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Die abmoderierte Affäre

Kai Butterweck | Mittwoch, 6. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Die abmoderierte Affäre

In Bochum steigt der Prozessauftakt zum bisher größten europäischen Fußball-Wettskandal, doch kaum einer nimmt davon Notiz

Jürgen Ahäuser (FR) wundert sich über müde Reaktionen seitens der Verbände und Vereine: „Das heute in Bochum beginnende Verfahren gegen vier Angeklagte aus der illegalen Wettszene des Fußballs bewegt bisher vor allem die Gemüter der Juristen. Ansonsten sind die Reaktionen bei Vereinen, Spielern sowie dem nationalen wie internationalen Dachverband geradezu als schläfrig zu bezeichnen. Das erstaunt, denn immerhin handelt es sich der Ankündigung nach um den größten Wettskandal in der Geschichte des europäischen Fußballs. Auf den deutschen und den europäischen Fußball rollt möglicherweise eine Walze zu. Die Anklage listet 32 Partien auf, die alles andere als sauberer Sport gewesen sein sollen. In Deutschland sind Spiele von der zweiten Liga abwärts und ein DFB-Pokalspiel zur Gerichtssache geworden. Im Fall einer Verurteilung bekommt der DFB ein massives Problem. Wie umgehen mit den betrügerischen Ergebnissen? Der menschliche Hang zur Bequemlichkeit und die Erfahrung aus dem Hoyzer-Skandal sprechen dafür, dass der Verband die Hände in eine Waschschüssel taucht und laut `Tatsachenentscheidung` ruft.“

Es wurde bruchlos weiter manipuliert – direkt vor den Augen des Verbandes

Nach Auffassung von Peter Ahrens (Spiegel Online) sei es den Funktionären ganz recht, dass der Skandal nicht in den Dauer-Schlagzeilen ist: „Er hat sogar seinen Anteil daran, die Affäre abzumoderieren. DFB-Boss Theo Zwanziger hatte sich in einer ersten Reaktion zwar bestürzt über das mögliche Ausmaß der Manipulationen geäußert, schon weniger Tage später jedoch redete er die ganze Angelegenheit klein. Der Interessenverband des Profifußballs, die Deutsche Fußball-Liga DFL tat ihren Teil dazu, den Skandal zu bagatellisieren. DFL-Chef Reinhard Rauball, wie Zwanziger selbst Jurist, warf der Staatsanwaltschaft in Bochum vor, die Affäre aufzubauschen und ließ auf dem DFL-Neujahrsempfang durchblicken, den Ermittlern sei es vor allem darauf angekommen, sich in der Öffentlichkeit möglichst gut zu präsentieren. Mit Macht drängte sich der Eindruck auf, DFB und DFL komme es weniger auf Aufklärung an, als darauf, das eigene Produkt als möglichst unbeschadet von hässlichen Vorwürfen darzustellen. Stattdessen zeigte man sich nach außen nur wenig beunruhigt von dem Umstand, dass nach dem öffentlichkeitswirksamen Hoyzer-Bestechungsskandal von 2005 offenbar bruchlos weiter manipuliert wurde – direkt vor den Augen des Verbandes und teilweise von den selben Beteiligten wie im Fall Hoyzer.“

Christoph Becker (FAZ) hat düstere Aussichten für die Zukunft: „Im kriminellen Geflecht der Zocker erscheinen die Spieler wie Bauern auf einem Schachbrett. Da wirkt der Wunsch des Generalsekretärs des Deutschen Fußball-Bundes, Wolfgang Niersbach, nach `absoluter Klarheit`, die im Bochumer Verfahren geschaffen werden soll, verständlich, aber beinahe naiv. Niersbach beklagt, dass der DFB von den Behörden keine Akteneinsicht erhalte. Doch selbst wenn der Verband diese hätte, steht schon vor Prozessbeginn fest: Die Zocker wird der Fußball nicht mehr los. Das Verbrechen auch nicht.“

Einblick in den Abgrund

Auch Friedhard Teuffel (Zeit Online) sieht den DFB vor bitteren Erkenntnissen stehen: „Der Vorhang wird an diesem Mittwoch geöffnet und dann den Blick freigeben in einen Abgrund. Auch Beobachter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) werden im Gerichtssaal Platz nehmen und sich sicher auf bittere Wahrheiten eingestellt haben. Parallel zur strafrechtlichen Aufarbeitung geht die sportgerichtliche weiter. Der DFB hat bislang fünf Strafen gegen Spieler ausgesprochen. Marcel Schuon etwa, ehemaliger Profi des VfL Osnabrück, wurde bis Ende 2012 gesperrt. Nach Auffassung des DFB hatte sich Schuon bereit erklärt, vier Zweitligaspiele der Osnabrücker zugunsten des Gegners zu beeinflussen. Dass tatsächlich eine Manipulation stattfand, konnte der DFB nicht beweisen. Insgesamt laufen beim DFB 16 Verfahren: 15 gegen Spieler, gegen einen Schiedsrichter wurde eine Schutzsperre verhängt. 53 Spiele in Deutschland sollen betroffen sein – ein Abgrund, von dem auch der DFB bislang noch nicht weiß, wie tief er wirklich ist.“

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