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Den ersten Titel auf dem Gewissen
| Samstag, 5. Mai 2007 Kommentare deaktiviert für Den ersten Titel auf dem Gewissen
Die Journalisten halten den Bremern einen anderen Verursacher des Ausscheidens gegen Espanyol Barcelona als den Schiedsrichter entgegen: Miroslav Klose
Ralf Wiegand (SZ) interpretiert Miroslav Kloses Platzverweis als Folge seiner Übermotivation: „Schaaf, Klose, Allofs – sie alle geißelten Referee Layec später dafür, jegliches Gespür verloren und nie eine Linie gehabt zu haben in diesem Spiel. Sie alle übersahen, daß es kaum ein Zufall sein konnte, daß es gerade Klose traf; daß es der zuletzt umstrittenste Bremer Spieler war, der in den ersten kritischen Zweikampf verwickelt war, als würde er ein Zeichen setzen wollen. Daß er es war, der unbedingt eine entscheidende Spielsituation herbeiführen wollte, und sei es durch eine Täuschung. Klose hatte, nicht anders als der Schiedsrichter, jegliches Fingerspitzengefühl verloren. Da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Für Werder dürfte das Bekenntnis Kloses, bis 2008 bleiben zu wollen und damit ja nur seinen Arbeitsvertrag zu erfüllen, die Situation doch nicht so nachhaltig beruhigen, wie sie gehofft hatten. Klose, der brave Bub aus Blaubach-Diedelkopf, taugt anscheinend nicht zum Zocker, weder außerhalb des Platzes noch auf dem Rasen. Die erste Chance, die zum Verzeihen bereiten Bremer Fans zurückzugewinnen, hat er jetzt auch gleich noch vertan.“
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) nennt den Schuldigen beim Namen: „Nicht der Schiedsrichter, sondern Klose den ersten Titel der Bremer auf dem Gewissen. Zwei Tage vor dem Hinspiel traf er sich in geheimer Mission mit einer Delegation der Bayern und störte damit die Konzentration auf das Wesentliche; im Weserstadion unterminierte er die Bemühungen seines Klubs mit einem dumpfen Betrugsversuch.“ Andreas Lesch (Berliner Zeitung) wendet sich ab von den lauten, uneinsichtigen Bremern: „Die Bremer suchten die Schuld nicht bei sich. Sie wähnten sich von bösen Kräften bezwungen, gegen die sie machtlos waren. Sie behaupteten: Wir sind nicht ausgeschieden; wir sind ausgeschieden worden. Die Bremer haben kein Wunder geschafft, aber sie haben nach dem Spiel sehr wunderlich geklungen. In ihrer Schärfe und Wiederholung war ihre Schiedsrichterschelte absurd. Auch die sonst besonnenen Vertreter des SV Werder wirkten plötzlich wie besessen. Sie verdrehten die Wirklichkeit, sie verwechselten Ursache und Wirkung. Sie offenbarten durch ihre Pöbeleien ihre Verzweiflung darüber, daß die Saison, die sie brillant begonnen haben, böse und titellos zu enden droht.“
Die Berliner Zeitung bezeichnet die Bremer Schiedsrichterkritik als „Dolchstoßlegende“ – eine fragwürdige historische Analogie, denn die Oberste Heeresleitung machte 1918 die deutschen Sozialdemokraten, also Landsmänner, für die Niederlage verantwortlich. Der Dolchstoß sei aus der Heimat, von hinten, erfolgt. Die Ursachenzuschreibung der Bremer für das 1:2 hatte gerade nicht die eigenen Reihen im Blick (und vermutlich schon gar nicht die Sozialdemokraten).
Und wenn wir schon dabei sind: Ein weiterer Fehler unterläuft den Kollegen der Berliner Zeitung heute. In ihrem Europapokalfazit behaupten sie, daß seit 2001, seit dem Champions-League-Sieg der Bayern, keine deutsche Mannschaft mehr ein Finale erreicht habe. Doch auch hier haben die Dokumentare geschlafen, denn ein Jahr später, 2002, standen sogar zwei deutsche Vereine in den Endspielen: Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund. An der Schlußfolgerung ändert das freilich nicht viel: „In der kleinen deutschen Fußballwelt mag die Liga wie ein Spiel ohne Grenzen wirken; in der großen europäischen Fußballwelt erfährt sie Jahr für Jahr, daß ihr Können streng limitiert ist.“
NZZ: Selbstdemontage der Bremer Hochbegabten
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