.“

Stefan Osterhaus malt in der NZZ trotz des Funkelschen Erfahrungsschatzes schwarz: „Bisher galt es als unbestritten, wer die Schuld am Dilemma trägt. Natürlich Lucien Favre. Doch Nachfolger Funkel, ein routinierter Recke im Kampf gegen den Abstieg, kommt ebenfalls nicht klar mit den Minimalanforderungen. Und weil der letzte Auftritt auch den Vorstand in Erklärungsnot bringt, dürften die Verantwortlichen sehr froh darüber gewesen sein, noch einen medienwirksamen Trumpf aus dem Ärmel ziehen zu können: Der beurlaubte Lucien Favre wurde jetzt auch noch fristlos entlassen. (…) Ob Funkel mit dem Kader Erfolg haben wird, ist fraglich: Zwar verwiesen in der Stunde des Wechsels nur wenige Experten darauf, dass das Berliner Team den Vorstellung Funkels von Fussball kaum entspricht. Doch die sehen sich jetzt wenigstens bestätigt.“

Zur von ihm so titulierten „Zukunftslosigkeit“ Hertha BSC Berlins kommentiert Michael Rosentritt im Tagesspiegel: „Hoeneß hat dem Verein ein Vermächtnis in tief roten Zahlen hinterlassen, wie es nicht mal der rot-rote Senat fertig bringt. Im WM-Jahr hatte Hertha 55 Millionen Euro Schulden. Auch weil Hoeneß wahnsinnig viel Geld mit wahnwitzigen Transfers vernichtet hatte. Das eigentliche Problem war, dass Hertha dieses Geld noch gar nicht eingenommen hatte. Hertha hatte sich unter Hoeneß finanzieller Instrumente bedient, die zwar legal sind, aber eben auch gefährlich. Hertha ließ sich Geld auf einen Schlag auszahlen, das erst Jahre später eingenommen werden würde – Hertha verkaufte einen Teil seiner Zukunft.“ Präsident Werner Gegenbauer habe sich eine gewisse Teilschuld erworben: Er habe damals die Ausgaben durch Abnicken mitgetragen. „Hertha ist heute schon weiter als es die Tabelle ausdrückt – das allerdings anders als gemeint.“

Schwäche ist inakzeptabel

Die Welt nimmt Bezug auf die gestern zu lesenden Behauptungen, der VfB Stuttgart verhandele bereits mit Marcel Koller, welcher als Babbels Nachfolger vorgesehen sei. Babbel selbst habe sich zu diesem Thema nicht geäußert, wofür Sven Flohr, Patrick Krull und Klaus Schlütter Verständnis aufbringen: „Was soll er überhaupt noch sagen? Wenn er seine Spieler lobt und aufmuntert, gilt er als Bauherr eines Wolkenkuckucksheims. Wenn er wieder und wieder auf sie schimpft, ist er ein Papiertiger. Und wenn er gar nichts sagt, ist er sprach- und ratlos. Und dieser Zustand ist der schlimmste in der wohl einzigen Branche neben der Politik, in der die Protagonisten täglich öffentliche Rechenschaft ablegen müssen. Lucien Favre wurde bei Hertha BSC an dem Tag gefeuert, an dem sein Assistent zugab, dass die Spieler über den Chef lachen würden. Schwäche ist inakzeptabel.“

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Kommentare

2 Kommentare zu “Zwischen Papiertiger und Wolkenkuckucksheim”

  1. RonaldoKristian
    Dienstag, 20. Oktober 2009 um 16:41

    Grundsätzlich hat Herr Rosentritt sicherlich einige Fakten zusammengefasst, allerdings ehrlich gesagt auch nur die bekannten und ohne großen Aufwand recherchierbaren.

    Im Sinne einer Versachlichung ist es allerdings notwendig, die faktische – einem Tanz auf einem aktiven Vulkan gleichende – Gesamtsituatuion von Hertha BSC ungeschminkt herauszuarbeiten und dabei zuerst unmissverständlich zu ermitteln, ob Hertha BSC überhaupt noch eigenständig überlebensfähig ist bzw. wann und unter welchen Umständen der Zeitpunkt da ist zu dem es heißt: „Nichts geht mehr – Rien ne va plus“!

    Ist dieser Zeitpunkt bereits erreicht oder aber wird es absehbar zu diesem kommen ist die Situation leider schlicht und ergreifend so, dass sofortige, die weitere Existenz von Hertha BSC ermöglichende Maßnahmen von Nöten sind. Dazu ist es jetzt (JETZT!) erforderlich, dass alle Fakten auf den Tisch kommen und alle Kalkulationen in einer Gesamtbetrachtung übersehen werden!

    Am 30. November bei der Mitgliederversammlung sollten den Mitgliedern von Hertha BSC bereits „lebensrettende Maßnahmen“ zur Abstimmung vorgelegt und ehrlich und uncoloriert die Gründe für die Schieflage offenbart werden.

    Die eigentliche faktische Schieflage ist aber sicher nicht erst am 30. November präsentierbar – dann ist es zu spät. Wenn erst dann ein „wir arbeiten fieberhaft an einer Lösung“ kommt, wird Hertha BSC nach meiner Befürchtung die Saison nicht aus eigener Kraft beenden.

    Das die Situation bereits seit spätestens 2003 existenzbedrohlich ist, ist den Medien leicht entnehmbar. Jetzt ist es endlich an der zeit, alles im Zusammenhang und ausgerichtet an der Gesamtsituation darzulegen – nicht nur in jeweiligen (leicht wieder zu vergessenden) Teilaspekten.

    Das Präsidium des e.V. und die Geschäftsführung der KGaA sollten jetzt unmissverständlich zu dieser umfassenden Darstellung aufgefordert werden – durch die Medien.

    Unbenommen bleibt, ob nicht die DFL-Nachprüfung schon klareres ergibt … .

  2. Lena
    Mittwoch, 21. Oktober 2009 um 14:04

    Die gute Nachricht fuer Hertha: Jetzt ist wieder Geld fuer eine Abfindung da.

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