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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – Stammtisch-Hohlbirnen und Traumberufzerstörer

Kai Butterweck | Donnerstag, 21. Juni 2018 ohne Kommentar

Die Presse beschäftigt sich mit stumpfem Getöse aus der Social Media-Hölle, dem Rennen um die Kohle-Krone und dem Erfolgsrezept der Videobeweis-Verantwortlichen

Im Interview mit der SZ stellt sich ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann schützend vor seine Kollegin Claudia Neumann: „Es geht nicht um fachliche Fehler, sondern schlicht um ihr Geschlecht – und dass sie deswegen angeblich nicht kommentieren könne. Das ist eine abenteuerliche Einstellung. An sich ist ja das Tolle am Fußball, dass jeder etwas dazu sagen kann. Aber hier wird einer Kollegin das Fachwissen in einer Art und Weise abgesprochen, die widerlich ist. Ich weiß nicht, was diese Leute für eine Kinderstube haben.“

Kein harmloser Spaß ist eine WM, an der Länder wie Saudi-Arabien und Iran teilnehmen

Daniel Raecke (Spiegel Online) schließt sich an: „Kein harmloser Spaß ist die WM in einem Land, in dessen Teilrepublik Tschetschenien Homosexuelle misshandelt werden und in dem in den vergangenen Jahren Gesetze gegen „homosexuelle Propaganda“ erlassen worden sind. Kein harmloser Spaß ist eine WM, an der Länder wie Saudi-Arabien und Iran teilnehmen, in denen Homosexuellen die Todesstrafe droht. Das empört in Europa viele Menschen, die darin einen Beleg für die Rückständigkeit bestimmter Auslegungen des Islam sehen. Nicht weniger rückständig ist allerdings die Auffassung, Frauen dürften keine Fußballspiele im Fernsehen kommentieren.“

In Russland kämpfen die drei Sportartikelfirmen Adidas, Nike und Puma um die Präsenz-Krone. Wirtschaftsexperte Philipp Vetter (Welt) legt imposante Zahlen auf den Tisch: „Rund 50 Millionen Euro soll Adidas allein dem Deutschen Fußball-Bund zahlen, um der Nationalmannschaft die Leibchen stellen zu dürfen. Doch die Investition lohnt sich. Denn die Sportartikelfirmen verdienen nicht nur am Verkauf von Trikots und Fußballschuhen. Vor allem die Markenpräsenz im TV, wenn Hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt zuschauen, ist extrem wertvoll.“

Moskau platzt fast aus allen Nähten. Lust auf eine Prise Fußballromantik? Andreas Bock (Tagesspiegel) entführt Interessierte ins beschauliche Nischni Nowgorod: „Menschen, die im Überschwang der Gefühle die ganze Welt umarmen möchten, trifft man überall dort, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Aber wer kannte bislang betrunkene Schweden, die sich innerhalb weniger Stunden Hals über Kopf in Nischni Nowgorod verlieben? Die meisten von ihnen wussten ja bis vor kurzem nicht mal genau, wo die Stadt liegt. Aber jetzt, so scheint es, wollen sie nie wieder weg aus dieser Stadt, die ein wenig verschlafen ist, aber gleichzeitig frisch und freundlich aussieht.

Das Erfolgsgeheimnis ist verblüffend simpel

Im Gegensatz zur abgelaufenen Bundesliga-Saison wirbelt der Videobeweis bei der WM nicht viel Staub auf. Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) weiß warum: „Das Erfolgsgeheimnis ist verblüffend simpel. Die Videoassistenten setzen einfach nur den Vorsatz um, der eigentlich von Anfang an das oberste Kriterium bei der Verwendung der Technik sein sollte: Nur glasklare, wirklich über jeden Zweifel erhabene Fehler dürfen korrigiert werden. In allen anderen Fällen bleibt die spontan gefällte Tatsachenentscheidung des Gespanns auf dem Rasen bestehen.“

