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WM 2018

WM 2018 – Frankreich taktiert sich ins Finale

Kai Butterweck | Mittwoch, 11. Juli 2018 ohne Kommentar

Die Presse beschäftigt sich heute mit cleveren Franzosen, Sinnbildern für Korruption und nervendem Halbwissen

Frankreich steht im WM-Finale. Stefan Nestler (dw.com) applaudiert: „Nationaltrainer Deschamps hat geschafft, was seinem deutschen Kollegen Joachim Löw diesmal gründlich misslungen ist: Er hat die richtige Mischung aus erfahrenen und ambitionierten jungen Spielern gefunden, denen eins gemeinsam ist: der Hunger nach Erfolg. Egal, ob der Finalgegner am Sonntag England oder Kroatien heißt – die Equipe tricolore läuft als Favorit auf. Sie ist einfach reif für den Titel.“

Ein Sieg der Cleverness

Stefan Giannakoulis (n-tv.de) schließt sich an: „Der Sieg in diesem Halbfinale war ein Sieg der Cleverness, der Abgezocktheit auf hohem Niveau. Ob nun England oder Kroatien, die ihr Halbfinale heute in Moskau ausspielen, am Sonntag ab 17 Uhr Gegner sein werden – die Franzosen müssen damit leben, dass sie als Favorit gelten, auch wenn ihr Trainer davon nichts hören mag.“

Markus Lotter (Berliner Zeitung) bedankt sich bei den Spielern beider Mannschaften: „Individuelle Klasse muss sich im nationalen Kollektiv nicht verlieren, wenn Ausnahmespieler wie Raphael Varane, Samuel Umtiti, Kylian Mbappé, Paul Pogba und Antoine Griezmann einerseits, andererseits Thibaut Courtois, Axel Witsel, Eden Hazard, Romelu Lukaku und Kevin De Bruyne zu Werke gehen. Individuelle Klasse macht nur im leidenschaftlichen Kollektiv den Unterschied.“

Anja Rau (n-tv.de) schnallt sich an: „Nach dem verzweifelten Kommentar von Bela Réthy im Spiel Deutschland gegen Südkorea – Zuschauer die erst jetzt eingeschaltet haben, sollten sich nicht über die Zeitlupe wundern, das Spiel sei wirklich so langsam – können wir während dieses WM-Halbfinals konstatieren: Das ist keine doppelte Geschwindigkeit, dieses Spiel ist wirklich so schnell!“

Wird Pep Guardiola zum dritten Mal hintereinander Weltmeister?

Kurz vor dem WM-Finale zieht Oliver Fritsch (Zeit Online) einen „Unbeteiligten“ auf die WM-Bühne: „Wird Pep Guardiola zum dritten Mal hintereinander Weltmeister? Das wäre keine schlechte Leistung für einen Trainer, der noch bei keiner WM dabei war, weil er noch nie eine Nationalmannschaft trainiert hat. Doch als Guardiola, für manche der beste Trainer der Welt, in der spanischen Liga arbeitete, wurde Spanien 2010 Weltmeister. Das wiederholte sich 2014 mit Deutschland. Jetzt, wo er seit zwei Jahren Manchester City trainiert, steht England im Halbfinale, erstmals seit 28 Jahren. Kann das noch Zufall sein?“

Heute geht es für Kroatien um den Einzug ins WM-Finale. Neben tausenden kroatischen Flaggen wird man auf den Fanmeilen auch wieder Symbole der Ustascha-Diktatur erblicken. Raphael Weiss (11Freunde) zeigt mit dem Daumen nach unten: „Dass Nationalisten und Faschisten den Windschatten der Nationalmannschaften nutzen, ist bei weitem kein rein kroatisches Problem. Doch, dass die Symbole eines faschistischen Regimes jetzt – meist ungehindert – bei Fanfesten in Österreich und Deutschland auftauchen, ist mehr als bedenklich.“

Welcher Live-Reporter ist schon unfehlbar?

