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Bundesliga

Bayern oder Sandhausen?

Kai Butterweck | Montag, 30. April 2012 5 Kommentare

Not gegen Elend: Am letzten Spieltag treten der 1. FC Köln und Hertha BSC im Abstiegs-Fernduell gegeneinander an. Außerdem: Export-Meister Bremen, Wolfsburger Mittelmaß und falsche Tränen

Philipp Selldorf (SZ) sendet beruhigende Worte in die Domstadt: „Kölner, die sich jetzt Sorgen machen, dass auf Seiten Hoffenheims nur der Trainer ernsthaft motiviert ist, dürfen sich damit trösten, dass Hertha vor zwei Wochen in ähnlicher Situation selbst gegen den Tabellenletzten Kaiserslautern ein hochverdientes Debakel erlebte. Und dass sich dieses Debakel in Gelsenkirchen bruchlos fortsetzte, obwohl Rehhagel die halbe Mannschaft gewechselt hatte.“

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Andreas Morbach (Spiegel Online) tun die Hauptstadt-Anhänger leid: „Mit einem dreitägigen Trainingslager in Castrop-Rauxel, wollten die Hertha-Verantwortlichen den Karren im letzten Moment noch aus dem Dreck ziehen. Das anschließende Ergebnis war für jeden Hertha-Fan erschütternd: Die blutleere Rehhagel-Elf wirkte, als wolle sie die 90 Minuten möglichst schnell und nur mit einem möglichst gnädigen Ergebnis hinter sich bringen.“

Und keiner zieht den Stecker

Dominik Bardow (Tagesspiegel) berichtet aus der Intensivstation: „Es war viel die Rede von übersinnlichen Einflüssen wie der Gunst der Stunde, dem ‚Fußballgott‘ (Rehhagel) oder dem ‚Schicksal‘ (Janker), das hier gewirkt und es so gewollt habe. Selbstbestimmt, das wurde klar, führen die Berliner diesen Abstiegskampf längst nicht mehr. Sie sind wie ein Patient, der nur noch durch eine höhere Macht, oder eher: die Unfähigkeit der Kölner, künstlich am Leben gehalten wird. Und keiner zieht den Stecker.“

Michael Jahn (FR) bedankt sich im Namen aller Hertha-Fans beim SC Freiburg: „Hertha wäre sang- und klanglos abgestiegen – im Beisein von 3500 Berliner Fans – hätte es da nicht diesen riesigen Videowürfel gegeben, der in der Schalker Arena weit oben über dem Rasen hängt. Dieser Würfel, auf dem ständig mit einem zischenden Geräusch die Zwischenstände aus den anderen Stadien angezeigt werden, entpuppte sich für Berlin als Würfel der Hoffnung. Am Ende war dort zu lesen, dass der für seine Fairness zu lobende SC Freiburg den 1. FC Köln mit 4:1 geschlagen hatte. Nur deshalb kann sich Hertha wenigstens bis kommenden Sonnabend noch Erstligist nennen.

Schlimmer wäre der Imageschaden

Armin Lehmann (Tagesspiegel) beschäftigt sich mit Hertha-Manager Michael Preetz: „Sein Zuhause ist für ihn längst kein Fluchtort mehr, er bringt die schweren Gedanken wie ungebetene Gäste heim. Sie bahnen sich ihren Weg vorbei an Fragen über Schuld und Schicksal, über die er manchmal ruhelos grübelt. Irgendwo dazwischen steckt sein Anteil am drohenden Niedergang. Es wäre der sechste Abstieg seit Gründung der Bundesliga, aber schlimmer wäre der Imageschaden. Man wäre wieder das, was man in den traurigen Tagen der achtziger und weite Strecken der neunziger Jahre war: eine Fahrstuhlmannschaft, angesiedelt zwischen erster, zweiter und manchmal auch dritter Klasse. Die Hertha von einst war instabil und chaotisch. Ein Klub, den nur wenige mochten.“

Pumpende Käfer

In Köln macht man sich vor allem Sorgen um den Fitnesszustand der Mannschaft. Christoph Ruf (Spiegel Online) schmunzelt über schwer atmende Insekten: „Die FC-Spieler wirkten schlicht nicht fit, nach Balleroberung blieben sechs von zehn Feldspielern in der eigenen Hälfte, nach 55 Minuten stemmte die Hälfte des Teams die Hände in die Hüfte und atmete vornübergebeugt tief durch, pumpend wie ein Käfer. Ex-Trainer Stale Solbakken, heißt es, hat das Team mit seiner Philosophie zehn Monate lang überfordert und hat bei all dem die physischen Grundlagen vernachlässigt.“

