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Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Vermischtes

Verheerende Wirkung auf die Basis

Frank Baade | Sonntag, 13. Dezember 2009 2 Kommentare

Ultras sind keine Hooligans und größtenteils unerforscht, Einzelnoten werden nach kurzer Diskussion weiterhin vergeben, Bayern verabschiedet Luca Toni nicht ganz dem Selbstbild entsprechend

Fairplay nur auf Plakaten

Peter Penders geht der Frage nach, ob die Reaktionen der Sportgerichte im Fall Maik Franz vs Aristide Bancé angemessen waren. Franz, der fortwährend provoziert hatte, kommt ohne Strafe davon, Bancé, der sich schließlich zum Zeigen des Mittelfingers provoziert sah, muss 6000 Euro Geldstrafe bezahlen (FAZ). Trash-Talk und Schwalben gehörten mittlerweile wohl dazu wie auch „andere Schauspieleinlagen. Der Deutsche Fußball-Bund hat es in dieser Woche für seine Sparte in erstaunlicher Weise verpasst, dem etwas Einhalt zu gebieten, und ein Eigentor geschossen, für das sich viele Schiedsrichter in den unteren Spielklassen noch bedanken werden.“ Neben der Geldstrafe hätte Bancé auch noch eine Sperre gedroht. Darauf „hatte das Sportgericht nur deshalb verzichtet, weil Bancé während des Spiels von Franz mehrmals und systematisch angeschrien und beschimpft worden sei. Die dauerhaften Provokationen hätten sich ‚erheblich strafmildernd‘ ausgewirkt.“ Penders fragt, ob die Beleidigung durch einen ausgestreckten Mittelfinger tatsächlich unsportlicher als eine fortwährende Provokation sei. „Beides dürfte auf einem Fußballplatz nichts zu suchen haben, auch wenn der DFB das offenbar anders sieht und Franz nicht belangte. Diese Botschaft kann eine verheerende Wirkung auf die Basis haben.“ Dort nehme man solche fragwürdigen Vorbilder gerne auf. „‚Fair play‘ aber, das schreibt der DFB offenbar nur auf seine Plakate.“

Ultras, ein aktives Herz eines Vereins

Die Ultras, das noch reichlich unerforschte Wesen. Was treibt sie um? Daniel Meuren spricht für die FAZ mit Peter Schüngel, Kommunikationswissenschaftler und Psychologe vom Institut für Fußball und Gesellschaft (IFG) und somit ausnahmsweise nicht mit Gunter Pilz. Schüngel würde vor allem an den Ultras interessieren, wie die Unterschiede zwischen Etikettierung von außen und Selbstverständnis seien. Erst einmal müsse man die Ultras verstehen, was bislang noch nicht geleistet worden sei.

„Was sind die Ultras dann?

Die Ultras sind zunächst eine Unterstützergruppe der Mannschaft und des Vereins. Sie stehen aber auch für ein aktives Herz des Fan- und Vereinslebens, das in dieser Form nicht zuletzt infolge der massiven Kommerzialisierung der Vereine in Gefahr ist. Ultras lehnen die fortschreitende Kommerzialisierung ab, indem sie sich beispielsweise dem Merchandising und dem Kauf des überteuerten Vereinstrikots verweigern und stattdessen schwarz gekleidet ins Stadion gehen und selbst gebastelte Fahnen oder Choreos präsentieren.

Steht dem Fußball eine weitere Gewaltwelle bevor, wie es in den vergangenen Wochen den Anschein hatte?

Gewalt im Umfeld Fußball steht in einem unmittelbaren Verhältnis zur Gewalt in der Gesamtgesellschaft. Ein Unterschied ist nur: Wenn man zum Schützenfest geht und es gibt Randale, dann ist das oft nicht einmal eine Meldung im Ortsblatt wert, gehört fast schon zur ‚Tradition‘. Wenn beim Fußball ein paar Idioten Gewalt anwenden oder nur ein paar völlig unangebrachte Drohungen gegenüber Spielern aussprechen, dann steht das gleich auf Seite 1. Wir sollten vorsichtig sein, um nicht die Gefahr der selbst erfüllenden Prophezeiung zu beschwören. Wenn wir die Ultras weiter in die Ecke drängen, dann gehen sie vielleicht wirklich irgendwann zur Gewalt über.

Wie kann das vermieden werden?

Meines Erachtens fehlt vielerorts die Kommunikation zwischen Ordnungskräften, Verein und Ultras. Damit sind nicht standardisierte Pseudogespräche, die gegenseitigen Vorurteile bestätigen gemeint, sondern nachhaltige Gespräche, die auf der Vereinbarung gründen, sich gegenseitig zuhören zu wollen und zu können, sowie verstehen zu lernen. Das erfordert Zeit, Offenheit und wohl auch einen gelegentlichen Wechsel der Sichtweise.“