Das WM-Finale wird von Belá Réthy kommentiert. Dominik Rosing (focus.de) freut sich: „Klar, Réthy macht Fehler, verwechselt häufig mal Spieler, spricht eintönig Spielernamen ins Mikro oder verwendet hin und wieder eine Floskel zu viel. Doch welcher Live-Reporter ist schon unfehlbar? Auszusetzen hat der Fußballfan doch sowieso an jedem etwas. Réthy, der Poet, der Kommentator. Bei mir hat er sich bereits in vielen Erinnerungen verewigt – und in diesem Jahr wird eine neue dazukommen. Er kommentiert das Finale – und zwar völlig zurecht!“

Olga Sviridenko (sportschau.de) steht auf dem Rasen der Zenit-Arena und bringt Licht ins WM-Stadien-Dunkel: „Das Stadion in Sankt Petersburg wird als das Sinnbild für Korruption und Kostenexplosion bezeichnet. Doch mit Korruption kann man viele Russen nicht mehr überraschen. Die gehöre längst zum Alltag dazu, sagt der Zenit-Fan Andrei:“Die Geschichte Russlands ist eine Geschichte der Korruption und langer Bauten. Was mich beruhigt, ist die Tatsache, dass die Isaakskathedrale noch länger gebaut wurde und nicht schlecht aussieht.““

Christina Hebel (Spiegel Online) begleitet den russischen Punkmusiker Anton Kudimow auf seiner WM-Tour: „WM in Saransk? Er war da erst skeptisch, der Fußball der Fifa und ihrer Sponsoren ist ihm zu kommerziell. Anton hat früher im Hinterhof gekickt. Dass Straßenhunde und -katzen vor der WM zwangssterilisiert und auch getötet wurden, wie er erzählt, trug auch nicht dazu bei, dass er die WM unterstützte. Jetzt aber freut sich Anton über die vielen glücklichen Gesichter seiner Mitmenschen, die über die gesperrten Straßen auf und ab flanieren und nicht wie sonst zur Arbeit eilen und danach wieder zurück nach Hause.“

Adieu, Fußball als Vorzeigelabor für Vielfalt

Die sportpolitische Erdogate-Debatte schlägt immer noch hohe Wellen. Sergey Lagodinsky (taz) stellt sich schützend vor Mesut Özil: „Jetzt, wo der „Türke“ Özil den Deutschen keinen Sieg aus Moskau gebracht hat, solle er sich bekennen: entweder zu Deutschland oder schuldig! So klingt die neue Loyalitäten-Diktatur im deutschen Fußball. Adieu, Fußball als Vorzeigelabor für Vielfalt. Hallo, Fußball als Ort für öffentliche Tribunale und Dolchstoßlegenden. Sündenbockstheorien gehören seit je zu unserer Folklore. Erst recht, wenn wir Sündenböcke zu „Fremden“ machen.“

Während sich andere um Kopf und Kragen reden, geht Bundestrainer Joachim Löw lieber auf Tauchstation. Michael Rosentritt (Tagesspiegel) stellt einen Suchtrupp zusammen: „Gut zwei Wochen ist das historische Scheitern jetzt her. Zwei Wochen, in denen sich Löw nicht zu Wort gemeldet hat. Löw schweigt. Vielleicht hat er sich in den Schwarzwald zurückgezogen oder relaxt gerade auf Sardinien, wohin es ihn gern in den Sommer verschlägt. Das deutsche Fußballvolk ist in Aufruhr. Wie geht es weiter mit der wichtigsten Mannschaft des Landes, wie soll es weitergehen?“

Geblutet hat in diesem Turnier nur Sebastian Rudy

Bei der WM bleiben befürchtete Hooligan-Krawalle aus. Tobias Schulze (taz) macht den Deckel drauf: „Geblutet hat in diesem Turnier nur Sebastian Rudy, nach seinem sportlich zugezogenen Nasenbeinbruch im Spiel gegen Schweden. Bilder testosterongeladener Schläger sind nicht entstanden, stattdessen filmten die Kameras fröhliche Russen mit Perücke und Partylaune. Nach einem Festival der Gewalt sah da nichts aus, die Stimmung erinnerte eher an den ZDF-Fernsehgarten live vom Lerchenberg. Und das ist kein Zufall: Die Zeit, in der Hooligans die große Bühne bekamen, geht eben vorbei.“

Fabian Goldmann (deutschlandfunkkultur.de) beschäftigt sich mit besorgniserregendem „Stereotypen-Bingo“: „Während nationale und kulturelle Pauschalurteile in anderen Lebensbereichen strenger sozialer Kontrolle unterliegen, ist in Stadien, Biergärten, Reporterkabinen und Social-Media-Feeds nahezu alles erlaubt. Zu kaum einer anderen Gelegenheit lassen sich so ungestört Klischees und Halbwissen über die Welt aneinanderreihen wie beim Fußball, wenn 22 Männer auf dem Flachbildfernseher einem Ball hinterherrennen.“

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