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Bundesliga

Emotionen auf dem Prüfstand

Kai Butterweck | Montag, 3. Februar 2020 1 Kommentar

Nach der umstrittenen gelb-roten Karte gegen Rohrspatz Alassane Pléa ist die „striktere Regelauslegung“ Gesprächsthema Nummer eins

Am Wochenende fliegt Gladbachs Stürmer Alassane Pléa nach wiederholtem Meckern vom Platz. Kurz darauf wütet Sky-Experte Lothar Matthäus vor laufender Kamera: „Ich gehe da nicht mit. Dann sollen alle an der Konsole spielen.“ Philipp Köster (stern) hingegen klopft Schiri Tobias Stieler anerkennend auf die Schulter: „Es war völlig richtig, die Regeln zu verschärfen und es war auch richtig, sie auch sichtbar umzusetzen. Erst die drakonischen Strafen wie die gelb-roten Karten für Bochums Keeper Riemann und Gladbachs Plea rückten die neue Marschroute ins Licht der Öffentlichkeit. Es war erwartbar, dass Spieler und Funktionäre der bestraften Klubs sich empören würden. Ärgerlich hingegen, dass sich auch Experten wie Lothar Matthäus so ablehnend positionieren. Weil es ja gar nicht allein um den Respekt gegenüber den Schiedsrichtern geht, sondern darum, wie sich die Spieler auf dem Feld sehen.“

Vierzig Kilometer weiter nordwestlich (mz-web.de) vom „Tatort“ schließt man sich an: „Gladbachs Angreifer Alassane Plea hatte mit seinem wiederholten Reklamieren über das Ziel hinausgeschossen. Seine Gesten waren dem Referee gegenüber abfällig, seine Mimik verstärkte diesen Eindruck noch. Ein Verhalten wie dieses gehört ebenso wenig auf das Spielfeld wie die anschließende Rudelbildung oder Tätlichkeiten, zu denen es am Samstag nicht kam. Die Gelb-Rote Karte war angesichts der verschärften Auslegung nicht nur regelkonform, sie war auch das richtige Zeichen, um alle Beteiligten weiter zu sensibilisieren.“

Sebastian Fischer (SZ) kann die Ansicht von Lothar Matthäus nicht verstehen: „Er forderte „Fingerspitzengefühl“ – ein Attribut, das in der Fußballsprache kurioserweise für Schiedsrichter reserviert zu sein scheint – und beklagte, dass bei einer derartigen Regelauslegung Emotionalität verloren ginge, die den Sport ausmache. Dabei ist es eher das Problem, dass sich Emotionen auf dem Fußballplatz bislang wie selbstverständlich gegen den Schiedsrichter richten. Man hätte in der Nachbetrachtung ja durchaus auch auf die Idee kommen können, Pléa selbst für seinen Platzverweis verantwortlich zu machen. Doch Wut auf den Schiri wird im Fußball öfter kultiviert als hinterfragt.“

Jan Jüttner (sportbuzzer.de) verkündet die Hierarchie auf dem grünen Rasen: „Eines darf nicht vergessen werden: Der Schiedsrichter ist der Chef auf dem Platz, er hat Respekt verdient und darf nicht zur Zielscheibe der Profis werden. Gegen Emotionen auf dem Platz hat niemand etwas, aber sie müssen in geregelten Bahnen ablaufen.“

Auch Marcus Krämer (Spiegel) stellt sich auf die Seite der Referees: „Der am meisten benutzte Begriff des vergangenen Bundesliga-Wochenendes war vermutlich: Fingerspitzengefühl. Dabei geht es vom Wortsinn her um Feingefühl im Umgang mit Menschen und Dingen. Im Fußball wird diese Eigenschaft vor allem vom Schiedsrichter eingefordert. In der Diskussion um konsequenteres Vorgehen der Unparteiischen gegen Meckern, Gestikulieren und Unsportlichkeiten sollte aber etwas anderes im Vordergrund stehen: Respekt den Schiedsrichtern gegenüber.

