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Strafstoss

Strafstoß #21 – 11. Februar 2004 Reine Nervensache 7 – In den Niederungen der Verbandsliga

Oliver Fritsch | Dienstag, 8. Februar 2005 Kommentare deaktiviert für Strafstoß #21 – 11. Februar 2004 Reine Nervensache 7 – In den Niederungen der Verbandsliga

von Herrn Bieber und Herrn Mertens

Christoph Bieber: Herr Mertens, wenn Sie sich eine Sportverletzung zuziehen müßten, welche würden Sie wählen?

Mathias Mertens: (Hüstel)! Reitet Sie jetzt die Schadenfreude über meinen kürzlich erlittenen Achillessehnenriss? Wenn ich momentan gerade wählen könnte, dann würde ich keine Sportverletzung als Sportverletzung wählen.

CB: Oh, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte keinesfalls Salz in noch nicht verheilte Wunden streuen und sie auch nicht nach Ursache und Krankheitsgeschichte fragen. Doch Verletzungen gehören inzwischen zum Standardrepertoire des Redens und Schreibens über den Fußball, man könnte sogar meinen, es gibt so etwas wie eine Sportverletzungskultur. Aber einmal muss ich Sie noch auf Ihr Schicksal ansprechen – ist ein Achillessehnenriss nicht geradezu der Maybach unter den Sportverletzungen?

MM: Nun ja, das ist ein schöner Vergleich, zumal man ja sein Bein in einer schmucken Polsterung hochlegen darf, von fürsorglichen Menschen durch die Gegend chauffiert wird, man Cocktails schlürfend am Pool liegen und das Gesamtwerk von Marcel Proust lesen kann. Und sich in so illustrer Gesellschaft wie Uwe Seeler, Marco van Basten, Lothar Matthäus oder Ciriaco Sforza weiß.

CB: Wie bitte? Die haben sie im Proust-Lesezirkel getroffen? Erstaunlich!

MM: Also bitte. Sie machen sich schon wieder über mich lustig, Herr Bieber. Aber solch eine Verletzung hat auch ihre guten Seiten: keine Schmerzen, nur extensive horizontale Reha, das ist tatsächlich nicht zu verachten. Zu Denken gibt mir allerdings, dass der Achillessehnenriß eine große Affinität zur paranoiden Persönlichkeit aufweist, denn man liest immer wieder Beschreibungen wie die folgende: „Die verletzte Person spürt beim Riß der Sehne oft einen „Tritt“ oder „Schlag“ im Bereich der Wade oder Achillessehne und hört gleichzeitig einen lauten „Knall“. Aufgrund dieses Ereignisses dreht sich der Sportler um und vermutet hinter sich einen Gegenspieler, welcher jedoch gar nicht vorhanden ist.“ Oder bilde ich mir jetzt nur ein, dass die anderen denken, ich sei paranoid?

CB: Nun ja, „Paranoia“ wäre immerhin mal etwas Neues im Sportverletzungssektor, der ja bestimmt wird von Prellungen, Zerrungen, Dehnungen, Muskelfaserrissen und ähnlichen Verschleißerscheinungen. Insbesondere für torgefährliche Stürmer sollte die permanente Verfolgung ja ein durchaus bekanntes Gefühl sein – wenngleich die klassischen Manndecker, die ihre Gegenspieler ja schon mal wie ein Schatten (und im Zweifel bis zur Toilette) begleiten sollten, modernen Techniken der Raumüberwachung zum Opfer gefallen sind. Aber vielleicht ist da ja ´was dran – die mentale Dimension der Verletzungen im Fußball hat durchaus an Bedeutung gewonnen, denken sie nur an die Fälle der „erschöpfungsdepressiven“ Deisler oder Simak. Haben Sie die eigentlich auch im Proust-Lektürekurs getroffen?

MM: Iwo, denen wäre die „Recherche de la temps perdu“ doch zu gut gelaunt. Aber „erschöpfungsdepressiv“, was für ein Wort! Ich dachte immer, die beiden hätten eine Krankheit, die man erst vor ein paar Jahren in den Pharmaziefabriken der Welt erfunden und mit dem schönen deutschen Wort „Burnout“ belegt hat. Und jetzt kommen sie mir mit so einer germanizistischen Blüte. Gab es denn etwa früher schon solche „Ausbrennungen“? Nannte man das bloß nicht so? Oder hat man die Betroffenen, um ein Wort Holger Börners über die Grünen abzuwandeln, „damals auff´m Platz mit der Torlatte kuriert“?

