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Vermischtes

Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 Kommentare deaktiviert für Vermischtes

sehr lesenswert! „seit Jahrzehnten strafen die Fußballkünstler von Real Madrid den FC Bayern München mit Verachtung – vor allem deren Torhüter“ (Zeit) – Kahn, Metapher für Deutschland (FAS) – Wolfgang Overath, Hauptdarsteller in Kölner Posse – FAZ-Besprechung zweier sehr interessanter Studien über Nachwuchssport – Palästina sucht Nationalspieler – Profidasein, „Künstliche Verlängerung der Pubertät“ (taz) u.v.m.

Ein Schrank von fast zwei Metern, bei dem man instinktiv den Gehsteig wechselt

Sehr lesenswert! Wolfram Eilenberger (Zeit 4.3.) zeichnet die Rivalität zwischen Real und Bayer nach: „Seit Real existiert, haben zahllose Clubs um die Verachtung der Königlichen gebuhlt. Doch ist sie weltweit nur drei Vereinen ehrlich vergönnt: Abweichend von den im Ursprung lokal bedingten Antipathien gegen Atlético Madrid und den CF Barcelona, hat sich der FC Bayern seinen Ehrenplatz mit rein spielerischen Mitteln erworben oder, präziser, mit deren Abwesenheit. Nach annähernd 30 Jahren geteilter Europapokal-Geschichte stehen die Münchner im sorgsam gepflegten Wertekosmos des Madridismo für alles, was sehenswerten, raffinierten Kombinationsfußball mit System zugrunde richtet. Sie sind das schlechthin Andere eines Vereins, dessen Selbstverständnis darauf basiert, nur an sich selbst oder allenfalls an widernatürlichen, fußballfeindlichen Mächten scheitern zu können. Mächten wie dem Europäischen Verband Uefa, dem Schnee, der Kälte, den Schiedsrichtern, unsagbarem Glück, gewaltbereiten Grobmotorikern oder, in einer Figur verdichtet: dem FC Bayern München. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass seit Beginn dieser Unglücksbeziehung eine Figur im Zentrum des spanischen Beschreibungsinteresses steht, deren Funktion rein destruktiv bestimmt ist und die sich ferner geradezu dadurch auszeichnet, keinen Fußball spielen zu können: der Torwart. Von Sepp Maier über Jean-Marie Pfaff bis zu Oliver Kahn zieht sich eine weiße Leidenslinie. Und gestand man der legendären „Mittelachse Maier-Beckenbauer-Müller“ von 1976 noch gewisse fußballerische Grundfertigkeiten zu, so gewinnen die Bayern mit den Duellen der Jahre 1987 und 1988 ihr wahres Profil und werden zu dem, was sie heute in Spanien sind: die Pest (bestia negra). Es waren in der Tat legendäre Aufeinandertreffen, Duelle von der Art, wie sie eine ganze Generation prägungsanfälliger Jugendlicher in die Welt des Fußballs einweisen. Gleich im Hinspiel – ein mit Butrageño, Hugo Sánchez, Míchel und Sanchís gespicktes Real lag in München nach 35. Minuten 3:0 zurück – brannten dem impulsiven Real-Star Juanito „nach einem brutalen Foul von Matthäus die Sicherungen durch. Juanito stürmte auf den Deutschen zu, der sich nach einer Attacke von Chendo bereits auf dem Boden wälzte, und trat auf ihn ein“*. Rot, wie später für Verteidiger Mino. Nach dem 4:1-“Massaker von München“ ruhten die spanischen Hoffnungen, einer Sprachprägung des Ex-Real-Stürmers und Aphoristen Jorge Valdano folgend, damit ganz auf „el miedo escénico del Bernabéu“, auf dem magischen Wirken der „Angstkulisse Bernabéu-Stadion“. Nach früher Führung sowie einem anschließenden Feldverweis von Augenthaler, der „wie ein Anfänger auf eine Provokation von Hugo Sánchez einging“, schien tatsächlich „alles nach Plan zu laufen“. Wäre nicht Torhüter Pfaff gewesen. Von der Fankurve der Ultra Sur „mit Eisenstangen, Knüppeln, Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen“, verhielt es sich schlicht so, dass ein Jean-Marie Pfaff, wie er den königlich erbleichten Reportern nach Spielschluss in den Block diktierte, „persönlich nicht weiß, was Angst ist“. Die spanische Überschrift nach dem unbefriedigenden 1:0 las sich dementsprechend: „Pfaff schockiert die Angstkulisse.