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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ballschrank

Vereinsporträts aus Sevilla, Buenos Aires, Wien etc. – Weltmeistertrainer Scolari nun in Portugal – Krise in Leeds und Liverpool

Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 Kommentare deaktiviert für Vereinsporträts aus Sevilla, Buenos Aires, Wien etc. – Weltmeistertrainer Scolari nun in Portugal – Krise in Leeds und Liverpool

Europäischer Fußball: Resultate vom Wochenende – Torschützen – Zuschauerzahlen – Tabellen NZZ

Italien

Peter Hartmann (NZZ 3.12.). „Der Serie A erlebt, mitten in ihrer bedrohlichsten Existenzkrise, die Wiederkehr der wahren Leidenschaft: Statt der Schiedsrichter-Autodafés am Fernsehen, statt der Endlos-Wiederholungen von Justizirrtümern, statt präsidialer Komplottvorwürfe, statt durchgedrehter schlechter Verlierer ist nun wieder das Spiel das Thema. Der Stimmungswechsel hängt vor allem auch mit den italienischen Erfolgen in Europa zusammen. Und mit einem Feuerwerk von Toren. Nach Vieris „Viererpack“ hat spät abends Francesco Totti das Stadio Olimpico, die Pay-TV-Abonnenten und das Volk der Schwarzseher (auch die Pessimisten) von den Füssen gerissen (…) Im Nebel von Piacenza geschah, selbst für TV-Kameras kaum sichtbar, das eigentliche vorweihnachtliche Wunder: Die Schicksalsgemeinschaft von Lazio Rom, die seit Juni ohne Salär spielt, drehte einen 0:2-Rückstand noch in einen 3:2-Sieg um. Lazio ist jetzt Tabellenerster. Trainer Roberto Mancini hat in diesen Notzeiten das Prinzip ad absurdum geführt, dass Qualitätssteigerung nur durch den Zukauf von Stars zu erreichen ist. Lazio hat, im Gegenteil, zuletzt Crespo und Nesta verkauft. Die Entdeckung des wahren Mannschaftsgefühls – vielleicht spielen deshalb alle so gut.“

Spanien

Betis Sevilla ist in guter Verfassung, meldet Georg Bucher (NZZ 3.12.). „Den Traum von der Champions League soll ein studierter Philosoph erfüllen. Anders als sein Vorgänger Juande Ramos, der kürzlich in Espanyol entlassen wurde, kennt Victor Fernandez die europäische Bühne aus der Praxis. Mit Real Saragossa holte der Aragonier 1995 den Europacup der Cup-Sieger, und mit Celta Vigo war er vier Jahre hintereinander im Uefa-Cup präsent. Fernandez erhielt den Zuschlag auch, weil er einen technisch gepflegten Risikofussball bevorzugt. Die geeigneten Spieler dazu stellt Betis zur Verfügung, sogar Real Madrid und Barça blicken neidisch auf die Flügelzange. Joaquin spielte eine hervorragende WM, er soll Figos Nachfolger in Madrid werden. In Japan und Südkorea nur gelegentlich berücksichtigt, ist der brillante Linksfüsser Denilson als Weltmeister motiviert an seine Arbeitsstelle zurückgekehrt. Der fulminante Liga- Start (4:2 in La Coruña) euphorisierte die Beticos – laut Selbstverständnis Spaniens bestes Publikum. Auch eines der verrückteren. Wo sonst kommt es vor, dass ein Anhänger die Urne mit der Asche eines Verwandten ins Stadion schmuggelt?“

England

Premier League

FC Liverpool vs. Manchster United 1:2

Das Spitzenspiel des Spieltages konnte Manchester United für sich entscheiden. Maßgeblichen Anteil am Sieg von ManU hatte der polnische Torhüter der Merseysiders Jerzy Dudek, der einen einfachen Kopfball Rückpaß nicht festhalten konnte und dem Matchwinner Diego Forlan in der 64. Minute das 0:1 ermöglichte. Nur drei Minuten später erzielte erneut Forlan das 0:2, das Liverpool den Todesstoß verpasste. Zwar konnte der Finne Sami Hyypia in der 82. Minute zum 1:2 verkürzen, für einen Punkt reichte es allerdings nicht mehr (mehr).

