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Bundesliga

Preetz oder Hoeneß? Wer ist schuld an Herthas Abstieg?

Frank Baade | Montag, 15. März 2010 5 Kommentare

Herha BSC Berlin zeigt eine seiner besten Saisonleistungen, und steigt dennoch in der letzten Spielminute ab, ob Hoeneß oder Preetz schuldig sind, wird diskutiert, die Fans zerstören Herthas Image

Symptomatisch

Zunächst wurde ja noch Fußball gespielt, und das von Berlin sogar recht ordentlich, meint Matti Lieske (Berliner Zeitung): „Besonders ärgerlich für die Berliner war, dass sie gegen Nürnberg eine ihre besten Saisonleistungen geboten hatten, auch wenn man die überschaubaren Qualitäten des Gegners berücksichtigt. Es war jedoch symptomatisch für die Hertha in dieser Saison, dass selbst eine solche Vorstellung nicht einmal zum einfachen Punktgewinn reichte. Im Mittelpunkt stand nach dem Match Herthas miserable Chancenverwertung, die den beiden ehemaligen Mittelstürmern Funkel und Preetz die Haare zu Berge stehen ließ. (…) Hertha fehlt es eindeutig an Effizienz, was auch daran liegt, dass die einfachsten Mittel zum Torerfolg wie Standardsituationen und Konterspiel bei Funkels Team besonders harmlos ausfallen.“

Michael Horeni (FAZ) ordnet das Spiel so ein: „Am Ende stand eine Niederlage, von der man nach der Saison wohl sagen wird, dass sich in ihr der Niedergang und der Abstieg der Hertha dokumentierten.“

Eine Zerreißprobe droht

Etwa 100 Berliner betraten den Innenraum des Stadions und randalierten. Alptraumhaft findet das Katrin Weber-Klüver (SZ) für den Klub: „Durchgeschüttelt ist der Verein. Die rohe Wut derer, die sportliches Scheitern zu persönlich nehmen, erweitert das Drama der tief gefallenen alten Dame. Vor Jahresfrist träumte sie aufgekratzt vom Titel, in dieser Saison wähnt sie sich in einem endlosen Albtraum.“

Auch Achim Dreis (FAZ) bewertet die Wirkung dieser Randale als fatal: „Sie zerstörten dabei nicht nur die Inneneinrichtung des Olympiastadions, sondern auch jeglichen Glauben an die Selbstheilungskräfte der Fußballszene. Die Hauptstadt-Herthaner werden nach der unnötigen Niederlage gegen Nürnberg auf lange Sicht die Letzten bleiben – seine durchdrehenden Fans sind es schon jetzt.“

Ganz schwarze Wolken malt Johannes Kopp (taz) in den Berliner Himmel: „Mit dem Fansturm aus der Ostkurve hat Hertha zudem ein vielleicht noch größeres Problem, als den Abstieg zu bewältigen. Der Verein steht vor einer Zerreißprobe. Nachdem die Anhänger bislang ihren Unmut weitgehend zurückgehalten haben, um die labile Mannschaft nicht zu verunsichern, dürften jetzt, da sich in der Kurve der Treuesten der Zorn entladen hat, der Druck auf die Klubführung immens steigen.“

Hoeneß hat die enormen Chancen nicht genutzt

Philipp Köster nennt den Hauptverantwortlichen für Herthas Niedergang, der allerdings schon lange nicht mehr anwesend ist (Spiegel Online): „Er selbst ist klug genug, derzeit alle diesbezüglichen Fragen abschlägig zu bescheiden. Dabei ist der Abstieg der Hertha vor allem der Abstieg des Dieter Hoeneß. Vieles von dem, was heute die Misere der Hertha ausmacht, hat der lange Jahre allmächtige Manager verursacht. Dass der Club im Sommer nahezu keinen Spielraum auf dem Transfermarkt hatte, ist das Ergebnis der langen und unverantwortlichen Schuldenpolitik des Vereins. Und dass Hertha seit den neunziger Jahren die enormen Chancen für einen Fußballclub in einer prosperierenden Weltstadt mit großem Umland nicht genutzt hat, wird ebenfalls mit Dieter Hoeneß verbunden bleiben. (…) Zugleich muss sich die Hertha auch fragen, was sie eigentlich sein will: ein profilloser von Marketingstrategen heruntergerockter Plastikclub oder das, was die Engländer einen „people’s club“ nennen? Ein Verein, mit dem die Berliner feiern und leiden. Nur wenn die Hertha diese Frage für sich richtig beantwortet, war die Niederlage gegen Nürnberg für irgendetwas gut.“