“ Von Maier vorbereitet, wird mit der „außergewöhnlichen Leistung Pfaffs“ der Torwart endgültig zur „emblematischen Figur der Bayern“ (Javier Marías). Kaum zu bezwingen, furchtlos und durchaus unsympathisch, wagt er es gar, die tabufreien Fans der Ultra Sur „mit obszönen Gesten zu provozieren.“ Bereits das Folgejahr bot die Gelegenheit zur Revanche. Doch als Madrid nach 46 Minuten Münchner Schneegestöber erneut 3:0 in Rückstand lag, sah sich das Spiel vom „Schatten einer weiteren verheerenden Niederlage in deutschen Landen verdunkelt“. Zwei späte Schelmenstreiche eröffneten indes erfreulichste Rückspielperspektiven; einer von Butrageño, der andere von Hugo Sánchez. (…) Die Geschichte der beiden ist überlagert von Spannungen, Ellbogenchecks und Tritten ins Gesicht. Erwartungsgemäß kam es zu „einer Begegnung am Rande des Reglements, dessen überhitzte zweite Halbzeit von den Beteiligten vor allem dazu genutzt wurde, offene Rechungen zu begleichen“. Allen voran Hugo Sánchez. Mit einem Sprung, „der nur ein wenig kürzer war als der eines Edelmannes, hinterließ Hugo einen Stollenabdruck auf dem Oberkörper von Pfaff, womit es ihm gelang, die grimmige Gesinnung der Deutschen auf ein einziges Ziel zu konzentrieren: Fortan wetteiferten Augenthaler, Eder und sogar Flick darum, dem Mexikaner eine Kugel in den Leib zu jagen. Die Partie endete deshalb wie ein Western… Bayern war in Hugos Falle getappt.“ Mit dem 2:0-Heimsieg war die Bestie erstmals bezwungen, der Mythos bekräftigt. Zum Bild der schlechten bayerischen Verlierer, das sich mit den Ereignissen des Jahres 1988 verfestigt, trug insbesondere Torwart Pfaffs skandalöse Verweigerung des Trikottausches mit Butrageño bei. Als der Belgier vor der Partie erklärt hatte, neben Maradona und Platini auch das Trikot von Butrageño in seine Privatsammlung aufnehmen zu wollen, wurde das als Versöhnungsangebot hoch gewürdigt. Doch als selbiger Pfaff „nach Abpfiff damit beschäftigt blieb, den belgischen Schiedsrichter zu beschimpfen“, Butrageño hingegen „genügend Taktgefühl besaß, sein Trikot dem Zeugwart zu geben, um den Austausch doch noch zu ermöglichen“, bekam der Hausgott des Madridismo das Trikot seines ebenso unbedeutenden wie „klettengleichen und überharten Bewachers Hansi Flick“ zurück in die Kabine gesandt. Eine beispiellose, bis heute unvergessene Ehrlosigkeit. (…) Jahr auf Jahr erschien „der Torhüterfels“, „der rothaarige Hitzkopf mit dem Gesicht einer Eidechse“, „gestenlos, mit zusammengekniffenen Augen, blonder Mähne und einem Pony, der fahl auf seine Stirn fällt“, vor der Angstkulisse, „befähigt, jeden Ball zu halten“, während seine Geistesbrüder der neuen Mittelachse, Effenberg („mit dem Haupt eines Raubtiers und der Stimme eines Jünglings“) sowie Carsten Jancker („ein Schrank von fast zwei Metern, bei dem man instinktiv den Gehsteig wechselt, wenn man ihn nachts auf Madrider Straßen begegnet“), „das lebendige Ebenbild der Bayern, das Paradigma ihrer unzweideutigen Absichten“ bildeten.“ (alle Ziate El Paìs)

