Internationaler Fußball
Es fehlt das Bindeglied zwischen Ballbesitz und Torgefahr
| Freitag, 11. November 2005 Kommentare deaktiviert für Es fehlt das Bindeglied zwischen Ballbesitz und Torgefahr
Die Stärken und Schwächen Frankreichs hätten sich seit dem WM-Titel 1998 umgekehrt, stellt Christian Eichler (FAZ) fest: „Vor sieben Jahren wurde Frankreich ‚der erste Weltmeister ohne Stürmer’, wie Spötter meinten. Alle Tore von Achtel- bis Halbfinale schossen Abwehrspieler, im Finale waren es die Mittelfeldleute Zidane und Petit, und dem bedauernswerten Solostürmer Guivarc‘h, dem nichts gelungen war, wurde im Stade de France auch noch seine Sporttasche mit allen Utensilien und dem ertauschten brasilianischen Trikot geklaut. Heute steht Frankreich mit einer breiten Wahl an Weltklassestürmern da – es fehlt nur oft derjenige, der sie einsetzt. Die Rückkehr von Zidane füllte diese Lücke, die sich als Vakuum zwischen Mittelkreis und Strafraum zeigte, mit seinem Comeback im August. Doch wenn er müde ist oder gar fehlt, fehlt oft das Bindeglied zwischen Ballbesitz und Torgefahr.“
BLZ: Die französische Auswahl verfügt über viele hervorragende Spieler, als Einheit tritt sie nur selten auf
Allüren eines Sonnenkönigs
Gewalt und Aufruhr in Frankreich – Christian Tretbar (Tsp) revidiert eine Legende: „Frankreich war mehr als nur Weltmeister. Das Team galt fortan als Sinnbild gelungener Integration. Diese Interpretation war wohl schon immer übertrieben. Der Fußball ist trotz aller Multikulturalität in der Nationalmannschaft längst nicht die gesellschaftliche Klammer, die alles zusammenhält.“ Christian Eichler (FAS) kommentiert die überraschende Nominierung Nicolas Anelkas: „Als Frankreich Weltmeister wurde, eine Elf mit Wurzeln in allen fünf Erdteilen, da feierte das Land nicht nur ein Fest des Fußballs; auch eines der sozialen Integration, der nationalen Einheit durch Sport. Sieben Jahre später ist von dieser Illusion nicht viel geblieben. Viele dunkelhäutige Nationalspieler entstammen den tristen Wohnblöcken in baumlosen Hochhaussiedlungen der Pariser Vorstädte. Einer der Brennpunkte ist Trappes nahe Versailles, wo 27 Busse durch jugendliche Brandstifter zerstört wurden. Aus Trappes stammt derjenige, der im übertragenen Sinne als ‚Brandstifter’ im französischen Fußball gilt; einer, der überall verbrannte Erde hinterließ. Wer weiß, vielleicht wäre er heute gar unter denen, die auf die Barrikaden gehen, hätte ihm nicht sein Talent eine Fußballkarriere ermöglicht. (…) Mit den Allüren eines Sonnenkönigs hat der Junge aus Versailles so gut wie jeden Trainer und Klubmanager entnervt. Und alles getan, um in der Branche zum Inbegriff des egoistischen, ja charakterlosen Abzockers zu werden.“
Schizophren
Andreas Lesch (BLZ) stützt Lilian Thuram („Sarkozy weiß wohl nicht, was er redet“): „Es muss weit gekommen sein, wenn ein Sportler sich zur Politik äußerst, zumal in so drastischer Form. Besonders Fußballer schweigen gern zu den großen gesellschaftlichen Fragen. Thuram engagiert sich zwar schon lange im französischen Integrationsrat. Doch erst die Arroganz Nicolas Sarkozys und seiner jüngsten Äußerungen über Bewohner der Pariser Vororte trieb ihn jetzt zum öffentlichen Protest. Thurams Worte verdeutlichen, wie schizophren sich die Politiker gegenüber den jungen Männern aus jenen Vororten verhalten. Vor Jahren haben sie sie als Helden gefeiert – als Teil eines erfolgreichen Teams. Das scheint nun vergessen zu sein.“ In der SZ lesen wir: „Thuram gehört zu den Besonnenen im Team. Deshalb hat sein Wort Gewicht und wenn der Verteidiger einen Politiker angreift, dann horchen nicht nur die Fans auf.“
Eine dumme Mannschaft gewinnt kein Spiel
