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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ballschrank

WM 2006

Oliver Fritsch | Donnerstag, 25. März 2004 Kommentare deaktiviert für WM 2006

wie steht’s ums Geld bei der Organisation der WM 2006? – Lob für den WM-Spielplan – Leidenschaft und Hochstimmung beim Sieg Galatasarays über Juve im Westfalenstadion – ein Musical über Maradona – Uneinigkeit bei 1860 München – Traumberuf Fußballer?

Das WM-OK leugnet finanzielle Sorgen, Thomas Kistner Klaus Ott (SZ 4.12.) zweifeln daran: „Berichte über die mühsame Suche nach Förderern taten OK-Chef und Mitstreiter beim Arbeitstreff mit dem Weltverband Fifa als substanzlose Störfeuer ab. „Wenn wir überhaupt Probleme haben, dann nicht im finanziellen Bereich“, schimpfte Beckenbauer zur Eröffnung. OK-Vize Wolfgang Niersbach und OK-Berater Fedor Radmann verbreiteten fortan, die Sponsoren stünden fest zu ihren Engagements. Anderslautende Berichte seien „Spekulationen anonymer Quellen“, sie hätten ganz andere Signale von ihren Partnern. Natürlich nur die besten: „Die stehen alle voll hinter der WM.“ Das trifft zumindest auf Partner EnBW nicht zu. Der Energiekonzern denkt kritisch über sein WM-Sponsoring nach. „Wir sind dabei, alle Aktivitäten zu prüfen und neu zu ordnen. Das gilt auch für den Sport und die Fußball-WM“, sagte Pressesprecher Dirk Ommeln der SZ. Diese Prüfung dauere an, generell untersucht der Konzernvorstand, inwieweit die laufenden Sponsoraktivitäten (gibt es auch Sponsoringpassivitäten? of) noch zu den künftigen Marketingstrategien passen. Das könnte ungemütlich werden aus OK-Sicht. Anders als Werbepartnern wie Mastercard, Computerfirmen oder Sportausrüster Adidas dürfte es dem Versorgungskonzern schwer fallen, eine natürliche Nähe zum Fußball herzustellen. Die Situation bringt nun die OK-Vertreter in Erklärungsnot, die bislang so vehement bestritten, dass der Sponsor ins Grübeln geraten sei.“

Frank Hellmann (FR 4.12.) lobt die Spielplangestaltung der WM 2006: „Den Planern ist hoch anzurechnen, dass jede Stadt für ihre aufwändigen wie teuren Anstrengungen mit fünf Spielen und mindestens einem Achtelfinale belohnt wird. 1,5 Milliarden Euro sind in Deutschland weitgehend aus Bundesmitteln in eine Stadion-Landschaft investiert worden, die bis auf die unrühmliche Ausnahme Leipzig vor und nach der WM einer sinnvollen Nutzung zugeführt wird. Das ist viel Wert, verglichen mit vergangenen und kommenden Großereignissen. Bei der WM 2002 setzten die Ausrichter 20 sündhaft teure Paläste in Städte, in denen teilweise nicht einmal Zweitligisten ein Zuhause haben. So steht auf einem Berg im japanischen Oita ein sinnloses Beton-Ufo, im koreanischen Seogwipo auf der Insel Jeju ist der Stadionkomplex längst von den Meeresstürmen weggeblasen worden. Und auch nach der EM 2004 in Portugal wird man Wege finden müssen, manch modernen Tempel anderweitig zu nutzen. Insofern ist der deutsche Stadion-Spagat als fast formvollendet zu bezeichnen. Gleichwohl hilft dies den Fans wenig, wenn fast die Hälfte der Tickets vorab (an Vips, Sponsoren, Ehrengäste, Medien, Verbände) vergeben werden. Die heikle Aufgabe war nicht der Plan der Spielorte, sondern wird der zur Ticketverteilung sein.“

WM-Spielplan 2006 SZ

Herz und Hingabe sowie Spielvermögen verpassen dem neutralen Dortmunder einen Kulturschock

