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Ball und Buchstabe

Die richtige Reaktion auf einen GAU sieht anders aus

Oliver Fritsch | Mittwoch, 2. Februar 2005 Kommentare deaktiviert für Die richtige Reaktion auf einen GAU sieht anders aus

Christoph Albrecht Heider (FR 2.2.) rügt das Krisenmanagement des DFB: „Kann man das Fax des staatlichen Wettanbieters Oddset, in dem er über die ungewöhnlich hohen Wetteinsätze für das Paderborn-Spiel berichtet, missverstehen? Lässt sich das Schreiben so lesen, als würden darin nur vage Vermutungen ausgesprochen? Die Verteidigungsreden des DFB überzeugen nicht, der Hinweis, man habe doch die Ermittlungen bei der Kriminalpolizei in den besten Händen geglaubt, ist hilflos. (…) Schon hört man im Hintergrund die Erwiderung: Hinterher ist man immer schlauer. Aber noch mal: Bekommt der DFB etwa ständig Faxe von honorigen Absendern, in denen Bestechung angedeutet wird? Die Manipulation von Ergebnissen ist für eine Sportart der GAU. Die richtige Reaktion auf einen GAU sieht anders aus, als das, was (mindestens) drei hochrangige DFB-Vertreter im August angestellt, um nicht zu sagen, angerichtet haben.“

Ein DFB-Präsident ist genug

Michael Horeni (FAZ 2.2.) erkennt in der Wettkrise ein Argument gegen die DFB-Doppelspitze: “Die Affäre Hoyzer ist ein Skandal in zwei Teilen. Der erste beginnt am 23. August 2004 mit dem eindeutigen Hinweis von Oddset und fällt in die alleinige politische Verantwortung Mayer-Vorfelders; der zweite am 19. Januar mit den Hinweisen von Hoyzers Schiedsrichterkollegen, und er fällt in die Zuständigkeit Zwanzigers. Nach Informationen dieser Zeitung ist im ersten Teil des Skandals vom DFB nicht einmal ein informelles Gespräch mit Hoyzer über die von Oddset erhobenen Vorwürfe geführt worden, von einer offiziellen Befragung ganz zu schweigen. Auch wenn die staatliche Ermittlungsbehörde damals in dem Manipulationsfall nicht weitergekommen war, enthob dies den Verband nach seriösen Hinweisen über unseriöse Wetten nicht seiner eigenen Verantwortung. Die Konsequenz aus dem Krisenmanagement eines Verbandes mit zwei Gesichtern: Ein DFB-Präsident ist genug.“

Dynamo Dresdens dubiose Siegprämie, SZ

Die Eidesstattliche Erklärung, ein Gutachten der BLZ

Öffentliches Schauspiel

Matthias Gebauer (SpOn 1.2.) beklagt die Transparenz der Ermittlung: „Von Beginn an herrschten im Fall Hoyzer Regeln, die selbst für so manch erfahrenen Staatsanwalt neu sind. Begonnen hatte das kuriose öffentliche Schauspiel schon bei Hoyzers erstem Geständnis. Dies wurde nicht intern bei den Behörden, sondern unter den Augen von ausgewählten Reportern abgelegt. Statt sich in Ruhe mit seinem Mandanten und seinen heiklen Aussagen zu beschäftigen, ließ Hoyzer-Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner sowohl ein TV-Team als auch einen Fotografen live mit am Beichtstuhl in seiner Anwaltspraxis Platz nehmen und das „Geständnis unter Tränen“ ablichten. Die inszenierte Beichte zeigte ihre Wirkung. Fast drohend sagt Hoyzer, dass er beileibe nicht der einzige Betrüger im millionenschweren Fußballgeschäft ist. Hoyzer wurde wirksam als möglicher Kronzeuge aufgebaut, ohne den der Skandal nicht aufgeklärt werden kann. Dementsprechend groß fuhren die Zeitungen, allen voran die Bild, am kommenden Tag die Geschichte. (…) Wer die brisanten Informationen an die Zeitungen spielt, ist bisher reine Spekulation.“

Wettbetrug – das ist Neuland

Paul-Werner Beckmann, Experte für Sportrecht, im Interview mit Michael Kölmel (BLZ 2.2.)
BLZ: Klaus Toppmöller erwägt, gegen die Wertung eines Meisterschaftsspiels von 2002 vorzugehen, weil Jürgen Jansen einen Elfmeter gegen seinen Klub ausgesprochen hat. Mit welchen Erfolgsaussichten?
PWB: Wenn die Fristen nicht eingehalten werden, gibt es da null Chancen. Selbst wenn es sich um eine Fehlentscheidung handelt. Sonst könnte auch Schalke 04 die Meisterschaft 2001 anfechten, weil am letzten Spieltag eine Nachspielzeit von zwei Minuten angezeigt wurde, der FC Bayern aber erst in der dritten Nachspielminute das Tor erzielte. Das sind Tatsachenentscheidungen.
BLZ: Heißt das, auch die unter Manipulationsverdacht stehenden Spiele müssen nicht wiederholt werden?
PWB: Da liegt der Fall anders. Normalerweise muss ein Klub innerhalb von zwei Tagen nach einem Spiel Protest einlegen. In den Regeln des DFB gibt es jedoch eine Ausnahme – für Dopingfälle. Ob man diese Regel auf einen Fall des Wettbetrugs anwenden kann, muss man nun aus juristischen Grundsätzen ableiten. Das Leben bringt immer wieder neue Sachverhalte. Wettbetrug – das ist absolutes Neuland.
BLZ: Direkt nach den Spielen konnte ja kein Klub etwas von Wettmanipulationen ahnen. Wie hätte jemand rechtzeitig Protest einlegen können?
PWB: Richtig. Es konnte kein Klub protestieren, weil niemand diesen Anfechtungsgrund kennen konnte. Die Frage ist: Ist Manipulation ein so gravierendes Vergehen, dass man sagen muss: Auch nach Ablauf aller Fristen lasse ich Rechtsmittel zu. (…)
BLZ: Wie bewerten Sie die Aussagen, dass sowohl der Chefjustiziar Goetz Eilers als auch der Chefankläger Horst Hilpert den DFB-Präsidenten fünf Monate nicht informiert haben sollen?
PWB: Das ist unverständlich. Es ist auch nicht nachvollziehbar, dass Herr Hilpert damals nichts weiter unternommen hat. Erstens muss der DFB nach so einem Oddset-Hinweis ermitteln wie ein Weltmeister und zweitens muss selbstverständlich in einer so brisanten Frage – Wettbetrug! – der Chef unterrichtet werden. So einen ungeheuerlichen Vorwurf kann man nicht aussitzen.