Preetz, der überforderte Berufsanfänger

Da ist im Tagesspiegel Stefan Hermanns allerdings anderer Auffassung: „Man kann über Dieter Hoeneß und seine Zeit bei Hertha BSC viel sagen, viel Schlechtes auch – aber dass er den Klub einem Feuerwehrmann anvertraut, das hätte es unter ihm mit Sicherheit nicht gegeben. Preetz hingegen hat sich gleich bei seiner ersten Trainerverpflichtung nicht anders zu helfen gewusst, als auf einen der üblichen Verdächtigen zurückzugreifen: In kürzester Zeit hat er Hertha auf den Funkel gebracht. Fast noch schlimmer ist es, dass Preetz selbst jetzt, da alles auseinanderfällt, eisern an Funkel festhält. Ob er sich eine Situation vorstellen könne, in der er zurücktreten würde, wird Friedhelm Funkel am Sonntag gefragt. ‚Nein!‘, antwortet er. Diese Aufgabe wird Michael Preetz ihm wohl abnehmen müssen.“

Auch für Claudio Catuogno (SZ) ist der Verantwortliche schnell gefunden: „Nun dürften dort einige ihren Job verlieren. Weil das innovative Austarieren einer Profimannschaft, das Manager-Kerngeschäft also, letztlich einem überforderten Berufsanfänger anvertraut wurde. (…) Im Oktober ausgerechnet dem Stoiker Friedhelm Funkel das fragile, noch gemäß Favres ‚Polyvalenz‘-Gebot zusammengestellte Künstlerensemble anzuvertrauen – das war wohl Preetz‘ größter Fehler. Der psychologische Abwärtssog war so am Ende nicht mehr zu stoppen.“

Und auch eine dritte Stimme contra Preetz findet sich im Tagesspiegel von Sven Goldmann: „Michael Preetz ist ein sympathischer Mensch und kluger Kopf, aber in seinem ersten Jahr als Geschäftsführer hat er wenige Argumente gesammelt dafür, es auch in einem zweiten Jahr mit ihm zu versuchen. Preetz hat eine nicht konkurrenzfähige Mannschaft zusammengestellt und sich beim ersten Gegenwind vom Trainer Lucien Favre getrennt. Auch die schnelle Rekrutierung von Friedhelm Funkel war seine Idee. Wer sieht, wie viel Zeit sich die Konkurrenz aus Bochum und Wolfsburg bei der Trainersuche nahm und nimmt, wird Preetz’ Personalpolitik schwerlich vom Makel der Panik freisprechen.“

Bei Herthas Fall wird auch die Stadt zweitklassig

Gerd Nowakowski hat das große Ganze im Blick, wenn er im Tagesspiegel kommentiert: „Hier geht vieles. Das macht Berlin stark. Dieses Lebensgefühl bekommt einen Knacks durch Herthas Fall. Der trifft deshalb auch all die Hunderttausende, die nicht ins Stadion gehen, aber hart arbeiten, damit es hier endlich vorangeht. Deswegen wäre der Abstieg eine Tragödie für ganz Berlin, für Basketballfans ebenso wie für Union-Anhänger. Gewinnt Hertha, gewinnt Berlin – verliert Hertha, verlieren wir alle. Das strahlt aus. Wenn Hertha nicht mehr erstklassig ist, dann wird sich auch die Stadt zweitrangig anfühlen: noch unfertiger, noch schmutziger, noch ärmer.“

Kommentare

5 Kommentare zu “Preetz oder Hoeneß? Wer ist schuld an Herthas Abstieg?”

  1. Klaus-Müller Peters
    Montag, 15. März 2010 um 16:56

    Johannes Kopp (taz): „[…] dürften jetzt, da sich in der Kurve der Treuesten der Zorn entladen hat, der Druck auf die Klubführung immens steigen.“

    Wenn die Idioten, die das Ansehen eines Clubs und einer ganzen Sportart aufs Spiel setzen und unverhohlen auf in der zivilisierten Welt längt vergessen gehoffte Mittel der Konfliktlösung zurückgreifen, zu den „Treuesten“ gehören sollen, dann gute Nacht, Fußballdeutschland.

    Die „Treuesten“ reagieren nicht so, die „Treuesten“ stehen auf ihrem Platz, kopfschüttelnd, wütend, weinend, zornig, vielleicht auch unter der Gürtellinie schimpfend, um danach schlecht gelaunt nach Hause zu gehen und sich am folgenden Wochenende das nächste Spiel anzusehen. Auch auf die Gefahr hin, die ganze Ohnmacht ein weiteres Mal erleben zu müssen, aber dennoch mit der unsterblichen Hoffnung auf Besserung. Das sind die „Treuesten“, nicht die postpubertären Freaks, die Fußball mit Revolte verwechseln.

    Die einzige Genugtuung ist, dass die meisten Schwachköpfe so dumm waren, sich vor laufender Kamera zu vermummen. In der Hauptstadt und deren Umland dürfte es demnächst einige Anzeigen hageln.

  2. Hans Dampf
    Dienstag, 16. März 2010 um 01:35

    Ich hab schon öfter gelesen dass Hertha Krawallfans mit Verbindungen ins rechte Mileu und/oder zu Holligans hat – zumindest sind viele sehr militant gegen Tennis-Borussia-Berlin eingestellt, und welcher kultivierte Fußball-Fan würde wohl etwas gegen TBB haben?!