Oliver Trust (Tagesspiegel) bemitleidet FC-Coach Schaefer: „Es wäre für Frank Schaefer leicht gewesen zu sagen, er habe vor drei Wochen die Abteilung Sauhaufen in einem Saftladen übernommen. Das hätte jeder Fußballfreund in Deutschland und Köln verstanden. Der Sauhaufen wäre eine Mannschaft, der es schwerfällt, ein Team zu sein, die obendrein zu wenig trainiert hat und abzusteigen droht, weil sie nicht über genug Kondition verfügt, um in einem Fußballspiel länger als eine Stunde mitzuhalten. Der Saftladen wäre der 1. FC Köln, der sich bis vergangene Woche, als man mit Werner Spinner einen neuen Präsidenten wählte, ein Trainer-, Sportdirektoren- und Führungstheater leistete, das an keinem spurlos vorbeigehen könne, wie Schaefer sagte.“

Hanseatische Handelskunst

Boris Herrmann (SZ) befasst sich mit Bremens Verantwortlichen abseits des Platzes und fordert mehr Einsatz beim Import: „Manager Klaus Allofs hatte den Dribbler 2009 für 8,5 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach geholt. Dass er ihn nun nach drei durchwachsenen Jahren für geschätzte 7 bis 8 Millionen wieder loswird, ist zunächst einmal ein Zeugnis hanseatischer Handelskunst. Sollte Werder im Gegenzug auch noch, wie kolportiert wird, das belgische Sturmtalent Romelu Lukaku, 18, vom FC Chelsea erhalten, könnte sich der Deal erst recht gelohnt haben. Trotzdem blieb von diesem Tag in Wolfsburg ein seltsames Gefühl zurück. Das Gefühl nämlich, dass Werder Bremen im Verkaufen endgültig besser ist als im Einkaufen.“

Tim Röhn (Spiegel Online) sorgt sich um die Zukunft der Bremer: „Hauptsächlich junge und unerfahrene Spieler sollen Werder nun einen erfolgreichen Umbruch bescheren. Ein waghalsiges Vorhaben. Bei Jungprofis wie Florian Trinks, Lennart Thy und Felix Kroos ist keine Verbesserung zu erkennen. Die Neuen wie Tom Trybull und Florian Hartherz müssen erst noch beweisen, dass sie Bundesliga-Niveau haben. In Bremen neigt niemand zu Schnellschüssen. Eine Eigenschaft, die dem Club viele Sympathien bringt – mehr aber auch nicht. Werder ist nur noch der Europacup-Teilnehmer der Herzen.“

Grandios für einen lauschigen Nachmittag, aber desaströs für die Saison

In Wolfsburg freut man sich über einen versöhnlichen Heim-Abschluss. Peter Unfried (taz) blickt kritisch hinter die Fassade. „Sagen wir es klipp und klar: Soviel Stimmung war nie in dieser Saison wie nach diesem, mutmaßlich tabellarisch bedeutungslosen letzten Heimspiel der Saison. Das ist grandios für einen lauschigen Nachmittag, aber desaströs für die Saison. Sicher kann man 2011/12 bei Besitzer Volkswagen offiziell als Fortschritt bilanzieren, wenn man den knapp vermiedenen Abstieg des Vorjahres mit dem jetzigen Platz 8 und Schnuppern an der Euro League vergleicht. Doch auch bei hartnäckigem Grübeln will einem kein Spiel in dieser Saison einfallen, kein Tor, kein Ereignis, das in der kollektiven Erinnerung bleiben würde.“

Eine gewisse Neigung zur Übertreibung

Neben wichtigen Punkten wurden am Wochenende auch viele Blumensträuße verteilt. Peter Hess (FAZ) bezweifelt die Echtheit einiger Abschiedstränen: „Bei manchen Beispielen verwundert es schon, wie plötzlich alles Negative vergessen ist, wenn der letzte Blumenstrauß überreicht wird. In Hamburg war Petric nicht gerade als großer Teamplayer bekannt, Jarolim wurde über Monate nicht mehr berücksichtigt. In Gladbach hatte Dante mit seiner Koketterie über den bevorstehenden Bayer-Wechsel genervt. Ein bisschen Verlogenheit war also auch dabei, als es am Samstag gefühlvoll wurde – und auch eine gewisse Neigung zur Übertreibung. So beliebt sich Raul auf Schalke auch gemacht hat in seinen zwei bestens bezahlten Profijahren: Musste eigens zur Verabschiedung des Spaniers eine Bühne auf den Rasen installiert werden?