Spielbericht SZ

siehe auch “Krise in Leeds und Liverpool”

Arsenal London vs. Aston Villa 3:1

Den erneuten Ausrutscher Liverpools nutzten die Gunners mit einem 3:1 über Aston Villa, das Team von Thomas Hitzelsberger. Arsenal konnte seine Tabellenführung auf nun mehr vier Punkte ausbauen. Ein frühes Tor von Robert Pires ebnete den Weg zum Sieg, welchen Thierry Henry mit seinen Premier League Treffern acht und neun zum Endergebnis von 3:1 auszubauen wusste. Der Deutsche Thomas Hitzelsberger, im Diensten des Clubs Aston Villa aus Birmingham, erzielte dabei in der 64. Minute den zwischenzeitlichen Anschlusstreffer. Mehr unter

West Ham United vs. Southhampton 0:1

Für den Club West Ham United aus dem Londoner Osten wird die Lage in der Premier League immer prekärer. Noch kein Sieg im heimischen Upton Park und mit nur einem Punkt aus den letzten sieben Spielen rutschten die Hammers auf den letzten Platz, nachdem Southhamptons James Beattie in der Nachspielzeit den Siegtreffer für die Saints erzielte. West Hams Coach Glenn Roeder beteuerte allerdings nach dem Spiel, er werde nicht freiwillig seinen Posten räumen, nachdem die Hammers insbesondere in der ersten Halbzeit beste Torgelegenheiten ausließen. Mehr unter:

Portugal

Thomas Klemm (FAZ 2.12.) meint zum Engagement des Weltmeister-Coaches Scolari in Portugal. „Ein Feldwebel für Portugal? Rui Costa bekam schon das Grausen, bevor der Name des neuen Nationaltrainers offiziell verkündet war. Der Mittelfeldspieler des AC Mailand, in Hochzeiten des portugiesischen Fußballs kongenialer Partner von Luis Figo, wird Luiz Felipe Scolari zwar im neuen Jahr mit jenen offenen Armen empfangen, die eines Weltmeisters würdig sind. Aber herzlich willkommen heißen will er den künftigen portugiesischen Nationaltrainer nur, wenn er nicht die Peitsche mitbringt. Costa kennt die Methoden des Brasilianers, der von Januar an bis zur EM 2004 die portugiesische Seleção führen wird, vom Hörensagen; ebenso wie dessen Ruf, keinen Respekt vor großen Namen zu haben und ein autoritärer Typ zu sein, der ihm in seiner Heimat den Beinamen Feldwebel Felipão einbrachte. Aber wenn der Nationaltrainer nur als Disziplinfanatiker verpflichtet wurde, fühle ich mich beleidigt, sagte Rui Costa. Wir brauchen einen kompetenten, gutwilligen Coach, der uns hilft, eine großartige Europameisterschaft zu spielen. Genau so einer ist Scolari – findet Scolari, und mit ihm der portugiesische Fußballverband FPF (…) Um den portugiesischen Fußball ist es, zweieinhalb Jahre nach den attraktiven Auftritten der Nationalelf bei der EM in Belgien und den Niederlanden, gar nicht gut bestellt. Die Seleção scheiterte bei der Weltmeisterschaft nach Niederlagen gegen die Vereinigten Staaten und Südkorea schon in der Vorrunde, keine lusitanische Vereinsmannschaft qualifizierte sich für die diesjährige Champions League, und ob die neuen Stadien in Lissabon und Porto rechtzeitig zur EM fertiggestellt sein werden, ist auch noch keineswegs sicher. Trotz aller hausgemachten Schwierigkeiten findet die neue portugiesische Krisenbewältigung, Hilfe bei Ausländern zu suchen, nicht überall Zustimmung. Die Verpflichtung des früheren spanischen Nationaltrainers Antonio Camacho als Trainer von Benfica Lissabon wird zwar als Vereinssache abgetan; schließlich wartet der Rekordmeister seit nunmehr acht Jahren auf einen Titel, da kommt der 47 Jahre alte frühere Weltklasseverteidiger von Real Madrid gerade recht. Aber ein weiterer Brasilianer als Nationaltrainer, nach Otto Gloria vor zwanzig Jahren, dafür kann sich der Präsident des portugiesischen Trainerverbandes nicht erwärmen. Selbst der EM-Titel würde die Verpflichtung Scolaris nicht rechtfertigen, wetterte José Pereira. Auch wenn nicht alle derselben Meinung sind – zumindest sprechen sie eine Sprache.“

Österreich

Aus Österreich hören wir von Werner Pietsch (NZZ 3.12.). „Die erwarteten kurzfristigen Wunder unter Daum stellten sich naturgemäss nicht ein. Das Ausscheiden im Uefa-Cup, eine gesamthaft leicht schlechtere Bilanz und eine grosse Anzahl an Verletzten stehen für Daum im Vergleich zu seinem Vorgänger Walter Schachner zu Buche. Umgekehrt gelang es Schachner innerhalb weniger Wochen, den Grazer AK vom letzten Tabellenrang wieder in den 6. Rang zu hieven. Die Sticheleien zwischen Schachner einerseits und Daum und Wiens Sportdirektor Svetits andererseits erreichten im Vorfeld der Partie zwischen Austria und GAK am Sonntag einen neuen Höhepunkt. Svetits etwa behauptete, Schachner verdanke den Erfolg in Graz nur Svetits kluger Einkaufspolitik als Ex-Sportdirektor des GAK. Nach unerwarteten Niederlagen bemängelte Daum die schlechte körperliche Verfassung, in der er die Mannschaft von Schachner übernommen habe. Schachner wiederum verweist auf seine Erfolgsbilanz als Austria-Coach. Die auf mässigem Niveau geführte Partie entschied schliesslich Austria eine Minute vor Schluss glücklich mit 2:1 für sich. Während sich beide Trainer im TV-Interview noch zivilisiert begegneten, setzte es in der anschliessenden Medienkonferenz heftige Verbalattacken. Schachner liess bei dieser Gelegenheit den ehemaligen Sportmediziner der Austria als „Zeugen der Anklage“ gegen die Daum’schen Trainingsmethoden aussagen, gleichzeitig kritisierte er den abwesenden Svetits. Ein Vorgehen, das Daum wiederum völlig aus der Fassung brachte und als „Kindergarten hoch zehn“ bezeichnete.“

