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Unterhaus

„Mit Gründung der DFL hatten die Amateurvereine schon verloren“

Frank Baade | Donnerstag, 3. Dezember 2009 3 Kommentare

Die SZ und die FAZ befasssen sich mit dem Zuschauerschwund in den unteren Ligen, der sich beim Beispiel Westfalia Herne bei 50% bewegt, eine Besserung im Punkte Anstoßzeiten der Profis erwartet niemand mehr

Tradition vor dem Ruin

Daniel Drepper war für die FAZ bei einem Spiel in der fünften Liga, bei Westfalia Herne. „Vor dreißig Jahren spielte Westfalia noch in der zweiten Liga, bezwang vor 27.000 Menschen die Dortmunder Borussia mit 2:1. Heute ist in der fünftklassigen NRW-Liga Tabellenführer Wiedenbrück zu Gast, die 680 Zuschauer finden bequem auf einer Tribüne Platz.“ Beinahe sei Herne letztens insolvent gewesen. „Über 100.000 Euro Schulden drückten den Klub im Oktober. Wochenlang berieten die Verantwortlichen: Welche Gläubiger können wir noch vertrösten? Wo gibt es neues Geld? Und: Kommen wir aus diesem Loch überhaupt jemals wieder raus? In den vergangenen Wochen sammelten Fans und Kleinsponsoren Geld. Die Einnahmen halten sich trotz vieler Aktionen dennoch in Grenzen. Etwa 15.000 Euro seien bisher zusammengekommen. Die strukturellen Probleme aber sind längst nicht gelöst.“ Vielen Konkurrenten soll es noch schlechter als dem SC Westfalia gehen: „So sollen mehrere Vereine in der NRW-Liga Probleme haben, ihren Spielern die Gehälter pünktlich zu bezahlen.“

Katastrophale Entwicklung

Bernhard Hartmann, Geschäftsführer des SC Wiedenbrück, ist sich sicher: „‚Mit Gründung der DFL, also mit der Abspaltung der Profis vom Deutschen Fußball-Bund, hatten die Amateurvereine eigentlich schon verloren‘, sagt Hartmann. ‚Die Entwicklung ist katastrophal. Ich glaube nicht, dass der Amateurfußball sich wieder erholen wird.‘“ Unschuldig an den Finanzproblemen seien die vielen betroffen Klubs häufig zwar nicht: „Trotz der großen Probleme treffen die Vereine oft viel zu emotionale Entscheidungen und starten mit ungesicherten Etats in die Saison. Nach dem Motto: Das Geld wird fließen, nur von wo, da lassen wir uns überraschen.“ Doch diese Frage lässt sich nur selten noch positiv beantworten. Neben den hohen Auflagen beklagen die Klubs die gesunkene Bereitschaft von Sponsoren, sich zu einzubringen. „Und der neue DFL-Spielplan mit einem Erstligaspiel um 15.30 Uhr belaste die Vereine – besonders in Nordrhein-Westfalen – erheblich.“ Mäzene wie der jüngst verstorbene Wattenscheider Klaus Steilmann stellten gleichzeitig die Vergangenheit dar, aber auch die einzige Möglichkeit solcher Vereine, überhaupt noch höherklassigen Fußball anbieten zu können.

Sonntags droht der Kollaps

Auch Johannes Aumüller (Sueddeutsche.de) befasst sich mit dem Zuschauerschwund in den unteren Ligen: Am kommenden Sonntag spielt wieder einmal Schalke zu Hause. Man erwartet ein ausverkauftes Stadion und wohl auch drei Punkte gegen Hertha. Eitel Sonnenschein also. „Doch es gibt in und um Gelsenkirchen viele Fußballanhänger, denen diese Partie gar nicht passt, genauer die Anstoßzeit dieser Partie – nämlich die Funktionäre und Aktiven zahlreicher Amateurvereine, die traditionell am Sonntagnachmittag spielen. Ein Sonntagsspiel von Schalke bedeutet für die Amateurvereine in der Region weniger Zuschauer bei ihren eigenen Spielen. Weniger Zuschauer bedeuten weniger Einnahmen. Und weniger Einnahmen bedeuten finanzielle Sorgen.“ Aumüller bemüht ebenfalls das Beispiel von Westfalia Herne, welches einst bis in die zweite Liga aufstieg. Für die missliche Lage seines Klubs will Westfalias Vorsitzender Haneke aber nicht nur auf die viel geschmähten neuen Anstoßzeiten bei den Profis weisen: „Es gibt wie immer im Leben natürlich ein Konglomerat an Gründen. Die Ligenreform im Landesverband, wegen der es vermehrt weite Auswärtsfahrten gibt. Die Tatsache, dass in der Klasse nun vier zweite Mannschaften von Profiklubs spielen, die immer besonders wenige Zuschauer mitbringen. Der im März entlassene Ex-Trainer, dem auch noch Gehalt zusteht. Die Auswirkungen der Finanzkrise, wegen der sich die Sponsorenbereitschaft von lokalen Unternehmen in Grenzen hält. Das gesunkene Interesse am Amateurfußball allgemein.“