Man hat ihn nicht aus der Repräsentation gelassen

Albert Ostermaier (FAS 29.2.), Dichter und Torwart, interpretiert das Sein Oliver Kahns: „ Kahn ist zu einer Metapher für Deutschland geworden. Er verkörpert alle deutschen Tugenden: Ehrgeiz, Disziplin, Präzision, Willenskraft. Er sieht aus wie ein Deutscher. Er hat sich dagegen gewehrt, auszusehen wie ein Deutscher. Man hat ihn nicht aus der Repräsentation gelassen. Er ist unser einziger Weltklassespieler. Er steht für Deutschland in der Welt. Aber: Er ist ein Torwart. Deutschland ist nicht mehr Netzer, nicht mehr Beckenbauer. Es öffnet nicht die Räume, schlägt nicht den genialen Paß, kennt nicht die Offensive, die Kreativität, den Mut nach vorne. Deutschlands Superstar steht für die Null, die Bewahrung des Ist-Zustandes, die Abwehr vor jeder negativen Veränderung, die Sicherheit. Das ist die Qualität von Kahn, das ist das Manko von Deutschland. Ein Torwart kann ein Spiel nicht alleine gewinnen, ein Torwart kann alleine ein Unentschieden erzwingen. Während die anderen drei Punkte machen, machen wir einen. Der Torwart hält den Rücken frei. Stürmen müssen die anderen, riskieren, gewinnen. Deutschland kommt nur schwer aus der Defensive. Es muß wieder entschieden nach vorne spielen.Niemand gibt Bayern eine Chance für das Rückspiel. Auch Madrid hat einen Torwart. Er ist auf dem Höhepunkt seines Könnens. Wenn er zum Helden taugt, wird Bayern gewinnen.“

Die Kölner Posse beobachtend grinst Gregor Derichs (BLZ 4.3.): „Der drohende dritte Abstieg nach 1998 und 2002 hat beim 1. FC Köln heftigste Verwerfungen ausgelöst. Seit Dienstagabend steht der Klub nach schweren internen Machtkämpfen vor einem Scherbenhaufen. Der Versuch von Wolfgang Overath, per Handstreich die Vereinsführung zu übernehmen, scheiterte. Das war mein letzter Versuch, eine Aufgabe im Klub zu übernehmen und dem FC zu helfen. Das Thema hat sich für mich erledigt, erklärte der 60-Jährige. Overath hatte darauf bestanden, dass der amtierende Präsident Albert Caspers unverzüglich abgelöst wird – und er selbst die Führung übernimmt. Nun machen sich alle Streitparteien einen Sport daraus, sich in gegenseitigen Vorwürfen zu übertreffen. Overath sollte mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet werden. Doch er strebt nur das Präsidentenamt an und erwartet, dass ich zurücktrete. Das mache ich nicht, sagte Caspers. Der 71-Jährige, einst Vorstandsvorsitzender der Ford Deutschland AG, gilt nach dem Putschversuch als demontiert. Sogar Oberbürgermeister Schramma hatte für Overath Partei ergriffen und Caspers in Frage gestellt. Es brennt an allen Ecken und Enden beim FC, und längst ist auch die Mannschaft betroffen. Bevor der Klub eine schriftliche Erklärung zum Fall Overath an die Medien schickte, war bereits eine Stellungnahme der Spieler verbreitet worden. Sie stellen mit Nachdruck fest, dass die Darstellung falsch ist, dass sich die Mannschaft zum Geheimtreffen mit dem Ziel versammelt habe, die Arbeit von Trainer Marcel Koller oder dessen Autorität in Frage zu stellen, hieß es. Auch Meldungen, wonach man in Zukunft taktische Vorgaben des Trainers nicht beachten werde, seien falsch. Aber es ist kein Geheimnis, dass solche Dementis Nachrichtenwert haben. Ohnehin ist der Widerstand einiger Profis gegen den Trainer verbürgt. In der Halbzeit gegen 1860 München reagierte der ausgewechselte Christian Springer schwer verärgert – allerdings war nicht beabsichtigt, dass der Protest öffentlich wurde. Nun muss Sportdirektor Andreas Rettig also auch noch den Maulwurf im Spielerkreis suchen.“