Ralf Itzel (FR) porträtiert Frankreichs Trainer und befasst sich mit seinem schweren Stand: „Unumstritten war er nie. Raymond Domenech wird misstrauisch beäugt, weil er irgendwie anders ist. Dieser Mann formuliert Sätze zwischen Poesie und Provokation, er spielt in der Freizeit gerne Schach und Theater. An junge Fußballer verteilt er Bücher, nach seinem Motto: ‚Eine dumme Mannschaft gewinnt kein Spiel.’ Als er im Juli 2004 den Job bekam, diagnostizierte er rasch eine ‚Republik der Spieler’ und machte sich daran, sie zu durchschlagen. Er schnitt alte Zöpfe ab. Mannschaftsbetreuer, die enge Vertraute der Stars waren, wurden verabschiedet, die Umgangsregeln verschärft. Privilegien gibt es bei ihm nicht. Bei ihm bekommt keiner etwas geschenkt, auch die Berühmtheiten nicht. Die fühlten sich gegängelt und rebellierten. (…) Nach dem entscheidenden Sieg gegen Zypern war die Freude verhalten. Zwischen dem Trainer und Kapitän Zidane soll es nicht mal einen Handschlag gegeben haben. In den Medien wurde Zizou als der große Heilsbringer gefeiert – Domenech hingegen als Verlierer dargestellt.“
Der Fußball, Spiel der ewigen Jugend, ließ seine Helden selten in Würde alt werden
Ronald Reng (FR) schlussfolgert aus den Comebacks von Pavel Nedved, Luís Figo und Zinedine Zidane in ihre Nationalteams: „Eine Epoche war zu Ende, die Zeit der ersten Hyperstars – Spieler, die von der Werbung und den Medien zu Überirdischen erhoben wurden –, als nach der EM 2004 Nedved, Figo und Zidane aus ihren Nationalteams zurücktraten. Nur um 2005 einer nach dem anderen zurückzukehren. Ob ihre Rückkehr eine glückliche wird, ist eine andere, eine spannende, eine große Frage. Denn sie traten 2004 aus einem Grund zurück: Mit 32, 33 glaubten sie, nicht mehr das Außergewöhnliche leisten zu können, das sie von sich selbst erwarteten. Das eine Jahr, das seitdem verging, hat diese Selbsteinschätzung bestätigt: Alle drei haben eine Saison hinter sich, die mit dem Begriff ordentlich positiv beschrieben ist. Paradoxerweise war es ihr Leiden in den Vereinsspielen, dass die Sehnsucht nach mehr Fußball, nach der Nationalelf wieder weckte. Sie gaben der romantischen Verklärung nach, dass im Nationaltrikot – sozusagen zu Hause – alles und also auch ihre Form wieder gut werden würde. Es ist ein Irrglaube – einerseits. Fußball ist heute ein so rasend schnelles Spiel geworden, dass selbst den Besten nur vier, fünf Jahre auf dem Zenit bleiben, und die von Nedved, Zidane, Figo sind leider vorbei. Andererseits ist es falsch, dass ihnen die Öffentlichkeit und sie sich selbst 2004 gleich die Daseinsberechtigung im Nationalteam absprachen. Sie sind nicht mehr der Heiland, bloß noch immer gute Fußballer. Als einer von elf können sie ihrer Länderauswahl weiterhin helfen. (…) Der Fußball, Spiel der ewigen Jugend, ließ seine Helden noch selten in Würde alt werden.“
Gespalten
Die Welt ergründet die Chancen Spaniens in der WM-Barrage: „Kein anderes europäisches Land ist von Regionalkulturen und -interessen so gespalten wie die Halbinsel zwischen Frankreich und Portugal [of: Die Halbinsel zwischen Frankreich und Portugal! Komplizierter geht’s wohl nicht…]. 17 autonome Regionen werden in Madrid nur mit Mühe zentral verwaltet. Im Fußball ist das nicht anders. Ob die Katalanen vom FC Barcelona, die Hauptstädter von Real Madrid oder die Basken von Athletic Bilbao, alle grenzen sich voneinander ab wie die Provinzen in der Politik.“
FR: Spanien ist Favorit gegen die Slowakei, doch noch immer ist die Nationalmannschaft im Lande nicht akzeptiert
NZZ: Fatih Terim, der Wiedergänger
NZZ: Ludovic Magnin – vom „Jungen mit Zahnstocherbeinen“ zum tragenden Abwehrrecken