Lothar Matthäus stellt sich immer wieder ganz vorne in die Reihe wenn es darum geht mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen. Dieser Tage hat er sich auf Mesut Özil eingeschossen. Philipp Köster (11Freunde) tackert dem Rekordnationalspieler die Schnute zu: „Leute wie Lothar Matthäus haben sich von schlüssigen Argumentationsketten längst verabschiedet. Es gab am Sonntag eine ganze Menge Spieler, die sich im Nationaltrikot nicht wohlzufühlen schienen. Müller, Khedira, Kroos und viele andere. Sich Özil herauszupicken, ist verantwortungslos und chauvinistisch. Aber was will man schon erwarten von Lothar Matthäus, dem Mann, der Denken als Schwäche sieht.“

Lokomotivführer, Astronaut oder Kanzlerin: Kinder haben klare Vorstellungen wenn es um die spätere Berufskarriere geht. Auch der Job des Fußball-Reporters steht bei vielen Buben hoch im Kurs. Aber zu Recht? Stefan Hermanns (Tagesspiegel) plaudert aus dem Nähkästchen: „Als Außenstehender stellt man sich das Leben eines Turnierreporters vermutlich unglaublich aufregend vor. Der Alltag gestaltet sich dann nicht ganz so spannend. Im Moment wohnen wir in einem 15-stöckigen Hotelbunker am Stadtrand von Moskau. Das Frühstück ist reichhaltig. Allerdings muss man im Saal Kalinka ein wenig suchen, bis man einen Platz findet, der nicht im Luftstrahl der Klimaanlage liegt. Dazu kommt die Musikbeschallung in einer durchaus beträchtlichen Lautstärke.“

Im Wälzen sind beide gleich gut

Jan Christoph Wiechmann (stern.de) beschäftigt sich mit den bisherigen Auftritten der drei Superstars Ronaldo, Messi und Neymar: „Keiner fällt so leicht wie Ronaldo – außer Neymar vielleicht. Keiner verhält sich so diven- und mimosenhaft wie er – außer Neymar vielleicht. Im Wälzen sind beide gleich gut. Irgendwann gibt es im Luschniki-Stadion nicht mehr nur Pfiffe, sondern laute Rufe: „Messi, Messi, Messi.“ Es soll die Erinnerung sein, dass einer besser ist als er, sein ewiger Rivale aus Argentinien. Vor allem: fairer.“

Weiterkommen oder Ausscheiden? Am kommenden Samstag geht es für die deutsche Nationalmannschaft um die Wurst. Jan Christian Müller (FR) rückt das große Ganze in den Fokus: „Das Szenario für ein unrühmliches Ausscheiden mit einer Niederlage gegen Schweden ist nach Stand der Dinge zwar unwahrscheinlich, umso wahrscheinlicher ist jedoch, dass Löw für diesen Fall persönliche Konsequenzen ziehen würde: den sofortigen Rücktritt. Es wäre, so schmerzlich sie für den 58-Jährigen auch sein dürfte, die logische Reaktion. Sein Lebenswerk, die Entwicklung eines Teams, das ein ganzes Jahrzehnt im Weltfußball prägte, bliebe gleichwohl bestehen. Das zählt mehr als ein frühes Aus in Russland.“

Constantin Eckner (Zeit Online) kennt das Erfolgsgeheimnis der bis dato erstaunlich erfolgreichen Underdog-Teams: „Während Mexiko noch vergleichsweise forsch agierte, stellten sich Australien, Island oder die Schweiz auf Abwehrschlachten ein. Sie blieben über 90 Minuten hinweg diszipliniert. Kein Spieler scherte aus oder riskierte unnötige Alleingänge, die das Defensivgefüge ins Wackeln und den Erfolg in Gefahr brachten. Die Außenseiter bei dieser WM wissen, dass es nicht um die Ästhetik, sondern den Erfolg geht.“

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