CB: Das eher nicht, aber das „Burnout-Syndrom“ ist laut Auskunft einschlägiger Sachverständiger in der Tat „eine Erkrankung unserer modernen, schnelllebigen Zeit, die die Menschen vollkommen auslaugt“ (vgl. dieses Special im Waldemar-Hartmann-Sender). Und tatsächlich: modern und schnelllebig sind nicht die Attribute, die ich bei einer kürzlichen Revision des WM-Finales von 1974 der damals gezeigten Performance zugeordnet habe. Das betraf im übrigen nicht nur das Spiel, sondern auch den Fernsehkommentar, der eine ähnliche Ruhe ausstrahlte, wie auf dem Platz der leichtfüßige Franz Beckenbauer. Möglicher Weise liegt in der zunehmenden Beschleunigung des Spiels durch die mediale Aufbereitung auch ein Grund für das Auftreten von Soccer-Burnouts: heutzutage brüllt doch jeder Mikrofon-Novize mit sich überschlagender Stimme ins Mikro, wenn nur die Balljungen das Spielgerät auf Höhe des Strafraums in Richtung Feld rollen. Also ist der Burnout im Wortsinne eine „Erfindung der Medien“?

MM: Ich weiß nicht so recht. Wo wir doch gerade alle unsere zum Durchbrennen neigenden Röhrenfernseher gegen neue Plasmabildschirme auswechseln… Das ist mal eine Sportverletzung, die ich mir wirklich nicht zuziehen möchte: Ein kaputter Fernseher!

CB: O ja, in der Tat, das wäre ein schwerer Schlag und sicher würde dafür auch keine Krankenkasse aufkommen. Ein ähnlicher Fall wäre ja auch ein technischer Defekt der Konsolen-Fernbedienung, und die damit verbundene Zwangspause bei computergestützten Fußball-Simulationen. Wie man hört, ist dieser Zeitvertreib auch bei Profikickern recht beliebt, aber von einer Sehnenscheid-Entzündung als Grund für eine Verletzungspause ist noch nichts bekannt, oder? Wäre allerdings auch nicht ganz so originell wie das peinliche Malheur des spanischen Nationalkeepers Santiago Cañizares: die WM-Teilnahme wegen eines zersplitterten Parfüm-Flakons zu verpassen, hat hohes Trauma-Potenzial.

MM: Trauma-Potential? Ich würde sagen, das hat hohes Dandy-Potential! Seit dem letzten Versuch durch Günter Netzer, die décadence im Profifußball einzuführen, die erste Anstrengung in dieser Richtung seit Jahren. Daher meine höchste Anerkennung für diese Aktion. Und wenn rauskäme, daß Oliver Kahn wegen eines Nintendo-Daumens das Finale 2002 vergurkt hätte, würde er auch wieder ein paar Punkte in meinem Ansehen steigen. Trotzdem wäre beides nicht die Verletzung meiner Wahl. Das wollten Sie doch eigentlich wissen? Oder hatten Sie von vornherein keine Hoffnung darauf, von mir eine Antwort zu erhalten?

CB: Ja, sie haben recht, ich wollte eigentlich wissen, welche Sportverletzung Sie sich zuziehen wollen würden. Aber inzwischen sollten Sie mich doch als gründlichen Typologen kennen und nun haben Sie ja auch eine stattliches Panorama klassisch-mechanischer, neumodisch-mentaler oder medial-technologischer Diagnosen zur Auswahl. Also, welcher Verletzungstyp liegt ihnen besonders nahe?

MM: Na ja, trotz aller postmoderner und technizistischer Diskursverliebtheit bin ich tief drinnen doch ein Traditionalist. Sport ist Sport, weil er Sport ist. Und deshalb steht für mich außer Frage, daß ich eine klassisch-mechanische Verletzung wählen würde. Ich neigte ja, als sie fragten, schon zur weichen Leiste, bereits aus nostalgischen Gründen, weil ich mir als Kind immer ganz seltsame Dinge darunter vorstellte, wenn das im Fernsehen erwähnt wurde. Aber nachdem sie nun zur Adduktorenzerrung mutiert ist, entscheide ich mich aus vollster Überzeugung für die Platzwunde…

CB: …die sie wahrscheinlich ehrenhaft im Zweikampf erworben haben wollen. Vielleicht durch ein Tackling von Roy Keane oder lieber beim Disput mit Eric Cantona? Oder wünschten Sie sich ehe einen Zusammenprall mit einem ruhenden Gegenstand, sagen wir dem Torpfosten oder einer Werbebande?

MM: Nee, nee, das mit der Torlatte überlaß ich, wie gesagt, lieber dem Börner. Zweikampf ist schon gut, Cantona wäre sehr cool, aber ich muß doch Alois Reinhardt bevorzugen, denn die Platzwunde ist biografische Nostalgie, weil mich das Turban-Spiel von Dieter Hoeneß 1982 so beeindruckt hat. Und das, obwohl ich damals in HSV-Bettwäsche schlief.

CB: HSV-Bettwäsche?? Herr Mertens, mit diesem Bekenntnis tun sich Abgründe auf – die Nutzung von Bekenner-Bettwäsche erfüllt eigentlich auch bereits den Tatbestand der Sport-Verletzung. Wie man sich bettet, so liegt man – wenn das mal nicht zu Spätfolgen wie Haltungsschäden oder Schlaflosigkeit führt. Da muss ich gleich mal mit Müller-Wohlfahrt telefonieren…

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