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Bundesliga

Union obenauf

Kai Butterweck | Mittwoch, 29. Mai 2019 ohne Kommentar

Berlin hat künftig einen zweiten Fußball-Bundesligisten. Der 1. FC Union Berlin setzt sich in der Relegation gegen den VFB Stuttgart durch

In der Alten Försterei wird ab der kommenden Saison Bundesliga-Fußball gespielt. Thomas Wheeler (Deutschlandfunk) freut sich: „Nun sind Union und Hertha, deren Fans zu Mauerzeiten eine intensive Freundschaft pflegten, also vereint. Vereint in dem Gedanken, Berlin würdig in der Bundesliga zu vertreten. Getrennt in der Absicht, dem Lokalrivalen ein Schnippchen schlagen zu wollen. Zwei Fußball-Mannschaften aus einer Stadt in der ersten Liga ist in anderen europäischen Metropolen gang und gäbe. Sei es in Rom, Madrid, Wien oder in Glasgow. London ist in der Premier League aktuell sogar mit fünf Klubs vertreten. Jetzt hat es also endlich auch Berlin geschafft. Und in der kommenden Spielzeit heißt es dann jedes Wochenende Erstliga-Fußball an der Spree. Entweder Eisern Union oder Ha-Ho-He.“

Vom Beinahe-Pleite-Klub zum Bundesligisten

Eine Viertelstunde vor Spielende ehren die Union-Fans den Ur-Eisernen Torsten Mattuschka mit Sprechchören. Max Ohlert (Berliner Zeitung) singt mit: „In der 77. Minute, bei diesem Lied und der Erinnerung an diese Momente an der Alten Försterei wurde mir klar: Diese Zeiten sind vorbei, Geschichte und die knüppelharten Dritt- und Viertligazeiten schon lange. Und das ist in gewisser Weise großartig. Weil Union es, Seite an Seite mit seinen Fans, ganz alleine geschafft hat. Vom Beinahe-Pleite-Klub zum Bundesligisten.“

Benjamin Kraus (noz.de) klärt auf: „Da kommt ein Club mit Haltung gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung. Ein – noch – recht familiärer Verein eher abseits des Establishments, dessen alteingesessene Anhänger beim Weihnachtssingen eine Tradition etablierten, die Menschenwürde und Miteinander den klaren Vorrang gibt vor Sieg oder Niederlage. Eine Fanszene, die selbst Hand anlegte, um Tribünen zu bauen, und Geld sammelte, um Lizenz wie Fortbestehen des Clubs zu sichern.“

Steven Wiesner (lr-online.de) gratuliert: „Mit den Köpenickern bekommt das Hochglanz-Produkt Bundesliga eine ganz neue Farbe und wird auch wieder ein Stück romantischer. Welcher Bundesligist schickt sonst schon seinen Präsidenten im Klubtrikot vor die TV-Kameras, der nach Abpfiff derart nach Luft schnappt und von Schweiß trieft, als hätte er die letzte gegnerische Flanke soeben noch selbst aus dem Strafraum geköpft? Es ist ein Aufstieg, der menschelt.“

Im Berliner Derby könnte etwas Besonderes zusammenkommen

Johannes Nedo (Tagesspiegel) träumt von einem Ost-West-Zusammenschluss: „Im Berliner Derby könnte dann etwas wirklich Besonderes zusammenkommen: Union und Hertha überbrücken das Verhältnis zwischen Ost und West. Hertha, das sind die Etablierten aus Westend. Union, das sind die Unangepassten aus Köpenick. Trotzdem stehen sich beide nicht unversöhnlich gegenüber. Aus den vermeintlichen Widersprüchen könnte Verbindendes entstehen. Beide wollen begeistern, mit ihrem Fußball, mit ihrer Vereinsidentität. Hertha könnte von Union lernen, wie man die Fans voll einbezieht und auf sie eingeht. Union von Hertha, wie man sich in der Bundesliga behauptet.“

Saskia Aleythe (SZ) stolpert über löchrigen Rasen: „Als hätten die Wildschweine daran genagt. Ausgefranst liegt der Rasen im Stadion „An der Alten Försterei“, als weit nach Mitternacht die Fans von Union Berlin den Platz wieder freigeben. Noch einmal schießt Feuerwerk in den Himmel, wer noch singen kann, singt noch immer „Eisern Union“, die Hymne. Nicht fassbar ist dieses Glück, sagen die Spieler. Ein bisschen was zum Anfassen wollen die Fans. Manche tragen Rasenstücke in den Händen nach Hause, andere Teile des Tornetzes. Relikte eines Abends, an dem in Berlin-Köpenick die Art Geschichte geschrieben wurde, die es nicht noch einmal geben kann.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) ist hin und weg: „Im Stadion steht eine manuelle Anzeigetafel, die Wurst aus Eberswalde kostet zweifuffzich und neben dem Stehblock Waldseite wachsen Bäume. Wie schön ist das bitte, wo sieht man die noch im Profifußball? Union hat zudem einen ausgezeichneten Stadion-DJ. Da läuft nicht der übliche Schlagerschmus, sondern die Beatles, Depeche Mode und Motörhead.“

Versagen auf vielen Ebenen

Über Stuttgart hängen erwartungsgemäß dunkle Wolken. Carsten Muth (swp.de) ist fassungslos: „Der VfB hat sich selbst ins Aus geschossen – mit Ansage. Das muss man erst mal schaffen bei diesen guten finanziellen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten in Stuttgart, bei solch einer Fan-Unterstützung, einem Zuschauerschnitt jenseits der 50.000 pro Heimspiel. Der Abstieg des VfB ist Resultat eines Versagens auf vielen Ebenen. Miserables Management, verfehlte Kaderplanung, keine Kontinuität in der Vereinsführung, die Aufzählung ließe sich noch ein Weilchen weiterführen.“

Günther Schroth (swr.de) nimmt sich den ehemaligen VfB-Sportchef Michael Reschke zur Brust: „Ganz ehrlich: Ich habe keinerlei Mitleid mit dieser Mannschaft und dem Verein. Mit den Spielern nicht, mit den Trainern nicht, mit den Funktionären nicht. Das hat seine Gründe: Denn was hat man sich eigentlich gedacht beim VfB, als man Michael Reschke diese Mannschaft zusammen kaufen ließ? Reschke, beim FC Bayern noch der Spielerbeobachter im Schatten der Stars, hat sich im Stuttgarter Licht sonnen wollen – und merkte nicht, wie die Mannschaft vor sich hin welkte.“

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