Die Lichtgestalt hat minge Eff-Zeh einen Bärendienst erwiesen

Jörg Stratmann (FAZ 4.3.) fügt hinzu: „Man kann den Verantwortlichen dieses rheinischen Klubs allerlei vorwerfen. Daß der erste Bundesligameister mittlerweile vor dem dritten Abstieg innerhalb von sechs Jahren steht, kann nicht nur sportlicher Zufall sein. Man hat den Niedergang oft mit der landestypischen Sicht der Dinge begründet, die so oft in die Selbstüberschätzung abgleitet. Doch unter seinem Präsidenten Caspers, dem ehemaligen Ford-Vorstandsvorsitzenden, hat der 1. FC Köln sich immerhin wieder einen Ruf erarbeitet, mit dem die Wirtschaft angesprochen wurde, mit dem ein prächtiges Stadion gebaut werden konnte und der ein mitunter ganzjährig karnevalistisch anmutendes Narrenschiff in ruhige Fahrwasser lenkte. Nur hat die Gratwanderung, mit dem wirtschaftlich Machbaren auch noch sportlich an alte Größe anknüpfen zu wollen, nicht zum erhofften Ziel geführt. Da war der Vorstoß alter Kämpen wie Overath samt Freunden, in Sorge ums Vereinswohl kurz vor dem abermaligen Abstieg helfen zu wollen, verständlich. Klug war er nicht. (…) Er wolle keine Unruhe in den Verein bringen, hatte Overath gesagt. Doch am Samstag setzte es eine womöglich entscheidende Niederlage, dazu wurden die Klubverantwortlichen ohne Not beschädigt. Neuerdings ist sogar wieder der Trainer im Gerede. Bislang hat die Lichtgestalt minge Eff-Zeh einen Bärendienst erwiesen.“

Christoph Biermann (SZ 4.3.) ergänzt: „Selbst in der an bizarren Vorfällen reichen Geschichte des 1. FC Köln, hatte es das noch nicht gegeben: Am Mittwoch vor einer Woche war Wolfgang Overath, 81-maliger Nationalspieler, Weltmeister und Legende des Kölner Fußballs, bei seinem Klub vorstellig geworden, um den Verantwortlichen mitzuteilen: ¸¸Guten Tag, ich würde dann mal den Laden hier übernehmen. Das sagte er nicht wörtlich so, und es war einer seiner Abgesandten, der zu Präsident Albert Caspers sprach: ¸¸Treten Sie zurück. Jetzt! Sechs Tage später endete dieser Vorstoß in einem Nichts aus Vorwürfen und zerdeppertem Porzellan. ¸¸Der Titel Präsident hat Overath den Blick verstellt, teilte Caspers mit. ¸¸Das war unterste Sohle, sagte Overath, weil sich der Klub angeblich entgegen der Absprache zu diesem Fall äußerte. Nun könnte man meinen, dass Overath von Hybris angetrieben oder gar aus ökonomischen Gründen seinen wohl nur Putschversuch zu nennenden Vorstoß unternommen hat. Doch einerseits ist er wirtschaftlich unabhängig und hätte andererseits im Laufe der letzten Jahre mehrfach wichtige Ämter beim 1.FC Köln übernehmen können. Caspers wurde 1997 nur deshalb Präsident des Klubs, weil Overath damals nicht wollte. So geht es weniger um Overath, als um die in Köln nicht nur beim Fußball übliche Vermischung von Sachentscheidungen mit Folklore und Gemauschel. (…) Caspers und Manager Andreas Rettig waren bereit, ihn einzubinden, zumal es im Sportlichen kaum Argumente für sie gibt. Und vielleicht mag die Begegnung mit einem Weltmeister von 1974 auch heute noch den ein oder anderen Profi beeindrucken, mit Sicherheit aber gestandene Geschäftsleute und Freunde des Klubs. Deshalb war es auch kein Taktieren, dass Overath vorgestern gleich drei unterschiedliche Posten angeboten wurden: Vizepräsident des Gesamtvereins, Bevollmächtigter des Vorstands, Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsführung der Verwaltungs GmbH. ¸¸Ohne ihn wäre keine einzige Entscheidung gefallen, kein Transfer erfolgt, kein Vertrag verlängert worden, nichts, sagte Rettig. ¸¸Er hätte das alleinige Sagen im sportlichen Bereich gehabt, sagte Caspers. Selbst Overaths drei Spannmännern hätte der Klub Unterschlupf gewährt. Doch Overath wollte alles. Er bestand darauf, Präsident des 1. FC Köln zu werden, und vielleicht muss man doch von Hybris reden. Sicherlich aber von fragwürdigen Einflüsterungen mächtiger Männer in Medien und Politik, von alten Seilschaften, die eigentlich überwunden schienen. Auch wenn dem FC in dieser Saison sportlich wahrlich nicht viel gelungen ist, zumindest davon hatte er sich unter Caspers Leitung befreit. Als Unternehmen präsentiert sich die 1. FC Köln GmbH Co KgaA daher gut strukturiert und wirtschaftlich gesund. Und sollte es für die Fans des Klubs in dieser Saison auch nur eins zu feiern geben, dann ist es, dass ihr Klub nicht wieder in die Strudel des Kölschtums geraten ist. Aber, Sieger hat es in diesen Tagen trotzdem keinen gegeben, nur etliche Verlierer.“

