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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

WM 2018

WM 2018 – In guten und in schlechten Zeiten

Kai Butterweck | Mittwoch, 4. Juli 2018 ohne Kommentar

Joachim Löw hat sich entschieden. Der Bundestrainer macht weiter. Erwartungsgemäß schlägt die Entscheidung in der Presse hohe Wellen

Joachim Löw bleibt Bundestrainer. Philipp Selldorf (SZ) freut sich: „Die Bewertung des deutschen Auftretens in Russland hat sich zwar mit ein paar Tagen Abstand nicht geändert – peinlich bleibt peinlich –, doch darum geht es nicht mehr. Schuldzuweisungen erübrigen sich angesichts der vollendeten Pleite. Löw hat durch die Vernachlässigung seiner Aufsichtspflichten, durch Fehleinschätzungen und Unterlassungen bei diesem Turnier schlechte Arbeit geleistet. Aber er hat in den zwölf Jahren zuvor so viel richtig gemacht, dass er sich dieses Scheitern leisten darf.“

Ein echter Neuanfang ist mit alten Kräften nicht möglich

Michael Horeni (FAZ) hingegen runzelt die Stirn: „Dass der Bundestrainer an seinem auch hochdotierten Job hängt, vielleicht noch ein bisschen mehr als an seinen alten Weltmeistern, dürfte auch beim DFB bekannt sein. Aber nun muss sich der Verband vorwerfen lassen, einen Grundsatz zu ignorieren, der auch für einen Trainer mit den Verdiensten Löws gilt: Ein echter Neuanfang ist mit alten Kräften nicht möglich.“

Michael Rosentritt (Tagesspiegel) ist fassungslos: „Joachim Löw wird weitermachen als Bundestrainer. Das ist erst einmal keine gute Nachricht. Nicht für die Fußball-Nationalmannschaft, der wichtigsten aller Mannschaften des Landes, noch für das Miteinander in unserer Gesellschaft. Die Botschaft ist verheerend. Selbst dann noch, wenn man ein großes, ein bedeutungsvolles Projekt massiv gegen die Wand gefahren hat, darf man fortfahren, als wäre nichts passiert.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) ist gespannt: „Löw bekommt nun noch eine Chance. Jetzt darf er zeigen, dass er aus der Niederlage neue Kraft schöpft. Dass der Titelgewinn 2014 nicht der einsame Höhepunkt seiner Ära gewesen sein wird. Dass der Eindruck täuscht, er sei vor allem wegen alter Pfründe noch der bedeutendste Trainer in Deutschland. Sein Weltmeisterbonus jedenfalls ist aufgebraucht.“

Wegbereiter für das Aufkommen der AfD

Noch immer vergießt Fußball-Deutschland dicke Tränen. Michael Herl (FR) schüttelt den Kopf: „Das Land strauchelt, überall knirscht und kriselt es. Aber jedes Scheitern birgt eine Chance – in diesem Falle, endgültig von dem scheinheiligen, schwarz-rot-goldenen Sommermärchenwahn aus dem Jahre 2006 zu genesen, der in seiner Deutschtümelei einer der Wegbereiter für das Aufkommen der AfD war.“

Im Interview mit Spiegel Online macht sich Englands Ex-Nationalspieler Ian Wright für Mesut Özil stark: „Wie oft wurde er bei euch zum Nationalspieler des Jahres gewählt, fünf Mal in Folge? Deutschland hat mit ihm die Weltmeisterschaft gewonnen. Alles egal. Er gibt eine geeignete Zielscheibe ab. Viele Leute haben nur auf die Gelegenheit gewartet, ihn auf seinen türkischen Hintergrund zu reduzieren und so einer ganzen Bevölkerungsgruppe zu zeigen: Ihr gehört nicht zu uns. Ich kenne das leider nur allzu gut.“

Paul-Nikolas Hinz (focus.de) spaziert im Neymar-Trikot zur Arbeit: „Wie Neymar immer wieder das direkte Duell sucht, ist überragend. Ein Gegenspieler, zwei Gegenspieler, sieben Gegenspieler. Neymar ist das wurscht. Ab ins Dribbling und Richtung Tor. Freilich klappt das nicht immer, oft endet es in einem müden Schauspiel, Neymar am Boden. Aber wenn der 222-Millionen-Mann die staunenden Kontrahenten doch mal genarrt hat, dann brennt es lichterloh.“

Christine Dössel (SZ) schleift den brasilianischen Superstar auf die Theaterbühne: „Wenn sich der gebeutelte Held verzweifelt auf dem Boden wälzt und jammervoll die Hände vors Gesicht schlägt, spielt er das mit Leidenswucht wie eine Szene aus Aischylos‘ „Die Perser“: Wenn der Bote der Königinmuttter Atossa die Nachricht vom Untergang der persischen Flotte überbringt. Oh, welch ein Weh! Welch ein Ach!“

Jan Christian Müller (FR) erliegt dem Zweisamkeitszauber von Kasan: „In der Tatarenstadt, die in den vergangenen Tage erst Deutschland, dann Argentinien aus dem Turnier verabschiedet hat, ziehen immer wieder Gruppen mit „Rosija, Rosija“-Rufen vorbei – und mittendrin Argentinier, Peruaner oder Franzosen. Unabhängig von Politik und Fifa verschmelzen Menschen verschiedener Nationen im WM-Sog. Viele schließen in Windeseile Kontakte, werden zumindest über Facebook schon Freunde.“

Andreas Bock (Tagesspiegel) plaudert mit einem russischen Hooligan der ersten Stunde: „Jewgeni, Mitte 40, Poloshirt von Kappa, schwarze Cap, sitzt in einer Kellerkneipe im Zentrum von Moskau. Ein Zwei-Meter-Koloss, breite Schultern, kantiges Gesicht, aber wenn er spricht, wirkt er beinahe sanft und schüchtern. Er hat eine wilde Jugend hinter sich und eine schräge Vita. Dieser Mann, der so groß und mächtig erscheint wie die Sowjetunion vor ihrem Untergang, war einer der ersten harten Jungs in den Moskauer Fankurven.“

Ist das der Beweis für russisches Staatsdoping?

Während die Russen den Einzug ins WM-Viertelfinale feiern, geht ein Foto von Torschütze Artem Dzyuba um die Welt, das die Dopingvorwürfe gegen den Gastgeber befeuert. Tobias Ahrens (11Freunde) guckt genau hin: „Mit hängendem Kopf und nassgeschwitzten Haaren ging er in dieser 65. Minute in Richtung Seitenrand, er sollte ausgewechselt werden. Alle Kameras auf den neuen Superstar, einer osteuropäischen Variante von Niklas Bendtner, gerichtet. Und in diesem Moment entstand ein Foto, das noch während des Spiels tausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt wurde. Am linken Arm des Torschützen: ein kleiner Einstich. Nicht viel größer als ein aufgekratzter Mückenstich, direkt über einer dicken Vene. Ist das der Beweis für russisches Staatsdoping? Geliefert in einem Moment der Unachtsamkeit?“

Im Interview mit der Welt am Sonntag präsentiert sich die russische Punkrocksängerin Maria Alechnia (Pussy Riot) mit Schaum vorm Mund: „Die russische Regierung hat fast alle unabhängigen Medienunternehmen zerschlagen. 2010 haben einige daran geglaubt, Russland verändern zu können. Mittlerweile mussten wir feststellen, dass Putin und seine Leute das Land zurück in die Sowjetunion bringen möchten. Sie klauen Geld und unterdrücken jeden, der sich gegen sie stellt.“

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