Katrin Schulze (Tagesspiegel) findet klare Worte: „Solange die Spieler es anders nicht begreifen, gibt es offenbar keine andere Möglichkeit, als diese – zugegeben strenge – Regel von oben bis unten, von der großen Arena bis zum Dorfacker konsequent umzusetzen. Damit Fußballer, Betreuer und Zuschauer den Schiedsrichter wie in den meisten anderen Sportarten als entscheidende Instanz akzeptieren. Keine Sorge übrigens: Das Spiel mit dem Fußball bleibt auch emotional, leidenschaftlich und verrückt, wenn man nicht wie wild lamentiert, pöbelt und beleidigt. Sondern sich respektvoll verhält.“

Andreas Sten-Ziemons (dw.com) sitzt zwischen den Stühlen: „Der Gedanke, der hinter der Regelverschärfung steckt, ist nachvollziehbar. Wie das Beispiel RB gegen Borussia zeigt, ist ihre konsequente Umsetzung aber unmöglich. Zumindest dann, wenn man die Spiele nicht komplett kaputtpfeifen möchte. So jedenfalls hat Tobias Stieler – nur auf die Situation mit Pléa bezogen – zwar richtig entschieden, in Nachbetrachtung der gesamten Partie aber, lediglich an einem reichlich dumm agierenden Fußballprofi ein Exempel statuiert.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) hat Bedenken: „Theoretisch mag die neue DFB-Anweisung eine löbliche Idee sein, denn Fußballer maulen und zetern viel öfter als zum Beispiel Handballer und Rugbyspieler. Sie haben schlicht schlechte Manieren und reden sich damit raus, dass Fußball ein emotionaler Sport sei. Aber der Versuch, aus ihnen bessere Menschen zu machen, wird auf diese Art scheitern. Erstens weil es sich um ein vergleichsweise harmloses Vergehen handelte. Da haben schon Fußballer ganz anderes rumgebrüllt, die Augen aufgerissen und den Schiri bedrängt. Man hatte eher den Eindruck, der Fifa-Schiri hat auf den Moment gewartet, um die neuen Bestimmungen wie ein preußischer Beamter umzusetzen. Zweitens fehlt es vielen Bundesliga-Schiedsrichtern an der nötigen Akzeptanz, um als moralische Instanzen einen solchen Kulturwandel zu gestalten. Sie machen zu viele Fehler.“

freistoss des tages

Kommentare

1 Kommentar zu “Emotionen auf dem Prüfstand”

  1. wowiki
    Montag, 3. Februar 2020 um 15:30

    um als moralische Instanzen einen solchen Kulturwandel zu gestalten.##

    Mein lieber Oliver Fritsch;
    Gerade Du als Fußballer und Trainer solltest doch froh sein,

    DASS ENDLICH zumind.versucht wird einen gewissenen Respekt und Anstand,
    der in Deutschland leider anscheinend zu einem Unwort mutiert ist/sind,

    auf dem Spielfeld eingefordert wird.
    Ob es sich durchsetzt ??

    Aber ist nicht und das meinen sehr viele Fußballfans ( ich meine nicht die Chaoten und Feuerzündler !) inzwischen „Alltag“ geworden

    sich nicht vorbildlich für z.B. die Jugend zu verhalten ???

    UND fürs Ausland ist derart, bei uns eingerissenes unmögliche Theater in D, gegenüber Schiedsrichtern wohl einzigartig !

    Etwas mehr -benimm Dich – ist angebracht, Oliver und die die meinen das chaotisch angehen von Schiris ist ok.
    Ich find’s schei.e !!

    Das sollte man den Spielern und Millionären schon beibringen !!

    Beibringen müssen, wer keine Bildung und schon erst recht keinen Anstand besitzt,

    und das dann meint mit/oder als Emotion kaschieren zu müssen !! Nää unkorrekt.

    GlückAuf

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