Beim 2:0 Galatasarays über Juve im Westfalenstadion erlebt Richard Leipold (Tsp 4.12.) Leidenschaft und Ästhetik: “ Der Orient hat Westfalen erreicht. „Türkiye, Türkiye!“ rufen Zehntausende im Dortmunder Westfalenstadion. Sie haben das Heimspiel in der Champions League gegen Juventus Turin zur nationalen Angelegenheit erklärt. Wie Fatih Terim, der Trainer von Galatasaray Istanbul. „Weil zwei Bomben gefallen sind, werden wir vom Europäischen Fußball-Verband ins Exil geschickt. Auf diese Unverschämtheit müssen wir die richtige Antwort geben.“ (…)An diesem Abend ist Westfalen ganz nah am Bosporus. Die wenigen einheimischen Fußballanhänger unter den 44 000 Besuchern müssen sich fremd gefühlt haben, als neutrale Zuschauer im Westfalenstadion – nicht allein wegen der orientalischen Stimmgewalt auf den Rängen. Das türkisch-italienische Fußballfest führt ihnen an diesem Abend vor Augen, dass ihre Dortmunder Borussia – wie die meisten anderen Bundesligaklubs – sportlich zur europäischen Provinz verkommen ist. Die längst für das Achtelfinale qualifizierten Turiner zeigen, wenn auch nur eine Halbzeit lang, spielerische Klasse, wie sie im Westfalenstadion seit Jahr und Tag nicht mehr zu sehen war. Dazu Herz und Hingabe der Türken. Das sind die Ingredienzien eines Fußballs, den deutsche Fans nur noch ausnahmsweise aus der Nähe erleben. Den Rivalen aus Gelsenkirchen steht ein ähnlicher Kulturschock bevor. In ein paar Tagen wird Besiktas Istanbul auf Schalke sein Heimspiel gegen den FC Chelsea bestreiten. Wieder eine Gelegenheit für Türken in Deutschland, ihre nationale Identität auf dem Fußballplatz auszuleben. In Dortmund singen sie am Ende voller Inbrunst: „Die Türkei ist stolz auf euch.““

Ulrich Hartmann (SZ 4.12.) pfeift’s noch in den Ohren: „Die Türken brüllten ihre martialischen Schlachtrufe, hüpften im hämmernden Rhythmus der Pauken oder schwenkten gleißend rote Leuchtfeuer. Man durfte das mit einigem Recht eine südländische Atmosphäre nennen. Schließlich steht das Westfalenstadion tief im Süden. Wenn auch nur im Süden von Dortmund (…) Am Ende waren alle glücklich, auch die Verantwortlichen von Borussia Dortmund, die das Stadion und ihre Dienstleistungen an Galatasaray für eine hohe sechsstellige Summe vermietet haben. Für die Aktiengesellschaft Borussia Dortmund war es ein wirtschaftlicher Coup, zu einer Zeit, in der die eigene Mannschaft schwächelt. Fast könnte man glauben, die Europäische Fußball-Union wolle das vom Erfolg nicht gerade verwöhnte Fußball-Deutschland ein wenig aufmuntern, denn dem international gleichermaßen erfolglosen Nachbarn Schalke hat sie nun ebenfalls ein Champions-League-Spiel zugesprochen. Dann werden die türkischen Fans in Gelsenkirchen zusammenkommen und aufs Neue gleißende Leuchtfeuer das Stadion in ein phantastisches Licht tauchen. Bei einem erneuten Sieg dürfte kein Zweifel mehr darüber herrschen, dass zumindest das Fußball-Exil sehr schnell zur zweiten Heimat werden kann.“

Gerald Kleffmann (SZ 4.12.) schildert Uneinigkeit bei 1860 München: „Vielleicht wäre Falko Götz länger stehen geblieben. Vielleicht hätte er Lust verspürt auf einen Plausch, wer weiß, entspannt genug sah er aus, gestern Mittag nach dem Training. Dann aber schritt ein Reporter auf ihn zu und fragte: „Was halten Sie von der Aussage von Herrn Wildmoser?“ Genau so gut hätte man Götz ein Kilo Zement über den Kopf schütten können, das Resultat wäre das selbe gewesen: Schlagartig wich sein Lächeln, jetzt schaute er nur noch übellaunig, ebenso sprach er: „Das passt mir nicht.“ – „Ich werde nicht das Gespräch suchen.“ – „Es ändert sich nichts.“ Genervt drehte er sich nach zwei Minuten um und verschwand in die Umkleidekabine. Oho! Knistert es bei den Löwen? Absolut!! Es geht um Kommunikationsprobleme zwischen Götz und den Wildmosers; Probleme, die mittlerweile einen Ordner füllen. Der jüngste Fall: Am Montag hatte sich 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser in der Sendung Blickpunkt Sport über Benjamin Lauth und dessen Platzverweis in Leverkusen beklagt, er sagte: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er an diesem Spiel interessiert war. Deshalb wollte ihn Trainer Götz unmittelbar vor der Karte auch auswechseln.“ Für Götz ist dieses Maulen insofern ein besonderes Vergehen, weil es nicht das erste Mal ist, dass einer der beiden Wildmosers an ihm vorbei prescht und einen Profi ohne interne Absprache öffentlich kritisiert.“

