Ballschrank
Feindselige Stimmung: “Stirb, Moslem, stirb”
| Sonntag, 4. April 2004 Kommentare deaktiviert für Feindselige Stimmung: “Stirb, Moslem, stirb”
Nicht nur Christian Eichler (FAZ 4.4.) ist vom Auftritt des 17-jährigen englischen Wunderknaben beim 2:0 über die Türkei begeistert, berichtet aber auch Betrübliches. „Der Star dieses Abends hieß Wayne Rooney. In der 88. Minute schenkte ihm der Trainer per Auswechslung einen rauschenden Abgang aus dem Stadium of Light von Sunderland, dessen 48.000 Besucher sich im Beifall erhoben. Der Guardian schrieb pathetisch: Rooney erleuchtete das Stadion des Lichts. Leider trübte eine Altlast das glänzende Bild. Mit der Festnahme von 95 englischen Hooligans vor dem Spiel verhinderte die Polizei zwar Eskalationen, wie sie bei englisch-türkischen Auseinandersetzungen noch vor drei Jahren (im Uefa-Cup zwischen Galatasaray Istanbul und Leeds United) zu zwei Toten geführt hatten. Doch Stadiongesänge wie Stirb, Moslem, stirb zeugten von der feindseligen Stimmung. Und besonders die Vorfälle nach den beiden englischen Toren, als Dutzende Fans aufs Feld stürmten und Spieler umlagerten, werden Folgen haben. Nach Schlußpfiff gerieten mindestens drei türkische Spieler, Alpay, Rüstü und Hakan Sükür, mit aggressiven englischen Fans in Handgreiflichkeiten. Daß Zuschauer zu den Spielern vordringen können, ist ein Gau für jede Form von Stadionsicherheit. Es ist eine schwierige Sache mit der Leidenschaft im Fußball – mal zuviel, mal zuwenig. Wenigstens am Ball fanden die Engländer die richtige Dosis. Kein Team der europäischen Klasse ist so abhängig davon, Tempo und Intensität eines Spiels zu bestimmen. Eine halbe Stunde wurde das von den geschickten Türken verhindert. Dann aber entwickelten die Engländer jene Mischung von Tempo, Passion und Präsenz, die ihre Fans lange vermißt hatten. Daraus resultierte fast ein Dutzend Chancen (…) David James, der bei West Ham United die Schießbude der Premier League hütet, verhinderte den Ausgleich mit einer Blitzreaktion gegen Nihat. Bei dessen Kopfball hätte der verletzte Stammtorwart David Seaman wohl nicht einmal den Pferdeschwanz vor Ausbeulen des Netzes herumbekommen. So fügte sich für Eriksson, zuletzt in der Kritik wie nie zuvor seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren, an diesem Abend alles ins Glückliche: das Torwartproblem; die Neuordnung im Mittelfeld, in dem er die klassisch-englische Viererreihe durch Verschieben von Butt hinter Scholes gegen ein Muster getauscht hatte, das man in England den Diamanten nennt; vor allem aber durch den Diamanten Rooney. Daß er ein großes Talent ist, wußten wir vorher, sagte Eriksson. Aber nun wissen wir, daß er schon bereit ist für die großen Spiele.“
Rooney war pure Energie
Ronald Reng (FTD 4.4.) berichtet ein intensives Spiel. “Alpay Özalan, der kräftige türkische Verteidiger, wollte das Spiel immer noch gewinnen, auch als es schon vorbei war. Der Trotz, der Sportler oft packt, wenn ihnen die Niederlage ins Gesicht starrt, trieb ihn zu einer außerordentlichen Energieleistung: Er prügelte sich mit Ray Clemence, dem englischen Torwarttrainer, im Kabinengang. Dieses Spiel lebte in allen, die am Mittwoch in Sunderland zugesehen hatten, noch lange nach dem Schlusspfiff weiter. In denen, die es gespielt hatten, tobte es. Hakan Sas, der bei der WM 2002 mit so feinen Tricks am Ball aufgefallen war, wurde von einem türkischen Betreuer geohrfeigt. Es schien das einzige Mittel, Sas davon abzuhalten, auf englische Fans loszugehen. Steven Gerrard, der mit einem Kraftakt England zu diesem 2:0-Sieg in der EM-Qualifikation getrieben hatte, stellte sich direkt vor den türkischen Kapitän Bülent Korkmaz, um ihm ins Gesicht zu jubeln – die ultimative Erniedrigung. Hier waren zwei Mannschaften, die sich was beweisen wollten. Mit dem Lebenshunger des Aufsteigers suchte die türkische Elf nach ihrem dritten Platz bei der WM die Bestätigung, wirklich zu den Großen zu gehören. England wollte zeigen, dass es nach einem halben Jahr ärmlicher Resultate noch Wer ist. Ihren Führungsanspruch in der Fußballwelt haben in Sunderland beide untermauert. „Gewonnen hat heute die Elf, die mehr gewinnen wollte “, sagte der türkische Trainer Senol Günes: „Wir wussten keine Antwort auf die englische Sehnsucht.“ Die Perspektive, die Eriksson gegen die Türkei aufzeigte, ist neu. Bislang extrem konservativ in seiner Taktik, schloss der schwedische Trainer endlich einen Pakt mit dem Risiko. Statt des hart arbeitenden, aber frustrierend ineffektiven Liverpooler Stürmers Emile Heskey, der dabei war, Englands Carsten Jancker zu werden, nahm Eriksson den jüngsten Nationalspieler der Geschichte, den 17-jährigen Wayne Rooney vom FC Everton, erstmals in die Startformation und ordnete das Mittelfeld in Diamantenform an, mit Paul Scholes weit vorgezogen. Rooney war pure Energie. Das offensivere Mittelfeld gewann das Spiel.“
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