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Bundesliga

Hamburger Frust und Stuttgarter Lust

Kai Butterweck | Montag, 19. März 2018 Kommentare deaktiviert für Hamburger Frust und Stuttgarter Lust

Während sich der HSV nach vierzehn sieglosen Ligaspielen endlich die Rote Laterne krallt, träumt der vor einigen Wochen auch noch tief im Schlamassel steckende VfB Stuttgart vom internationalen Geschäft

Nach der Heimschlappe gegen Hertha BSC geht es in Hamburg drunter und drüber. Paul Linke (Berliner Zeitung) hat direkt nach dem Abpfiff alles auf dem Schirm: „Als der Schiedsrichter final in die Pfeife blies und sich um ihn ein Hamburger Protestrudel bildete, weil das Spielende mitten in einer Strafraumbelagerung erfolgte, stand die Stadionuhr auf 54 – 205 – 00 – 21 – 05. Jahre. Tage. Stunden. Erstligaminuten. Auf den Tribünen schwenkten einige weiße Taschentücher. In der Nordkurve flogen die Fäuste. Ultras gegen Ultras. Niemand nahm den Platz im Sturm. Andere waren da längst auf dem Weg zum Parkplatz, wo sie anscheinend die Abfahrt des Teambusses blockieren wollten. Vor dem Spiel hatten noch Hunderte Fans ein Willkommensspalier gebildet. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Pfefferspray ein, fünfzig Personen wurden festgesetzt. Was für ein Unsinn.“

Diese Jahr haben sie es wirklich auf die Spitze getrieben

Frank Lüdecke (Tagesspiegel) wird beim Anblick des sich wild kreisenden Hamburger Personalkarussells ganz mulmig: „Die Hamburger haben in zehn Jahren 18 (!) Trainer verbraucht, neun Aufsichtsratsvorsitzende, fünf Vorstandsbosse und sechs Sportchefs. Sie haben mal diesen Spieler suspendiert, mal jenen. Und ganz wichtig für Hamburg: Alles ohne irgendein erkennbares Konzept. Dieses Jahr haben sie es wirklich auf die Spitze getrieben: Jeden Monat ein anderer Trainer! Im Januar Gisdol, für den Februar Hollerbach und im März Herr Titz. Ich bin auf den April gespannt. Sie werden bestimmt noch die Not-Not-Not-Lösung hervorzaubern.“

Lars Wallrodt (Welt) nimmt sich alle HSV-Kritiker zur Seite: „Die Bundesliga wird erst merken, was sie am HSV hat, wenn er in Sandhausen und Heidenheim antritt. Denn ganz objektiv betrachtet war der Verein in den vergangenen Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass es in der Liga überhaupt noch unterhaltsam zuging. Denn was ist der Bundesliga denn noch geblieben? Einen Meisterschaftskampf gibt es seit 2012 nicht mehr. Dem Rennen um die Europapokalplätze fehlt das dramatische Element. Aber ein Abstiegskampf mit prominenter Beteiligung – das war immerhin was.“

Entgegen branchenüblicher Durchhalteparolen

Jan-Christian Müller (FR) steht in Stuttgart applaudierend vor der Trainerbank: „Es ist gar nicht hoch genug zu würdigen, wie Tayfun Korkut Stuttgart trotz erheblicher Vorbehalte in der öffentlichen Bewertung und einer Anti-Willkommenskultur der VfB-Fans bei seinem Trainingsauftakt auf Kurs gebracht hat. Es steht allerdings auch zu vermuten, dass dies nur dank der soliden Arbeit seines Vorgängers Hannes Wolf gelingen konnte, dem zudem Respekt dafür gebührt, auf die branchenüblichen Durchhalteparolen gänzlich verzichtet und sein Amt stattdessen zeitig zur Verfügung gestellt zu haben.“

Peter Penders (FAZ) schließt sich an: „Als der VfB Stuttgart im Februar Tayfun Korkut als neuen Trainer vorstellte, schlug ihm im Internet ein Shitstorm entgegen, der nichts mit Skepsis zu tun hatte. Korkut wurde schon abgesprochen, überhaupt etwas zu können, bevor er sein erstes Training leitet. Das hielt er dann in eisiger Atmosphäre ab – 250 Fans waren gekommen und schwiegen. VfB-Präsident Wolfgang Dietrich und Sportvorstand Michael Reschke wären von vielen im „Ländle“ damals am liebsten geteert und gefedert und aus der Stadt gejagt worden. Sieben Spiele und 17 von 21 möglichen Punkten später müsste der VfB-Server angesichts der Flut an Entschuldigungs-Mails eigentlich zusammenbrechen, tut er mangels Überlastung aber natürlich nicht.“

In Gladbach träumen viele eingefleischte Fohlen-Jünger vom Glanz früherer Zeiten. Auch Ulrich Hartmann (SZ) erinnert sich: „Die Borussia lieferte dem FC Bayern München ein jahrzehntelanges Duell, bevor sie in den Neunzigern im Mittelmaß und sogar mal in der zweiten Liga verschwand. Mit dem Comeback, das der Klub in den vergangenen Jahren feierte, verband Fußballdeutschland die Hoffnung, dass womöglich den dominanten Münchnern, aber mindestens dessen Verfolgern ein neuer Herausforderer erwachsen könnte. Doch Gladbach wankt und hat zurzeit mehr mit sich selbst zu kämpfen.“

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