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WM 2010

Stimmen zur Auslosung für die WM 2010 in Südafrika

Frank Baade | Montag, 7. Dezember 2009 Kommentare deaktiviert für Stimmen zur Auslosung für die WM 2010 in Südafrika

Die Presse meint, Deutschland habe eine machbare Gruppe zugelost bekommen, in der Schweiz hegt man Hoffnungen auf den 2. Platz, Südafrika ächzt unter seinem Los; Sepp Blatter, „größer als der Fußball“

Allemal machbar

Die Auslosung am Freitag in Kapstadt hat für Deutschland die Gruppe D mit den Gegnern Australien, Serbien und Ghana ergeben. Keine wie sonst üblich einfache Gruppe, aber durchaus machbar, urteilen die meisten Bewerter.

So findet Michael Horeni in der FAZ: „Das Losglück, der deutsche Dauerbegleiter seit Generationen, hat sich in Kapstadt zwar nicht völlig verabschiedet, aber es ist auch schon größer ausgefallen. Ein sportlicher Vorrunden-Spaziergang sieht jedenfalls anders aus. Die alte Regel, wonach Vorrunden bei Weltmeisterschaften viel leichter als bei Europameisterschaften zu überstehen sind, gilt bei der WM 2010 nicht mehr in dieser Eindeutigkeit. Eines hat die Auslosung ohne die ganz großen Hammer- und Glücksgruppen gezeigt: Die Fußball-Welt ist enger zusammengerückt.“

Frank Hellmann ist in der FR etwas anderer Meinung: „Das ist allemal machbar. Platz eins der Gruppe D und damit ein Achtelfinale am 27. Juni in Bloemfontein muss das erklärte Ziel des Löw-Ensembles sein. Die Tür zu einem erfolgreichen Turnier ist aus deutscher Sicht schon einen Spalt offen – nun müssen Löw und Gefolgschaft nur noch durchgehen.“

„Italien ist das neue Deutschland“, vergleicht Markus Lotter das Losglück der Italiener in Gruppe F und den Gegnern Paraguay, Neuseeland und der Slowakei mit dem früheren deutschen Glück (Berliner Zeitung): „Losglück war unser, und so war die Vorrunde bei Welt- und Europameisterschaft für die Auswahlspieler des Deutschen Fußball-Bundes DFB traditionsgemäß zumeist nicht mehr als – je nach Gusto – ein bisschen Yoga, Aerobic oder eine eineinhalbstündige Einheit Bauch-Beine-Po für Fortgeschrittene. Losglück war unser Schrittmacher in die K.o.-Runde, Losglück war unser zwölfter Mann. Es war. Das Losglück hat uns fürs Erste verlassen. Denn was wir schon immer vermutet haben, weil Zitronen dank der Strebsamkeit niederländischer Pflanzenzüchter mittlerweile auch nördlich der Alpen vorzüglich gedeihen und in der wunderschönen Toskana Italienisch nur noch zur Tarnung gesprochen wird, ist seit Freitagabend Gewissheit: Italien ist das neue Deutschland.“

Gregor Derichs (Tagesspiegel) denkt an die nun zu leistenden Flugkilometer: „Logistisch hätte es das deutsche Team nicht schlechter treffen können. Die Gruppe D ist mit dem Nachteil verbunden, dass mehr als 3600km Wegstrecke für die drei Spiele zurückgelegt werden müssen.“

In der Stuttgarter Zeitung merkt Gregor Derichs an: „Die deutsche Elf wandelt praktisch auf den Spuren der Azzurri. Diese setzten sich 2006 auf dem Weg zum Titel auch gegen Ghana und Australien durch. Löw trifft in der Vorrunde auf einen alten Bekannten. Bei Radomir Antic, dem Trainer der Serben, absolvierte er vor einigen Jahren ein Praktikum, als der Serbe beim FC Barcelona tätig war. ‚Deutschland ist klarer Favorit‘, sagte Antic – und war nicht ganz so aufgeräumter Stimmung wie Löw.“