50% Zuschauerschwund

Dennoch fühlten sich viele Pessimisten bestätigt in ihren Befürchtungen zu den Auswirkungen des zusätzlichen Sonntagsspiels. Bei dessen Einführung habe es viele Proteste gegeben. Der DFB lasse verlauten, dass die Amateurvereine recht flexibel mit ihren Anstoßzeiten umgehen, um so dem Problem zu begegnen. Es gebe zwar Beschwerden, aber nur vereinzelt. Aumüller hält dem entgegen: „Der Eindruck in den unteren Ligen ist ein anderer: Wenn ihre Profiklubs spielen, fahren viele Fußballfans aus dem Ruhrgebiet ins Stadion oder schauen sich das Spiel im Fernsehen an. Sie haben keine Zeit mehr, zum Heimspiel ihres Amateurvereins zu gehen. Westfalia Herne hatte bis zum vergangenen Jahr einen Schnitt von knapp 700 Zuschauern. Jetzt kommen gerade mal 330 – weniger als die Hälfte. Das sind, inklusive Catering-Einnahmen, rund 8000 Euro pro Monat weniger.“ Nicht nur Herne sei betroffen, sondern im Prinzip alle Amateurklubs in der Nähe: Bei diesen sanken die Zahlen dann eben von 300 auf 150 oder von 150 auf 75. Dass sich in Sachen Sonntagsspiele noch einmal etwas ändert, glaubt niemand der Beteiligten mehr.

Lesen Sie dazu auch noch mal unseren Beitrag auf dem direkten freistoss „Was ist eigentlich der Helmut Sandrock für einer?“ von René Martens.

Kommentare

3 Kommentare zu “„Mit Gründung der DFL hatten die Amateurvereine schon verloren“”

  1. Reiner Grundmann
    Freitag, 4. Dezember 2009 um 08:58

    Dem Bericht ist an und für sich nicht mehr viel hinzuzufügen. Nur der letzte Satz macht richtig nachdenklich: „Dass sich in Sachen Sonntagsspiele noch einmal etwas ändert, glaubt niemand der Beteiligten mehr“. Das haben wir (alle Vertreter aus dem Amateurfußball) selbst zu verantworten. Wir könnten es ändern! Das würde aber Unannehmlichkeiten sowie Ärger beinhalten. Konsequent am Sonntag auf das Spiel im Bundesligastadion verzichten, Abo im Bezahlfernsehen kündigen usw. Doch wir „vielen Tausend“ lassen uns lieber von einigen Wenigen bevormunden (wie auch bei vielen anderen Dingen im normalen Leben) anstatt für unsere Interessen einzutreten und zu kämpfen.

  2. Malte
    Freitag, 4. Dezember 2009 um 12:31

    Daran, dass die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr decken, sind die Vereine doch zum Teil selbst schuld.

    Wenn Verbandsligaspielern Gehälter bezahlt werden für die andere Leute 40 Stunden in der Woche arbeiten müssen, stimmen irgendwie die Verhältnisse nicht. Und solange habe ich da auch kein Mitleid für die finanzielle Situation dieser Clubs.

  3. Trackback: fingolas.blogspot.com
    Montag, 7. Dezember 2009 um 07:30

    […] Die neuen Anstoßzeiten in den oberen deutschen Fußballligen haben die Situation der deutschen Amateurvereine weiter verschärft. […]

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