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Kommentare

5 Kommentare zu “Bayern oder Sandhausen?”

  1. Manfred
    Montag, 30. April 2012 um 10:20

    Bei dem Vertrauen, was Herr Herrmann da in den wohl anstehenden Umbruch bei -hier- Werder Bremen hat, komme ich mir vor wie in eine Zeitmaschine versetzt, so späte 90er rum, wo von der großen Mehrheit der Vereine wahlweise lieber 5 alternde Ex-Stars oder 8 Südosteuropäer bzw Afrikaner verpflichtet wurden, als daß man nur einem einzigen Jugendspieler die Chance gab, sich zu beweisen.
    Jammerlappen.

  2. Daniel
    Montag, 30. April 2012 um 12:11

    Wieso wird von Herrn Jahn (und vielen anderen sogenannten Sportjournalisten) die (angeblich) besondere Fairness von Klubs, für die es um nichts mehr geht, so betont, bzw. beschworen? Das sollte eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedürfen, da es schlichtweg selbstverständlich ist, den jeweiligen Gegner immer besiegen zu wollen, unabhängig davon, wie sich dessen sportliche Situation darstellt.
    In diesem Zusammenhang sollte durchaus auch Kritik an Bayern München geäußert werden, die sich mit Blick auf die Champions League schon seit einiger Zeit nicht mehr ernsthaft in der Meisterschaft engagiert haben. Und komme mir jetzt keiner mit der (durchaus) starken B-Elf. Es hätte ja durchaus wichtig sein können, dass eine A-Elf Mainz besiegt oder gegen Stuttgart mit 5:0 statt 2:0 gewonnen hätte.

  3. stoked
    Montag, 30. April 2012 um 19:06

    œ Daniel
    hätte, hätte Fahrradkette – die Mannschaften haben sich ihre Tabellenplätze alle selbst eingebrockt. Auch die Abstiegskandidaten. Wo steht geschrieben, dass man ständig mit der nominell stärksten Mannschaft antreten muss? Und selbst wenn ist es noch keine Garantie, dass diese Spieler 100% geben und auch so in die Zweikämpfe. gehen. Nee, nee, da muss sich jede Mannschaft, die da unten drin steht schon selber an die eigene Nase fassen. Das ist ne Phantomdiskussion.

  4. Daniel
    Montag, 30. April 2012 um 22:17

    @ stoked:

    Das sehe ich nicht so. Es geht ja auch um knappe Entscheidungen z.B. die Euro League betreffend. Tendentiell sind natürlich die Vereine selbst für ihre Position verantwortlich, aber da wo es am Ende eng wird, sollte man doch Gleichbehandlung erwarten dürfen und die ist in solchen Fällen einfach nicht gegeben.

  5. HUKL
    Mittwoch, 2. Mai 2012 um 13:32

    Die Beiträge in der „SZ“, „FB“, im „Tagesspiegel“ sowie bei „Spiegel Online“
    decken sich auch mit meiner Meinung.

    Auch mir kommt es so vor, als wären die Kölner
    und Berliner bereits seit Wochen in einer gemeinsamen Pflegeanstalt mit Medizin ruhig gestellt worden, um zumindest einem der beiden Vereine den Gang hinunter in die 2. Bundesliga möglichst schmerzfrei zu gestalten. Nur an den jeweiligen Wochenenden erhielten sie
    „Ausgang“, um sich nochmals der Fußballöffent-lichkeit präsentieren zu können.

    Während zumindest in der Vereinsspitze bei den Kölnern kurz vor Erreichen der Ziellinie nochmals eine richtige Bewegung mit Zukunftsplanungen festzustellen ist, scheint die Medizin bei den Berliner Spielern mit ihrem Dirigenten „Otto“ noch voll zu wirken.
    Aus dem früheren „Stehaufmännchen“ ist ein
    ruhiger, ergriffener, alternder Mann auf der Bank geworden.

    Seine scheinbar nun doch in Berlin zu Ende gehende Fußballreise wird nach tollen Erfolgen sowie Missverständnissen wohl von einem Scheitern begleitet werden, falls die Bayern nicht noch ein wenig nachhelfen……

    Gemäß seinem eigenen Spruch (es gab viele davon in den vergangenen Jahren): „Nur, wer als Trainer mit 50 Jahren genügend Geld verdient hat, sieht einem ruhigen Rentendasein entgegen“, wird die Familie Rehagel einen echten und finanziell sorglosen Lebensabend bescheren.

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