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Ball und Buchstabe

Großspieler

Oliver Fritsch | Donnerstag, 3. März 2005 Kommentare deaktiviert für Großspieler

Hans Leyendecker, Thomas Kistner & Klaus Ott (SZ/Seite 3 3.3.) recherchieren den erstaunlichen Gewinn des Ante S. – und seinen Nachnamen: „Der 28-Jährige habe beim Tippen eben „das gewisse Stechen im Urin“, meint ein Freund Sapinas aus der Berliner Zocker-Szene, viel Bewunderung schwingt mit. Ob da wirklich nur der Urin gestochen hat? Sapina hatte allein in dieser Wettrunde 280500 Euro gesetzt. Ein Vermögen, das er auch leicht hätte versenken können. Die Berliner Klassenlotterie, die gemeinsam mit den Lottogesellschaften der andern Bundesländer Oddset veranstaltet, hatte Sapina schon im August mehr als eine Million ausgezahlt. Im September waren es weitere 783228,50 Euro gewesen. Sein Jahresgewinn allein bei Oddset betrug im Vorjahr 3025280, 85 Euro – wofür er nur sieben Wettrunden brauchte. Weitere Millionen hat er bei Firmen wie dem britischen Wettanbieter Willhelm Hill Credit oder der „Gesellschaft Interwetten Cyprus Ltd.“ abkassiert. (…) Er ging vor seiner Festnahme einem Beruf nach, den die staatliche Arbeitsvermittlung nicht kennt. Er ist „Großspieler“, so wurde er in den Akten von Oddset geführt. Mitarbeiter der Berliner Klassenlotterie haben sich im vergangenen Jahr sogar mit Ante Sapina getroffen, um ihm auf den Zahn zu fühlen. Die Wettfirma fragt beim Tipper an – das ist so ungewöhnlich wie die gesamte Geschichte. Und Oddset in höchstem Maße unangenehm. Details aus dieser bizarren Gesprächsrunde mag Oddset-Chef Erwin Horak nicht preisgeben, er mag nicht einmal das Wort „Großspieler“ akzeptieren – dieser Begriff sei „offiziell nirgends beschrieben“, er sei nur ein Produkt der Berichterstattung. Kennt der Oddset-Chef die eigenen Akten nicht? Die Berliner Klassenlotterie legte für „Großspieler“ sogar ein spezielles Register an, das nun der Staatsanwaltschaft vorliegt.“

Die Sache soll schnellstmöglich vom Tisch

Der DFB verhandelt heute über den Einspruch einiger Vereine gegen Wertungen von Spielen, die eventuell manipuliert gewesen sind; Michael Kölmel (BLZ 3.3.) kritisiert den Zeitpunkt: „Um zu verstehen, wie absurd das ist, lohnt sich ein Rückblick: Vor vier Wochen erklärte Zwanziger, dass nur die Staatsanwaltschaft mit ihren Mitteln einen Betrug zweifelsfrei nachweisen könne. Genau dies wird nun den Klubs zugemutet. Und das Ganze mit ein paar dünnen Unterlagen aus Hoyzers Vernehmungen – Unterlagen, die der DFB den Klubs zur Verfügung stellt. Die Justiz übrigens hat die beiden Referees noch gar nicht vernommen – sie sieht noch erheblichen Ermittlungsbedarf. Die Sportgerichts-Verhandlungen sind deshalb viel zu früh angesetzt, weil der DFB den Eindruck schnellstmöglicher Aufklärung vermitteln will. In Wahrheit soll die Sache nur schnellstmöglich vom Tisch. Aber vielleicht kann der DFB seiner bizarren Mehrfach-Besetzung gar nicht gerecht werden. Er ist gleichzeitig Ankläger (in der Rolle des ermittelnden Kontrollausschusses), Verteidiger und Beschuldigter (als Dienstherr der Schiedsrichter) sowie Richter (als DFB-Sportgericht). Wie soll da ein gerechtes Urteil gefällt werden?“

Ein gutes Zeichen für hirnlose Fans, die rassistische Parolen brüllen

Der spanische Verband hat seinen Nationaltrainer Luis Aragonés durch eine Geldstrafe (3000 Euro) eher verschont als bestraft, nachdem er Thierry Henry einen „negro de mierda“ („Scheißneger“) bezeichnet hat; Christian Zaschke (SZ 3.3.) rügt die Urteilsfindung: „Das Sportblatt As teilt mit, das Gremium habe sich bei seinem mildem Urteil auf einen Artikel des Schriftstellers Javier Marías gestützt. Dieser habe darauf hingewiesen, dass der Begriff „negro“ nicht unbedingt rassistisch sei. Marías habe weiter ausgeführt, niemand erhöbe Rassismusvorwürfe, wenn jemand Oliver Kahn als Scheiß-Blonden bezeichne. Sollte As den Schriftsteller richtig wiedergeben, so muss man ihn sich als einen Idioten vorstellen. Ferner muss man sich die entsprechende Kommission des Verbandes als ein Gremium von Idioten vorstellen. Da Aragonés sich mittels seiner Beleidigung bereits als Idiot zu erkennen gegeben hat, ist die Angelegenheit so etwas wie ein Gipfeltreffen der Idioten. Erstaunlich, was da zusammenkommt: ein Nationaltrainer, der sich rassistisch äußert, ein Verband, der das nicht wirklich sanktionieren will, und ein Schriftsteller, der eine Rechtfertigung findet. Das milde Urteil ist ein gutes Zeichen für hirnlose Fans, die rassistische Parolen von der Tribüne brüllen, und ein schlechtes Zeichen für jene, die dagegen kämpfen.“

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