Im Interview mit der FAZ legt Jogi Löw Gründe für seinen Optimusmus im Vorfeld der WM 2010 dar: „Wir sind taktisch weiter als 2006 (WM-Dritter) oder 2008 (EM-Zweiter). Diese Fähigkeit haben wir nicht in jedem Spiel der WM-Qualifikation abgerufen. Aber als es darauf ankam wie gegen Russland, haben wir eine taktisch enorm gute Leistung geboten. Das konnten wir vor vier Jahren in dieser Form noch nicht. Vor der WM müssen wir darauf schauen, dass alle Spieler topfit sind, um auf dieser Basis ihre taktischen Qualitäten ausspielen zu können. Schlampigkeiten werden nämlich irgendwann bestraft.“

Stolz, Team und Destruktion

Der Sid hat zu jedem Teilnehmer der WM im Vorfeld der Auslosung je einen kleinen Text erstellt, welche sich u. a. beim Hamburger Abendblatt finden. Zu „Serbien: Die Stolzen“, „Ghana: Die Teamkämpfer“ und „Australien: Die Destruktiven“ gibt es also je ein kleines Porträt zu lesen. Wer die Charakterisierungen aller Teams lesen möchte, wird hier auf dieser Seite beim Abendblatt fündig (unten).

Jan Christian Müller erwähnt in der Berliner Zeitung, dass die Trainer Serbiens und Ghanas aus einem Dorf kommen: „Beide stammen rein zufällig aus dem selben kleinen Ort im Westen Serbiens, aus Zlatibor in der Region Uzice nämlich. Radomir Antic ist Trainer der serbischen Nationalmannschaft, Milovan Rajevac coacht die Black Stars, wie die Auswahl Ghanas aufgrund des schwarzen Sterns in der Nationalflagge genannt werden. Vor allem Antic wird nachgesagt, dass er gute Mannschaften besser machen kann. Löw erzählte etwas später am Abend, dass er vor Jahren ein Praktikum bei Antic absolviert hatte, als der Serbe noch Chefcoach beim großen FC Barcelona war. Antic, ein kleiner, gedrungener Mann mit hellwachen Augen, kennt also den europäischen Spitzenfußball bestens. Er sah nach der Auslosung nicht so aus, als fürchte er sich sonderlich vor den Deutschen. ‚Deutschland ist Favorit‘, sagte er höflich, ‚aber wir haben eine junge Mannschaft, die sich noch stark verbessern wird und eine gute Mentalität zeigt.‘ Sein Landsmann Ragevac ergänzte bald darauf im Namens Ghanas, er sehe sein Team ‚in der zweiten Runde‘. Und schließlich verbreitete auch der australische Coach Tim Verbeek, ein Niederländer, mächtigen Optimismus: Deutschland komme gleich im ersten Spiel gerade recht, seine Jungs seien noch immer die selben wie 2006, nur besser, ‚weil sie jetzt über vier Jahre mehr Erfahrung verfügen.‘ Und überhaupt: ‚Australische Menschen sind bekannt dafür, dass sie selten Angst haben.‘ Das gilt bei großen Fußballturnieren freilich auch für deutsche Menschen, weshalb der Losentscheid im DFB-Lager recht entspannt zur Kenntnis genommen wurde. Tenor: Es hätte schlimmer kommen können, vor allem deshalb, weil Deutschland bei einem Weiterkommen bis hin zum Halbfinale weder auf Spanien, noch auf Brasilien oder die Niederlande treffen könnte.“

Schweizer Losglück?

„Man spricht Spanisch“, titelt die NZZ angesichts der drei Schweizer Gegner Spanien, Honduras und Chile und Flurin Clalüna meint: „Am Ende ist es wie an einer Papstwahl – man hat die Schicksalsfügung zur Kenntnis zu nehmen und sich mit ihr anzufreunden. Im Schweizer Lager war der Tenor einhellig: Der zweite Platz hinter dem Europameister und Gruppenfavoriten Spanien ist ein realistisches Ziel.“ Zwar habe man noch nie gegen Spanien gewonnen (0/3/15), dennoch fand Ottmar Hitzfeld, dass es schlimmer hätte kommen können. „Nun gelte es, ähnliche Testgegner zu finden. Hitzfeld brachte in diesem Zusammenhang Mexiko und Paraguay ins Spiel. Für die Gruppe G wird sich Hitzfeld erst in einer zweiten Phase interessieren – dann, wenn die Schweizer ihr Ziel, in die Achtelfinals vorzustossen, erreicht haben und auf Brasilien, Portugal oder die Cote d‘Ivoire treffen könnten. Spätestens dann wird niemand mehr über das Losglück der Schweizer jubeln.“

Auch die NZZ stellt jeden einzelnen Gegner der Schweizer vor: Chile, Honduras und Spanien.