Tsp-Interview mit Peter Neururer über Olisehs Gewalt

Sie sind fröhlich und verletzbar

Michael Reinsch (FAZ 3.3.) hat zwei sehr interessante Studien über Nachwuchssport gelesen: „Die Chance auf eine große Karriere ist um so höher, je später ein Athlet sich (innerhalb eines realistischen Zeitrahmens) ausschließlich für seine Disziplin und für intensives Training entscheidet – womöglich nach jahrelanger Erfahrung in einer anderen Sportart. Emrich, der Sportwissenschaftler Arne Güllich und der Pädagogik-Professor Robert Prohl berufen sich auf das Recht des Kindes auf Gegenwart. Nicht in erster Linie Training braucht ein Kind demnach, sondern eine breite motorische Ausbildung – und ein Selbstbewußtsein, mit dem es Rückschläge und sogenannte Durststrecken überwinden kann. Unter der Devise Erfahrung statt Belehrung empfiehlt Güllich, nicht allein frühzeitige Talentsuche, sondern auch Talent-Recycling, sprich: Hilfe beim Wechsel der Sportart. Die Frankfurter wie die Bremer Wissenschaftler raten dringend dazu, Nachwuchstrainer nicht für kurzfristige Erfolge zu belohnen, die sie mit frühreifen Athleten erreichen können, sondern statt dessen Anreize dafür zu schaffen, daß ihre Talente durchhalten bis zur Aufnahme in einen Bundesliga- oder Olympiakader. Die Fragebogen von Emrich, Prohl und Güllich wurden von 787 LeistungssportlerN von D- bis A-Kader beantwortet. Unter ihnen befinden sich 103 Medaillengewinner bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Die Wissenschaftler sind Sportkenner, ihre Erkenntnisse praxisorientiert. Harttgen ist am Nachwuchs-Leistungszentrum von Werder Bremen beschäftigt, sein Doktorvater Milles ist Präsident des Bremer Tischtennis-Verbandes. Sie befragten schriftlich 331 Fußballspieler der ersten A-, B- und C-Jugendmannschaften von sieben Bundesliga-Vereinen, Spieler im Alter von 13 bis 19 Jahren. Knapp zwei Drittel spielen in ihrer Landesauswahl, jeder dritte in der Nationalmannschaft seiner Altersklasse. 92 Prozent von ihnen gaben an, daß sie unbedingt Profi werden wollen. Eines der Probleme dieser Fußball-Talente: Wer sich nicht auf den Fußball konzentriert, verpaßt den Anschluß und gibt nicht alles für das hoch angesehene Ziel. Die Orientierung auf die Bundesliga allein wird Voraussetzung dafür, daß Spieler die Bundesliga überhaupt erreichen können. Andere gesellschaftliche Bezüge und Wertsetzungen erscheinen als irrelevant und überflüssig. Was aber, wenn es nicht klappt mit dem Vertrag in der ersten Klasse? Dann habe ich verschissen, dann gibt es mich nicht mehr! antwortete einer. Milles und Harttgen zitieren in ihrer Untersuchung einige solcher Antworten und illustrieren damit eine geradezu verzweifelte Einseitigkeit im Leistungsstreben. Dann bringt mich mein Vater um, schrieb ein anderer Fußballspieler. So stark Selbstbezug und Selbstwert ausgeprägt sind – schließlich haben die Befragten die begehrtesten Plätze am Fuß der Karriereleiter inne –, vertrauen sie sich und ihren Fähigkeiten doch nicht. Die übermächtige Zukunft beherrscht die Gegenwart des Nachwuchses durch Ängste, Selbstzweifel und Frustration. In der Tendenz geben die jungen Fußballspieler an, sich nicht als Versager zu fühlen, und haben doch Angst zu versagen. Sie geben an, Probleme zu meistern und zugleich auch leicht den Kopf zu verlieren. Sie haben ihrer Meinung nach eine sichere Einschätzung und entschuldigen sich oft. Sie wollen kein Niemand sein und haben wenig Achtung vor sich. Sie sind fröhlich und verletzbar. Sie haben keine Furcht und keine selbstbewußte Meinung, stellen Milles und Harttgen heraus. In der starken Irritierbarkeit schlägt sich die starke Widersprüchlichkeit in dem sportlichen, auf die Bundesliga fixierten Selbstkonzept nieder. Zwischen möglichem Ruhm und aktueller Leistung liege eine riesige Distanz, welche die jungen Spieler nicht aushielten, sagt Milles.“