    Zur Grabesstimmung in der Allianz-Arena („Friedhof“) mag man stehen wie man will, aber den Bayern muss man lassen dass sie wirklich konsequent gegen Krawallos vorgehen.

  3. roseeffe
    Dienstag, 16. März 2010 um 12:56

    Mich wundert am meisten, warum das Siegtor der Franken zu keinem Zeitpunkt diskutiert wurde (insbesondere von der Presse, die sonst jede Millimeterentscheidung Absätze lang beschreiben. Charisteas steht beim Abspiel mindestens 10 m im (passiven) Abseits. Hat aber dadurch einen so eklatanten Vorteil und kann nach dem Querpass unbehelligt einschießen. Kein Berliner hatte überhaupt eine Chance, diese 10 M aufzuholen.
    Hier von einer neuen Situation zu reden, erschließt sich mir nicht und ist m.E. nach nur ein Witz.
    Wenn dieses Tor in München oder Leverkusen gefallen wäre, da hätte es aber gekracht im deutschenBlätterwald, weil so ein Tor doch nicht die Meisterschaft entscheiden darf.

    P.S.: Ich bin kein Hertha Fan, aber bezüglich dieser Passiv-Abseitsregel rege ich mich schon seit Jahren auf.

  4. Ulfert
    Mittwoch, 17. März 2010 um 11:18

    @roseeffe: Ich finde diese Form der Abseitsregel eigentlich nicht soo schlecht, wenn sie so deutlich in einzelne Abschnitte trennbar ist wie hier. Denn hier tritt folgender Fall auf:

    Der Abwehrspieler der dafür sorgt, dass der angepasste Spieler nicht im Abseits steht, hätte ja mit der gleichen Geschwindigkeit wie dieser laufend den später angepassten Spieler (Charisteas) einholen können. Wenn kein Spieler hinter Charisteas herläuft, dann sollte man dies der Abwehr vorhalten, und nicht meckern dass dort ein einsamer Stürmer rumsteht. Wenn der Abwehrspieler nicht hinterher kommt – nun, dann hat er schlechtes Stellungsspiel betrieben oder ist zu langsam. Beides kann man der Abseitsregel nicht vorwerfen.

    Was ich bei sog. „passiven“ Abseits (das es ja in den Regeln nicht gibt, dort ist es einfach nur Abseits das nicht geahndet wird) immer wieder nervig finde ist die relativ frei auslegbare Form des „Eingriffs ins Spiel“. Da gab und gibt es Szenen in denen der Abseits-Spieler zum Ball geht und nur durch einen schnelleren Mitspieler gehindert wird an den Ball zu kommen – solche Dinge sind für mich eine Beteiligung am Spiel und gehören dann auch abgepfiffen, denn das beeinflusst die Verteidiger und den Torhüter. Als Beispiel fällt mir grade Ailton bei Schalke-Werder 2004/05 ein, gibts aber ca jede zweite Woche in ähnlicher Form.

    Immer wieder erstaunlich, dass eine solch kurze Regel (1 Seite im DFB-Regelwerk + 1 Seite Definitionen) so viele Diskussionen auslösen kann 🙂

  5. Henk
    Donnerstag, 18. März 2010 um 14:15

    Zugegeben ein Nebenaspekt:

    (…) Wenn Hertha nicht mehr erstklassig ist, dann wird sich auch die Stadt zweitrangig anfühlen: noch unfertiger, noch schmutziger, noch ärmer.“

    Das „große Ganze“, das Nowakowski hier angeblich im Blick hat, ist doch wohl eher die scheuverklappte Sicht eines Jammerers auf hohem Niveau. Glaubt er denn tatsächlich, dass gesellschaftliches Lebensgefühl in so direkter Wechselwirkung steht zum Erstligafußball in der Stadt?

    Mal auf das Ruhrgebiet übertragen: Gehen dann die Menschen in Gelsenkirchen aufrechter und stolzer als die in Duisburg, fühlen sich die Leute auf der Essener Rü unfertiger, schmutziger, ärmer als die am Dortmunder U? Ich kann das nicht beobachten. Dabei müsste die tiefe Verwurzelung des Fußballs im Ruhrpott doch viel stärker noch auf das gesellschaftliche Leben abfärben.

    Dagegen ist den Hauptstädtern – abgesehen von Barbara Schöneberger, ein paar weiteren Eventherthanern und 100 Krawallos – ihre Hertha doch kaum ein müdes Schulterzucken wert. Gerade darin zeigt sich doch die Stärke Berlins: Die Stadt zieht viele Menschen an. Sie kommen neu in die Stadt und bringen die Liebe zu ihrem Verein als Brücke in die alte Heimat mit, die sie nicht loslassen.

    Bevor ich mir wegen des Abstiegs der Hertha jedenfalls Sorgen um die Berliner mache, haben erst mal alle Mönchengladbachs, Kaiserslauterns oder Nürnbergs dieses Landes meine Anteilnahme. Dort – wie in vielen anderen Städten – hängt viel mehr vom Wohl und Wehe eines Clubs ab.

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