Ziehung aus der Hölle

Gregor Derichs (Stuttgarter Zeitung) weiß auch, dass die WM noch nicht das Turnier ganz Afrikas ist: „Nur wenige Kilometer entfernt fand in Stellenbosch ein Seminar internationaler Experten der Sportwirtschaft statt. Hier wurden ganz andere Rechnungen aufgestellt: Der wirtschaftliche Nutzen des Megaereignisses werde notorisch überschätzt, warnte der südafrikanische Sportökonom Udesh Pillay: ‚Die WM‘, pflichtete ihm sein amerikanischer Kollege Stefan Szymanski bei, ‚wird keine Dollar vom Himmel regnen lassen.‘ Befürchtet wird, dass höchstens ein Teil der milliardenschweren Investitionen den Südafrikanern auch nach 2010 zugutekommen werden. Einige der neu errichteten Arenen, zumindest in Provinzstädten wie Nelspruit oder Polokwane, werden nach dem 11. Juli zweifellos weitgehend ungenützt als aufgetakelte Monumente des Fußballs in der Gegend herumstehen. Optimisten gehen davon aus, dass der Nutzen eines solchen Ereignisses aber nicht nur in Zahlen auszudrücken sei: So habe etwa die Steigerung des Selbstbewusstseins durchaus auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsbilanz einer Nation, auch wenn diese nicht zu messen sei. Das mag für Südafrika zutreffen – für den Rest des Kontinents zumindest bislang wohl noch nicht. Von Anfang an hatten die Afrikaner Schwierigkeiten, ihr Gewicht hinter das eben erst vom Kolonialismus befreite Kap zu werfen: Alle den Kontinent repräsentierenden Fifa-Funktionäre hatten 2004 für Marokko und nicht für Südafrika gestimmt. Noch heute tun sich die Afrikaner schwer, 2010 zu ihrem Ereignis zu machen: Aus dem Kontinent seien erschreckend wenig Kartenwünsche eingegangen. Das würde sich womöglich erst ändern, wenn ein afrikanisches Team wie Ghana in das Viertel- oder möglicherweise sogar Halbfinale einziehen sollte – dann aber mit der ganzen Leidenschaft, mit welcher der Erdteil immer wieder überrascht. Spätestens dann könnte die Welt entdecken, was der Brasilianer Pelé schon seit Jahren weiß: ‚Die Zukunft des Fußballs ist schwarz.‘“

Philipp Selldorf begleitet in der SZ die Südafrikaner bei der Auslosung und den kommenden Vorbereitungen: „Für die Anhänger der Gastgebermannschaft, also vor allem für die farbige Bevölkerung, gab es am Freitagabend keinen Grund zu feiern. Die Zuteilung der Gegner hat alle Fans, die ein bisschen Sachverstand besitzen, schockiert. Die Lose mit Mexiko und Uruguay riefen bereits keine Freude hervor, aber als der Zettel mit der Aufschrift ‚Frankreich‘ zum Vorschein kam, brach kollektives Erschrecken aus unter den Ehrengästen im großen Saal. Die Kommentare im Fernsehen und in der Presse klangen entsprechend aufgebracht: ‚Bafana‘ – so lautet der Spitzname des Teams – sei eine ‚Ziehung aus der Hölle‘ widerfahren.“ Der brasilianische Trainer Südafrikas, Carlos Parreira, habe die Aufgabe, seinem Team in den letzten Monaten vor der WM vor allem das Toreschießen wieder beizubringen. Von den Testspielen berichtete ein „Augenzeuge, dass im Vergleich zur südafrikanischen Taktik des ständigen Rückzugs der Kontrollfußball des Bayern-Trainers van Gaal ein wahres Offensivgewitter sei.“ Deshalb habe man Benni McCarthy für die Nationalmannschaft rekativiert, doch bei ihm rätselten „die Südafrikaner derzeit nur über eines: Hat McCarthy fünf oder zehn Kilo zuviel auf den Rippen?“ Allerdings habe Parreira reichlich Zeit, sein Team vorzubereiten. Die südafrikanische Saison ende bereits im Januar. Der Trainer plane zwei längere Trainingslager, eins in Brasilien, eins in Deutschland. Dabei solle auch Steven Pienaar vom FC Everton teilnehmen sowie weitere Profis aus Europa. Ein frühes Ausscheiden Südafrikas müsse aber nicht das Ende der guten Stimmung bedeuten. „Viele Beobachter sind überzeugt, dass Südafrikas Fußballfans – zumindest die Farbigen – dann ein anderes afrikanisches Team unterstützen würden (mit Ausnahme Algeriens).“