Daniel Theweleit (FTD 4.3.) berichtet Palästinas Suche nach Nationalspielern: „Nicht „Deutschland sucht den Superstar“ heißt das Motto dieses Castings, sondern „Der Palästinensische Fußballverband ruft seine Spieler“. Am vergangenen Montag war eine Anzeige im „Kicker“ so überschrieben, und weiter unten hieß es, „alle interessierten palästinensischen/palästinensisch-stämmigen Fußballer sind herzlich zu Tests in Wiehl bei Köln eingeladen“. Damit haben die Initiatoren Träume geweckt, die zunächst einmal von elf Spielern aus Schweden und einem aus Deutschland geträumt werden – sie demonstrieren am ersten Tag des Castings ihre Vorzüge. „Vielleicht geht hier ein ganz großer Wunsch in Erfüllung“, sagt Said Mekahal, der in der dritten schwedischen Liga spielt. Der schüchterne Mann legt seine Hand auf die palästinensische Flagge, die auf seiner Trainingsjacke prangt und sagt: „Ich gebe mein Bestes, der Rest liegt in der Hand von Allah.“ In der Hand von Riedl wäre wohl richtiger, denn der bildet die sportliche Führung eines groß angelegten Projektes. „Wir suchen Spieler, die uns helfen können, keine, denen wir helfen sollen“, verkündet er kühl. Denn natürlich stecken hinter dem Projekt auch politische Interessen. Völkerrechtlich gibt es keinen Staat Palästina, trotzdem wurde das Land 1998 vom Fußballweltverband Fifa aufgenommen. Es ist also eine Nationalmannschaft ohne Nation, was die Bedeutung des Teams noch erhöht. Taysir Barakat, ein erfolgreicher Reiseunternehmer aus Kuwait mit palästinensischen Vorfahren, hat eine Gruppe reicher Geschäftsleute um sich geschart, die den Fußballern zum Erfolg verhelfen soll. Man hofft auf weltweite Aufmerksamkeit, auf positive Schlagzeilen über Palästina, die gegenwärtig so rar sind wie Eis in der Wüste. „In den vergangenen Jahren gab es für die Palästinenser nichts zu lachen, wir wollen ihnen ein Lächeln schenken. Und vor allem auch einmal Aufmerksamkeit, die nichts mit Attentaten zu tun hat. Das ist auch schon gelungen. Barakat erzählt es so: Normalerweise, wenn in Fernseh-Nachrichtenkanälen „Breaking News“ gesendet werden, dann seien Menschen umgekommen oder Häuser zerstört worden. „Als wir aber im Februar mit 8:0 gegen Taiwan gewonnen haben, wurde jedes Tor als ‚Breaking News‘ vermeldet, positive ‚Breaking News‘ gab es noch nie. Wir haben das gleich achtmal geschafft.“

Wolfgang Hettfleisch (FR 4.3.) meldet: „Wo war Rudolph Brückner? Als DSF am Sonntag um Elf live zum Fußballtalk Doppelpass ins Kempinksi-Hotel am Münchner Flughafen schaltete, begrüßte anstelle des DSF-Chefmoderators Kollege Frank Buschmann Zuschauer und Gäste. Nun sind derlei Vertretungen nicht ungewöhnlich. Doch die Sportbild war mal wieder besser informiert und verkündete, dass hinter Brückners Absenz mehr steckte als Skiurlaub oder ordinäre Grippe: Zwei Tage vor der Sendung hatte das DSF dem verdienten Frontmann, der einst auch dessen Chefredakteur war, den Laufpass gegeben. Brückners zum 30. Juni auslaufender Vertrag wird nicht verlängert. Statt seiner wird sich von der kommenden Saison an TV-Passepartout Jörg Wontorra mühen, Fachjournalisten und Fußball-Promis auf den roten Plüschsesseln zu grillen. Aufschlussreicher als die nackte Nachricht sind die Begleitumstände der überraschenden Umbesetzung. Denn Brückner, den alle Welt Rudi ruft, geht nicht aus freien Stücken. Das Angebot zur Vertragsverlängerung, das der Sportsender seinem sonntäglichen Anchorman unterbreitet hatte, sei finanziell so dürftig gewesen, dass er es logischerweise nicht annehmen konnte, sagt der 48-Jährige. Während er die Summe nicht nennen will, wird auf den Fluren des Senders in Ismaning lästerlich kolportiert, dass Wontorra künftig womöglich als Tagesspesen abrechnen könnte, was Brückner als Monatssalär angeboten worden war. Wie auch immer. Jedenfalls fühlt sich Brückner hintergangen und aus dem Job gemobbt: Verträge laufen aus, dagegen ist nichts zu sagen. Aber die Frage ist immer, wie man so etwas macht. Es ist kein Geheimnis, dass DSF-Geschäftsführer Rainer Hüther und Brückner nicht miteinander können.“