Mantel des Gesangs

Andreas Platthaus (FAZ 3.12.) teilt mit, dass Diego Maradona auf der Tanzbühne dargestellt wird: „Im Januar soll in Buenos Aires ein von Daniel Dátola und Héctor Barra verfaßtes Musical auf die Bühne kommen: über den Helden Diego Armando Maradona, den legendären Mittelfeldregisseur der argentinischen Fußballnationalmannschaft, die er 1986 zur Weltmeisterschaft führte. Die Zehn, zwischen Himmel und Hölle soll das Musical heißen. Die Zehn, das war Maradonas Rückennummer, die er sich bei allen Vereinen, wo er anheuerte, garantieren ließ (selbst während seiner diversen Drogensperren blieb diese Nummer für ihn reserviert). Der Himmel, das ist jene Sphäre, an die Maradona im legendären WM-Viertelfinale von 1986 gegen England klopfte – und zwar mit der Hand Gottes, wie er seine Rechte bezeichnete, mit der er den Ball ins gegnerische Tor geboxt hatte. Eher hätte man wohl vom Auge Gottes sprechen müssen, das wundersamerweise von Schieds- und Linienrichter zugleich zugekniffen wurde, als sie den irregulären Treffer anerkannten. Wie auch immer, ganz Argentinien genoß den Sieg als verspätete Revanche für den verlorenen Falkland-Krieg. Schließlich die Hölle. Durch sie hat kleines dickes Maradona seit Mitte der Neunziger gehen müssen, denn außer Ballfertigkeit besaß der geniale Techniker kein Talent. Doch nun soll über alles das der Mantel des Gesangs gebreitet werden.“

Fritz Tietz (taz 4.12.) ändert seine Vorstellung vom Traumberuf: „Der Broterwerb durch Fußballspielen gilt weithin als Traumberuf. Insgesamt aber macht man sich ein zu verklärtes Berufsbild vom Traumjob Fußballer. Die beruflichen Momente eines Bundesligaprofis, die es verdienen, traumhaft genannt zu werden, sind rar gesät. Der Augenblick, in dem man vor zigtausend Zuschauern im, sagen wir mal, Lissaboner Stadion des Lichts auflaufen darf, ist sicher so ein seltener Moment. Auch vor solcher Kulisse das entscheidende Tor zu versenken, soll Spielern, die das erlebten, zu immerhin traumhaft körperlichen Wallungen verholfen haben. Oder wie es Weltmeister Rainer Bonhof 1974 ausdrückte: Das ist das Größte – außer natürlich irgendwas mit ner Frau. (…) Wenns ganz schlimm kommt: zur Weihnachtsfeier eines Fanclubs. Auf der Website des FC Bayern München ist in einer Art Delinquentenliste aufgelistet, welche Spieler dieses Jahr welche Fan-Club-Weihnachtsfeiern besuchen mussten – und das schon Ende November. Und so rückten denn Münchens Traumberufler vollzählig aus: Oliver Kahn war den Seeoner Seedeifen zugeteilt, Hasan Salihamidzic dem Schießmer Red-White Dynamite 96 e.V., Robert Kovac den Ruhrpott-Bazis. Auch die Bayern-Bosse nahmen sich von dem ranschmeisserischen Adventsgetue nicht aus: Uli Hoeneß musste zu den Pomperl-Buam nach Bad Griesbach und Karl-Heinz Rummenigge zum FC-Bayern-Fanclub ins oberpfälzische Nabburg. Dort stellte man folgenden Bericht auf die fanclubeigene Website: Bereits um 14 Uhr drängten die Fans in die Nabburger Nordgauhalle und staunten nicht schlecht über die tolle Aufmachung vor Ort. Über eine riesige Videoleinwand wurden die Fans eine Stunde lang auf den Ehrengast vorbereitet. Dieser kam dann kurz vor 15 Uhr in Nabburg an und hielt unter den Klängen der Jugendblaskapelle Nabburg einen begeisterten Einzug. 60 Musiker zeigten sich von der besten Seite (…) Die gesamte Vorstandschaft hatte vor der prächtig geschmückten Bühne Platz genommen, und Vorstand Bernd Hofmann zeigte sich in seiner Begrüßung hocherfreut (…) Auch der 2. Bürgermeister der Stadt Nabburg, Armin Schärtl, ging in seinem Grußwort auf die Bedeutung dieses Besuches ein, übergab ein Zinnpräsent (…) Nun kamen auch noch der Nikolaus mit Knecht Ruprecht. Ein Geschenkkorb mit einigen Spezialitäten und dem großen Buch von Nabburg wurde übergeben … So viel zum Traumberuf Fußballer.“

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