Auch Roland Zorn (FAZ) bleibt zuversichtlich, was die Stimmung in Afrika angeht: „Unter Südafrikas Fußballdelegierten herrschte das blanke Entsetzen. Nur Carlos Alberto Parreira, der ans Kap der Guten Hoffnung zurückgekehrte brasilianische Weltmeistertrainer von 1994, bewahrte die Fasson und wies den Südafrikanern den Weg nach oben: ‚Dann müssen wir eben den Mount Everest besteigen.‘“ Alle anderen Faktoren stimmten hingegen bei der WM. Die Stadien seien rechtzeitig fertig geworden, die Hotelkapazitäten würden wahrscheinlich ausreichen, da nun doch etwas weniger Touristen kommen würden als veranschlagt. Problematisch blieben „die nach wie vor schwer zu lösenden Transport- und Sicherheitsfragen. In Kapstadt aber hat das Ausrichterland im wahrsten Wortsinn seine sonnige, heitere, fast mediterrane Seite gezeigt. Vom Ort der WM-Auslosung ging deshalb ein starkes Zeichen der Hoffnung auf eine ganz besondere, von Afrikas Rhythmus und Herzlichkeit getönte sportliche Großveranstaltung aus.“

„Ich bin fertig“

Sepp Blatter, den Mann, „der größer ist als der Fußball“, beobachtet Johannes Dieterich in der Stuttgarter Zeitung: „Er steht auf dem Kapstädter Signalberg und schaut wohlgefällig auf seine Welt herab, in deren Mittelpunkt das neue Stadion prangt. ‚Ich bin fertig‘, sagt der er, ‚der Kontinent ist fertig, Südafrika ist fertig, und Kapstadt ist ebenfalls fertig.‘ Die Reihenfolge, die er vor der Fifa-Verlosung vergangene Woche wählte, spricht Bände: Joseph Blatter sieht sich irgendwo zwischen Himmel und Erde. Womöglich hat er damit sogar recht. Mit dem von langer Hand orchestrierten Medienrummel um die Auslosung der Vorrundengruppen für die WM 2010 hat die Fifa neue Maßstäbe gesetzt: 1700 Journalisten waren ans Kap gereist, rund 200 Millionen Zuschauer aus aller Welt verfolgten die Megaschau. Mag die Welt auch nur mühevoll aus der Rezession aufzutauchen – die Fifa-WM hört nicht auf zu boomen.“ Eine WM sei schon lange kein reines Fußballturnier mehr. „Zwar wird in Südafrika Kritik geübt an der Allmacht der Fifa, an der Gängelung der Regierung sowie am bedingungslosen Einsatz für den Kommerz. Merkwürdigerweise wird diese Kritik jedoch nie wirklich laut. Dafür ist unter anderem die geschickte Präsentationspolitik der Fifa verantwortlich: Passend zum afrikanischen Armutsthema stellt sich der Verband als Unternehmen mit sozialem Gewissen dar. Zum Abschluss der Woche eröffnete Sepp Blatter in der Kapstädter Armensiedlung Kayelitsha das erste von 20 geplanten ‚Fußball für Hoffnung‘-Zentren auf dem Kontinent.“

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