Versteht das Toppmöller? Versteht das der DFB?

Hans Leyendecker (SZ 2.2.) empfiehlt allen, die sich äußern und äußern wollen, Rechtsberatung: „Das alles ist juristisch sehr kompliziert und überfordert möglicherweise sogar den juristischen Sachverstand des DFB. Auffällig ist, dass sich Klaus Toppmöller in der Affäre als Opferlamm zelebriert. Seine Konstruktion geht etwa so: Als Trainer des Hamburger Sportvereins sei er durch das manipulierte Pokalspiel beim Paderborner SC in Schieflage geraten. Also stehe ihm möglicherweise Schadenersatz zu. Juristisch ist das nicht nachvollziehbar. Das Recht auf einen Arbeitsplatz ist rechtlich nicht gegen Eingriffe Dritter geschützt. Versteht das Toppmöller? Versteht das der DFB?“

Die kulturschaffende Kraft der Korruption

Harry Nutt (FR/Feuilleton 2.2.) befasst sich mit den Konsequenzen: “Die Sportwette ist als Wirtschaftszweig bereits zu wichtig geworden, als dass Verbote und Enthaltsamskeitsgelübde aus dem Kreis der Sportler den Weg zur alten Unschuld noch einmal ebnen könnten. Wahrscheinlicher ist, dass der gegenwärtige Fußballskandal in Bezug auf den Sportwettenmarkt eine kathartische Wirkung haben wird, um diesen in einem zweiten Schritt als legitimen Wirtschaftszweig zu etablieren. In der Wirtschaftstheorie gibt es veritable Stimmen, die längst die kulturschaffende Kraft der Korruption zu würdigen wissen. Eine solche Funktion könnte auch dem aktuellen Fußballskandal einmal zugeschrieben werden.“

Opfer, nie Täter

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 2.2.) erinnert an den Skandal 1971 und an Horst-Gregorio Canellas: „1971 war alles noch viel, viel schlimmer. Jedenfalls nach dem heutigen Erkenntnisstand über den Bundesligaskandal II. Beim Bundesligaskandal I sind auch eidesstattliche Erklärungen von Spielern abgegeben worden, die ihre Unschuld bezeugen sollten. Später entpuppten sich einige als Meineide. In der Endphase der Saison 71 war dermaßen flächendeckend gelogen und betrogen worden, daß sich die Frage aufdrängte, ob man denn nun Fußball oder Monopoly spiele? (…) Der Mann mit der schnarrenden Stimme geriet nochmals in die Schlagzeilen, als er in Mogadischu an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut” in die Hände von Terroristen geriet. Jahre später hat Canellas voller Verbitterung über Kindermann und den Bundesligaskandal gesprochen. Kindermann habe versucht, den Gang des Kronzeugen an die Öffentlichkeit zu stoppen. Ein einzelner hat damals die Skandal-Lawine ins Rollen gebracht. Canellas hat sich als Opfer, nie als Täter gesehen.“

Geben Sie wenigstens 40 000 Mark! Die Jungs wollen doch alle in den Urlaub

Klaus Hoeltzenbein (SZ 2.2.) ist Skandal-Nostalgiker: „Nur damit niemand auf die Idee kommt, der neue Skandal sei bereits besser als der alte, hier die beste Anekdote von damals, damit jeder, der vorhat sich zu offenbaren, weiß, wie hoch die Messlatte liegt: Am 5. Juni 1971 gastierte RW Oberhausen in Braunschweig, erwartet worden war ein Heimsieg, das Spiel aber endete 1:1. Bei dieser Partie gab’s keine Vorkasse, der Geldbote, der auf der Tribüne gesessen hatte, entschwand kurz vor Abpfiff in Richtung Flughafen Waggum. Lorenz hatte sich mittels einer simulierten Verletzung nach 66 Minuten auswechseln lassen und nahm die Verfolgung auf. Im Fußballtrikot. Und in einem Fahrzeug der Polizei. Tatütata, der Lorenz, der ist da – der Flüchtige wurde an der Einstiegsluke der Privatmaschine gestellt und vor den Augen der als Chauffeur dienenden Ordnungskraft zur Herausgabe eines Anteils gedrängt: „Geben Sie wenigstens 40 000 Mark! Die Jungs wollen doch alle in den Urlaub.“ Gegen Quittung wurde die Summe überreicht. Im Mittelpunkt standen damals Torhüter, die ins Leere griffen, Verteidiger, die absichtlich neben den Ball traten, und Stürmer, die nebens anstatt ins Tor zielten. All das lag außerhalb der Vorstellungswelt des Publikums. Der Schock war groß, weil die Spieler nichts weniger interessierte als ihre Existenzgrundlage, der sportliche Wettbewerb.“

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