Künstliche Verlängerung der Pubertät

Christoph Biermann (taz 4.3.) notiert Christian Hochstätters (Sportdirektor Borussia Mönchengladbachs) Plaudereien aus dem Nähkästchen: „So wurde zu Zeiten von Jupp Heynckes als Trainer am Bökelberg freitags vor Heimspielen stets Kinogeld verteilt. Damit ausgestattet zogen die Filmfreunde im Team gemeinsam los, um am Abend vor dem Spiel ins Kino zu gehen. Oder genauer: Sie taten es nicht. Nur Jungprofi Hochstätter saß vor der Leinwand, nachdem er seine Kollegen bei ihren Frauen, Freundinnen oder Geliebten abgeliefert hatte. Nach dem Kino sammelte er sie wieder ein und erzählte auf dem Rückweg den Film, damit sie auch was zu sagen hatten, wenn Heynckes fragte, wie es denn gewesen wäre. Man muss sich das Leben von Profifußballmannschaften wohl wie eine künstliche Verlängerung der Pubertät vorstellen. Die Gruppendynamiken entsprechen ungefähr denen von Schulklassen, und ähnlich schlicht ist der Humor strukturiert, weshalb immer wieder etwas eine Rolle spielt, das man am besten mit dem altväterlichen Begriff Streiche spielen umschreibt. Und in Mönchengladbach war ein großer Streichespieler offensichtlich der Miller, wie Hochstätter den Stürmer nannte, den wir alle als Frank Mill kennen. Der Miller also schickte einmal einen Spieler, der zum Probetraining gekommen war und sich dazu umziehen wollte, aus der Kabine in einen Nebenraum, der dafür vorgesehen sei. Der junge Mann fand dort auch einen Trainingsanzug vor und zog ihn an, als die Tür aufflog und Jupp Heynckes empört rief, was er denn im Trainerzimmer machen würde. (…) So richtig lustig ist das Fußballerleben nicht mehr. Dazu ist die ganze Angelegenheit viel zu ernst geworden, und wer schmiert mittwochs vergnügt Zahnpasta auf Türklinken, wenn ständig signalisiert wird, dass samstags Überlebenskämpfe zu bestreiten sind. Also gibt es heute keinen Pubertätszuschlag für Profis mehr. Und wenn doch, in ganz anderer Form, wie Hochstätters ehemaliger Mannschaftskameraden Jörg Neun erleben musste, als er bei einem benachbarten Zweitligisten gemütlich dem Ende seiner Karriere entgegenkickte. Da übernahm ein neuer Coach, dessen Trainingsbeginn früh um acht Jörg Neun schon arg grenzwertig fand, noch mehr aber, auf einem Bein stehend mit der rechten Hand am linken Ohrläppchen ziehend die Energien zu wecken. Irgendwann wurden er und seine Kollegen von ihrem esoterischen Trainer bei einem Waldlauf dazu aufgefordert, sich jeder einen Baum zu suchen, ihn zu umarmen und seine Kraft zu spüren. Das war für Neun, der in seiner Karriere bestimmt viel Unsinn gemacht hatte, des Guten zu viel. Unter diesen Bedingungen mochte er kein Fußballprofi mehr sein. Bäume umarmen, nicht mit ihm! Er gab seinen Vertrag zurück, hörte mit dem Fußballspielen auf und begann endlich ein Erwachsenenleben.“

Uefa-Cup-RückspieleNZZ

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