indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Ball und Buchstabe

Tauchen verboten

Oliver Fritsch | Dienstag, 4. April 2006 Kommentare deaktiviert für Tauchen verboten

Mangelhafte Integration? Raphael Honigstein (SZ) berichtet von einer Anti-Schwalben-Kampagne in England, provoziert durch Täuschungen und Täuschungsversuche vieler ausländischer Spieler: „In Deutschland herrschen zwar noch nicht Verhältnisse wie in südeuropäischen Ländern, wo Schwalbenspezialisten vom Schlage Inzaghi als Schlingel bewundert werden, doch das Verhältnis zu Schummlern ist recht ambivalent. Das hängt womöglich auch damit zusammen, dass Deutschland zwei Weltmeisterschaften mit Hilfe von, nun ja, diskussionswürdigen Elfmetern gewonnen hat. England verfolgt die zunehmende Fallsucht seiner Liga mit wachsender Sorge. Theaterspielen ist unmännlich, unehrlich, unbritisch; man sieht die fußballerische Leitkultur gefährdet. Im Februar nahm sich die Times des Themas in einem Leitartikel an, das Blatt rief eine ‚Say No To Diving‘-Kampagne ins Leben, die von zwölf Ligavereinen und der Football Association unterstützt wird. In Tausenden von Schulen und Vereinen wurden ‚Tauchen verboten‘-Poster verteilt, und Verbandschef Brian Barwick setzt sich gerade bei der Fifa dafür ein, dass Übeltäter nachträglich gesperrt werden können. Er regt für die WM eine Regeländerung an, die rote Karten für besonders perfide Schauspieleinlagen vorsieht. (…) Vergangene Woche ereignete sich etwas Unerhörtes an der Stamford Bridge. Chelsea-Stürmer Didier Drogba, der zweifache Torschütze, wurde wenige Minuten vor Schluss zum Man of the match gewählt – und von den eigenen Fans ausgepfiffen. Man mag den Stürmer von der Elfenbeinküste auf der Insel nicht mehr, selbst die Anhänger der Blauen haben ihm die Freundschaft gekündigt. Die Engländer stören sich dabei keineswegs nicht an Drogbas Leistung, sondern vielmehr an seiner Berufsmoral: Der 28-Jährige hat sich in den zurückliegenden Monaten einen Ruf als diver (Schwalbenkönig) und cheat (Schummler) erarbeitet – etwas Schlimmeres kann einem Premiere-League-Profi nicht passieren.“

Lingua Franca der Stutzen und Bälle

Unter dem Titel „Die Welt ist alles, was der Ball ist“ dekliniert Gerhard Matzig (SZ/Feuilleton) das Sprachspiel Fußball in seiner aktuellen Ausprägung: „Derzeit kann man sich den Job der Marketingexperten wie einen Elfer ohne Torwart vorstellen. Im WM-Taumel lässt sich jedes Produkt auch als Appendix des globalistischen Fußballs begreifen. Weltweit werden jährlich zwei Milliarden Euro mit ‚fußballaffinen Produkten‘ umgesetzt. Aber nun ist einfach alles fußballaffin: Fonds, Schlüsselanhänger, Versicherungen und Kinderhochbetten. Der Umsatz jenseits der zwei Milliarden muss also gewaltig sein. Es gibt kaum Produkte, Firmen oder Sphären, die nicht vom Fußball profitieren wollen. (…) Die Fußballwoge ist natürlich der WM geschuldet. Neu sind aber die Dimensionen dieses La-Ola-Tsunamis, die ahnen lassen, dass es inzwischen eine Art Universalcode fußballaffiner Chiffren gibt. Eine Lingua Franca der Stutzen und Bälle als dominante Sprache der Gegenwart. Ein Zeichensystem ist entstanden, das alles umfasst. Das ist es, was auch nach dieser WM bleiben wird. Denn alles, was sich als ästhetisch machtvolles Zeichen auf den Oberflächen niederschlägt, hat die Gesellschaft bereits im Innersten durchdrungen. Es geht nicht um das Spiel und nicht um den Sport – auch nicht ums Geld. Es geht um eine Idee: um die Idee der überörtlichen, beliebig transformierbaren Gemeinschaft.

Es ist die Idee einer neuen Art von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Selbstvergewisserung. Aber nur als Substitut dessen, was früher einmal Öffentlichkeit bedeutet hat. Das markiert auch den Unterschied zu früheren WM-Jahren, früheren Fußballbegeisterungen, früheren Fußballgeldmaschinen und früheren Betonschüsseln. Der Fußball hat sich – auch abseits der 6,2 Millionen Mitglieder, die allein im DFB organisiert sind – zu einem letzten Allgemeingut entwickelt, dessen Chiffren überall verständlich sind. Sie bedeuten aber nicht etwa ‚Schnelligkeit‘, ‚Kraft‘ oder gar etwas so Altmodisches wie ‚Fairness‘, sondern nur noch ‚Wir‘. Und darauf kommt es an. Das Fußballfeld, diese Fläche, auf die man sich als Ort ritualisierter Sinnstiftung geeinigt hat, soll unfassbare Größenverhältnisse begreifbar machen. Es ist Größenmaß, Währung und neue Weltsprache zugleich. Wobei der Ort der größten Öffentlichkeit paradoxerweise exakt die Stätte ist, die am wenigsten öffentlich gemeint ist: der hierarchisch strukturierte Privatbesitz der modernen Club-Arena – von Sicherheitskräften bewacht und von Kameras ausgespäht. Die Arenen haben Kathedralen, Rathäuser, Paläste und Museen als kulturelle Identitätsstifter verdrängt. Und sind doch perfiderweise am wenigsten ‚öffentlich‘. Kirchen werden profanisiert, Marktplätze verkümmern zu Shopping-Malls, Bahnhofshallen und Terminals verwandeln sich in Business-Areas, Wohnviertel mutieren zu ‚Gated Communities‘: Der öffentliche Raum geht überall verloren. Geblieben ist jedoch die Sehnsucht danach. Und die soll durch die Arenen und die darin versammelten Zeichen und Subzeichen gestillt werden.“

Kommentare

Comments are closed.

  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

115 queries. 0,674 seconds.