Schweiz

In der NZZ (2.12.) lesen wir. „In Spanien sind solche Szenen normal: Du betrittst die Bar, bestellst ein Bier, fragst den Kellner nach seiner Meinung zum gestrigen oder morgigen Spiel. Er sagt, dass ihn Fussball nicht im Geringsten interessiere, holt dir das Bier, stellt es hin und beginnt dann eine zehnminütige Rede über taktische Mankos, verfehlte Einkaufspolitik und umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. In der Schweiz, wo der Fussball seit seiner Entstehung hauptsächlich Nebensache geblieben ist, hat der FC Basel in diesem Jahr 2002 für panische Verhältnisse gesorgt. Man schreibt eine Lizenziatsarbeit über den Gebrauch des Semikolons bei Wittgenstein – und verfolgt daneben akribisch die Spiele der Rotblauen. Frau ist im Stress einer beruflichen Umschulung – und findet doch die Zeit, sich an der Stehbar einen Espresso zu genehmigen und ihre Ideen zu vermitteln, wie man gegen Manchester mindestens einen Punkt hätte gewinnen können. Man ist verliebt – und findet es gar nicht abwegig, die Umworbene zum Matchbesuch einzuladen. Und sie freut sich noch, ehrlich.“

Peter B. Birrer (NZZaS 1.12.) über die Strukturkrise im Schweizer Fußball

Frankreich

„Gernot Rohrs Erfolg in Nizza mit Fußballern aus der zweiten Reihe“ SZ

Argentinien

Ingo Malcher (FTD 3.12.) berichtet aus Argentinien. “Die Leidenschaft zu einem Fußballverein kann Wunder wirken. Die vergangene Saison hat der Club Independiente (Buenos Aires) auf dem letzten Platz der Tabelle beendet. Nur das undurchsichtige Regelwerk der argentinischen Liga rettete den Traditionsklub vor dem Abstieg. Seit Sonntag sind die roten Teufel neuer argentinischer Meister. Dazwischen liegen sechs Monate, in denen neue Spieler und mit Rubén Gallego einer der erfolgreichsten Trainer des Landes verpflichtet wurden – nicht schlecht für einen Klub, der eigentlich pleite ist. Möglich gemacht hat das Wunder der argentinische Rock-und-Pop-Unternehmer Daniel Grimbank. Der reichste Independiente-Fan des Landes füllt sonst die Stadien mit den Rolling Stones oder Guns N‘ Roses. Aber nach der desaströsen Saison konnte er das Auf und Ab seines Lieblingsklubs nicht mehr ertragen. Mit anderen Unternehmern kaufte er für knapp 10 Mio. Euro die Rechte an neuen Spielern, die er bei Independiente auflaufen ließ. Vorausgegangen war dem Titelgewinn ein Fußballkrimi. Die Boca Juniors, noch heute das Wichtigste im Leben von Diego Maradona, lagen vor dem letzten Spieltag drei Punkte hinter Independiente. Und sie hatten einen leichten Termin auf dem Spielplan. Die Fastabsteiger von Rosario Central kamen zu Besuch. Grimbanks Teufel hingegen mussten bei dem international beschlagenen San Lorenzo antreten. Ein Patzer hätte die Meisterschaft vergeigt. Doch alles ging gut, Independiente schlug San Lorenzo mit 3:0. Dabei war bei der Hoffnungstruppe zuletzt der Wurm drin. Nach einem starken Saisonauftakt, in dem Independiente schnellen und geschmeidigen Fußball zeigte, wollte am Ende überhaupt nichts mehr klappen. Damit standen sie jedoch nicht allein. Selbst die großen Clubs wie die Boca Juniors oder River Plate kamen nicht in Form. River Plate hatte all seine Stürmer der vergangenen Saison nach Europa verkauft, und die Neuen fanden nicht zusammen. Auch bei den Boca Juniors musste auf die Sparbremse gedrückt werden. Die Folge: Mittelmäßig motivierte Spieler traten ohne große Anstrengung nach dem Ball.“

Gewinnspiel für Experten

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