Noten polarisieren und gehören zum Geschäft

Johannes Aumüller berichtet bei Sueddeutsche.de von Diskussionen in den jeweiligen Redaktionen um einen anderen Umgang mit der Vergabe der Noten, welche die Spieler zur Einzelkritik erhalten. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung hatte bis in dieser Woche auf eine Notenvergabe verzichtet, kehrt nun aber dorthin zurück. Der Kicker erlaubt bekanntlich Zwischenschritte zwischen den einzelnen (Schul-)Noten, was bei Bild nicht möglich ist. „Egal, welches Modell gewählt wird: Die Spielerbeurteilung zählt zu den attraktiven und polarisierenden journalistischen Formen, sowohl bei Spielern als auch bei Fans. Nach dem Tod von Robert Enke hat die Fußballbranche begonnen, neu über einige Themen nachzudenken, zum Beispiel über den Umgang mit Tabus oder die Frage nach dem öffentlichen Druck auf einen Profispieler – oder die Spielernoten.“ Nach Diskussion in der Redaktion der HAZ hält man aber am bisherigen Modell fest. „Die Mehrheit der Leser sah es genauso. Zudem diskutierte die Redaktion mit Hannovers Trainer Andreas Bergmann und mehreren 96-Spielern. Auch die Aktiven waren der Meinung, dass eine Benotung zum Geschäft gehöre.“ Bei einigen wolle man aber ein wenig Milde walten lassen, insbesondere bei Enkes direktem Nachfolger Florian Fromlowitz. „‚Da kann man es bei einer Vier belassen, wo man sonst eine Fünf gegeben hätte‘, erklärt die Redaktion.“ Auch bei Bild und beim Kicker habe man diskutiert, sei aber zum Schluss gekommen, die Noten beizubehalten. „Eine Fußballwelt gänzlich ohne Noten und Einzelkritiken wird es wohl nicht geben. Warum auch, so das Argument aller Beteiligten, sollte man in einer Gesellschaft, in der von den Schulnoten für die Drittklässler bis zu den Arbeitszeugnissen alles beurteilt wird, ausgerechnet bei Fußballprofis eine Ausnahme machen?“

Nur ein Teil der Wahrheit

Luca Toni, vor Kurzem noch Torschützenkönig der Bundesliga, ist schon so gut wie aussortiert bei den Bayern. Nicht auf die feine Art, meint Boris Herrmann in der Berliner Zeitung: „Luca Toni hat in den vergangenen zwei Spielzeiten 38 Bundesligatore für den FC Bayern erzielt. Das ist eine Menge für einen, der jetzt nahezu täglich als vorlauter Versager dargestellt wird. (…) Es geht um die Art und Weise, wie der FC Bayern stumpfer werdende Spitzenkräfte zu verabschieden pflegt. Klubphilosophisch stellen sich die Münchner ja gerne als der erfolgreichste Familienbetrieb des Landes dar. Als ein weinrotes Wohlfühlnetzwerk, in dem sich noch jeder Veteran auf Festgeldkosten bis ins hohe Alter verdingen darf.“ Doch das sei eben nur ein Teil der Wahrheit. „Ein anderer ist, dass man es in München bestens versteht, Menschen zu demütigen, die man eben noch zum Heilsbringer erklärt hat.“ Herrmann zählt auf, wie nach deren Abschieden oder feststehenden Abschieden mit Michael Ballack, mit Lukas Podolski und mit Jürgen Klinsmann umgegangen worden sei, Letzterer „für eben jene Innovationsversuche hämisch belächelt, die man sich zuvor von ihm so sehnlich gewünscht hatte.“ Die Bayern würden Luca Toni keine Träne nachweinen, trösten lassen könne dieser sich nun von Roy Makaay. Mit ihm sei man ähnlich verfahren.

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Kommentare

2 Kommentare zu “Verheerende Wirkung auf die Basis”

  1. Klaus-Jürgen
    Montag, 14. Dezember 2009 um 13:12

    Was für ein mieser, hinterlistiger „Sportsmann“ Bance ist, hat er ja am Sonntag mal wieder eindrucksvoll bewiesen. Mit dem Kollegen kann ich wirklich kein Mitleid haben. Dass sich die Mainzer Verantwortlichen dann auch noch mit ihrer scheinheiligen Doppelmoral vor jede Kamera drängen … der einstige angebliche Vorzeige-Fair-Play-Verein mit seinen ach so tollen Fans geht vor die Hunde.

  2. Holz
    Mittwoch, 16. Dezember 2009 um 15:23

    Das Mainzer Selbstbildnis vom politisch korrekten Fußballverein inklusive der ja so friedlich und humorvollen Fans bröckelt ganz gewaltig. Nur die Medien haben es noch nicht annähernd bemerkt. Die Unsportlichkeiten der Spieler (z.B. Bance), die provokante Einmischung in Angelegenheiten anderer Vereine (Heidel), das tränenreiche Gejammer des Trainers (Taschen-Tuchel) und die Disziplienlosigkeiten der Fans (Bengalos in Ffm., Wurfgeschosse gegen den VfB)zeichnen ein von der medialen Wahrnehmung abweichendes Bild des angeblich so sympathischen Vereins. Da hilft auch keine Werbekampange „co2-neutral“! Die Verantwortlichen sollten lieber zur co2 Einsparung beitragen, indem sie weniger heiße Luft vor jedem greifbaren Mikrofon abblasen.

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